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Kurs:Analysis (Osnabrück 2014-2016)/Teil I/Vorlesung 6

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Rechenregeln für Folgen



Lemma  

Es sei K ein angeordneter Körper und es seien (xn)n und (yn)n konvergente Folgen in K. Dann gelten folgende Aussagen.

  1. Die Folge (xn+yn)n ist konvergent und es gilt
    limn(xn+yn)=(limnxn)+(limnyn).
  2. Die Folge (xnyn)n ist konvergent und es gilt
    limn(xnyn)=(limnxn)(limnyn).
  3. Für  cK  gilt
    limncxn=c(limnxn).
  4. Es sei  limnxn=x0  und  xn0  für alle  n.  Dann ist (1xn)n ebenfalls konvergent mit
    limn1xn=1x.
  5. Es sei  limnxn=x0  und  xn0  für alle  n.  Dann ist (ynxn)n ebenfalls konvergent mit
    limnynxn=limnynx.

Beweis  

(2). Sei  ϵ>0  vorgegeben. Die konvergente Folge (xn)n ist nach Lemma 5.9 insbesondere beschränkt und daher existiert ein  D>0  mit  |xn|D  für alle  n.  Sei x:=limnxn und y:=limnyn. Wir setzen  C:=max{D,|y|}.  Aufgrund der Konvergenz gibt es natürliche Zahlen N1 und N2 mit

|xnx|ϵ2C für nN1 und |yny|ϵ2C für nN2.

Diese Abschätzungen gelten dann auch für alle  nN:=max{N1,N2}.  Für diese Zahlen gilt daher

|xnynxy|=|xnynxny+xnyxy||xnynxny|+|xnyxy|=|xn||yny|+|y||xnx|Cϵ2C+Cϵ2C=ϵ.

(4). Da der Limes der Folge (xn)n nicht 0 ist, gilt für  nN1  die Bedingung  |xn||x|2  und damit

1|xn|2|x|.

Es sei  ϵ>0  vorgegeben. Wegen der Konvergenz von (xn)n gibt es ein N2 mit

|xnx|ϵ|x|22 für alle nN2.

Dann gilt für alle  nN:=max{N1,N2}  die Abschätzung

|1xn1x|=|xnxxxn|=1|x||xn||xnx|2|x|2ϵ|x|22=ϵ.



Es sei K ein angeordneter Körper und es seien (xn)n und (yn)n konvergente Folgen mit  xnyn  für alle  n

Dann ist

limnxnlimnyn.

Beweis

Siehe Aufgabe 6.6.


Daraus folgt insbesondere, dass bei einer konvergenten Folge, für die  xna  für jedes Folgenglied gilt, auch der Limes a sein muss (die entsprechende Aussage für > statt gilt nicht, wie die Folge der Stammbrüche zeigt). Ebenso folgt, dass zu einer Folge  (xn)n[a,b],  die konvergiert, auch der Grenzwert zu dem abgeschlossenen Intervall gehören muss.

Die folgende Aussage nennt man das Quetschkriterium.


Es sei K ein angeordneter Körper und es seien (xn)n,(yn)n und (zn)n drei Folgen in K. Es gelte

xnynzn für alle n

und (xn)n und (zn)n konvergieren beide gegen den gleichen Grenzwert a.

Dann konvergiert auch (yn)n gegen diesen Grenzwert a.

Beweis

Siehe Aufgabe 6.7.

Es sei K ein angeordneter Körper und sei (xn)n eine Folge in K. Dann heißt die Folge wachsend, wenn  xn+1xn  ist für alle  n,  und streng wachsend, wenn  xn+1>xn  ist für alle  n.  Die Folge heißt fallend, wenn  xn+1xn  ist für alle  n  und streng fallend, wenn  xn+1<xn  ist für alle  n

Als gemeinsamen Begriff für wachsende oder fallende Folgen verwendet man die Bezeichnung monotone Folgen.

Man stelle sich nun eine wachsende Folge vor, die aber dennoch (nach oben) beschränkt ist. Muss eine solche Folge konvergieren? Das hängt vom angeordneten Körper ab! Innerhalb der rationalen Zahlen sind beispielsweise die mit dem Heronverfahren konstruierten Folgen fallend (wenn man mit einem zu großen Startwert anfängt) und auch beschränkt (durch jede rationale Zahl, deren Quadrat kleiner als a ist), sie besitzen aber im Allgemeinen keinen Limes in . Die reellen Zahlen , denen wir uns jetzt zuwenden, sind gerade dadurch ausgezeichnet, dass darin jede wachsende (fallende), nach oben (unten) beschränkte Folge einen Grenzwert besitzt.



Cauchy-Folgen

Ein Problem des Konvergenzbegriffes ist, dass zur Formulierung der Grenzwert verwendet wird, den man unter Umständen noch gar nicht kennt. Wenn man beispielsweise die durch das babylonische Wurzelziehen konstruierte Folge (un)n (sagen wir zur Berechnung von 5) mit einem rationalen Startwert betrachtet, so ist dies eine Folge aus rationalen Zahlen. Wenn wir diese Folge in einem beliebigen angeordneten Körper betrachten, in dem 5 existiert, so ist die Folge konvergent. Innerhalb der rationalen Zahlen ist sie aber definitiv nicht konvergent. Es ist wünschenswert, allein innerhalb der rationalen Zahlen den Sachverhalt formulieren zu können, dass die Folgenglieder beliebig nahe zusammenrücken, auch wenn man nicht sagen kann, dass die Folgenglieder einem Grenzwert beliebig nahe zustreben. Dazu dient der Begriff der Cauchy-Folge.


