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Kurs:Analysis (Osnabrück 2014-2016)/Teil I/Vorlesung 7

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Weitere Eigenschaften der reellen Zahlen



Korollar  

Beweis  

Nach Voraussetzung ist die Folge wachsend und nach oben beschränkt oder fallend und nach unten beschränkt. Nach Lemma 6.8 liegt eine Cauchy-Folge vor, und diese konvergiert in .


Diese Aussage ist auch die Grundlage dafür, dass die Dezimalentwicklung stets eine (eindeutige) reelle Zahl definiert. Eine (unendliche) Dezimalentwicklung

a,a1a2a3

mit  a  (wir beschränken uns auf nichtnegative Zahlen) und  an{0,,9}  für alle  n  ist nämlich zu verstehen als die Folge der rationalen Zahlen

x0:=a,x1:=a+a1110,x2:=a+a1110+a2(110)2,etc.

Diese ist offenbar monoton wachsend. Wir werden in der übernächsten Vorlesung (siehe insbesondere Aufgabe 9.19) sehen, dass sie nach oben beschränkt ist (beispielsweise durch a+1), so dass dadurch in der Tat eine reelle Zahl definiert wird.

Eine weitere Möglichkeit, reelle Zahlen zu beschreiben, wird durch Intervallschachtelungen gegeben.


Es sei K ein angeordneter Körper. Eine Folge von abgeschlossenen Intervallen

In=[an,bn],n,

in K heißt eine Intervallschachtelung, wenn  In+1In  für alle  n  ist und wenn die Folge der Intervalllängen, also

(bnan)n,

gegen 0 konvergiert.



Es sei In, n, eine Intervallschachtelung in .

Dann besteht der Durchschnitt

nIn
aus genau einem Punkt

 x

Eine reelle Intervallschachtelung bestimmt also genau eine reelle Zahl.

Beweis

Siehe Aufgabe 7.19.


Genauer gilt, dass bei einer Intervallschachtelung sowohl die Folge der unteren Intervallgrenzen als auch die Folge der oberen Intervallgrenzen gegen ein und dieselbe Zahl konvergieren. Ebenso konvergiert jede Folge (xn)n mit  xnIn  gegen diesen Grenzwert, siehe Aufgabe 7.10.

Die Vollständigkeit der reellen Zahlen sichert auch die Existenz einer eindeutig bestimmten Quadratwurzel für eine nichtnegative reelle Zahl.


Satz  

Zu jeder nichtnegativen reellen Zahl  c0 

gibt es eine eindeutige nichtnegative reelle Zahl x mit  x2=c

Diese Zahl x heißt die Quadratwurzel von c und wird mit c bezeichnet.

Beweis  

Nach Aufgabe 5.1 kann es maximal zwei Zahlen geben, deren Quadrat gleich c ist, und diese Zahlen sind wegen

(x)2=(1)2x2=x2

negativ zueinander. Es kann also maximal nur eine nichtnegative Quadratwurzel geben. Die Existenz wird durch das babylonische Wurzelziehen gesichert, das auch eine Intervallschachtelung beschreibt. Nach Satz 7.3 legt eine Intervallschachtelung eine eindeutig bestimmte reelle Zahl fest. Nennen wir diese Zahl x. Wir müssen zeigen, dass diese Zahl in der Tat eine Quadratwurzel von c ist, dass also  x2=c  ist. Bei c=0 ist dies klar, wir nehmen also  c>0  an. Die Intervallgrenzen sind rekursiv (bei einem Startwert x0>0) durch

xn+1=xn+cxn2

und cxn+1 bestimmt und die Folge xn konvergiert gegen x. Dies gilt auch für die „verschobene“ Folge xn+1. Nach den Rechengesetzen für konvergente Folgen gilt somit

x=x+cx2.

Dies ergibt

x=cx

und somit  x2=c


Bei einer wachsenden, nach oben beschränkten Folge (xn)n kann man den Grenzwert auch als das Supremum der Menge {xnn} auffassen . Insofern ist die folgende Aussage eine weitreichende Verallgemeinerung von Korollar 7.1.


Satz  

Jede nichtleere nach oben beschränkte Teilmenge der reellen Zahlen

besitzt ein Supremum in .

Beweis  

Es sei M eine nichtleere, nach oben beschränkte Teilmenge. Es sei x0M und y0 eine obere Schranke für M, d.h. es ist xy0 für alle xM. Wir konstruieren zwei Folgen (xn)n und (yn)n, wobei xnM wachsend, (yn)n fallend ist und jedes yn eine obere Schranke von M ist (sodass insbesondere xnyn für alle n ist), und so, dass (xn)n eine Cauchy-Folge ist. Dabei gehen wir induktiv vor, d.h. die beiden Folgen seien bis n bereits definiert und erfüllen die gewünschten Eigenschaften. Wir setzen

xn+1:={xn, falls [xn+yn2,yn]M=,ein beliebiger Punkt aus [xn+yn2,yn]M sonst.

und

yn+1:={xn+yn2, falls [xn+yn2,yn]M=,yn sonst.

