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Hauptachsentransformation/Reelle Quadriken/Textabschnitt

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Unter einem quadratischen Polynom  FK[X1,,Xn]  über einem Körper K versteht man ein Polynom vom Grad 2, also einen Ausdruck der Form

F=ijaijXiXj+i=1nbiXi+c

mit  aij,bi,cK


Zu einem quadratischen Polynom aX2+bX+c in einer Variablen X mit  a,b,cK  und  a0  findet man die Nullstellen durch quadratisches Ergänzen. D.h. man schreibt (die Charakteristik des Körpers sei nicht 2)

aX2+bX+c=a(X2+baX+ca)=a((X+b2a)2b24a2+ca).

Dies ist genau dann gleich 0, wenn

X=±b24a2cab2a

und die Wurzel

b24a2ca=12ab24ac

in dem Körper existiert. Je nachdem gibt es keine, eine oder zwei Lösungen.


Wir stellen nun den Zusammenhang zwischen quadratischen Polynomen und Bilinearformen her.


Zu einer Bilinearform , auf einem K-Vektorraum V nennt man die Abbildung

VK,vv,v,

die zugehörige quadratische Form.

Zu einer fixierten Basis v1,,vn wird eine Bilinearform durch ihre Gramsche Matrix

G=(gij)ij

beschrieben, und die zugehörige quadratische Form VK wird, wenn man Xi für die i-te Projektion (die zugehörige Dualbasis) schreibt, durch das quadratische Polynom

(X1,,Xn)G(X1Xn)=1i,jngijXiXj=igiiXi2+i<j(gij+gji)XiXj

beschrieben. Im symmetrischen Fall ist dies

igiiXi2+i<j2gijXiXj.

Umgekehrt kann man jedes rein-quadratische Polynom in n Variablen in dieser Weise mit einer symmetrischen Gramschen Matrix ausdrücken. Die Theorie der reell-symmetrischen Bilinearformen erlaubt es, durch eine geeignete Koordinatentransformation (einen Basiswechsel) die gemischten Terme wegzukriegen.


Wir erstellen eine Liste von reellen quadratischen Polynomen in den beiden Variablen X und Y mit den zugehörigen Nullstellenmengen, wobei wir die Koeffizienten auf 0,1,1 beschränken. Wenn nur die eine Variable X vorkommt, so hat man im Wesentlichen die drei folgenden Möglichkeiten.

    • X2 Das Nullstellengebilde ist eine „verdoppelte Gerade“.
    • X21 Das bedeutet
     X=±1,  das Nullstellengebilde besteht also aus zwei parallelen Geraden.
    • X2+1 Das Nullstellengebilde ist leer.

In diesen Fällen (wo die zweite Variable Y nicht explizit vorkommt) ist das Nullstellengebilde einfach die Produktmenge eines nulldimensionalen Nullstellengebildes (endlich viele Punkte) und einer Geraden.

Nun betrachten wir die Polynome, wo beide Variablen vorkommen.

    • Y2X Das Nullstellengebilde ist eine Parabel.
    • Y2X2 Das bedeutet
     (YX)(Y+X)=0,  das Nullstellengebilde besteht also aus zwei sich kreuzenden Geraden.
    • Y2+X2 Die einzige Lösung ist der Punkt (0,0), das Nullstellengebilde ist also ein einziger Punkt.
    • Y2X21 Das bedeutet
     (YX)(Y+X)=1,  das Nullstellengebilde ist also eine Hyperbel.
    • Y2+X21 Das Nullstellengebilde ist der Einheitskreis.
    • Y2+X2+1 Das ist wieder leer.

Das Polynom XY1 taucht in dieser Liste nicht direkt auf, da es in den Variablen  X=U+V  und  Y=UV,  also

U2V2=1

geschrieben werden kann. In dieser Form ist es also doch in der Liste. Der folgende Satz sagt unter anderem, dass bis auf Verzerrungen die Liste vollständig ist.

Ein Paraboloid.
Ein hyperbolisches Paraboloid, auch eine Sattelfläche genannt.
Ein Ellipsoid. Die Oberfläche ist eine Quadrik.
Ein Doppelkegel.
Ein einschaliges Hyperboloid.
Ein zweischaliges Hyperboloid.



