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Kurs:Zahlentheorie (Osnabrück 2008)/Vorlesung 11

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Satz  

Es gibt unendlich viele Primzahlen.

Beweis  

Angenommen, die Menge aller Primzahlen sei endlich, sagen wir {p1,p2,,pr}. Man betrachtet die Zahl

N=p1p2p3pr +1.

Diese Zahl ist durch keine der Primzahlen pi teilbar, da bei Division von N durch pi immer ein Rest 1 verbleibt. Damit sind die Primfaktoren von N, die es nach Fakt ***** geben muss, nicht in der Ausgangsmenge enthalten - Widerspruch.


Eine Liste aller Primzahlen 100000 findet sich hier.

Kann man weitere Aussagen darüber machen, wie viele Primzahlen es gibt? Wir werden zunächst die Frage betrachten, was man über die Reihe

p1p

sagen kann. Dies ist also die Summe aller Kehrwerte von Primzahlen,

12+13+15+17+111+.

Bekanntlich divergiert die harmonische Reihe, also die Summe über aller Kehrwerte von positiven ganzen Zahlen. Dagegen konvergiert die Summe über alle Kehrwerte von Quadraten, es gibt also im gewissen Sinn wenig Quadrate. Für jede unendliche Teilmenge M ist es eine interessante und meistens schwierige Frage, ob nM1n konvergiert oder divergiert. Für die Primzahlen werden wir das hier in Kürze beantworten. Die Beantwortung hängt eng mit der Riemannschen ζ-Funktion zusammen. Die hier benutzten Methoden gehören zur analytischen Zahlentheorie.


Die Riemannsche ζ-Funktion ist für  s  mit Realteil  Re(s)>1  durch

ζ(s)=n=11ns

definiert.



Für alle komplexen Zahlen z mit  |z|<1  konvergiert die Reihe k=0zk absolut und es gilt

k=0zk=11z.

Dies wird in der Grundvorlesung Analysis bewiesen, siehe Kurs:Analysis (Osnabrück 2021-2023)/Teil I/Vorlesung 9.




Lemma  

Es sei T eine endliche Menge von Primzahlen und sei s eine komplexe Zahl mit  Re(s)>0.  Es sei M(T) die Menge aller natürlichen Zahlen, die sich als Produkt von Primzahlen aus T darstellen lassen.

Dann ist

pT11ps=nM(T)1ns.

Beweis  

Es sei  T={p1,,pk}.  Es ist  |ps|<1  nach Voraussetzung über den Realteil. Unter Verwendung von Satz 11.3 und Fakt ***** ergibt sich

pT11ps=11p1s11pks=(i=0(p1s)i)(i=0(pks)i)=0i1,,ik<(p1s)i1(pks)ik=0i1,,ik<(p1i1pkik)s=nM(T)ns.


Aus dieser Aussage ergibt sich sofort ein neuer Beweis dafür, dass es unendlich viele Primzahlen gibt. Wenn es nämlich nur endlich viele Primzahlen gäbe, so könnte man T als die endliche Menge aller Primzahlen ansetzen. Für s=1 stünde dann links eine reelle Zahl, und rechts würde die Summe über alle natürlichen Kehrwerte stehen. Dies ist aber die harmonische Reihe, und diese divergiert!



Satz  

Es sei s eine komplexe Zahl mit  Re(s)>1.  Dann gilt für die Riemannsche ζ-Funktion die Produktdarstellung

ζ(s)=n=11ns=p11ps.

Beweis  

Dies folgt aus Lemma 11.4, wenn man für T die Menge der ersten k Primzahlen überhaupt ansetzt und dann k gegen unendlich laufen lässt. Die Konvergenz der linken Seite, also die Wohldefiniertheit der ζ-Funktion, sichert dabei auch die Konvergenz der rechten Seite.



Korollar  

Das unendliche Produkt

p11p1

divergiert.

Beweis  

Dies folgt aus Lemma 11.4 für  s=1.  Man hat die Gleichheit

pTk11p1=nM(Tk)1n,

wobei Tk die ersten k Primzahlen umfasse. Für k ergibt sich rechts die harmonische Reihe, die nach Beispiel ***** divergiert. Also divergiert auch das Produkt links.


Wir können nun die oben formulierte Frage beantworten.


Satz  

Die Reihe der Kehrwerte der Primzahlen, also

p1p

divergiert.

