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Kurs:Grundkurs Mathematik (Osnabrück 2016-2017)/Teil II/Vorlesung 57

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Unabhängige Ereignisse

Zwei Ereignisse E und F in einem endlichen Wahrscheinlichkeitsraum (M,P) heißen unabhängig, wenn

P(EF)=P(E)P(F)

ist.

Man spricht auch von stochastischer Unabhängigkeit. Wenn die Ereignisse nicht unabhängig sind, werden sie abhängig genannt.



Lemma  

Es sei (M,P) ein endlicher Wahrscheinlichkeitsraum.

  1. Jedes Ereignis ist zu und zu M unabhängig.
  2. Wenn die Ereignisse E und F unabhängig sind, so sind auch E und MF unabhängig.
  3. Wenn ein Ereignis E zu sich selbst unabhängig ist, so ist
    P(E)=0 oder 1.

Beweis  

  1. Für die leere Menge gilt
    P(E)=P()=0=P(E)P()

    und für die Gesamtmenge ist

    P(EM)=P(E)=P(E)1=P(E)P(M).
  2. Seien E und F unabhängig. Dann ist nach Lemma 55.7  (3)
    P(E(MF))=P(EEF)=P(E)P(EF)=P(E)P(E)P(F)=P(E)(1P(F))=P(E)P(MF),
    was die behauptete Unabhängigkeit bedeutet.
  3. Die Unabhängigkeit von E mit sich selbst bedeutet
    P(E)=P(EE)=P(E)P(E)=P(E)2,

    diese Gleichung erfüllen nur die Zahlen 0 und 1.



Wir betrachten einen Würfelwurf mit dem Laplace-Raum {1,2,3,4,5,6} und dabei die Ereignisse

G={2,4,6},
U={1,3,5}

und

E={1,2}.

Die Ereignisse E und G sind unabhängig, da

EG={2}

und somit

P(EG)=16=1312=P(E)P(G).

Ebenso sind E und U unabhängig (dies folgt auch aus Lemma 57.2  (2)). Dagegen sind G und U nicht unabhängig, da

GU=

ist, aber beide Ereignisse eine positive Wahrscheinlichkeit haben.



In einem Papageienhaus sind die beiden Geschlechter gleichmäßig verteilt und ebenso sind die Farben rot, gelb und grün gleichmäßig und unabhängig vom Geschlecht verteilt. Dann ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein zufällig ausgewählter Papagei ein rotes Weibchen ist, gleich

1213=16.


Wir betrachten die Ziehung der Lottozahlen. Sind die Ereignisse, dass zwei bestimmte Zahlen gezogen werden, unabhängig voneinander? Dazu müssen wir die relevanten Wahrscheinlichkeiten berechnen. Die Wahrscheinlichkeit, dass eine bestimmte Zahl, sagen wir die 17 gezogen wird, ist 649. Dies ergibt sich beispielsweise aus

(485)(496)=484744541494844651=649.

Diese Wahrscheinlichkeit ist für jede Zahl gleich. Die Wahrscheinlichkeit, dass zwei Zahlen gezogen werden, sagen wir die 17 und die 31, ist

(474)(496)=474645444321494844651=654948=5498=5392=0,012755102.

Die Produktwahrscheinlichkeit der beiden einzelnen Ereignisse ist hingegen

649649=362401=0,014993753....

Die Ereignisse sind also nicht unabhängig.



Es sei ein Laplace-Raum M gegeben, dessen Anzahl eine Primzahl p ist. Dann sind zwei Ereignisse  E,FM  nur dann unabhängig, wenn eines von ihnen leer oder gleich M ist. Die Unabhängigkeitsbedingung bedeutet ja für einen Laplace-Raum

#(EF)p=#(E)p#(F)p.

Dies bedeutet

p#(EF)=#(E)#(F).

Somit teilt die Primzahl p das Produkt #(E)#(F). Nach dem Lemma von Euklid kann das nur sein, wenn p einen der Faktoren teilt. Dann muss aber die Anzahl eines Faktors, sagen wir von #(E), gleich 0 oder p sein, was  E=  oder  E=M  bedeutet.


Zu einer Produktmenge M1××Mn und zu i{1,,n} heißt die Abbildung

M1××MnMi,(x1,,xn)xi,

die i-te Projektion. Zu einer Teilmenge  TMi  nennen wir das Urbild

pi1(T)=M1××Mi1×T×Mi+1××Mn

auch den Zylinder über T.



Lemma  

Es seien (M1,P1),,(Mn,Pn) endliche Wahrscheinlichkeitsräume und

M=M1××Mn

der Produktraum.

Dann sind zu Ereignissen  EiMi  und  EjMj  mit  ij  die Zylindermengen qi1(Ei) und qj1(Ej) unabhängig.

Beweis  

Es ist (sagen wir i<j)

qi1(Ei)qj1(Ej)=(M1××Mi1×Ei×Mi+1××Mn)(M1××Mj1×Ej×Mj+1××Mn)=M1××Mi1×Ei×Mi+1××Mj1×Ej×Mj+1××Mn,

somit folgt die Aussage aus Lemma 56.4  (2).


