Zum Inhalt springen

Kurs:Analysis (Osnabrück 2014-2016)/Teil I/Vorlesung 8

Aus Wikiversity



Die komplexen Zahlen

In dieser Vorlesung führen wir aufbauend auf die reellen Zahlen die komplexen Zahlen ein. Damit haben wir alle für die Anfängervorlesungen relevanten Zahlbereiche zur Verfügung. Die Konstruktion der reellen Zahlen aus den rationalen Zahlen ist einigermaßen kompliziert, obwohl die reellen Zahlen scheinbar vertraut sind. Dagegen ist die Einführung der komplexen Zahlen einfach, obwohl sie zunächst nicht vertraut aussehen.


Die Menge 2 mit 0:=(0,0) und 1:=(1,0), mit der komponentenweisen Addition und der durch

(a,b)(c,d):=(acbd,ad+bc)

definierten Multiplikation nennt man Körper der komplexen Zahlen. Er wird mit

bezeichnet.

Die Addition ist also einfach die vektorielle Addition im 2, während die Multiplikation eine neuartige Verknüpfung ist, die zwar numerisch einfach durchführbar ist, an die man sich aber dennoch gewöhnen muss. Wir werden in Korollar 21.8 noch eine geometrische Interpretation für die komplexe Multiplikation kennenlernen.



Die komplexen Zahlen

bilden einen Körper.

Beweis

Siehe Aufgabe 8.3.


Wir lösen uns von der Paarschreibweise und schreiben

a+bi:=(a,b).

Insbesondere ist  i=(0,1),  diese Zahl heißt imaginäre Einheit. Diese Zahl hat die wichtige Eigenschaft

i2=1.

Aus dieser Eigenschaft ergeben sich sämtliche algebraischen Eigenschaften der komplexen Zahlen durch die Körpergesetze. So kann man sich auch die obige Multiplikationsregel merken, es ist ja

(a+bi)(c+di)=ac+adi+bic+bidi=ac+bdi2+(ad+bc)i=acbd+(ad+bc)i.

Wir fassen eine reelle Zahl a als die komplexe Zahl  a+0i=(a,0)  auf. In diesem Sinne ist  .  Es ist gleichgültig, ob man zwei reelle Zahlen als reelle Zahlen oder als komplexe Zahlen addiert oder multipliziert.


Zu einer komplexen Zahl

z=a+bi

heißt

Re(z)=a

der Realteil von z und

Im(z)=b

heißt der Imaginärteil von z.

Man sollte sich allerdings die Menge der komplexen Zahlen nicht als etwas vorstellen, was weniger real als andere Zahlensysteme ist. Die Konstruktion der komplexen Zahlen aus den reellen Zahlen ist bei Weitem einfacher als die Konstruktion der reellen Zahlen aus den rationalen Zahlen. Allerdings war es historisch ein langer Prozess, bis die komplexen Zahlen als Zahlen anerkannt wurden; das Irreale daran ist, dass sie einen Körper bilden, der nicht angeordnet werden kann, und dass es sich daher scheinbar um keine Größen handelt, mit denen man sinnvollerweise etwas messen kann.

Man kann sich die komplexen Zahlen als die Punkte in einer Ebene vorstellen; für die additive Struktur gilt ja einfach  =2.  In diesem Zusammenhang spricht man von der Gaussschen Zahlenebene. Die horizontale Achse nennt man dann die reelle Achse und die vertikale Achse die imaginäre Achse.


Real- und Imaginärteil von komplexen Zahlen erfüllen folgende Eigenschaften (für z und w aus ).

  1. Es ist  z=Re(z)+Im(z)i
  2. Es ist  Re(z+w)=Re(z)+Re(w)
  3. Es ist  Im(z+w)=Im(z)+Im(w)
  4. Für  r  ist
    Re(rz)=rRe(z) und Im(rz)=rIm(z).
  5. Es ist  z=Re(z)  genau dann, wenn  z  ist, und dies ist genau dann der Fall, wenn  Im(z)=0  ist.

