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Kurs:Lineare Algebra (Osnabrück 2015-2016)/Teil II/Vorlesung 48

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Restklassenräume



Lemma  

Es sei K ein Körper, V ein K-Vektorraum und  UV  ein Untervektorraum.

Dann ist die durch

vw, falls vwU,

definierte Relation eine Äquivalenzrelation auf V.

Beweis

Dies gilt generell für die Nebenklassen zu einer Untergruppe, wie in der 46. Vorlesung gezeigt wurde.

Wir geben noch einen direkten Beweis, dass es sich um eine Äquivalenzrelation handelt.

Wir gehen die Bedingungen einer Äquivalenzrelation durch. Die Reflexivität folgt aus  vv=0U,  die Symmetrie folgt aus  wv=(vw)U,  die Transitivität ergibt sich so: Aus  uvU  und  vwU  folgt  uw=(uv)+(vw)U

Die Nebenklassen zu dem Untervektorraum U besitzen eine einfache geometrische Interpretation, eine Nebenklasse ist nichts anderes als ein zu U paralleler affiner Unterraum von V, also ein Raum der Form P+U mit PV. Die Quotientengruppe besteht aus der Menge dieser affinen Unterräume.

Wir können auf diese Äquivalenzrelation die allgemeinen Ergebnisse für Normalteiler in einer Gruppe und Äquivalenzrelationen anwenden und erhalten eine surjektive Quotientenabbildung (oder Identifizierungsabbildung oder kanonische Projektion)

q:VV/,vq(v)=[v].

Statt V/ werden wir V/U schreiben. Das Besondere an dieser Situation ist, dass diese Quotientenmenge selbst ein Vektorraum ist, und dass die kanonische Abbildung linear ist.



Satz  

Es sei K ein Körper, V ein K-Vektorraum und  UV  ein Untervektorraum. Es sei V/U die Menge der Äquivalenzklassen (die Quotientenmenge) zu der durch U definierten Äquivalenzrelation auf V und es sei

q:VV/U,v[v],

die kanonische Projektion.

Dann gibt es eine eindeutig bestimmte K-Vektorraumstruktur auf V/U derart, dass q eine K-lineare Abbildung ist.

Beweis  

Da die kanonische Projektion zu einer linearen Abbildung werden soll, muss die Addition durch

[v]+[w]=[v+w]

und die Skalarmultiplikation durch

λ[v]=[λv]

gegeben sein. Insbesondere kann es also nur eine Vektorraumstruktur mit der gewünschten Eigenschaft geben, und wir müssen zeigen, dass durch diese Vorschriften wohldefinierte Operationen auf V/U definiert sind, die unabhängig von der Wahl der Repräsentanten sind. D.h. wir haben für [v]=[v] und [w]=[w] zu zeigen, dass  [v+w]=[v+w]  ist. Nach Voraussetzung können wir v=v+u und w=w+u mit  u,uU  schreiben. Damit ist

v+w=v+w+u+u

und dies ist wegen  u+uU  äquivalent zu v+w. Zur Skalarmultiplikation sei wieder  v=v+u  mit  uU.  Dann ist

λv=λ(v+u)=λv+λu,

und das ist äquivalent zu λv. Aus der Wohldefiniertheit der Verknüpfung auf V/U und der Surjektivität der Abbildung folgt, dass eine Vektorraumstruktur vorliegt und dass die Abbildung linear ist.



Es sei K ein Körper, V ein K-Vektorraum und  UV  ein Untervektorraum. Dann nennt man die Menge V/U der Äquivalenzklassen mit der in Satz 48.2 bewiesenen Vektorraumstruktur den Restklassenraum (oder Quotientenraum) von V modulo U.



Satz  

Es sei K ein Körper und es seien V,Q und W Vektorräume über K. Es sei φ:VW eine lineare Abbildung und ψ:VQ eine surjektive lineare Abbildung. Es sei vorausgesetzt, dass

kernψkernφ

ist.

Dann gibt es eine eindeutig bestimmte lineare Abbildung

φ~:QW

derart, dass  φ=φ~ψ  ist.

Mit anderen Worten: das Diagramm

VφWψφ~Q

ist kommutativ.

Beweis  

Für jedes Element  uQ  gibt es mindestens ein vV mit ψ(v)=u. Wegen der Kommutativität muss  φ~(u)=φ(v)  gelten. Das bedeutet, dass es maximal ein φ~ geben kann. Wir müssen zeigen, dass durch diese Bedingung eine wohldefinierte Abbildung gegeben ist. Es seien also  v,vV  zwei Urbilder von u. Dann ist

vvkernψkernφ

und daher ist  φ(v)=φ(v).  Die Abbildung ist also wohldefiniert.
Es seien  u,uQ  und seien  v,vV  Urbilder davon. Dann ist v+v ein Urbild von u+u und daher ist

φ~(u+u)=φ(v+v)=φ(v)+φ(v)=φ~(u)+φ~(u).

D.h. φ~ ist mit der Addition verträglich.
Es sei  uQ  mit einem Urbild  vV  und sei  λK.  Dann ist λv ein Urbild von λu und daher ist

φ~(λu)=φ(λv)=λφ(v)=λφ~(u),

also ist φ~ auch mit der Skalarmultiplikation verträglich.


Die im vorstehenden Satz konstruierte Abbildung φ~ heißt induzierte lineare Abbildung und entsprechend heißt der Satz auch der Satz über die induzierte Abbildung.



Korollar  

Es sei K ein Körper und es sei

φ:VW

eine surjektive lineare Abbildung zwischen K-Vektorräumen.

Dann gibt es eine kanonische lineare Isomorphie

φ~:V/kernφW.

Beweis  

Wir wenden Satz 48.4 auf  Q=V/kernφ  und die kanonische Projektion q:VV/kernφ an. Dies induziert eine lineare Abbildung

φ~:V/kernφW

mit  φ=φ~q,  die surjektiv ist. Sei [x]V/kernφ und [x]kernφ~. Dann ist

φ~([x])=φ(x)=0,

also  xkernφ.  Damit ist  [x]=0  in V/kernφ, d.h. der Kern von φ~ ist trivial und nach Lemma 11.3 ist φ~ auch injektiv.



Satz  

Es sei K ein Körper und es sei

φ:VW

eine lineare Abbildung zwischen K-Vektorräumen.

Dann gibt es eine kanonische Faktorisierung

VqV/kernφθbildφιW,

wobei q die kanonische Projektion, θ ein Vektorraum-Isomorphismus und i die kanonische Inklusion des Bildraumes in W ist.

Beweis  

Dies folgt aus Korollar 48.5, angewendet auf die surjektive lineare Abbildung

Vbildφ.


Diese Aussage wird häufig kurz und prägnant so formuliert:

Bild = Urbild modulo Kern.



Lemma  

Es sei K ein Körper und V ein endlichdimensionaler K-Vektorraum. Es sei  UV  ein Untervektorraum.

Dann ist

dimK(V/U)=dimK(V)dimK(U).

Beweis  

Die kanonische Projektion

VV/U

ist surjektiv und besitzt U als Kern. Nach der Dimensionsformel ist somit

dimK(V/U)=dimK(V)dimK(U).



Lemma  

Es sei K ein Körper und V ein K-Vektorraum mit einer direkten Summenzerlegung

V=UW

in Untervektorräume U und W.

Dann ist

V/UW.

Beweis  

Die Projektion

VW

besitzt U als Kern. Daher ergibt sich die Aussage aus Korollar 48.5.



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