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Kurs:Grundkurs Mathematik (Osnabrück 2016-2017)/Teil I/Vorlesung 12/kontrolle

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„Man muss auch teilen können.“



Teilbarkeitseigenschaften

Wir besprechen nun die Eigenschaft, dass eine natürliche Zahl eine weitere natürliche Zahl teilt.


Man sagt, dass die natürliche Zahl a die natürliche Zahl b teilt (oder dass b von a geteilt wird, oder dass b ein Vielfaches von a ist), wenn es eine natürliche Zahl c derart gibt, dass  b=ca  ist. Man schreibt dafür auch a|b.

Beispielsweise sind 1,2,5,10 die Teiler von 10 und 1,3,9,27,81 die Teiler von 81. Eine Zerlegung

n=st

nennt man auch eine Faktorzerlegung von n. Wenn a ein Teiler von b ist und

a0,

so ist die Zahl c mit  b=ac  nach der Kürzungsregel eindeutig bestimmt. Man nennt diese Zahl den Gegenteiler oder den komplementären Teiler und schreibt dafür ba. Da wir im Moment die rationalen Zahlen noch nicht zur Verfügung haben, ist dies nur dann eine erlaubte Schreibweise, wenn die Teilerbeziehung vorliegt und  a0  ist (so wie die Schreibweise ab bisher nur erlaubt ist, wenn  ba  ist). Es ist also 0 ein Teiler der 0, der Ausdruck 0/0 ist aber nicht definiert. Wenn  a0  ein Teiler von b ist, so nennt man die Bestimmung des eindeutig bestimmten c mit

b=ac

Teilen. Man sagt, dass man b durch a teilt mit dem Ergebnis c.



Lemma  Lemma 12.2 ändern

Es sei  n0  eine natürliche Zahl und t ein Teiler von n.

Dann ist  tn

Insbesondere besitzt n nur endlich viele Teiler.

Beweis  

Da der Teiler 0 ausgeschlossen ist, sind bei einer Faktorzerlegung  n=tc  beide Faktoren 1. Wegen Satz 10.5  (3) ist daher

n=tct1=t.

Der Zusatz ist klar, da es unterhalb von n überhaupt nur endlich viele natürliche Zahlen gibt.


Wenn man also alle Teiler einer natürlichen Zahl n finden möchte, so muss man einfach die Zahlen

an

der Reihe nach durchgehen und ihre Vielfachen

1a=a,2a,3a,

durchgehen, bis die Zahl n auftaucht (in welchem Fall a ein Teiler ist) oder eine Zahl >n auftaucht (dann liegt kein Teiler vor). Übrigens muss man nicht die Zahlen bis n durchprobieren, sondern lediglich bis zur ersten Zahl r mit  r2n  (man muss also nur bis zur Größenordnung der Quadratwurzel aus n gehen). Dann muss man aber für jeden Teiler

tr

auch den Gegenteiler mitanführen, siehe Aufgabe 12.9. Für 105 muss man maximal bis 11 gehen. Es ergeben sich die Zerlegungen

105=1105=335=521=715

und die Teiler sind somit 1,3,5,7,15,21,35,105.

Eine durch 2 teilbare Zahl, also ein Vielfaches von 2, heißt gerade, eine nicht durch 2 teilbare Zahl heißt ungerade. Für einige Zahlen gibt es einfache Tests, ob sie ein Teiler einer gewissen Zahl sind, die allerdings auf dem Dezimalsystem beruhen. Eine weitere wichtige Möglichkeit ist die Division mit Rest. Auch der dritte Teil des folgenden Lemmas hilft: Wenn a kein Teiler von n ist, so sind sämtliche Vielfache von a ebenfalls keine Teiler von n.



Lemma  Lemma 12.3 ändern

In gelten folgende Teilbarkeitsbeziehungen.