Beweis  

Das Produkt i=1k11pi1 divergiert für k aufgrund von Korollar 11.6 und ist insbesondere unbeschränkt. Daher ist auch der natürliche Logarithmus davon unbeschränkt. Dieser ist

ln(i=1k11pi1)=i=1kln(11pi1)=i=1kln(1pi1).

Die Potenzreihenentwicklung des natürlichen Logarithmus ist

ln(1x)=j=1xjj

für  |x|<1.  Angewendet auf den vorstehenden Ausdruck ergibt das

i=1k(j=1(pi1)jj)=i=1k1pi+i=1k(j=2(pi1)jj).

Für die hinteren Summanden hat man die Abschätzungen

j=2(pi1)jjj=2(1pi)j=(1pi)2(j=0(1pi)j)=(1pi)211pi12pi2,

wobei hinten die geometrische Reihe benutzt wurde. Damit ist insgesamt

i=1k(j=2(pi1)jj)i=1k2pi22n+1n2.

Da die Summe der reziproken Quadrate nach Beispiel ***** konvergiert, ist diese Gesamtsumme beschränkt. Daher ist die Summe i=1k1pi unbeschränkt, was die Behauptung ist.


Ein Primzahlzwilling ist ein Paar bestehend aus p und p+2, wobei diese beiden Zahlen Primzahlen sind. Die ersten Beispiele sind

(3,5),(5,7),(11,13),(17,19),(29,31),.

Es ist ein offenes Problem der Zahlentheorie, ob es unendlich viele Primzahlzwillinge gibt (was aber stark vermutet wird). Dagegen ist bekannt, dass die zugehörige Reihe, also

p,p+21p

konvergiert. In diesem Sinne gibt es also, verglichen mit der Gesamtzahl der Primzahlen, wenige Primzahlzwillinge.




Die Funktion π(x)

Es gehört zu den schwierigsten Fragen der Zahlentheorie und der Mathematik überhaupt, die Verteilung der Primzahlen zu verstehen. Viele offene Fragen und Vermutungen beziehen sich auf Teilaspekte dieses Problems.

Einfachere Fragestellungen, die bereits die Schwierigkeit im Allgemeinen erahnen lassen, sind etwa: gibt es mehr Primzahlen unterhalb von n als zwischen n und n2? Gibt es stets eine Primzahl zwischen n und 2n? Gibt es stets eine Primzahl zwischen n2 und (n+1)2?

Es ist hilfreich, folgende Funktion einzuführen, die Primzahlfunktion genannt wird.


Die für  x  definierte Funktion

xπ(x):=#({pxp Primzahl})

heißt Primzahlfunktion.


Die Primzahlfunktion zählt also, wie viele Primzahlen es unterhalb einer gewissen Schranke gibt. Sie nimmt offenbar nur natürliche Zahlen als Werte an und sie ist eine monoton wachsende Treppenfunktion. Sie hat genau an den Primzahlen eine Sprungstelle. Die Frage nach der Verteilung von Primzahlen ist gleichbedeutend dazu, gute Approximationen bzw. Abschätzungen für sie durch andere, besser verstandene (analytische) Funktionen zu finden.


Ein Hauptresultat der analytischen Zahlentheorie ist der sogenannte Primzahlsatz von Hadamard und de la Vallée Pousin von 1896. Es besagt grob gesprochen, dass sich die Primzahlfunktion π(x) in etwa so verhält wie x/ln(x), also dass der Quotient der beiden Funktionen gegen 1 konvergiert. Hier tritt der natürliche Logarithmus (zur Basis e) auf. Für einige wichtige Eigenschaften des Logarithmus siehe hier.


Es gilt die asymptotische Abschätzung

π(x)xln(x).

Das heißt

limxπ(x)xln(x)=limxπ(x)ln(x)x=1.

Dies ist ein Satz der analytischen Zahlentheorie, den wir hier nicht beweisen.




Wir erwähnen abschließend ohne Beweis noch den Satz von Dirichlet. Einzelne Spezialfälle werden in den Aufgaben besprochen.


Es sei n eine natürliche Zahl und a eine zu n teilerfremde Zahl. Dann gibt es unendlich viele Primzahlen, die modulo n den Rest a haben.

Dies ist ein Satz der analytischen Zahlentheorie, den wir im Rahmen dieser Vorlesung nicht beweisen können.



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Arbeitsblatt zur Vorlesung (PDF)