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Kurs:Mathematik für Anwender (Osnabrück 2020-2021)/Teil II/Vorlesung 35

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Metrische Räume

Es sei M eine Menge. Eine Abbildung d:M×M heißt Metrik (oder Distanzfunktion), wenn für alle  x,y,zM  die folgenden Bedingungen erfüllt sind:

  1.  d(x,y)=0  genau dann, wenn  x=y  ist (Definitheit),
  2.  d(x,y)=d(y,x)  (Symmetrie), und
  3.  d(x,y)d(x,z)+d(z,y)  (Dreiecksungleichung).

Ein metrischer Raum ist ein Paar (M,d), wobei M eine Menge und d:M×M eine Metrik ist.

Man kann leicht aus den Bedingungen folgern, dass eine Metrik nur nichtnegative Werte annimmt. Der Wert d(x,y) gibt den Abstand der Punkte x und y bezüglich d an. Oft wird die Metrik nicht in der Notation erwähnt, obwohl es Situationen gibt, in denen verschiedene Metriken auf ein- und derselben Menge betrachtet werden.


Es sei V ein euklidischer Vektorraum und

d(v,w):=vw:=vw,vw

der zugehörige Abstand. Dieser besitzt nach Lemma 34.10 die Eigenschaften einer Metrik. Insbesondere ist im n der durch

d(x,y)=(x1y1)2+(x2y2)2++(xnyn)2

gegebene euklidische Abstand eine Metrik.


Wenn wir nichts anderes sagen, so versehen wir den n und den  n2n  stets mit dem euklidischen Abstand. Insbesondere sind die reellen Zahlen und die komplexen Zahlen  2  mit der durch den Betrag definierten Metrik metrische Räume. Als gemeinsame Bezeichnung für und werden wir wieder 𝕂 verwenden.

Die Summenmetrik heißt auch Taxi-Metrik. Die grüne Linie repräsentiert den euklidischen Abstand, die anderen repräsentieren den Summenabstand.

Auf dem n ist

d(x,y)=i=1n|xiyi|

eine Metrik, die man die Summenmetrik nennt.



Auf dem n ist

d(x,y)=max(|xiyi|,i=1,,n)

eine Metrik, die man die Maximumsmetrik nennt.



Es sei (M,d) ein metrischer Raum und  TM  eine Teilmenge. Dann ist T ebenfalls ein metrischer Raum, wenn man

dT(x,y):=d(x,y)

für alle  x,yT  setzt. Diese Metrik heißt die induzierte Metrik.



Zu einer beliebigen Menge M kann man durch

d(x,y):={0, falls x=y,1, falls xy,

eine Metrik definieren, die die diskrete Metrik heißt.




Teilmengen in metrischen Räumen
Die Gestalt der Kugelumgebungen hängt von der Metrik ab.

Es sei (M,d) ein metrischer Raum,  xM  und  ϵ>0  eine positive reelle Zahl. Es ist

U(x,ϵ)={yMd(x,y)<ϵ}

die offene und

B(x,ϵ)={yMd(x,y)ϵ}

die abgeschlossene ϵ-Kugel um x.

Natürlich müssen Kugeln nicht unbedingt kugelförmig aussehen, aber sie tun es in der euklidischen Norm. Für  x  ist U(x,ϵ) einfach das beidseitig offene Intervall ]xϵ,x+ϵ[ und B(x,ϵ) ist einfach das beidseitig abgeschlossene Intervall [xϵ,x+ϵ].

Eine Teilmenge ist offen, wenn jeder Punkt darin gleich mit einer vollen Kugelumgebung drin liegt. Bei einer solchen Menge ist es entscheidend, ob die Randpunkte dazu gehören oder nicht.



Es sei (M,d) ein metrischer Raum. Eine Teilmenge  UM  heißt offen (in (M,d)), wenn für jedes  xU  ein  ϵ>0  mit

U(x,ϵ)U

existiert.


Es sei (M,d) ein metrischer Raum. Eine Teilmenge  AM  heißt abgeschlossen, wenn das Komplement MA offen ist.

