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Kurs:Körper- und Galoistheorie (Osnabrück 2011)/Vorlesung 26/kontrolle

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Konstruierbare Einheitswurzeln

Es sei  n+.  Man sagt, dass das regelmäßige n-Eck mit Zirkel und Lineal konstruierbar ist, wenn die komplexe Zahl

e2πi/n=cos(2πn)+isin(2πn)

eine konstruierbare Zahl ist.

Die Menge der komplexen Einheitswurzeln e2πikn, k=0,,n1, bilden die Eckpunkte eines regelmäßigen n-Ecks, wobei 1 eine Ecke bildet. Alle Eckpunkte liegen auf dem Einheitskreis. Die Ecke e2πin ist eine primitive Einheitswurzel; wenn diese mit Zirkel und Lineal konstruierbar ist, so sind auch alle weiteren Eckpunkte konstruierbar. Das reguläre n-Eck ist genau dann konstruierbar, wenn der n-te Kreisteilungskörper ein Unterkörper der konstruierbaren Zahlen ist.

Bei n=1,2 kann man sich darüber streiten, ob man von einem regelmäßigen n-Eck sprechen soll, jedenfalls gibt es die zugehörigen Einheitswurzeln und diese sind aus , also erst recht konstruierbar. Das regelmäßige Dreieck ist ein gleichseitiges Dreieck und dieses ist konstruierbar nach Beispiel 18.3, da der dritte Kreisteilungskörper eine quadratische Körpererweiterung von ist (man kann einfacher auch direkt zeigen, dass ein gleichseitiges Dreieck aus seiner Grundseite heraus konstruierbar ist). Das regelmäßige Viereck ist ein Quadrat mit den Eckpunkten 1,i,1,i, und dieses ist ebenfalls konstruierbar. Das regelmäßige Fünfeck ist ebenfalls konstruierbar, wie in Beispiel 18.5 bzw. Aufgabe 26.9 gezeigt wurde. Wir werden im Folgenden sowohl positive als auch negative Resultate zur Konstruierbarkeit von regelmäßigen n-Ecken vorstellen.

Konstruktion eines regulären Fünfecks mit Zirkel und Lineal



Lemma  Lemma 26.2 ändern

Es sei m=kn, m,k,n+. Dann gelten folgende Aussagen.

  1. Das regelmäßige 2r-Eck,  r,  ist konstruierbar.
  2. Wenn das regelmäßige m-Eck konstruierbar ist, so sind auch das regelmäßige n-Eck und das regelmäßige k-Eck konstruierbar.
  3. Wenn n und k teilerfremd sind und wenn das regelmäßige n-Eck und das regelmäßige k-Eck konstruierbar sind, so ist auch das regelmäßige m-Eck konstruierbar.

Beweis  

(1) folgt daraus, dass eine Winkelhalbierung stets mit Zirkel und Lineal durchführbar ist.
(2). Nach Voraussetzung ist e2πink konstruierbar. Dann ist auch nach Satz 23.18 die Potenz

(e2πink)n=e2πik

konstruierbar.
(3). Es seien nun e2πin und e2πik konstruierbar und n und k teilerfremd. Nach dem Lemma von Bézout gibt es dann ganze Zahlen r,s mit  rn+sk=1.  Daher ist auch

(e2πin)s(e2πik)r=(e2πiknk)s(e2πinnk)r=e2πisknke2πirnnk=e2πi(sk+rn)nk=e2πink

konstruierbar.

Aus diesem Lemma kann man in Zusammenhang mit den oben erwähnten Konstruktionsmöglichkeiten folgern, dass die regelmäßigen 32r-Ecke, die regelmäßigen 52r-Ecke und die regelmäßigen 152r-Ecke für jedes r konstruierbar sind.



Satz  Satz 26.3 ändern

Es sei n eine natürliche Zahl derart, dass das regelmäßige n-Eck konstruierbar ist.

Dann ist φ(n) eine Zweierpotenz.

Beweis  

Die Voraussetzung besagt, dass die primitive Einheitswurzel  ζ=e2πin  konstruierbar ist. Dann muss nach Korollar 24.6 der Grad des Minimalpolynoms von ζ eine Zweierpotenz sein. Nach Korollar 18.11 ist das Minimalpolynom von ζ das n-te Kreisteilungspolynom, und dieses hat den Grad φ(n). Also muss φ(n) eine Zweierpotenz sein.




Winkeldreiteilung

Wir sind nun in der Lage, das Problem der Winkeldreiteilung zu beantworten.


Korollar  Korollar 26.4 ändern

Das regelmäßige 9-Eck ist

nicht mit Zirkel und Lineal konstruierbar.

Beweis  

Wäre das regelmäßige 9-Eck konstruierbar, so müsste nach Satz 26.3 φ(9) eine Zweierpotenz sein. Es ist aber  φ(9)=23=6



Satz  Referenznummer erstellen

Es ist nicht möglich, einen beliebig vorgegebenen Winkel mittels Zirkel und Lineal in drei gleich große Teile zu unterteilen.

Beweis  

Es genügt, einen (konstruierbaren) Winkel α derart anzugeben, dass α/3 nicht konstruierbar ist. Wir betrachten  α=120,  welcher konstruierbar ist, da die dritten Einheitswurzeln konstruierbar sind, weil sie nämlich in einer quadratischen Körpererweiterung von liegen. Dagegen ist der Winkel  α/3=120/3=40  nicht konstruierbar, da andernfalls das regelmäßige 9-Eck konstruierbar wäre, was nach Korollar 26.4 aber nicht der Fall ist.