Es sei K ein angeordneter Körper. Eine Folge (xn)n in K heißt Cauchy-Folge, wenn folgende Bedingung erfüllt ist.

Zu jedem ϵK, ϵ>0, gibt es ein  n0  derart, dass für alle  n,mn0  die Abschätzung

|xnxm|ϵ

gilt.



Lemma  

Es sei K ein angeordneter Körper. Dann ist eine Folge (xn)n genau dann eine Cauchy-Folge, wenn folgende Bedingung gilt: Zu jedem  ϵ>0  gibt es ein  n0  derart, dass für alle  mn0  die Abschätzung  |xmxn0|ϵ  gilt.

Beweis  

Eine Cauchy-Folge erfüllt auch die angegebene Bedingung, da man ja  n0=n  setzen kann.
Für die Umkehrung sei  ϵ>0  vorgegeben. Die Bedingung der Aussage gilt insbesondere für ϵ/2, d.h. es gibt ein n0 derart, dass für jedes  mn0  die Abschätzung

|xmxn0|ϵ2

gilt. Damit gilt aufgrund der Dreiecksungleichung für beliebige  m,nn0  die Abschätzung

|xmxn||xmxn0|+|xn0xn|ϵ2+ϵ2=ϵ,

sodass eine Cauchy-Folge vorliegt.



Satz  

Es sei K ein angeordneter Körper. Dann ist jede konvergente Folge

eine Cauchy-Folge.

Beweis  

Es sei (xn)n die konvergente Folge mit Grenzwert x. Sei  ϵ>0  gegeben. Wir wenden die Konvergenzeigenschaft auf ϵ/2 an. Daher gibt es ein n0 mit

|xnx|ϵ/2 für alle nn0.

Für beliebige  n,mn0  gilt dann aufgrund der Dreiecksungleichung

|xnxm||xnx|+|xxm|ϵ/2+ϵ/2=ϵ.
  Also liegt eine Cauchy-Folge vor.



Lemma  

Es sei K ein archimedisch angeordneter Körper. Es sei (xn)n eine wachsende, nach oben beschränkte Folge.

Dann ist (xn)n eine Cauchy-Folge.

Beweis  

Es sei  bK  eine obere Schranke, also  xnb  für alle Folgenglieder xn.  Wir nehmen an, dass (xn)n keine Cauchy-Folge ist, und verwenden die Charakterisierung aus Lemma 6.6. Somit gibt es ein  ϵ>0  derart, dass es für jedes n0 ein  m>n0  mit  xmxn0ϵ  gibt (wir können die Betragstriche wegen der Monotonie weglassen). Wir können daher induktiv eine wachsende Folge von natürlichen Zahlen definieren durch  n0=0

n1>n0 so, dass xn1xn0ϵ,
n2>n1 so, dass xn2xn1ϵ,

etc. Andererseits gibt es aufgrund des Archimedesaxioms ein  k  mit  kϵ>bx0.  Die Summe der ersten k Differenzen der Teilfolge xnj, j, ergibt

xnkx0=(xnkxnk1)+(xnk1xnk2)++(xn2xn1)+(xn1xn0)kϵ>bx0.

  Dies impliziert  xnk>b  im Widerspruch zur Voraussetzung, dass b eine obere Schranke der Folge ist.




Der Körper der reellen Zahlen

Ein angeordneter Körper K heißt vollständig oder vollständig angeordnet, wenn jede Cauchy-Folge in K konvergiert (also in K einen Grenzwert besitzt).


Einen archimedisch angeordneten vollständigen Körper nennt man Körper der reellen Zahlen. Er wird mit bezeichnet.

Die reellen Zahlen sind also ein vollständig und archimedisch angeordneter Körper. Diese Eigenschaften legen die reellen Zahlen eindeutig fest, d.h. wenn es zwei Modelle 1 und 2 gibt, die beide für sich genommen vollständig und archimedisch angeordnete Körper sind, so kann man eine (eindeutig bestimmte) bijektive Abbildung von 1 nach 2 angeben, die alle mathematischen Strukturen erhält (sowas nennt man einen Isomorphismus). Man kann auch sagen, dass die reellen Zahlen den größten archimedisch angeordneten Körper bilden ( ist der kleinste).

Die Existenz der reellen Zahlen ist nicht trivial. Vom naiven Standpunkt her kann man die Vorstellung einer lückenfreien „kontinuierlichen Zahlengerade“ zugrunde legen, und dies als Existenznachweis akzeptieren. In einer strengeren mengentheoretischen Begründung der Existenz geht man von aus und konstruiert die reellen Zahlen als die Menge der Dedekindschen Schnitte oder die Menge der Cauchy-Folgen in mit einer geeigneten Identifizierung. Darauf werden wir hier verzichten.

Statt von einem vollständig und archimedisch angeordneten Körper werden wir von nun an von den reellen Zahlen sprechen. Als Beweismittel sind aber lediglich die genannten Axiome erlaubt.


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