Beweis

Siehe Aufgabe 8.9.



Die Abbildung

,z=a+biz:=abi,

heißt komplexe Konjugation.

Zu z heißt z die konjugiert-komplexe Zahl von z. Geometrisch betrachtet ist die komplexe Konjugation zu  z  einfach die Achsenspiegelung an der reellen Achse.



Für die komplexe Konjugation gelten die folgenden Rechenregeln (für beliebige z,w).

  1. Es ist  z+w=z+w
  2. Es ist  z=z
  3. Es ist  zw=zw
  4. Für  z0  ist  1/z=1/z
  5. Es ist  z=z
  6. Es ist  z=z  genau dann, wenn  z  ist.

Beweis

Siehe Aufgabe 8.23.



Für eine komplexe Zahl z gelten die folgenden Beziehungen.

  1. Es ist  z=Re(z)Im(z)i
  2. Es ist  Re(z)=z+z2
  3. Es ist  Im(z)=zz2i

Beweis


Das Quadrat d2 einer reellen Zahl ist stets nichtnegativ, und die Summe von zwei nichtnegativen reellen Zahlen ist wieder nichtnegativ. Zu einer nichtnegativen reellen Zahl c gibt es eine eindeutige nichtnegative Quadratwurzel c, siehe Aufgabe 6.11. Daher liefert folgende Definition eine wohldefinierte nichtnegative reelle Zahl.


Zu einer komplexen Zahl

z=a+bi

ist der Betrag durch

|z|=a2+b2

definiert.

Der Betrag einer komplexen Zahl z ist aufgrund des Satzes des Pythagoras der Abstand von z zum Nullpunkt  0=(0,0).  Insgesamt ist der Betrag eine Abbildung

0,z|z|.

Die Menge aller komplexen Zahlen mit einem bestimmten Betrag bilden einen Kreis mit dem Nullpunkt als Mittelpunkt und mit dem Betrag als Radius. Insbesondere bilden alle komplexen Zahlen mit dem Betrag 1 den komplexen Einheitskreis. Die Zahlen auf dem komplexen Einheitskreis stehen durch die eulersche Formel in Beziehung zur komplexen Exponentialfunktion und zu den trigonometrischen Funktionen, siehe Satz 15.10 und Satz 21.5. Es sei hier erwähnt, dass das Produkt von zwei komplexen Zahlen auf dem Einheitskreis sich ergibt, indem man die zugehörigen Winkel, gemessen von der positiven reellen Achse aus gegen den Uhrzeigersinn, addiert.



Lemma  

Für den Betrag von komplexen Zahlen gelten folgende Eigenschaften.

  1. Es ist  |z|=z z
  2. Für reelles z stimmen reeller und komplexer Betrag überein.
  3. Es ist  |z|=0  genau dann, wenn  z=0  ist.
  4. Es ist  |z|=|z|
  5. Es ist  |zw|=|z||w|
  6. Für  z0  ist  |1/z|=1/|z|
  7. Es ist  |Re(z)|,|Im(z)||z|
  8. Es ist  |z+w||z|+|w|  (Dreiecksungleichung).

Beweis  

Wir zeigen die Dreiecksungleichung, für die anderen Aussagen siehe Aufgabe 8.12. Zunächst gilt nach (7) für jede komplexe Zahl u die Abschätzung  Re(u)|u|.  Daher ist

Re(zw)|z||w|,

und somit ist

|z+w|2=(z+w)(z+w)=zz+zw+wz+ww=|z|2+2Re(zw)+|w|2|z|2+2|z||w|+|w|2=(|z|+|w|)2.

Durch Wurzelziehen ergibt sich die gewünschte Abschätzung.

Mit dem Betrag kann man auch die offenen und die abgeschlossenen Kreisscheiben zu einem Mittelpunkt  P  und einem Radius  b+  definieren. Man nennt

B(P,b)={z|zP|b}

die abgeschlossene Kreisscheibe und

U(P,b)={z|zP|<b}

die offene Kreisscheibe.



