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Kurs:Analysis (Osnabrück 2013-2015)/Teil II/Vorlesung 45

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Totale Differenzierbarkeit

Wir möchten Abbildungen φ:VW zwischen endlichdimensionalen 𝕂-Vektorräumen differenzieren, und allgemeiner Abbildungen

φ:GW,

wobei GV eine gewisse offene Teilmenge ist. Wir wiederholen kurz die Situation in einer Variablen: Angenommen wir haben eine Abbildung φ:, dann ist die Grundidee einer differenzierbaren Abbildung und ihrer Ableitung, eine „Tangente an den Graphen“ anzulegen. Dabei kann man sagen, dass die Tangente (also der Graph einer affin-linearen Approximation) die beste lineare Approximation von φ in einem gegebenen Punkt x darstellt. Da die Steigung der Tangente wieder eine reelle Zahl ist, wird beim Differenzieren jedem Punkt x wieder eine Zahl zugeordnet. Wir erhalten also eine neue Funktion, welche wir mit φ bezeichnen. Im höherdimensionalen Fall ist dies komplizierter, aber die Idee einer bestmöglichen linearen Approximation bleibt bestehen.

Im Folgenden nehmen wir an, dass alle Vektorräume endlichdimensional und mit einer euklidischen Norm versehen sind. Wie in der 37. Vorlesung gezeigt wurde, hängt die Topologie, also die Konzepte offene Menge, Stetigkeit, Konvergenz, nicht von der gewählten euklidischen Struktur ab. Bei 𝕂= statten wir den zugrunde liegenden reellen Vektorraum mit einer euklidischen Struktur aus.


Es seien V und W endlichdimensionale 𝕂-Vektorräume,  GV  eine offene Menge und φ:GW eine Abbildung. Dann heißt φ differenzierbar (oder total differenzierbar) im Punkt  PG,  wenn es eine 𝕂-lineare Abbildung L:VW mit der Eigenschaft

φ(P+v)=φ(P)+L(v)+vr(v)

gibt, wobei r:U(0,δ)W eine in 0 stetige Abbildung mit  r(0)=0  ist und die Gleichung für alle  vV  mit  P+vU(P,δ)G  gilt.

Diese lineare Abbildung L heißt, falls sie existiert, das (totale) Differential von φ an der Stelle P und wird mit

(Dφ)P

bezeichnet.

Äquivalent zur totalen Differenzierbarkeit ist die Eigenschaft, dass der Ausdruck

r(v)=φ(P+v)φ(P)L(v)v

für v0 gegen 0 konvergiert. Ebenfalls äquivalent ist die Eigenschaft, dass der Limes (von Funktionen)

limv0,v0φ(P+v)φ(P)L(v)v

existiert und gleich 0 ist.

Das Konzept der totalen Differenzierbarkeit ist eher theoretisch und für konkrete Berechnungen nicht optimal. Wir werden später dieses Konzept mit dem Konzept der partiellen Ableitungen in Verbindung bringen, welches eher für Berechnungen geeignet ist, jedoch von Koordinaten, d.h. von der Auswahl einer Basis, abhängt (siehe auch Beispiel 45.9 weiter unten).

Der geometrische Gehalt tritt besonders im Fall W= deutlich hervor. Dann ist der Graph der affin-linearen Abbildung φ(P)+(Dφ)P(xP) eine lineare Approximation des Graphen der Funktion φ(x) im Punkt P.


Ist φ:VW konstant mit  φ(v)=wW  für alle  vV,  so ist φ differenzierbar mit totalem Differential 0 (siehe Aufgabe 45.2).




Proposition  

Es sei L:VW eine 𝕂-lineare Abbildung zwischen den endlichdimensionalen 𝕂-Vektorräumen V und W.

Dann ist L in jedem Punkt  PV  differenzierbar und stimmt in jedem Punkt mit ihrem totalen Differential überein.

Beweis  

Aufgrund der Linearität gilt

L(P+v)=L(P)+L(v).

Also können wir  r=0  wählen.



Lemma  

Es seien V und W endlichdimensionale 𝕂-Vektorräume und sei die Abbildung φ:GW auf einer offenen Teilmenge  GV  definiert. Es sei  PG  ein Punkt.

Dann existiert höchstens eine lineare Abbildung mit den Eigenschaften aus Definition 45.1.

Ist φ im Punkt P differenzierbar, so ist das totale Differential (Dφ)P eindeutig bestimmt.

Beweis  

Angenommen, es gelte

φ(P+v)=φ(P)+L1(v)+vr1(v)

und

φ(P+v)=φ(P)+L2(v)+vr2(v)

mit linearen Abbildungen L1 und L2 und mit im Punkt 0 stetigen Funktionen r1,r2:U(0,δ)W mit  r1(0)=r2(0)=0.  Wir müssen  L1=L2  zeigen. Dazu ziehen wir die beiden Gleichungen voneinander ab (da es sich hier um Gleichungen von Funktionswerten im Vektorraum W handelt, ist hier werteweises Abziehen gemeint) und erhalten die Gleichung

0=(L1L2)(v)+v(r1(v)r2(v)).

