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Kurs:Analysis (Osnabrück 2021-2023)/Teil I/Vorlesung 4

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„Wenn ich weiter geblickt habe, so deshalb, weil ich auf den Schultern von Riesen stehe“
Isaac Newton



Angeordnete Körper

Zwei reelle Zahlen kann man ihrer Größe nach vergleichen, d.h. die eine ist größer als die andere oder es handelt sich um die gleiche Zahl. Auf der Zahlengeraden bedeutet dies, dass die eine Zahl rechts von der anderen liegt. Die wesentlichen Eigenschaften der Größerbeziehung werden im Begriff des angeordneten Körpers zusammengefasst. Um dieses Konzept formulieren zu können, führen wir kurz die grundlegenden Begriffe Relation und Ordnungsrelation ein.


Es seien und Mengen. Eine Relation zwischen und ist eine Teilmenge  

D.h. bei einer Relation stehen gewisse Paare in der gegebenen Relation, und die anderen Paare eben nicht. Man schreibt dafür    oder oder . Im Moment sind wir an Ordnungsrelationen interessiert, die folgendermaßen definiert werden.


Eine Relation auf einer Menge heißt Ordnungsrelation oder Ordnung, wenn folgende drei Bedingungen erfüllt sind.

  1. Es ist    für alle  
  2. Aus    und    folgt stets  
  3. Aus    und    folgt  

Eine Ordnungsrelation auf einer Menge heißt lineare Ordnung (oder totale Ordnung), wenn zu je zwei Elementen    die Beziehung oder gilt.

Wenn auf einer Menge eine totale Ordnung vorliegt, so bezeichnet man für zwei Elemente    das kleinere der beiden mit und das größere mit . Man spricht vom Minimum und vom Maximum.


Ein Körper heißt angeordnet, wenn es eine totale Ordnung auf gibt, die die beiden Eigenschaften

  1. Aus    folgt    (für beliebige ),
  2. Aus    und    folgt    (für beliebige ),

erfüllt.

Statt    schreibt man auch  .  Die Schreibweise    bedeutet und . In einem angeordneten Körper nennt man ein Element    positiv, wenn    ist, und negativ,[1] wenn    ist. Die ist demnach weder positiv noch negativ, und jedes Element ist entweder positiv oder negativ oder . Die Elemente  mit nennt man dann einfach nichtnegativ und die Elemente  mit nichtpositiv. Für die entsprechenden Mengen schreibt man

oder Ähnliches. Die wichtigsten Beispiele für angeordnete Körper sind der Körper der rationalen Zahlen und der Körper der reellen Zahlen .



In einem angeordneten Körper gelten die folgenden Eigenschaften.

  1.  
  2. Es ist    genau dann, wenn    ist.
  3. Es ist    genau dann, wenn    ist.
  4. Es ist    genau dann, wenn    ist.
  5. Aus    und    folgt  
  6. Aus    und    folgt  
  7. Aus    und    folgt  
  8. Aus    und    folgt  
  9. Aus    und    folgt  
  10. Aus    und    folgt  

Beweis

Siehe Aufgabe 4.9.



In einem angeordneten Körper gelten die folgenden Eigenschaften.

  1. Aus    folgt auch  
  2. Aus    folgt auch  
  3. Für    ist    genau dann, wenn    ist.
  4. Aus    folgt  
  5. Für positive Elemente ist    äquivalent zu  



Es sei ein angeordneter Körper. Zu , , nennt man

    •   

    das abgeschlossene Intervall.

    •   

    das offene Intervall.

    •   

    das linksseitig offene Intervall.

    •   

    das rechtsseitig offene Intervall.

    Für das offene Intervall wird häufig auch geschrieben. Die Zahlen und heißen die Grenzen des Intervalls, genauer spricht man von oberer und unterer Grenze. Die Bezeichnung linksseitig und rechtsseitig bei den beiden letzten Intervallen (die man auch als halboffen bezeichnet) rühren von der üblichen Repräsentierung der reellen Zahlen als Zahlengerade her, bei der rechts die positiven Zahlen stehen. Zutreffender (also weniger konventionsverhaftet) wäre es von „größerseitig offen“ und „kleinerseitig offen“ zu sprechen. Manchmal werden auch Schreibweisen wie verwendet. Dies bedeutet nicht, dass es in ein Element gibt, sondern ist lediglich eine kurze Schreibweise für . Diese Teilmengen nennt man auch unbeschränkte Intervalle, die Intervalle der Definition heißen auch genauer beschränkte Intervalle.

    Ein äquivalenter Zugang zum Begriff des angeordneten Körpers funktioniert so: Man hat einen Körper , bei dem eine Teilmenge    (die „positive Hälfte“) ausgezeichnet ist mit den folgenden Eigenschaften

    1. Entweder    oder    oder  
    2. Aus    folgt  
    3. Aus    folgt  

    In einem angeordneten Körper erfüllen die positiven Elemente diese Bedingungen. Man kann aber umgekehrt aus einem Körper mit einer solchen positiven Teilmenge einen angeordneten Körper machen, indem man

    definiert, siehe Aufgabe 4.37.



    Der Betrag

    In einem angeordneten Körper ist der Betrag eines Elementes    folgendermaßen definiert.

