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Kurs:Lineare Algebra (Osnabrück 2015-2016)/Teil I/Vorlesung 7

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„Schläft ein Lied in allen Dingen, Die da träumen fort und fort, Und die Welt hebt an zu singen, Triffst du nur das Zauberwort.“
Joseph Freiherr von Eichendorff



Lineare Unabhängigkeit

Es sei K ein Körper und V ein K-Vektorraum. Dann heißt eine Familie von Vektoren vi, iI, (mit einer beliebigen endlichen Indexmenge I) linear unabhängig, wenn eine Gleichung

iIsivi=0 mit siK

nur bei  si=0  für alle i möglich ist.

Wenn eine Familie nicht linear unabhängig ist, so nennt man sie linear abhängig. Man nennt übrigens eine Linearkombination iIaivi=0 eine Darstellung des Nullvektors. Sie heißt die triviale Darstellung, wenn alle Koeffizienten ai gleich 0 sind, andernfalls, wenn also mindestens ein Koeffizient nicht 0 ist, spricht man von einer nichttrivialen Darstellung der Null. Eine Familie von Vektoren ist genau dann linear unabhängig, wenn man mit ihnen nur auf die triviale Art den Nullvektor darstellen kann. Dies ist auch äquivalent dazu, dass man keinen Vektor aus der Familie als Linearkombination der anderen ausdrücken kann.


Die Standardvektoren im Kn sind linear unabhängig. Eine Darstellung

i=1nsiei=0

bedeutet ja einfach

s1(100)+s2(010)++sn(001)=(000),

woraus sich aus der i-ten Zeile direkt  si=0  ergibt.



Die drei Vektoren

(333),(045) und (489)

sind linear abhängig. Es ist nämlich

4(333)+3(045)3(489)=(000)

eine nichttriviale Darstellung des Nullvektors.


Die Vektoren v1=(a11am1),,vn=(a1namn)Km sind genau dann linear abhängig, wenn das homogene lineare Gleichungssystem

a11x1+a12x2++a1nxn=0a21x1+a22x2++a2nxn=0am1x1+am2x2++amnxn=0

eine nichttriviale (d.h. von 0 verschiedene) Lösung besitzt.


Für eine unendliche Familie definieren wir.


Es sei K ein Körper und V ein K-Vektorraum. Dann heißt eine Familie von Vektoren vi, iI, linear unabhängig, wenn eine Gleichung

iJsivi=0 mit siK für eine endliche Teilmenge JI

nur bei  si=0  für alle i möglich ist.

Damit ist die lineare Unabhängigkeit bei einer beliebigen Familie auf den endlichen Fall zurückgeführt. Man beachte, dass es in einem Vektorraum keine unendlichen Summen gibt, ein Ausdruck wie  nanvn=0  kann also von vornherein bei Untersuchungen zur linearen Unabhängigkeit keine Rolle spielen.



Es sei K ein Körper, V ein K-Vektorraum und vi, iI, eine Familie von Vektoren in V. Dann gelten folgende Aussagen.

  1. Wenn die Familie linear unabhängig ist, so ist auch zu jeder Teilmenge  JI  die Familie vi , iJ, linear unabhängig.
  2. Die leere Familie ist linear unabhängig.
  3. Wenn die Familie den Nullvektor enthält, so ist sie nicht linear unabhängig.
  4. Wenn in der Familie ein Vektor mehrfach vorkommt, so ist sie nicht linear unabhängig.
  5. Ein einzelner Vektor v ist genau dann linear unabhängig, wenn  v0  ist.
  6. Zwei Vektoren v und u sind genau dann linear unabhängig, wenn weder u ein skalares Vielfaches von v ist noch umgekehrt.

Beweis

Siehe Aufgabe 7.11.




Basen

Es sei K ein Körper und V ein K-Vektorraum. Dann heißt ein linear unabhängiges Erzeugendensystem viV, iI, von V eine Basis von V.


Die Standardvektoren im Kn bilden eine Basis. Die lineare Unabhängigkeit wurde in Beispiel 7.2 gezeigt. Um zu zeigen, dass auch ein Erzeugendensystem vorliegt, sei

v=(b1b2bn)Kn

ein beliebiger Vektor. Dann ist aber direkt

v=i=1nbiei.

