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Kurs:Grundkurs Mathematik (Osnabrück 2016-2017)/Teil I/Vorlesung 28/kontrolle

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„Nicht allein in Rechnungssachen Soll der Mensch sich Mühe machen; Sondern auch der Weisheit Lehren Muß man mit Vergnügen hören.“
Wilhelm Busch, Max und Moritz



Folgen

Es sei M eine Menge. Eine Abbildung

M,nxn,

nennt man auch eine Folge in M. Eine Folge wird häufig in der Form

(xn)n

geschrieben.

Die Elemente xn heißen dabei die Glieder der Folge.



Der Divisionsalgorithmus

Wir besprechen nun das Verfahren des „schriftlichen Dividierens“, den Divisionsalgorithmus.


Es seien a,b natürliche Zahlen mit b positiv. Beim Divisionsalgorithmus a:b führt man sukzessive die (unendlich vielen) Divisionen mit Rest

a=z0b+r0,
10r0=z1b+r1,
10r1=z2b+r2,
10r2=z3b+r3,...

aus, d.h. man berechnet rekursiv aus ri mittels

10ri=zi1b+ri1

die zi1 und die ri1. Die Folge zi, i, heißt die Ziffernfolge und die Folge ri, i, heißt die Restefolge des Divisionsalgorithmus.

Man schaut also, wie oft b in a hineinpasst (das ergibt z0, den ganzzahligen Anteil der Division) und welcher Rest dabei übrigbleibt. Dann schaut man, wie oft b in das Zehnfache dieses Restes hineinpasst (das ergibt z1, die erste Nachkommaziffer der Division) und welcher Rest dabei übrigbleibt, und wiederholt diesen Rechenschritt unendlich oft. Dieses Verfahren ist aus der Schule bekannt. Als Ergebnis wird die „unendliche Kommazahl“

z,z1z2z3

notiert, wobei die ganze Zahl z selbst in ihrer Dezimalentwicklung genommen wird. Unklar ist dabei, welchen genauen Sinn ein solcher Ausdruck besitzt. Dies lässt sich im Rahmen der Konvergenz von Folgen befriedigend präzisieren. Die Indizierung ist hier so gewählt, dass sich die Ziffer zi (für i1) auf 10i bezieht. D.h. zi ist die i-te Nachkommaziffer des Ergebnisses der Division.



Lemma  Lemma 28.3 ändern

Es seien a,b natürliche Zahlen mit b positiv und es seien zi, i, und ri, i, die im Divisionsalgorithmus berechneten Folgen. Dann gelten folgende Eigenschaften.

  1. Die ri liegen zwischen 0 und b1.
  2. Die zi, i+, liegen zwischen 0 und 9.
  3. Wenn für ein k der Rest  rk=0  ist, so sind für alle  i>k  auch  zi=0  und  ri=0
  4. Es gibt ein  k  und ein  +  mit  <b  derart, dass für die Ziffern mit  i>k  die Beziehung
    zi=zi

    gilt.

  5. Wenn man statt a:b den Divisionsalgorithmus ma:mb mit  m+  ausführt, so ändert sich die Ziffernfolge nicht (wohl aber die Restefolge). Die Ziffernfolge ist also für die rationale Zahl ab wohldefiniert.
  6. Bei der Division von  a=j=0tcj10j  durch eine Zehnerpotenz  b=10s  ist
    z0=j=stcj10js

    (was bei t<s als 0 zu lesen ist) und

    zi=ci+s

    (was für i<s als zi=0 zu lesen ist). Die Ziffernfolge zi ist also einfach eine verschobene Version der Zifferndarstellung des Dividenden.

  7. Der Bruch ab ist genau dann ein Dezimalbruch, wenn ein Rest ri gleich 0 ist, und dies ist genau dann der Fall, wenn die Ziffernfolge zi ab einem k konstant gleich 0 ist.

Beweis  

  1. Ist eine Eigenschaft der Division mit Rest.
  2. Wegen
    rib1

    ist

    10ri10(b1).

    Bei der Division von  10ri=zi1b+ri1  durch b ist somit der ganzzahlige Anteil zi1 echt kleiner als 10.

  3. Dies folgt unmittelbar aus dem rekursiven Aufbau des Divisionsalgorithmus.
  4. Im Fall, dass für ein k der Rest  rk=0  ist, ergibt sich dies unmittelbar aus (3), wobei man  =1  wählen kann. Nehmen wir also an, dass alle ri von 0 verschieden sind. Da die Reste
    r1,r2,r3

    allesamt zwischen 1 und b1 liegen, muss es in ihnen irgendwann eine Wiederholung geben, sagen wir, dass

    rk=rk

    gilt. Da zi1 und ri1 allein von ri abhängen, wiederholt sich dann die Restfolge und die Ziffernfolge

    rk,rk1,,rk+1 bzw. zk,zk1,,zk+1

    unendlich oft periodisch.

  5. Aus der Division mit Rest
    10ri=zi1b+ri1

    ergibt sich direkt die entsprechende Division mit Rest

    10(mri)=zi1(mb)+(mri1),

    woraus die Behauptung folgt.