Daher müssen wir zeigen, dass die (konstante) Nullabbildung die Eigenschaft besitzt, dass die lineare Abbildung 0 ihre einzige lineare Approximation ist.  Wir nehmen daher an, dass

0=L(v)+vr(v)

gilt, wobei L linear und r eine in 0 stetige Funktion mit  r(0)=0  ist. Wenn L nicht die Nullabbildung ist, so gibt es einen Vektor  vV  mit  L(v)=w0.  Dann gilt für  s𝕂 

0=L(sv)+svr(sv)=sw+|s|vr(sv).

Dies impliziert, dass  r(sv)=sw|s|v  für  s0  gilt. Die Norm von r(sv) ist daher konstant gleich  wv0.  Also gilt  lims0r(sv)0,  ein Widerspruch.



Proposition  

Es seien V und W endlichdimensionale 𝕂-Vektorräume und es sei  GV  eine offene Teilmenge. Es seien φ1,φ2:GW im Punkt  PG  differenzierbare Abbildungen mit den totalen Differentialen (Dφ1)P und (Dφ2)P.

Dann ist auch  φ=φ1+φ2  in P differenzierbar und es gilt

(D(φ1+φ2))P=(Dφ1)P+(Dφ2)P.

Ebenso gilt  (D(aφ1))P=a(Dφ1)P  für alle  a𝕂

Beweis  

Sei  φ1(P+v)=φ1(P)+L1(v)+vr1(v)  und  φ2(P+v)=φ2(P)+L2(v)+vr2(v).  Dann gilt

(φ1+φ2)(P+v)=φ1(P+v)+φ2(P+v)=φ1(P)+L1(v)+vr1(v)+φ2(P)+L2(v)+vr2(v)=(φ1+φ2)(P)+(L1+L2)(v)+v(r1(v)+r2(v)).

Wir erhalten also die gewünschte Gestalt, da auch r1+r2 in 0 stetig mit  (r1+r2)(0)=0  ist. Der Beweis der zweiten Aussage ist ähnlich.



Proposition  

Es seien V und W endlichdimensionale 𝕂-Vektorräume und  GV  eine offene Teilmenge. Es sei φ:GW eine in  PG  differenzierbare Abbildung.

Dann ist φ auch stetig im Punkt P.

Beweis  

Nach Definition gilt  φ(P+v)=φ(P)+L(v)+vr(v)  Die rechte Seite ist stetig (nach Definition 45.1 und Satz 34.10) in  v=0.  Damit ist φ stetig in P.




Die Kettenregel

Die Eleganz des totalen Differentials wird in der folgenden allgemeinen Version der Kettenregel deutlich.



Satz  

Es seien V,W und U endlichdimensionale 𝕂-Vektorräume,  GV  und  DW  offene Mengen, und φ:GW und ψ:DU Abbildungen derart, dass  φ(G)D  gilt. Es sei weiter angenommen, dass φ in  PG  und ψ in  φ(P)D  total differenzierbar sind.

Dann ist ψφ:GU in P differenzierbar mit dem totalen Differential

(D(ψφ))P=(Dψ)φ(P)(Dφ)P.

Beweis  

Wir haben nach Voraussetzung (wobei wir Q:=φ(P) setzen)

φ(P+v)=φ(P)+L(v)+vr(v)

und

ψ(Q+w)=ψ(Q)+M(w)+ws(w)

mit linearen Abbildungen L:VW und M:WU, und mit in 0 stetigen Funktionen r:U(0,δ)W und s:U(0,δ)U, die beide in 0 den Wert 0 annehmen. Damit gilt

(ψφ)(P+v)=ψ(φ(P+v))=ψ(φ(P)+L(v)+vr(v))=ψ(φ(P))+M(L(v)+vr(v))+L(v)+vr(v)s(L(v)+vr(v))=ψ(φ(P))+M(L(v))+M(vr(v))+L(v)+vr(v)s(L(v)+vr(v))=ψ(φ(P))+(ML)(v)+vM(r(v))+vL(vv)+vr(v)s(L(v)+vr(v))=ψ(φ(P))+(ML)(v)+v(M(r(v))+L(vv)+r(v)s(L(v)+vr(v))).

Dabei haben wir in der dritten Gleichung die lineare Approximation für

w=L(v)+vr(v)

eingesetzt. Die beiden letzten Gleichungen gelten nur für  v0.  Der Ausdruck

t(v):=M(r(v))+L(vv)+r(v)s(L(v)+vr(v))

ist unser Kandidat für die Abweichungsfunktion. Der erste Summand M(r(v)) ist in  v=0  stetig und hat dort auch den Wert 0. Es genügt also den zweiten Summanden zu betrachten. Der -Ausdruck ist in einer Umgebung der Null beschränkt, da L auf der kompakten Einheitssphäre nach Satz 36.11 beschränkt ist und da r in 0 stetig ist. Daher hängt die Stetigkeit nur von dem rechten Faktor ab. Aber L(v)+vr(v) hat für v0 den Grenzwert 0. Damit ist auch s(L(v)+vr(v)) in 0 stetig und hat dort den Grenzwert 0.