  1. Für jede natürliche Zahl a gilt 1a und aa.
  2. Für jede natürliche Zahl a gilt a0.
  3. Gilt ab und bc, so gilt auch ac.
  4. Gilt ab und cd, so gilt auch acbd.
  5. Gilt ab, so gilt auch acbc für jede natürliche Zahl c.
  6. Gilt ab und ac, so gilt auch a(rb+sc) für beliebige natürliche Zahlen r,s.

Beweis  

  1. Ist klar wegen
    a=a1.
  2. Ist klar wegen
    0=a0.
  3. Die beiden Voraussetzungen bedeuten die Existenz von  s,t  mit  b=as  und  c=bt.  Somit ist
    c=bt=(as)t=a(st)

    und a ist auch ein Teiler von c.

  4. Aus den Voraussetzungen  b=as  und  d=tc  ergibt sich direkt
    bd=astc=acts,

    also ist ac ein Teiler von bd.

  5. Aus der Voraussetzung  b=as  ergibt sich direkt
    bc=acs,

    also ist ac ein Teiler von bc.

  6. Aus den Voraussetzungen  b=at  und  c=au  ergibt sich direkt mit dem Distributivgesetz
    rb+sc=rat+sau=a(rt+su),

    also ist a ein Teiler von rb+sc.



Wir betrachten die positiven natürlichen Zahlen + zusammen mit der Teilbarkeitsbeziehung. Dies ergibt eine Ordnung auf +. Die Teilbarkeitsrelation ist in der Tat reflexiv, da stets nn ist, wie  m=1  zeigt. Die Transitivität wurde in Lemma 12.3  (3) gezeigt. Die Antisymmetrie folgt so: Aus n=ak und k=bn folgt  n=(ab)n.  Da wir uns auf positive natürliche Zahlen beschränken, folgt mit der Kürzungsregel  ab=1  und daraus wegen  a,bab  auch  a=b=1.  Also ist  k=n.  Einfache Beispiele wie 2 und 3 zeigen, dass hier keine totale Ordnung vorliegt, da weder 2 von 3 noch umgekehrt geteilt wird.




Größter gemeinsamer Teiler und kleinstes gemeinsames Vielfaches

Es seien a1,,ak natürliche Zahlen. Dann heißt eine natürliche Zahl t gemeinsamer Teiler der a1,,ak, wenn t jedes ai teilt für  i=1,,k

Eine natürliche Zahl g heißt größter gemeinsamer Teiler der a1,,ak, wenn g ein gemeinsamer Teiler ist und wenn g unter allen gemeinsamen Teilern der a1,,ak der (bezüglich der Ordnungsrelation auf den natürlichen Zahlen) Größte ist.

Beispielsweise haben die Zahlen 100,75,125 die gemeinsamen Teiler 1,5,25, und 25 ist der größte gemeinsame Teiler.


Zwei natürliche Zahlen heißen teilerfremd, wenn sie keinen gemeinsamen Teiler 2 besitzen.

Beispielsweise sind 12 und 25 teilerfremd, 15 und 25 sind nicht teilerfremd, da 5 ein gemeinsamer Teiler ist. Die 1 ist zu jeder natürlichen Zahl (auch zu 0 und 1) teilerfremd.


Zu einer Menge von natürlichen Zahlen

a1,,an

heißt eine natürliche Zahl b ein gemeinsames Vielfaches, wenn b ein Vielfaches von jedem ai ist, also von jedem ai geteilt wird.

Die Zahl b heißt das kleinste gemeinsame Vielfache der a1,,an, wenn b ein gemeinsames Vielfaches ist und unter allen gemeinsamen Vielfachen 0 der a1,,an das kleinste ist.