Also liegt eine Basis vor, die man die Standardbasis des Kn nennt.



Wir betrachten den K-Untervektorraum  UKn,  der durch

U={vKni=1nvi=0}

gegeben ist. Eine Basis ist durch die n1 Vektoren

u1=(1,1,0,0,,0),u2=(0,1,1,0,,0),,un1=(0,0,,0,1,1),

gegeben. Diese Vektoren gehören offenbar zu U. Die lineare Unabhängigkeit kann man in Kn überprüfen. Aus einer Gleichung

i=1n1aiui=0

folgt schrittweise  a1=0,   a2=0,  usw. Dass ein Erzeugendensystem vorliegt, ergibt sich aus

(v1v2v3vn1vn)=v1(11000)+(v1+v2)(01100)+(v1+v2+v3)(00110)++(v1+v2+v3++vn1)(00011),

wobei die Gültigkeit in der letzten Zeile auf der Bedingung

i=1nvi=0

beruht.


Für die komplexen Zahlen bilden 1,i eine reelle Basis. Im Raum der m×n-Matrizen Matm×n(K) bilden diejenigen Matrizen, die an genau einer Stelle eine 1 und sonst überall 0 stehen haben, eine Basis, siehe Aufgabe 7.18.


Im Polynomring K[X] über einem Körper K sind die Potenzen Xn, n, eine Basis. Nach Definition kann man jedes Polynom

anXn+an1Xn1++a2X2+a1X+a0

als Linearkombination der Potenzen X0=1,X1=X,,Xn schreiben. Ferner sind diese Potenzen linear unabhängig. Wenn nämlich

anXn+an1Xn1++a2X2+a1X+a0=0

ist, so müssen alle Koeffizienten gleich 0 sein (dies gehört zum Begriff eines Polynoms).




Der Charakterisierungssatz für eine Basis

Der folgende Satz gibt eine wichtige Charakterisierung dafür, wann eine Basis vorliegt.


Satz  

Es sei K ein Körper und V ein K-Vektorraum. Es sei  v1,,vnV  eine Familie von Vektoren. Dann sind folgende Aussagen äquivalent.

  1. Die Familie ist eine Basis von V.
  2. Die Familie ist ein minimales Erzeugendensystem, d.h. sobald man einen Vektor vi weglässt, liegt kein Erzeugendensystem mehr vor.
  3. Für jeden Vektor  uV  gibt es genau eine Darstellung
    u=s1v1++snvn.
  4. Die Familie ist maximal linear unabhängig, d.h. sobald man irgendeinen Vektor dazunimmt, ist die Familie nicht mehr linear unabhängig.

Beweis  

Wir führen einen Ringschluss durch. (1)(2). Die Familie ist ein Erzeugendensystem. Nehmen wir einen Vektor, sagen wir v1, aus der Familie heraus. Wir müssen zeigen, dass dann die verbleibende Familie, also v2,,vn kein Erzeugendensystem mehr ist.  Wenn sie ein Erzeugendensystem wäre, so wäre insbesondere v1 als Linearkombination der Vektoren darstellbar, d.h. man hätte

v1=i=2nsivi.

Dann ist aber

v1i=2nsivi=0

eine nichttriviale Darstellung der 0, im Widerspruch zur linearen Unabhängigkeit der Familie. (2)(3). Nach Voraussetzung ist die Familie ein Erzeugendensystem, sodass sich jeder Vektor als Linearkombination darstellen lässt.  Angenommen, es gibt für ein  uV  eine mehrfache Darstellung, d.h.

u=i=1nsivi=i=1ntivi,

wobei mindestens ein Koeffizient verschieden sei. Ohne Einschränkung sei  s1t1.  Dann erhält man die Beziehung