Diese Aussage bedeutet beispielsweise, dass bei der Hintereinanderausführung von Münzwürfen der i-te Münzwurf vom j-ten Münzwurf (ij) unabhängig ist. Dies ist natürlich intuitiv klar, die vorstehende Aussage ist eine Bestätigung dafür, dass die Modellierung eines wiederholten Experimentes durch einen Produktraum und das oben formulierte Konzept der Unabhängigkeit sinnvoll sind.


Es sei ein endlicher Wahrscheinlichkeitsraum (M,P) gegeben. Die Ereignisse

E1,,EkM

heißen paarweise unabhängig, wenn

P(EiEj)=P(Ei)P(Ej)

für alle  ij  ist.

Das bedeutet einfach, dass je zwei Mengen der Ei unabhängig sind.


Es sei ein endlicher Wahrscheinlichkeitsraum (M,P) gegeben. Die Ereignisse  E1,,EkM  heißen vollständig unabhängig, wenn für jedes r, 2rk, und jede r-elementige Teilmenge  I{1,,k}  die Gleichheit

P(iIEi)=iIP(Ei)

gilt.

Da insbesondere für zweielementige Teilmengen diese Gleichung gelten muss, impliziert die vollständige Unabhängigkeit die paarweise Unabhängigkeit. Wenn I die Form

I={i1,,ir}

hat, so bedeutet die Unabhängigkeit einfach

P(Ei1Eir)=P(Ei1)P(Eir).

Das folgende Beispiel zeigt, dass die vollständige Unabhängigkeit echt stärker als die paarweise Unabhängigkeit ist.


Wir betrachten einen dreifachen Münzwurf, also den Wahrscheinlichkeitsraum {Z,K}3 mit  p=12.  Das Ereignis, dass bei den ersten beiden Würfen das gleiche Ergebnis herauskommt (also beide Mal Kopf oder beidemal Zahl), sei mit E bezeichnet, das Ereignis, dass beim ersten und beim dritten Wurf das gleiche Ergebnis herauskommt, sei mit F bezeichnet, und das Ereignis, dass beim zweiten und beim dritten Wurf das gleiche Ergebnis herauskommt, sei mit G bezeichnet. Wir behaupten, dass diese Ereignisse paarweise unabhängig sind, aber nicht vollständig unabhängig. Zu E gehören genau die Elementarereignisse der Form (K,K,X) und (Z,Z,X), das sind vier Stück. Somit ist die Wahrscheinlichkeit der Einzelereignisse E,F,G stets 12. Das Ereignis E und F tritt genau dann ein, wenn alle drei Münzwürfe das gleiche Ergebnis haben, also nur bei (K,K,K) oder (Z,Z,Z). Die Wahrscheinlichkeit davon ist also

P(EF)=28=14=1212=P(E)P(F).

Entsprechendes gilt für die Paare E und G und F und G. Wenn man dagegen alle drei Ereignisse miteinander schneidet, so ist

EFG={(K,K,K),(Z,Z,Z)}=EF=EG=FG.

Die Wahrscheinlichkeit davon ist nach wie vor 14, aber das Produkt der drei Einzelwahrscheinlichkeiten ist

(12)3=18.


Es werde eine Münze n-mal hintereinander geworfen. Wir interessieren uns für die Ereignisse Ei, dass sich das Ergebnis vom i1-ten zum i-ten Wurf ändert (i=2,,n). Sind diese Ereignisse vollständig unabhängig? Das ist nicht so unmittelbar klar, da ja Ei und Ei+1 beide auf den i-ten Wurf Bezug nehmen. Trotzdem sind diese Ereignisse vollständig unabhängig. Es sei dazu  2i1<i2<<irn  fixiert. Ein Wechsel an der i-ten Stelle (verglichen zum Vorgängerwurf) hat die Wahrscheinlichkeit 12. Wenn Ei gelten soll, so ist der i-te Würfelwurf durch das Ergebnis des (i1)-ten Würfelwurfs festgelegt. Wenn das Ereignis Ei1Ei2Eir gelten soll, so gibt es keinerlei Bedingung an den Stellen i mit  iij  für alle j, während dadurch an den Stellen ij alles fixiert ist. Somit gibt es 2nr günstige Kombinationen für dieses Durchschnittsereignis. Seine Wahrscheinlichkeit ist somit

2nr2n=12r=(12)r,

was mit dem Produkt der Einzelwahrscheinlichkeiten übereinstimmt.




Lemma  

Es seien (M1,P1),,(Mn,Pn) endliche Wahrscheinlichkeitsräume und

M=M1××Mn

der Produktraum. Es seien Ereignisse  E1M1,   E2M2,...,   EnMn  gegeben und es seien Ei~ die zugehörigen Zylindermengen im Produktraum, also

Ei~=M1××Mi1×Ei×Mi+1××Mn=qi1(Ei).

Dann sind die Ereignisse E1~,,En~ vollständig unabhängig.

Beweis  

Es sei  I{1,,n}.  Dann ist

iIEi~=F1×F2××Fn

wobei

Fj=Ej

ist, falls  jI  ist, und andernfalls

Fj=Mj.

Nach Lemma 56.4  (2) ist

P(iIEi~)=j=1nPj(Fj)=iIPi(Ei)=iIP(Ei~),

was die vollständige Unabhängigkeit bedeutet.



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