Es seien V und W endlichdimensionale 𝕂-Vektorräume,  GV  eine offene Menge,  PG  ein Punkt, φ:GW und f:G𝕂 in P differenzierbare Abbildungen.

Dann ist die Produktabbildung

fφ:GW

in P differenzierbar mit

(D(fφ))P=f(P)(Dφ)P+(Df)Pφ(P).

Beweis

Siehe Aufgabe 45.15.


Das folgende Beispiel illustriert, dass das totale Differential unabhängig von der Wahl einer Basis ist, die partiellen Ableitungen aber nicht.


Wir betrachten die Abbildung f:𝕂3𝕂, die durch

(x,y,z)2xy2+x2z3+z2

gegeben sei. Es ist leicht, die partiellen Ableitungen in jedem Punkt zu berechnen, nämlich:

(fx,fy,fz)(x,y,z)=(2y2+2xz3,4xy,3x2z2+2z).

Wir werden in der nächsten Vorlesung sehen, dass diese Abbildung in jedem Punkt total differenzierbar ist, und dass die Jacobi-Matrix das totale Differential beschreibt.

Nehmen wir nun an, dass wir nur an der Restriktion dieser Funktion auf die Ebene

E𝕂3,E={(x,y,z)3x+2y5z=0}

interessiert sind. E ist also der Kern der linearen Abbildung

L:𝕂3𝕂,(x,y,z)3x+2y5z.

Als Kern ist E selbst ein (zweidimensionaler) Vektorraum. Die Einschränkung von f auf die Ebene ergibt also die Abbildung

f~=f|E:E𝕂.

Diese Abbildung kann man als die Komposition E𝕂3𝕂 auffassen und diese ist nach der Kettenregel differenzierbar. Wenn wir die Inklusion von E in 𝕂3 mit N bezeichnen, so ist das totale Differential der Komposition in einem Punkt  PE  gemäß der Kettenregel gerade die Abbildung

(Df~)P=(Df)PN:E𝕂.

Daher ergibt es hier Sinn vom totalen Differential zu sprechen.

Es ergibt allerdings keinen Sinn von partiellen Ableitungen der Abbildung f|E:E𝕂 zu sprechen, da es keine natürliche Basis auf E gibt und daher auch keine natürlichen Koordinaten. Es ist leicht eine Basis von E zu finden und damit Koordinaten, es gibt aber keine „beste Wahl“, und die partiellen Ableitungen sehen in jeder Basis verschieden aus.

Eine Basis von E ist beispielsweise durch v1=(0,5,2) und v2=(5,0,3) gegeben, und eine weitere durch w1=(1,1,1) und w2=(2,3,0). Mit solchen Basen erhalten wir Identifikationen 𝕂2E und somit numerische Beschreibungen der Abbildung 𝕂2E𝕂, womit wir die partiellen Ableitungen bezüglich der gewählten Basen berechnen können.

In der ersten Basis ist die Identifikation gegeben durch die Abbildung

(s,t)sv1+tv2=s(0,5,2)+t(5,0,3)=(5t,5s,2s+3t)

und dieser Ausdruck wird durch f abgebildet auf

2(5t)(5s)2+(5t)2(2s+3t)3+(2s+3t)2=250ts2+25t2(8s3+36s2t+54st2+27t3)+4s2+9t2+12st=250ts2+200s3t2+900s2t3+1350st4+675t5+4s2+9t2+12st.

Die partiellen Ableitungen dieser Komposition (nennen wir sie g) bezüglich dieser Basis sind gegeben durch

g/s=500ts+600s2t2+1800st3+1350t4+8s+12t

und

g/t=250s2+400s3t+2700s2t2+5400st3+3375t4+18t+12s.

In der zweiten Basis w1=(1,1,1) und w2=(2,3,0) ist die Identifikation gegeben durch

(r,u)rw1+uw2=r(1,1,1)+u(2,3,0)=(r+2u,r3u,r)

und dieser Ausdruck wird unter f abgebildet auf

2(r+2u)(r3u)2+(r+2u)2r3+r2=2r3+4r2u12r2u24ru2+18ru2+36u3+r5+4r4u+4r3u2+r2=2r38r2u6ru2+36u3+r5+4r4u+4r3u2+r2.

Die partiellen Ableitungen der Komposition (nennen wir sie h) bezüglich dieser Basis sind

h/r=6r216ru6u2+5r4+16r3u+12r2u2+2r

und

h/u=8r212ru+108u2+4r4+8r3u.

Fazit: Koordinaten sind manchmal gut für Berechnungen, manchmal verdunklen sie aber auch den eigentlichen mathematischen Sachverhalt.



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PDF-Version dieser Vorlesung

Arbeitsblatt zur Vorlesung (PDF)