Die Existenz eines größten gemeinsamen Teilers ist wegen Lemma 12.2 klar. Die Existenz des kleinsten gemeinsamen Vielfachen ist ebenfalls klar, da das Produkt der Zahlen ein gemeinsames Vielfaches ist. Wir werden später als eine Anwendung der eindeutigen Primfaktorzerlegung (Satz 21.4) sehen, dass jeder gemeinsame Teiler den größten gemeinsamen Teiler teilt und dass jedes gemeinsame Vielfache ein Vielfaches des kleinsten gemeinsamen Vielfachen ist.



Primzahlen
Das Sieb des Eratosthenes liefert eine einfache Methode, eine Liste von Primzahlen unterhalb einer bestimmten Größe k zu erstellen. Man streicht einfach die echten Vielfachen der kleinen (kleiner als oder gleich k) schon etablierten Primzahlen durch, die verbleibenden Zahlen sind prim.

Eine natürliche Zahl  n2  heißt eine Primzahl, wenn die einzigen natürlichen Teiler von ihr 1 und n sind.

Eine Primzahl ist also eine natürliche Zahl, die genau zwei Teiler hat, nämlich 1 und n, und die müssen verschieden sein. 1 ist also keine Primzahl.

Die ersten Primzahlen sind 2,3,5,7,11,13,17,19,23,29,31,. Für eine Primzahl p und eine natürliche Zahl n gilt folgende Alternative: Entweder teilt p die Zahl n, oder aber p und n sind teilerfremd. Ein gemeinsamer Teiler muss ja ein Teiler von p sein, und da kommen nur 1 und p in Frage.

Ein wichtiger Satz ist der Satz über die eindeutige Primfaktorzerlegung. Eine einfache Version davon ist der folgende Satz.


Satz  Satz 12.9 ändern

Jede natürliche Zahl n, n2, besitzt eine Zerlegung in Primfaktoren.

D.h. es gibt eine Darstellung

n=p1p2pr

mit Primzahlen pi.

Beweis  

Wir beweisen die Existenz durch Induktion über n.  Für  n=2  liegt eine Primzahl vor Bei  n3  ist entweder n eine Primzahl, und diese bildet die Primfaktorzerlegung, oder aber n ist keine Primzahl. In diesem Fall gibt es eine nichttriviale Zerlegung  n=ab  mit kleineren Zahlen  a,b<n.  Für diese Zahlen gibt es nach Induktionsvoraussetzung jeweils eine Zerlegung in Primfaktoren, und diese setzen sich zu einer Primfaktorzerlegung für n zusammen 


Für 105 beispielsweise findet man den Primfaktor 3 und kann daher  105=335  schreiben. Für 35 hat man die Zerlegung  35=57  und man erhält

105=357.

Wenn man mit dem Primfaktor 5 startet, so ergibt sich  105=521=537,  insgesamt kommen also die gleichen Primfaktoren vor. Gelegentlich betrachten wir die Gleichung  1=1  als die Primfaktorzerlegung der 1, hier tritt jeder Primfaktor mit dem Exponenten 0 auf, das leere Produkt ist 1. Später werden wir zeigen, dass die Primfaktorzerlegung bis auf die Reihenfolge eindeutig ist, was keineswegs selbstverständlich ist, einiger Vorbereitungen bedarf und am besten innerhalb der ganzen Zahlen bewiesen wird.

Der folgende Satz wird Euklid zugeschrieben.



Satz  

Es gibt unendlich viele Primzahlen.

Beweis  

Angenommen die Menge aller Primzahlen sei endlich, sagen wir, {p1,p2,,pr} sei eine vollständige Auflistung aller Primzahlen. Man betrachtet die natürliche Zahl

N=p1p2p3pr+1.

Da bei Division von N durch pi immer der Rest 1 übrigbleibt  (bzw. nach Aufgabe 12.8) ist diese Zahl durch keine der Primzahlen pi teilbar. Andererseits besitzt N nach Satz 12.9 eine Primfaktorzerlegung. Insbesondere gibt es eine Primzahl p, die N teilt (dabei könnte N=p sein). Doch damit muss p gleich einem der pi aus der Liste sein, und diese sind keine Teiler von N. Dies ist ein Widerspruch, da ein pi nicht gleichzeitig ein Teiler und kein Teiler von N sein kann. Also muss die Annahme (nämlich die Endlichkeit der Primzahlmenge) falsch gewesen sein.