Achtung! Abgeschlossen ist nicht das „Gegenteil“ von offen. Die „allermeisten“ Teilmengen eines metrischen Raumes sind weder offen noch abgeschlossen, es gibt aber auch Teilmengen, die sowohl offen als auch abgeschlossen sind, z.B. die leere Teilmenge und die Gesamtmenge.



Lemma  

Es sei M ein metrischer Raum und  xM  ein Punkt.

Dann sind die offenen Kugeln U(x,ϵ) offen und die abgeschlossenen Kugeln B(x,ϵ) abgeschlossen.

Beweis  

Sei  yU(x,ϵ),  d.h. es ist  d(x,y)<ϵ.  Wir setzen  a=ϵd(x,y)>0  und behaupten, dass  U(y,a)U(x,ϵ)  ist. Dazu sei  zU(y,a).  Dann ist aufgrund der Dreiecksungleichung

d(x,z)d(x,y)+d(y,z)<d(x,y)+a=ϵ

und somit  zU(x,ϵ).  Für die zweite Behauptung siehe Aufgabe 35.7.



Es sei (M,d) ein metrischer Raum. Dann gelten folgende Eigenschaften.

  1. Die leere Menge und die Gesamtmenge M sind offen.
  2. Es sei I eine beliebige Indexmenge und seien Ui, iI, offene Mengen. Dann ist auch die Vereinigung
    iIUi

    offen.

  3. Es sei I eine endliche Indexmenge und seien Ui, iI, offene Mengen. Dann ist auch der Durchschnitt
    iIUi

    offen.

Beweis

Siehe Aufgabe 35.9.



Folgen in metrischen Räumen

Wir besprechen die Konvergenz einer Folge in einem metrischen Raum. Eine Folge im 2 ist beispielsweise durch

xn=(cosn,sinn),n.

Es handelt sich um eine Folge, die sich auf dem Einheitskreis bewegt, und zwar dreht sich der Punkt um die Bogenlänge 1 (also um ca. 57,3 Grad). Die Folgenglieder nähern sich also nicht untereinander an, sodass keine Konvergenz zu erwarten ist. Bei der Folge

yn=(1ncosn,1nsinn),n,

bewegen sich die Glieder auf einer „gedachten Spirale“. Die Punkte drehen sich nach wie vor um den gleichen Winkel, allerdings wird der Abstand zum Nullpunkt immer kleiner, sodass man Konvergenz gegen 0 erwarten kann.


Es sei (M,d) ein metrischer Raum und sei (xn)n eine Folge in M. Man sagt, dass die Folge gegen  xM  konvergiert, wenn folgende Eigenschaft erfüllt ist.

Zu jedem ϵ, ϵ>0, gibt es ein  n0  derart, dass für alle  nn0  die Beziehung

d(xn,x)ϵ

gilt. In diesem Fall heißt x der Grenzwert oder der Limes der Folge. Dafür schreibt man auch

limnxn=x.

Wenn die Folge einen Grenzwert besitzt, so sagt man auch, dass sie konvergiert (ohne Bezug auf einen Grenzwert), andernfalls, dass sie divergiert.

Diese Definition stimmt natürlich für  M=  mit unserem bisherigen Begriff für konvergente Folge überein. Allerdings hatten wir, als wir diesen Begriff für angeordnete Körper einführten, die reellen Zahlen selbst noch nicht zur Verfügung. Die Bedingung kann man auch so ausdrücken, dass für  nn0  stets  xnB(x,ϵ)  ist. Da die Eigenschaft für alle positiven ϵ gilt, kann man genauso gut mit offenen Bällen arbeiten.



Lemma  

Der m sei mit der euklidischen Metrik versehen und sei (zn)n eine Folge in m mit

zn=(z1n,,zmn).

Dann konvergiert die Folge im m genau dann, wenn alle Komponentenfolgen (zin)n in konvergieren.

Beweis  

Es sei die Gesamtfolge konvergent gegen  w=(w1,,wm).  Wir behaupten, dass die i-te Komponentenfolge (zin)n gegen wi konvergiert. Es sei (ohne Einschränkung)  i=1  und  ϵ>0  vorgegeben. Wegen der Konvergenz der Gesamtfolge gibt es ein  n0  mit  d(zn,w)ϵ  für alle  nn0.  Daher ist

|z1nw1|=(z1nw1)2(z1nw1)2+(z2nw2)2++(zmnwm)2=d(zn,w)ϵ.