  6. Der Divisionsalgorithmus ist in diesem Fall
    j=0tcj10j=(j=stcj10js)10s+j=0s1cj10j,
    10(j=0s1cj10j)=cs110s+10(j=0s2cj10j),
    102(j=0s2cj10j)=cs210s+102(j=0s3cj10j),

    usw., woraus die Aussagen ablesbar sind.

  7. Wenn ein Dezimalbruch vorliegt, so können wir wegen (5) annehmen, dass
    b=10s

    eine Zehnerpotenz ist. Dann folgt die Aussage mit der abbrechenden Ziffernfolge aus (6).

    Wenn ein  rk=0,  so sind nach (3) alle folgenden Ziffern gleich 0. Wenn umgekehrt  zi=0  für alle  ik  gilt, so wird die Rekursionsbedingung für  ik  zu

    10ri=ri1.

    Nehmen wir  zk0  an. Dann ist

    rk1=10rk,
    rk3=10rk1=102rk,

    usw., was zu einem Widerspruch führt, da nach Lemma 25.6 die Zehnerpotenzen schließlich die Zahl b überschreiten.

    Wenn ein  rk=0  ist, so folgt rekursiv aus

    10ri=zi1b+ri1

    bzw.

    rib=zi110+ri110b,

    dass die Brüche

    rkb=0,rk+1b,rk+2b,,r1b,r0b

    Dezimalbrüche sind. Somit ist auch ab ein Dezimalbruch.


Wir haben insbesondere bewiesen, dass beim Divisionsalgorithmus irgendwann eine Periodizität auftritt und gezeigt, wie diese zu finden ist. Das kleinste positive , das die Eigenschaft aus (4) erfüllt, heißt die Periodenlänge der Division. Die Eigenschaft (6) bedeutet, dass die Ziffernfolge, die sich aus dem allgemeinen Divisionsalgorithmus im Falle der Division durch eine Zehnerpotenz ergibt, mit der endlichen Kommazahl aus Definition 26.4 übereinstimmt. Das Ergebnis des Divisionsalgorithmus wird als

z0,z1z2zkzk1zk

notiert, wobei die überstrichenen Zahlen die Periode darstellen.

Über die Periodenlänge kann man einige präzise Aussagen machen, die über Lemma 28.3  (4) hinausgehen und die wir im Moment noch nicht beweisen können. Es seien a und b teilerfremd und b sei auch teilerfremd zu 10. Dann hängt die Periodenlänge der Division a:b allein davon ab, welche minimale Zehnerpotenz 10k mit  k1  bei Division durch b den Rest 1 besitzt. Für den Fall  a=1  siehe Aufgabe 28.10. Der minimale Exponent ist die Periodenlänge. Wenn  b=p  eine Primzahl ist, so ist diese Periodenlänge ein Teiler von p1. Wenn die Periodenlänge von 1:p genau p1 ist, so gilt dies bei sämtlichen Divisionen a:p mit a teilerfremd zu p, und die Reihenfolge der Ziffern ist eine zyklische Vertauschung der Reihenfolge der Ziffern zu 1:p. Siehe als Beispiel hierzu Aufgabe 28.3.



Dezimalbruchfolgen

Die Ziffern zi, die sich beim Divisionsalgorithmus a:b ergeben, sind in ihrer genauen Bedeutung nicht einfach zu verstehen. Im Spezialfall, dass ein Dezimalbruch vorliegt, erhalten wir eine abbrechende Entwicklung z0,z1z2z3zn, wobei wir diese Ziffern direkt aus der Dezimalentwicklung des Zählers ablesen können. Wenn kein Dezimalbruch vorliegt, so erhalten wir eine unendliche Ziffernfolge zi. Zunächst muss man sich klar machen, dass jeder an einer bestimmten Ziffer abbrechende Ausschnitt daraus, also

z0,z1z2z3zn

nicht die Zahl ab ist, obwohl es sich in einem zu präzisierenden Sinn um eine Approximation davon handelt. Eine Formulierung wie

z0,z1z2z3zn

hingegen ist ziemlich aussagelos. Eine Formulierung wie

z0,z1z2z3zkzk1zk

kodiert zwar die volle Information aus dem Divisionsalgorithmus, das Problem ist aber, ob und inwiefern dies eine Zahl ist.


Definition  Definition 28.5 ändern

Es sei K ein angeordneter Körper. Eine Folge der Form

xn=an10n

mit  an  und

an10nan+110n+1<an+110n

heißt Dezimalbruchfolge.

Achtung! Eine Dezimalbruchfolge ist nicht das gleiche wie eine Folge von Dezimalbrüchen. Die Folge, die abwechselnd die Werte 0 und 1 besitzt, besteht auch nur aus Dezimalbrüchen. Hier ist wichtig, das bei einer Dezimalbruchfolge bei jedem Folgenglied sich die „Genauigkeit“ um ein 110 erhöht, das folgende Glied xn+1 liegt im Intervall

[an10n,an+110n[=[xn,xn+110n[
der Länge 110n, das vom Vorgänger xn festgelegt ist.