Wir erstellen eine Liste von reellen quadratischen Polynomen in den drei Variablen X,Y und Z mit den zugehörigen Nullstellenmengen, wobei wir die Koeffizienten auf 0,1,1 beschränken. Ferner betrachten wir nur solche Polynome, wo sämtliche Variablen vorkommen und deren Nullstellengebilde nicht leer ist.

    • Y2+X2Z Das Nullstellengebilde ist ein Paraboloid.
    • Y2X2Z Das Nullstellengebilde ist eine Sattelfläche.
    • X2+Y2+Z2 Die einzige Lösung ist der Punkt (0,0,0), das Nullstellengebilde ist also ein einziger Punkt.
    • X2+Y2+Z21 Das Nullstellengebilde ist eine Sphäre, also die Oberfläche einer Kugel.
    • X2+Y2Z2 Das Nullstellengebilde ist die Lösungsmenge zur Gleichung  Z2=X2+Y2.  Das ist ein runder (Doppel)-Kegel.
    • X2+Y2Z21 Das Nullstellengebilde ist ein einschaliges Hyperboloid.
    • X2+Y2Z2+1 Das Nullstellengebilde ist ein zweischaliges Hyperboloid.



Satz  

Jedes reelle rein-quadratische Polynom

F=ijaijXiXj

besitzt in einer geeigneten Orthonormalbasis (bezüglich des Standardskalarproduktes) die Form

F=1inriUi2.

Die Koeffizienten ri sind die Eigenwerte der quadratischen symmetrischen Matrix

M=(αij)1i,jn

mit

αij={aij für i=j,aij2 für i<j,aji2 für i>j.

Beweis  

Mit der im Satz aufgestellten Matrix M kann man das Polynom in der Form

(X1,,Xn)M(X1Xn)

schreiben. Nach Definition ist die Matrix M symmetrisch. Nach Fakt gibt es eine Orthonormalbasis v1,,vn des n, bezüglich der die neue Gramsche Matrix

D=BtrMB

Diagonalgestalt besitzt, wobei

B=M𝔢𝔳

die Basiswechselmatrix von der neuen Basis zur Standardbasis bezeichnet, was wir kurz als

(v1vd)=Btr(e1ed)

im Sinne von Bemerkung ausdrücken. Es sei U1,,Un die Dualbasis zur neuen Orthonormalbasis. Die Ui beschreiben also die neuen Koordinatenfunktionen, und diese fassen wir als neue Variablen auf. Es besteht dann nach Fakt die Beziehung

(X1Xd)=B(U1Ud).

Es ist somit

F=(X1,,Xn)M(X1Xn)=(X1,,Xn)B1trDB1(X1Xn)=(U1,,Un)D(U1Un).

Wenn man dies ausrechnet, so ergibt sich i=1nriUi2, wobei die ri die Diagonaleinträge von D sind. Nach Fakt stimmen die Eigenwerte von M mit denen von D (einschließlich der Vielfachheiten) überein.



Wir betrachten das rein-quadratische Polynom

F=3X24XY+5Y2.

Um Fakt anzuwenden, müssen wir von der Matrix

M=(3225)

die Eigenwerte bestimmen. Das charakteristische Polynom ist

(X3)(X5)4=X28X+11=(X4)25.

Somit sind die Eigenwerte gleich

x1=5+4 und x2=5+4.

In einer geeigneten Orthonormalbasis besitzt dieses Polynom daher die Form

F=(5+4)U2+(5+4)V2.


Wir möchten die rein-quadratische Form

32X2+2Y2+2XY2YZ

auf Standardform im Sinne von Fakt bringen. Die zugehörige symmetrische Matrix ist

(3210121010),

deren Eigenwerte wir bestimmen müssen. Das charakteristische Polynom der Matrix ist

det(X32101X2101X)=(X32)(X22X1)X=X372X2+X+32=(X1)(X252X32)=(X1)(X3)(X+12),

die Eigenwerte sind also

1,3,12.

In den neuen Variablen U,V,W zur Orthonormalbasis aus den Eigenvektoren zu diesen Eigenwerte ist

F=U2+3V212W2.



Satz  

Jedes reelle quadratische Polynom

F=ijaijXiXj+i=1nbiXi+c

besitzt in einer geeigneten (verschobenen) Orthonormalbasis (bezüglich des Standardskalarproduktes) die Form (mit kn und ri0)

F=1ikriUi2+s

oder die Form (mit kn1 und ri0)

F=1ikriUi2+sUk+1.