(s1t1)v1=i=2n(tisi)vi

Wegen  s1t10  kann man durch diese Zahl dividieren und erhält eine Darstellung von v1 durch die anderen Vektoren. Nach Aufgabe 6.15 ist auch die Familie ohne v1 ein Erzeugendensystem von V, im Widerspruch zur Minimalität. (3)(4). Wegen der eindeutigen Darstellbarkeit besitzt insbesondere der Nullvektor nur die triviale Darstellung, d.h. die Vektoren sind linear unabhängig. Nimmt man einen Vektor u hinzu, so besitzt dieser eine Darstellung

u=i=1nsivi

und daher ist

0=ui=1nsivi

eine nichttriviale Darstellung der 0, sodass die verlängerte Familie u,v1,,vn nicht linear unabhängig ist. (4)(1). Die Familie ist linear unabhängig, wir müssen zeigen, dass sie auch ein Erzeugendensystem bildet. Es sei dazu  uV.  Nach Voraussetzung ist die Familie u,v1,,vn nicht linear unabhängig, d.h. es gibt eine nichttriviale Darstellung

0=su+i=1nsivi.

Dabei ist  s0,  da andernfalls dies eine nichttriviale Darstellung der 0 allein mit den linear unabhängigen Vektoren v1,,vn wäre. Daher können wir

u=i=1nsisvi

schreiben, sodass eine Darstellung von u möglich ist.


Es sei eine Basis  𝔳=v1,,vn  eines K-Vektorraums V gegeben. Aufgrund von Satz 7.11  (3) bedeutet dies, dass es für jeden Vektor  uV  eine eindeutig bestimmte Darstellung (eine Linearkombination)

u=s1v1+s2v2++snvn

gibt. Die dabei eindeutig bestimmten Elemente  siK  (Skalare) heißen die Koordinaten von u bezüglich der gegebenen Basis. Bei einer gegebenen Basis entsprechen sich also die Vektoren und die Koordinatentupel  (s1,s2,,sn)Kn.  Man sagt, dass eine Basis ein lineares Koordinatensystem festlegt.[1] Durch eine Basis hat man also insbesondere eine bijektive Abbildung

Ψ𝔳:KnV,(s1sn)s1v1+s2v2++snvn.

Die Umkehrabbildung

(Ψ𝔳)1:VKn

nennt man auch die Koordinatenabbildung.




Satz  

Es sei K ein Körper und V ein K-Vektorraum mit einem endlichen Erzeugendensystem.

Dann besitzt V eine endliche Basis.

Beweis  

Es sei vi, iI, ein Erzeugendensystem von V mit einer endlichen Indexmenge I. Wir wollen mit der Charakterisierung aus Satz 7.11  (2) argumentieren. Falls die Familie schon minimal ist, so liegt eine Basis vor. Andernfalls gibt es ein  kI  derart, dass die um vk reduzierte Familie, also vi, iI{k}, ebenfalls ein Erzeugendensystem ist. In diesem Fall kann man mit der kleineren Indexmenge weiterargumentieren.
Mit diesem Verfahren gelangt man letztlich zu einer Teilmenge  JI  derart, dass vi, iJ, ein minimales Erzeugendensystem, also eine Basis ist.


Es gilt sogar generell der Satz von Hamel, dass jeder Vektorraum eine Basis besitzt. Der Beweis zu diesem Satz verwendet deutlich stärkere mengentheoretische Hilfsmittel, insbesondere das Auswahlaxiom bzw. das daraus abgeleitete Lemma von Zorn. Dies ist letztlich der Grund, warum sich viele Aussagen für endlichdimensionale Räume auch auf unendlichdimensionale übertragen lassen. Im Rahmen dieses Kurses konzentrieren wir uns, insbesondere in den Beweisen, auf den endlichdimensionalen Fall.




Fußnoten
  1. Lineare Koordinaten vermitteln also eine bijektive Beziehung zwischen Punkten und Zahlentupeln. Aufgrund der Linearität ist eine solche Bijektion mit der Addition und der Skalarmultiplikation verträglich. In vielen anderen Kontexten spielen auch nichtlineare (oder krummlinige) Koordinaten eine wichtige Rolle. Auch diese setzen Raumpunkte mit Zahlentupeln in eine bijektive Verbindung. Wichtige nichtlineare Koordinaten sind u.A. Polarkoordinaten, Zylinderkoordinaten und Kugelkoordinaten. Mathematische Probleme können häufig durch eine geeignete Wahl von Koordinaten vereinfacht werden, beispielsweise bei Volumenberechnungen.


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