Wir werden zeigen, dass es für jedes Element x in einem archimedisch angeordneten Körper eine zugehörige kanonische Dezimalbruchfolge gibt, und dass diese im Fall einer rationalen Zahl ab aus dem Divisionsalgorithmus ablesbar ist. Die Folge

910,99100,9991000,999910000,99999100000,,

ist eine Dezimalbruchfolge, aber nicht die kanonische Dezimalbruchfolge zu 1, diese ist nämlich einfach die konstante Folge.


Es sei  xK  ein Element in einem archimedisch angeordneten Körper K. Dann nennt man die über  n  durch

x=un10n+vn

mit  un  und  0vn<10n  gegebene Folge

xn=un10n

die (kanonische) Dezimalbruchfolge zu x.

Die definierende Gleichung in diesem Verfahren kann man auch als von der Gleichung

10nx=un+vn10n

herstammend interpretieren. Es ist also einfach

un=x10n

und

xn=un10n=x10n10n,

was zugleich zeigt, dass diese Folge existiert und eine Dezimalbruchfolge im Sinne der obigen Definition ist. Die Glieder xn dieser Folge approximieren die gegebene Zahl x optimal unter allen Dezimalbrüchen mit dem vorgegebenen Nenner 10n, wie die folgende Aussage zeigt.



Satz  Satz 28.7 ändern

Es sei  xK  ein Element in einem archimedisch angeordneten Körper K und es sei (xn), n, die zugehörige (kanonische) Dezimalbruchfolge.

Dann ist

xnx<xn+110n,

d.h. der n-te Dezimalbruch der Folge approximiert die Zahl x bis auf einen Fehler von maximal 110n. Es liegt eine Dezimalbruchfolge im Sinne von Definition 28.5 vor.

Beweis  

In der Definition der Dezimalbruchfolge wird

x=un10n+vn

mit  un  und  0vn<10n  berechnet. Daher ist einerseits

xn=un10nx

und andererseits

x=un10n+vn=xn+vn<xn+110n.

Die Eigenschaft

xnxn+1

ergibt sich auch unmittelbar.



Lemma  Lemma 28.8 ändern

Es seien a,b natürliche Zahlen mit b positiv und es seien zi, i, und ri, i, die im Divisionsalgorithmus berechneten Folgen.

Dann ist

xn=i=0nzi10i

die Dezimalbruchfolge zu ab. Insbesondere ist für jedes  n 

i=0nzi10iab<i=0nzi10i+10n.

Beweis  

Aus den definierenden Gleichungen des Divisionsalgorithmus ergibt sich sukzessive

a=z0b+r0=z0b+10r010=z0b+z1b+r110=z0b+z1101b+r1101=z0b+z1101b+10r1102=z0b+z1101b+(z2b+r2)102=z0b+z1101b+z2b102+r2102

und insgesamt

a=b(i=0nzi10i)+rn10n.

Division durch b ergibt

ab=i=0nzi10i+rnb10n=(i=0nzi10ni)10n+rnb10n.

Dies stimmt mit den Festlegungen aus dem Verfahren überein, in dem die Dezimalbruchfolge zu ab definiert wurde.



Konvergente Folgen

Die oben beschriebene Eigenschaft, dass eine rationale Zahl durch die zugehörige (im Divisonsalgorithmus berechneten) Dezimalbruchfolge beliebig genau approximiert wird, wird durch folgenden Begriff präzisiert, der im zweiten Semester eine tragende Rolle spielen wird.


Es sei (xn)n eine Folge in einem angeordneten Körper und es sei  xK.  Man sagt, dass die Folge gegen x konvergiert, wenn folgende Eigenschaft erfüllt ist.

Zu jedem ϵK, ϵ>0, gibt es ein  n0  derart, dass für alle  nn0  die Beziehung

|xnx|ϵ

gilt. In diesem Fall heißt x der Grenzwert oder der Limes der Folge. Dafür schreibt man auch

limnxn=x.

Wenn die Folge einen Grenzwert besitzt, so sagt man auch, dass sie konvergiert (ohne Bezug auf einen Grenzwert.), andernfalls, dass sie divergiert.



Korollar  Korollar 28.10 ändern

Es sei  xK  ein Element in einem archimedisch angeordneten Körper K.

Dann konvergiert die zugehörige Dezimalbruchfolge (xn), n, gegen x.

Beweis  

Nach Satz 28.7 ist

|xnx|110n.

Wenn ein  ϵ>0  vorgegeben ist, so gibt es nach Korollar 25.7 ein m mit

110mϵ.

Für alle  nm  ist dann

|xnx|110n110mϵ.



Korollar  Korollar 28.11 ändern

Zu einer rationalen Zahl  x=ab 

konvergiert die Dezimalbruchfolge, die man aus dem Divisionsalgorithmus erhält, gegen x.

Beweis  

Dies folgt direkt aus Korollar 28.10 in Verbindung mit Lemma 28.8.


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