Wir geben noch einen weiteren Beweis, dass die Winkeldreiteilung mit Zirkel und Lineal nicht möglich ist, der nicht auf der allgemeinen Irreduzibilität der Kreisteilungspolynome beruht.


Lemma  Lemma 26.6 ändern

Es sei F[X] ein normiertes Polynom vom Grad 3 ohne Nullstelle in .

Dann ist F irreduzibel in [X].

Beweis  

Aufgrund von Lemma 17.7 und der Gradvoraussetzung genügt es zu zeigen, dass es keine Faktorzerlegung  F=GH  in [X] mit  grad(G)=1  geben kann.  Es sei also angenommen, dass  G=aX+b[X]  ein Teiler von F ist. Der Leitkoeffizient a teilt den Leitkoeffizienten von F, also 1, daher muss  a  eine Einheit sein. Dann ist  a=±1  und somit ist ±b eine Nullstelle im Widerspruch zur Voraussetzung.


Einfache Beispiele wie  F=(2X+1)2  zeigen, dass ohne die Voraussetzung normiert die Aussage nicht stimmt. Ob ein ganzzahliges normiertes Polynom ganzzahlige Nullstellen besitzt oder nicht, ist im Allgemeinen einfach zu zeigen. Für n betragsmäßig groß kann man durch eine einfache Abschätzung zeigen, dass es dafür keine Nullstelle geben kann, und für n in einem verbleibenden überschaubaren Bereich kann man durch explizites Ausrechnen feststellen, ob eine Nullstelle vorliegt oder nicht.

Wir zeigen direkt, dass man den Winkel 20 nicht konstruieren kann (obwohl man 60 konstruieren kann). Aufgrund der Additionstheoreme für die trigonometrischen Funktionen gilt

cos3α=4cos3α3cosα

und damit

(2cos20)33(2cos20)1=2(4cos3203cos2012)=2(cos6012)=0.

Also wird 2cos20 vom Polynom X33X1 annulliert. Dieses Polynom hat keine ganzzahlige Nullstelle und ist daher nach Lemma 26.6 irreduzibel. Also muss es nach Lemma 7.12 das Minimalpolynom von 2cos20 sein. Daher kann 2cos20 nach Korollar 24.6 nicht konstruierbar sein und damit ebenso wenig cos20.




Fermatsche Primzahlen

Die Frage der Konstruierbarkeit von regelmäßigen n-Ecken führt uns zu Fermatschen Primzahlen.


Eine Primzahl der Form 2s+1, wobei s eine positive natürliche Zahl ist, heißt Fermatsche Primzahl.

Es ist unbekannt, ob es unendlich viele Fermatsche Primzahlen gibt. Es ist noch nicht mal bekannt, ob es außer den ersten fünf Fermatschen Primzahlen

3,5,17,257,65537

überhaupt weitere Fermatschen Primzahlen gibt.



Lemma  Referenznummer erstellen

Bei einer Fermatschen Primzahl 2s+1 hat der Exponent die Form  s=2r  mit einem  r

Beweis  

Wir schreiben  s=2ku  mit u ungerade. Damit ist

22ku+1=(22k)u+1.

Für ungerades u gilt generell die polynomiale Identität (da 1 eine Nullstelle ist)

Xu+1=(X+1)(Xu1Xu2+Xu3+X2X+1).

Also ist  22k+13  ein Teiler von 22ku+1. Da diese Zahl nach Voraussetzung prim ist, müssen beide Zahlen gleich sein, und dies bedeutet  u=1


Eine Fermatsche Primzahl ist nach diesem Lemma also insbesondere eine Fermat-Zahl im Sinne der folgenden Definition.


Eine Zahl der Form 22r+1, wobei r eine natürliche Zahl ist, heißt Fermat-Zahl.



Diese Torte wurde nicht mit Zirkel und Lineal geteilt.



Satz  Referenznummer erstellen

Ein reguläres n-Eck ist genau dann mit Zirkel und Lineal konstruierbar, wenn die Primfaktorzerlegung von n die Gestalt

n=2αp1pk

hat, wobei die pi verschiedene Fermatsche Primzahlen sind.

Beweis  

Es sei  n=2αp1r1pkrk  die Primfaktorzerlegung von n mit den verschiedenen ungeraden Primzahlen pi, i=1,,k, und positiven Exponenten  ri1  (und α0). Nach Satz 26.3 muss die eulersche Funktion eine Zweierpotenz sein, also

φ(n)=2t.

Andererseits gilt nach Korollar 15.16 die Beziehung

φ(n)=2α1(p11)p1r11(pk1)pkrk1

(bei α=0 ist der Ausdruck 2α1 zu streichen). Da dies eine Zweierpotenz sein muss, dürfen die ungeraden Primzahlen nur mit einem Exponenten 1 (oder 0) auftreten. Ferner muss jede beteiligte Primzahl p die Gestalt  p=2s+1  haben, also eine Fermatsche Primzahl sein.
Für die andere Richtung muss man aufgrund von Lemma 26.2 lediglich zeigen, dass für eine Fermatsche Primzahl  p=2s+1  das regelmäßige p-Eck konstruierbar ist. Der p-te Kreisteilungskörper besitzt nach Lemma 18.4 den Grad  p1=2s,  und dieser ist der Zerfällungskörper des p-ten Kreisteilungspolynoms und wird von der p-ten primitiven Einheitswurzel  ζ=e2πi/p  erzeugt. Aufgrund von Satz 25.6 ist somit ζ konstruierbar.



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