Folgen von komplexen Zahlen

Mit Hilfe des Betrages kann man für zwei komplexe Zahlen  z1,z2  den Abstand durch

d(z1,z2):=|z1z2|

erklären. Dieser ist eine nichtnegative reelle Zahl. Mit diesem Abstandsbegriff lässt sich der Konvergenzbegriff für Folgen reeller Zahlen unmittelbar auf Folgen komplexer Zahlen verallgemeinern. Eine Folge komplexer Zahlen zn setzt sich aus zwei reellen Folgen zusammen: Jedes zn kann man als

zn=xn+iyn

schreiben, wobei eben xn der Realteil und yn der Imaginärteil von zn ist. Dabei gilt die Beziehung, dass die komplexe Folge zn genau dann konvergiert, wenn die beiden reellen Folgen xn und yn in konvergieren. Für den Grenzwert gilt dabei

limnzn=limnxn+ilimnyn,

siehe Aufgabe 8.13.

Mit dieser Beziehung kann man viele Gesetzmäßigkeiten für komplexe Folgen direkt aus der entsprechenden reellen Situation erhalten. Wir erwähnen explizit die folgenden Rechenregeln.


Es seien (xn)n und (yn)n konvergente Folgen in . Dann gelten folgende Aussagen.

  1. Die Folge (xn+yn)n ist konvergent und es gilt
    limn(xn+yn)=(limnxn)+(limnyn).
  2. Die Folge (xnyn)n ist konvergent und es gilt
    limn(xnyn)=(limnxn)(limnyn).
  3. Für  c  gilt
    limncxn=c(limnxn).
  4. Es sei  limnxn=x0  und  xn0  für alle  n.  Dann ist (1xn)n ebenfalls konvergent mit
    limn1xn=1x.
  5. Es sei  limnxn=x0  und  xn0  für alle  n.  Dann ist (ynxn)n ebenfalls konvergent mit
    limnynxn=limnynx.

Beweis

Siehe Aufgabe 8.14.



Quadratwurzeln von komplexen Zahlen

Die imaginäre Einheit i hat die wichtige Eigenschaft  i2=1.  Das Negative von i besitzt die gleiche Eigenschaft, nämlich

(i)2=(1)2i2=1.

Damit gibt es zu jeder negativen reellen Zahl c (mit c positiv) in die beiden Quadratwurzeln ci und ci. Im folgenden Beispiel zeigen wir, dass nicht nur jede reelle Zahl in eine Quadratwurzel besitzt, sondern überhaupt jede komplexe Zahl.


Es sei  z=a+bi  eine komplexe Zahl. Dann hat die komplexe Zahl

u=12(σ|z|+a+i|z|a)

mit dem Vorzeichen

σ={1, falls b0,1 falls b<0,

die Eigenschaft

u2=z.

Insbesondere besitzt also z zwei Quadratwurzeln, nämlich u und u, die bei  z=0  zusammenfallen.

Wir zeigen dies für den Fall

b0.

Dann ist

u2=(12(|z|+a+i|z|a))2=12(|z|+a(|z|a)+2i(|z|+a)(|z|a))=12(2a+2i|z|2a2)=12(2a+2ib2)=12(2a+2ib)=a+bi.

Daraus ergibt sich, dass innerhalb von jede quadratische Gleichung

az2+bz+c=0

mit a,b,c,a0, mindestens eine komplexe Lösung besitzt, siehe Aufgabe 8.18.

Ein wichtiger Satz, der sogenannte Fundamentalsatz der Algebra besagt, dass überhaupt jede polynomiale Gleichung

anzn+an1zn1++a2z2+a1z+a0=0

mit  a0,a1,,an  und mit n1 und an0 mindestens eine Lösung in besitzt. D.h., dass jedes nichtkonstante Polynom über den komplexen Zahlen eine Nullstelle besitzt. Diesen Satz können wir zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht beweisen.


<< | Kurs:Analysis (Osnabrück 2014-2016)/Teil I | >>

PDF-Version dieser Vorlesung

Arbeitsblatt zur Vorlesung (PDF)