Primzahlprobleme

In der Vorlesung Grundkurs Mathematik geht es um Sachverhalte, die allesamt seit mindestens 120 Jahren gut verstanden sind und zu einem großen Teil sogar bis in die griechische Antike zurückreichen. Wir unterbrechen die allgemeine Darstellung und gehen kurz auf die Frage ein, was Mathematiker in der Forschung machen. Das ist im Allgemeinen schwierig zu vermitteln, im zahlentheoretischen Kontext gibt es aber einige Beispiele, die sich leicht erläutern lassen.

Die treibende Kraft der Mathematik ist es, Probleme zu lösen. Schwierige Probleme gibt es in allen Bereichen der Mathematik, besonders prägnant sind sie in der Zahlentheorie, da es dort eine Vielzahl von elementar formulierbaren, ungelösten Problemen gibt. Man spricht von offenen Problemen, oder, wenn man eine bestimmte Erwartung hat, von einer Vermutung. Als Beispiel besprechen wir das Problem der Primzahlzwillinge, zu dem es vor einigen Jahren (2013) einen wichtigen Fortschritt gab.


Ein Primzahlzwilling ist ein Paar bestehend aus p und p+2, wobei diese beiden Zahlen Primzahlen sind.

Die ersten Beispiele für Primzahlzwillinge sind

(3,5),(5,7),(11,13),(17,19),(29,31),.

Übrigens ist 3,5,7 der einzige Doppel-Primzahlzwilling , siehe Aufgabe 12.33.


Gibt es unendlich viele Primzahlzwillinge?

Eine Lösung dieses Problems wäre ein mathematischer Satz, der entweder besagt, dass es unendlich viele Primzahlzwillinge gibt, oder dass es nur endlich viele Primzahlzwillinge gibt. D.h. das eine oder das andere müsste bewiesen werden. Bei schwierigen Problemen erwartet man nicht, dass jemand plötzlich einen Beweis hinschreibt, sondern dass eine neue und weit verzweigte Theorie entwickelt wird, mit der man letztlich einen Beweis geben kann.

Die Frage, ob es unendlich viele Primzahlzwillinge gibt, besitzt verschiedene schwächere Varianten. Man kann sich zum Beispiel fragen, ob es unendlich oft vorkommt, dass es in einem Zehnerintervall zwei Primzahlen gibt, oder dass es in einem Hunderterintervall zwei Primzahlen gibt, und so weiter. Die ersten Primzahlen vermitteln dabei ein Bild, dass Primzahlen ziemlich häufig sind. Sie werden aber zunehmend seltener, sodass es für hohe Hunderterintervalle, sagen wir für die Zahlen von

1000000000000000 bis 1000000000000100

ziemlich unwahrscheinlich ist, eine Primzahl zu enthalten, geschweige denn zwei Primzahlen. Bis vor 2013 war es nicht bekannt, ob es überhaupt eine Zahl m mit der Eigenschaft gibt, dass es unendlich viele Intervalle der Länge m gibt, die zwei Primzahlen enthalten (m=2 wäre die positive Lösung des Primzahlzwillingsproblems). Im Jahr 2013 bewies Zhang Yitang, dass man  m=70000000 

nehmen kann, dass es also unendlich viele Intervalle der Form
[k,k+70000000]
gibt, in denen zwei Primzahlen liegen. Dieses Resultat ist ein Durchbruch in der Primzahlzwillingforschung, da es erstmals zeigt, dass sich Primzahlen unendlich oft „ziemlich nahe“ kommen. Zwischenzeitlich wurde die Schranke von 70000000 auf 252 gesenkt, siehe [1].


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