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Kurs:Analysis (Osnabrück 2014-2016)/Teil I/Vorlesung 11

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Nachdem wir das Grenzwertverhalten von Folgen und Reihen für die beiden Körper und zur Verfügung haben, wenden wir uns in den nächsten Vorlesungen dem Grenzwertverhalten von Funktionen zu. Die einfachsten Funktionen (abgesehen von den linearen Funktionen, die in der linearen Algebra im Mittelpunkt stehen) sind die Polynomfunktionen.



Der Polynomring über einem Körper

Der Polynomring über einem Körper besteht aus allen Polynomen

mit  ,   ,  und mit komponentenweiser Addition und einer Multiplikation, die durch distributive Fortsetzung der Regel

definiert ist.

Ein Polynom

ist formal gesehen nichts anderes als das Tupel , die die Koeffizienten des Polynoms heißen. Zwei Polynome sind genau dann gleich, wenn sie in allen ihren Koeffizienten übereinstimmen. Der Körper heißt in diesem Zusammenhang der Grundkörper des Polynomrings. Aufgrund der komponentenweisen Definition der Addition liegt unmittelbar eine Gruppe vor, mit dem Nullpolynom (bei dem alle Koeffizienten sind) als neutralem Element. Die Polynome mit

für alle    heißen konstante Polynome, man schreibt sie einfach als .

Die für ein einfaches Tupel zunächst ungewöhnliche Schreibweise deutet in suggestiver Weise an, wie die Multiplikation aussehen soll, das Produkt ist nämlich durch die Addition der Exponenten gegeben. Dabei nennt man die Variable des Polynomrings. Für beliebige Polynome ergibt sich die Multiplikation aus dieser einfachen Multiplikationsbedingung durch distributive Fortsetzung gemäß der Vorschrift, „alles mit allem“ zu multiplizieren. Die Multiplikation ist also explizit durch folgende Regel gegeben:

Die Multiplikation ist assoziativ, kommutativ, distributiv und besitzt das konstante Polynom als neutrales Element, siehe Aufgabe 11.2.

Der Graph einer Polynomfunktion von nach vom Grad .

In ein Polynom    kann man ein Element    einsetzen, indem man die Variable an jeder Stelle durch ersetzt. Dies führt zu einer Abbildung

die die durch das Polynom definierte Polynomfunktion heißt.


Der Grad eines von verschiedenen Polynoms

mit    ist .

Das Nullpolynom bekommt keinen Grad. Der Koeffizient , der zum Grad des Polynoms gehört, heißt Leitkoeffizient des Polynoms. Der Ausdruck heißt Leitterm.



Division mit Rest

Es sei ein Körper und sei der Polynomring über . Es seien    Polynome mit  

Dann gibt es eindeutig bestimmte Polynome    mit

Wir beweisen die Existenzaussage durch Induktion über den Grad von . Wenn der Grad von größer als der Grad von ist, so ist und eine Lösung, sodass wir dies nicht weiter betrachten müssen. Bei    ist nach der Vorbemerkung auch  ,  also ist ein konstantes Polynom, und damit ist (da und ein Körper ist) und eine Lösung. Es sei nun    und die Aussage für kleineren Grad schon bewiesen. Wir schreiben und mit . Dann gilt mit    die Beziehung

Dieses Polynom hat einen Grad kleiner als und darauf können wir die Induktionsvoraussetzung anwenden, d.h. es gibt und mit

Daraus ergibt sich insgesamt

sodass also    und    eine Lösung ist. Zur Eindeutigkeit sei    mit den angegebenen Bedingungen. Dann ist  .  Da die Differenz einen Grad kleiner als besitzt, ist aufgrund der Gradeigenschaften diese Gleichung nur bei    und    lösbar.


Der Beweis des Satzes ist konstruktiv, d.h. es wird in ihm ein Verfahren beschrieben, mit der man die Division mit Rest berechnen kann. Dazu muss man die Rechenoperationen des Grundkörpers beherrschen. Wir geben dazu zwei Beispiele, eines über den rationalen Zahlen und eines über den komplexen Zahlen.