Dieses Punktepaar erfüllt die gewünschten Eigenschaften, und es ist

ynxn(12)n(y0x0),

da in beiden Fällen der Abstand zumindest halbiert wird. Da die Folge (xn)n wachsend und nach oben beschränkt ist, konvergiert sie nach Korollar 7.1 gegen einen Grenzwert, sagen wir x. Ebenso ist die fallende Folge (yn)n nach unten beschränkt und konvergiert gegen denselben Grenzwert x.  Wir behaupten, dass dieses x das Supremum von M ist. Wir zeigen zuerst, dass x eine obere Schranke von M ist.  Sei dazu  z>x  für ein  zM  angenommen. Da die Folge (yn)n gegen x konvergiert, gibt es insbesondere ein n mit

xyn<z

im Widerspruch dazu, dass jedes yn eine obere Schranke von M ist.
 Für die Supremumseigenschaft müssen wir zeigen, dass x kleinergleich jeder oberen Schranke von M ist. Sei dazu u eine obere Schranke von M und  nehmen wir an, dass  x>u  ist. Da (xn)n gegen x konvergiert, gibt es wieder ein n mit

u<xnx

im Widerspruch dazu, dass u eine obere Schranke ist. Also liegt wirklich das Supremum vor.


Mit diesem Satz kann man einfach die Existenz von beliebigen Wurzeln nachweisen.


Es sei  a0  und  k.  Es sei

M={x0xka}.

Diese Menge ist wegen  0M  nicht leer und nach oben beschränkt (bei a1 ist 1 eine obere Schranke, sonst ist a eine obere Schranke). Es sei  s=sup(M),  das es nach Satz 7.5 geben muss. Dann ist  sk=a,  d.h. s ist eine k-te Wurzel von a, da sowohl die Annahme  sk<a  als auch die Annahme  sk>a,  zu einem Widerspruch führt, siehe Aufgabe 7.14.




Der Satz von Bolzano-Weierstraß


Die folgende Aussage heißt Satz von Bolzano-Weierstraß.


Satz  

Es sei (xn)n eine beschränkte Folge von reellen Zahlen.

Dann besitzt die Folge eine konvergente Teilfolge.

Beweis  

Die Folge (xn)n sei durch

a0xnb0

beschränkt. Wir definieren zuerst induktiv eine Intervallhalbierung derart, dass in den Intervallen unendlich viele Folgenglieder liegen. Das Startintervall ist  I0:=[a0,b0].  Es sei das k-te Intervall Ik bereits konstruiert. Wir betrachten die beiden Hälften

[ak,ak+bk2] und [ak+bk2,bk].

In mindestens einer der Hälften liegen unendlich viele Folgenglieder, und wir wählen als Intervall Ik+1 eine Hälfte mit unendlich vielen Gliedern. Da sich bei diesem Verfahren die Intervalllängen mit jedem Schritt halbieren, liegt eine Intervallschachtelung vor. Als Teilfolge wählen wir nun ein beliebiges Element

xnkIk

mit  nk>nk1.  Dies ist möglich, da es in diesen Intervallen unendlich viele Folgenglieder gibt. Diese Teilfolge konvergiert nach Aufgabe 7.10 gegen die durch die Intervallschachtelung bestimmte Zahl x.


Eine äquivalente Formulierung ist, dass jede beschränkte Folge in einen Häufungspunkt besitzt.



Die eulersche Zahl e

Wir besprechen eine Beschreibung der sogenannten eulerschen Zahl e.


Lemma  

Die Intervalle In=[an,bn], n1, mit den Grenzen

an=(1+1n)n und bn=(1+1n)n+1

definieren eine Intervallschachtelung.

Beweis  

Wegen  1+1n>1  ist klar, dass

an<an(1+1n)=bn

ist, sodass also wirklich Intervalle vorliegen.
Um zu zeigen, dass die Intervalle ineinander liegen, zeigen wir, dass die unteren Grenzen wachsend und die oberen Grenzen fallend sind. Wir betrachten zuerst (an)n. Aufgrund der Bernoulli-Ungleichung gilt

(11n2)n1n1n2=11n.

Dies schreiben wir als

n1n(n21n2)n=(n+1nn1n)n=(n+1n)n(n1n)n.

Daraus ergibt sich durch beidseitige Multiplikation mit (nn1)n (es sei n2.) die Abschätzung

an1=(nn1)n1(n+1n)n=an.

Für die oberen Intervallgrenzen bn ergibt die Bernoullische Ungleichung die Abschätzung

(1+1n21)n1+nn211+1n.

Daraus folgt

1+1n(n2n21)n=(nn1nn+1)n=(nn1)n(nn+1)n.

Durch beidseitige Multiplikation mit (n+1n)n ergibt sich

bn=(n+1n)n+1(nn1)n=bn1.

Wir betrachten schließlich die Intervalllängen. Diese sind

bnan=an(1+1n)an=an1nb1n

und konvergieren somit gegen 0.
  Also liegt insgesamt eine Intervallschachtelung vor.


Durch diese Intervallschachtelung ist aufgrund von Satz 7.3 eindeutig eine reelle Zahl bestimmt.


Die reelle Zahl

e:=limn(1+1n)n

heißt Eulersche Zahl.

Ihr numerischer Wert ist

e=2,718281828459.

Wir werden bei der Behandlung der Exponentialfunktion auf die eulersche Zahl zurückkommen und eine andere Beschreibung dafür kennenlernen.

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Arbeitsblatt zur Vorlesung (PDF)