    Der Betrag ist also nie negativ (da aus die Beziehung folgt, vergleiche Aufgabe 4.7) und hat nur bei    den Wert , sonst ist er immer positiv. Die Gesamtabbildung

    nennt man auch Betragsfunktion. Der Funktionsgraph setzt sich aus zwei Halbgeraden zusammen; eine solche Funktion nennt man auch stückweise linear.



    Es sei ein angeordneter Körper.

    Dann erfüllt die Betragsfunktion

    folgende Eigenschaften (dabei seien beliebige Elemente in ).
    1. Es ist  
    2. Es ist    genau dann, wenn    ist.
    3. Es ist    genau dann, wenn    oder    ist.
    4. Es ist  
    5. Es ist  
    6. Für    ist  
    7. Es ist    (Dreiecksungleichung für den Betrag).
    8. Es ist  

    Beweis

    Siehe Aufgabe 4.31.


    Die Zahl nennt man auch den Abstand der beiden Zahlen und .



    Bernoulli'sche Ungleichung



    Es sei ein angeordneter Körper und eine natürliche Zahl. Dann gilt für jedes  mit die Abschätzung

    Wir führen Induktion über . Bei    steht beidseitig , sodass die Aussage gilt. Es sei nun die Aussage für bereits bewiesen. Dann ist

    da Quadrate (und positive Vielfache davon) in einem angeordneten Körper nichtnegativ sind.




    Archimedisch angeordnete Körper

    Wenn man sich wie üblich die reellen Zahlen als Zahlengerade vorstellt, so ist das nächste Axiom selbstverständlich. Es gibt aber auch sehr interessante angeordnete Körper, in denen dieses Axiom nicht gilt; es gilt auch nicht im Rahmen der sogenannten Nichtstandardanalysis.



    Es sei ein angeordneter Körper. Dann heißt archimedisch angeordnet, wenn das folgende Archimedische Axiom gilt, d.h. wenn es zu jedem    eine natürliche Zahl mit

    gibt.

    Diese Eigenschaft ist für negative Elemente stets erfüllt, für positive Elemente handelt es sich aber um eine echte neue Bedingung, die nicht jeder angeordnete Körper erfüllt. Die rationalen Zahlen und die reellen Zahlen bilden jeweils einen archimedisch angeordneten Körper, ein nicht-archimedisch angeordneter Körper wird in Aufgabe 11.34 besprochen. Einen archimedisch angeordneten Körper kann man sich als eine Zahlengerade vorstellen, auf denen auch die ganzen Zahlen liegen. Mit Zahlengerade wird noch nichts genaues über „Lücken“ oder „Kontinuität“ behauptet.


    Die folgende wichtige Aussage sollte man so lesen: Egal wie groß ist und egal wie klein ein positives ist, man kann stets mit hinreichend vielen die Zahl übertreffen. Egal wie kurz eine Strecke ist, wenn man sie hinreichend oft hintereinander legt, übertrifft man damit jede beliebig lange Strecke. Mit Sandkörnern beliebig kleiner Größe kann man eine beliebig große Sanddüne aufbauen.


    Es sei ein archimedisch angeordneter Körper.

    Dann gibt es zu    mit    stets ein    mit  

    Wir betrachten . Aufgrund des Archimedes-Axioms gibt es ein mit  .  Da positiv ist, gilt nach Lemma 4.5  (6) auch  



    Es sei ein archimedisch angeordneter Körper. Es sei  

    Dann gibt es eine natürliche Zahl    mit  

    Es ist eine nach Lemma 4.6  (1) positive Zahl und daher gibt es eine natürliche Zahl    mit  .  Dies ist nach Lemma 4.6  (4) äquivalent zu


    Im folgenden Lemma verwenden wir, dass man zunächst die ganzen Zahlen in einem angeordneten Körper wiederfindet und dass man dann auch die rationalen Zahlen in wiederfindet. Die rationale Zahl ist als das Element zu interpretieren, siehe auch Aufgabe 4.19.



    Es sei ein archimedisch angeordneter Körper.

    Dann gibt es zwischen je zwei Elementen    auch eine rationale Zahl (mit ) mit

    Wegen    ist    und daher gibt es nach Lemma 4.14 ein    mit  .  Nach Lemma 4.13 gibt es auch ein    mit

    und ein    mit

    Daher gibt es auch ein    derart, dass

    ist. Damit ist einerseits

    und andererseits

    wie gewünscht.


    In einem archimedisch angeordneten Körper bilden die ganzzahligen Intervalle , , eine disjunkte Überdeckung, d.h. es ist

    und    für    Deshalb ist die folgende Definition sinnvoll.



    Es sei ein archimedisch angeordneter Körper und  .  Die Gaußklammer von ist durch

    definiert.

    Da die Werte der Gaußklammer die ganzen Zahlen sind, kann man die Gaußklammer auch als eine Abbildung auffassen.



    Es sei ein archimedisch angeordneter Körper und  

    Dann gibt es zu jedem    eine natürliche Zahl    mit

    Wir schreiben  mit . Aufgrund von Lemma 4.13 gibt es eine natürliche Zahl mit  .  Damit gilt unter Verwendung der Bernoulli-Ungleichung die Abschätzung



    Fußnoten
    1. Man beachte, dass hier negativ in einem neuen Sinn auftritt. In jedem Körper gibt zu jedem Element    das negative Element , also das Inverse von bezüglich der Addition. Das Element ist aber nicht in einem absoluten Sinn negativ, sondern nur in Bezug auf . Dagegen gibt es in einem angeordneten Körper wirklich negative und positive Elemente.


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