Wir führen die Polynomdivision

(über ) durch. Es wird also ein Polynom vom Grad durch ein Polynom vom Grad dividiert, d.h. dass der Quotient und auch der Rest (maximal) vom Grad sind. Im ersten Schritt überlegt man, mit welchem Term man multiplizieren muss, damit das Produkt mit im Leitterm übereinstimmt. Das ist offenbar . Das Produkt ist

Die Differenz von zu diesem Produkt ist

Mit diesem Polynom, nennen wir es , setzen wir die Division durch fort. Um Übereinstimmung im Leitkoeffizienten zu erhalten, muss man mit multiplizieren. Dies ergibt

Die Differenz zu ist somit

Dies ist das Restpolynom und somit ist insgesamt



Wir führen die Polynomdivision

aus. Das Inverse zu ist und daher ist

Daher beginnt mit und es ist

Dies muss man nun von abziehen und erhält

Auf dieses Polynom (nennen wir es ) wird das gleiche Verfahren angewendet. Man berechnet

Daher ist der konstante Term von gleich und es ergibt sich

Dies ziehen wir von ab und erhalten

Dies ist der Rest , die vollständige Division mit Rest ist also




Nullstellen

Unter einer Nullstelle eines Polynoms versteht man ein    mit  .  Ein Polynom muss keine Nullstellen besitzen, ferner hängt dies vom Grundkörper ab. Das Polynom hat keine reelle Nullstelle, dagegen gibt es die komplexen Nullstellen und . Als Element in kann man nicht als Produkt von einfacheren Polynomen schreiben, in hingegen hat man die Zerlegung  



Es sei ein Körper und sei der Polynomring über . Es sei    ein Polynom und  

Dann ist genau dann eine Nullstelle von , wenn ein Vielfaches des linearen Polynoms ist.

Wenn ein Vielfaches von ist, so kann man

mit einem weiteren Polynom schreiben. Einsetzen ergibt

Im Allgemeinen gibt es aufgrund der Division mit Rest eine Darstellung

wobei    oder aber den Grad besitzt, also so oder so eine Konstante ist. Einsetzen ergibt

Wenn also    ist, so muss der Rest    sein, und das bedeutet, dass    ist.



Es sei ein Körper und sei der Polynomring über . Es sei    ein Polynom () vom Grad .

Dann besitzt maximal Nullstellen.

Wir beweisen die Aussage durch Induktion über . Für    ist die Aussage offensichtlich richtig. Es sei also    und die Aussage sei für kleinere Grade bereits bewiesen. Es sei eine Nullstelle von (falls keine Nullstelle besitzt, sind wir direkt fertig). Dann ist    nach Lemma 11.6 und hat den Grad , sodass wir auf die Induktionsvoraussetzung anwenden können. Das Polynom hat also maximal Nullstellen. Für    gilt  .  Dies kann nach Lemma 3.4  (5) nur dann sein, wenn einer der Faktoren ist, sodass eine Nullstelle von gleich ist oder aber eine Nullstelle von ist. Es gibt also maximal Nullstellen von .

Der folgende Satz heißt Interpolationssatz und beschreibt die Interpolation von vorgegebenen Funktionswerten durch Polynome.


Es sei ein Körper und es seien verschiedene Elemente    und Elemente    gegeben.

Dann gibt es ein eindeutiges Polynom    vom Grad derart, dass    für alle ist.

Beweis

Siehe Aufgabe 11.18.




Rationale Funktionen

Die nach den Polynomfunktionen einfachsten Funktionen sind die rationalen Funktionen.


Es sei ein Körper. Zu Polynomen , , heißt die Funktion

wobei    das Komplement der Nullstellen von ist, eine rationale Funktion.

Für uns ist der Fall    oder wichtig.

Man kann Brüche von Polynomen als Funktionen auffassen, die außerhalb der Nullstellen des Nenners definiert sind. Das Beispiel zeigt den Graph der rationalen Funktion .

Der Polynomring ist ein kommutativer Ring, aber kein Körper. Man kann aber mit Hilfe der rationalen Funktionen einen Körper konstruieren, der den Polynomring enthält, ähnlich wie man aus die rationalen Zahlen konstruieren kann. Dazu definiert man  ,  wobei man wieder zwei Brüche und miteinander identifiziert, wenn    ist. Auf diese Weise entsteht der Körper der rationalen Funktionen (über ).


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