Beweis  

Wir führen auf dem rein-quadratischen Anteil ijaijXiXj die Transformation aus Fakt durch und erhalten neue Variablen Vj (die dual zu einer Orthonormalbasis sind), in denen das Polynom die Gestalt

F=1ikeiVi2+j=1nfjVj+g

bekommt, mit einem gewissen k zwischen 1 und n, wobei die  ei0  seien. Die Summanden

eiVi2+fiVi

können durch quadratisches Ergänzen mit den neuen Variablen  Ui=Vi+hi  auf die Gestalt

eiUi2+gi

gebracht werden. Abgesehen vom nun rein-quadratischen Term bleibt entweder eine Konstante oder ein lineares Polynom übrig, welches als Variable Uk+1 angesetzt werden kann.


Die im vorstehenden Satz auftretende Darstellung nennen wir die Standardgestalt einer quadratischen Form. Bei ihr kommen nur rein-quadratische Terme sowie allenfalls eine Variable in der ersten Potenz vor. Der Satz besagt also, dass jede quadratische Form in geeigneten orthonormalen (kartesischen) Koordinaten auf eine solche Standardgestalt gebracht werden kann. Für das Nullstellengebilde bedeutet eine solche Koordinatentransformation lediglich, dass eine affin-lineare Isometrie angewendet wird.

Eine quadratische Form in Standardgestalt

1ikriUi2+s bzw. 1ikriUi2+sUk+1,

wie sie nach Fakt stets erreicht werden kann, kann weiter vereinfacht werden, wobei man allerdings Verzerrungen in Kauf nehmen muss. In den neuen Koordinaten

Zi=|ri|Ui

bzw.

Ui=1|ri|Zi

für  i=1,,k  besitzt die quadratische Form eine Darstellung der Form

1ik±Zi2+s bzw. 1ik±Zi2+sZk+1,

wobei die Vorfaktoren jetzt gleich 1 oder gleich 1 sind. Man spricht von einer normierten Standardgestalt der quadratischen Form. Durch Vertauschen der Reihenfolge kann man erreichen, dass die ersten Variablen den Vorfaktor 1 und die hinteren den Vorfaktor 1 besitzen. Bei diesem Übergang erfährt das Nullstellengebilde Verzerrungen, aus einer Ellipse wird beispielsweise ein Kreis gemacht oder eine Parabel wird gestaucht. Da sich das Nullstellengebilde nicht ändert, wenn man die Form mit 1 multipliziert, kann man davon ausgehen, dass die Anzahl des Vorfaktors 1 mindestens so groß ist wie die Anzahl des Vorfaktors 1.



Wir betrachten das quadratische Polynom

F=3X24XY+5Y2+6X+2Y7

und möchten es gemäß Fakt auf Standardform bringen. In Beispiel haben wir den rein-quadratischen Anteil 3X24XY+5Y2 mit Hilfe der symmetrischen Matrix

M=(3225)

untersucht und die Eigenwerte als

x1=5+4 und x2=5+4

bestimmt. Um F selbst auf Standardform zu bringen, brauchen wir die Eigenvektoren, und müssen mit ihnen den Variablenwechsel explizit durchführen. Die Eigenvektoren sind

(25+1) und (251)

und somit bilden

u=110+25(25+1) und v=11025(251)

eine Orthonormalbasis aus Eigenvektoren. Es besteht die Beziehung

(uv)=(210+255+110+2521025511025)(e1e2)

im Sinne von Bemerkung, und mit den neuen Variablen U,V gilt gemäß Fakt die Beziehung

(XY)=(210+25210255+110+25511025)(UV).

Daher ist (für den rein-quadratischen Anteil muss man nichts ausrechnen)

F=3X24XY+5Y2+6X+2Y7=(5+4)U2+(5+4)V2+6(210+25U+21025V)+2(5+110+25U+511025)V7=(5+4)U2+(5+4)V2+10+2510+25U+10+251025V7.

Quadratisches Ergänzen mit

U=W+5510+25(5+4)

bzw.

V=Z+551025(5+4)

liefert

(5+4)U2+10+2510+25U=(5+4)W2+10+2510+255510+25(5+4)=(5+4)W260205(10+25)(5+4)

und

(5+4)V2+10+251025V=(5+4)Z2+10+251025551025(5+4)=(5+4)Z260+205(1025)(5+4).

Insgesamt ist

F=(5+4)W2+(5+4)Z260205(10+25)(5+4)60+205(1025)(5+4)7.