Es seien nun alle Komponentenfolgen konvergent, wobei die i-te Folge den Grenzwert wi besitzen möge, und sei ein  ϵ>0  vorgegeben. Wir setzen  w=(w1,,wm)  und behaupten, dass die Folge gegen w konvergiert. Zu ϵ/m gibt es für jede Komponentenfolge ein n0i derart, dass  |zinwi|ϵ/m  für alle  nn0i  gilt. Dann gilt für alle

nn0:=max(n0i,i=1,,m)

die Beziehung

d(zn,w)=(z1nw1)2++(zmnwm)2(ϵm)2++(ϵm)2=ϵ2m=ϵmϵ.

Insbesondere konvergiert eine Folge von komplexen Zahlen genau dann, wenn die zugehörigen Folgen der Realteile und der Imaginärteile konvergieren.

Für eine konvergente reelle Folge (xn)n haben wir im ersten Semester die Eigenschaft kennengelernt, dass wenn sämtliche Folgenglieder a sind, dass dann auch der Limes a ist (für „>“ gilt das nicht). Die Hinrichtung der folgenden Aussage ist eine wesentliche Verallgemeinerung dieses Sachverhalts.


Satz  

Es sei (M,d) ein metrischer Raum und  TM  eine Teilmenge.

Dann ist T genau dann abgeschlossen, wenn jede Folge (xn)n in T, die in M konvergiert, bereits in T konvergiert.

Beweis  

Es sei zunächst T abgeschlossen und eine Folge  (xn)nT  gegeben, die in M gegen  xM  konvergiert. Wir müssen zeigen, dass  xT  ist. Angenommen, dies wäre nicht der Fall. Dann liegt x im offenen Komplement von T und daher gibt es ein  ϵ>0  derart, dass der gesamte ϵ-Ball U(x,ϵ) im Komplement von T liegt. Also ist

TU(x,ϵ)=.

Da die Folge aber gegen x konvergiert, gibt es ein n0 derart, dass alle Folgenglieder xn, nn0, zu diesem Ball gehören. Da sie andererseits in T liegen, ist dies ein Widerspruch.
  Es sei nun T nicht abgeschlossen. Wir müssen eine Folge in T konstruieren, die in M konvergiert, deren Grenzwert aber nicht zu T gehört. Da T nicht abgeschlossen ist, ist das Komplement  U:=MT  nicht offen. D.h. es gibt einen Punkt  xU  derart, dass in jedem ϵ-Ball von x auch Punkte außerhalb von U, also in T liegen. Insbesondere ist also für jede natürliche Zahl  n+  der Durchschnitt

TU(x,1n).

Wir wählen aus dieser Schnittmenge ein Element xn und behaupten, dass die sich ergebende Folge die gewünschten Eigenschaften besitzt. Zunächst liegen nach Konstruktion alle Folgenglieder in T. Die Folge konvergiert gegen x, da man sich hierzu auf

ϵ=1/n

beschränken kann und alle Folgenglieder xm, mn, in  U(x,1m)U(x,1n)  liegen. Da der Grenzwert einer Folge im Falle der Existenz eindeutig bestimmt ist, und  xT  ist, konvergiert die Folge in T nicht.




Berührpunkte



Es sei (M,d) ein metrischer Raum und  TM  eine Teilmenge. Ein Punkt  aM  heißt Berührpunkt von T, wenn zu jedem  ϵ>0  der Durchschnitt

TU(a,ϵ).

Beispielsweise sind 0 und 1 Berührpunkte des offenen Intervalls ]0,1[ oder 0 ist ein Berührpunkt von {0}. Oft ist T der Definitionsbereich einer Abbildung f in einen weiteren metrischen Raum N und man fragt sich, ob es eine sinnvolle Fortsetzung von f in einen Berührpunkt  PT  gibt. Siehe insbesondere die 37. Vorlesung.


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