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Kurs:Körper- und Galoistheorie (Osnabrück 2011)/Vorlesung 3/kontrolle

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Es sei  KL  eine endliche Körpererweiterung und  xL  ein Element. Dann sind die Potenzen xi, i, linear abhängig, und das bedeutet, dass es Koeffizienten aiK mit an0 und mit  a0+a1x+a2x2++anxn=0  gibt. Mit diesen Koeffizienten können wir das (von 0 verschiedene) Polynom

P=a0+a1X+a2X2++anXnK[X]

bilden. Wenn man in dieses Polynom x einsetzt, d.h. überall die Variable X durch x ersetzt, so ergibt sich 0. Das Ergebnis dieses Einsetzens bezeichnet man mit P(x), es ist also  P(x)=0.  Man sagt, dass P das Element x annulliert. Wir betrachten die Menge

I={PK[X]P(x)=0}K[X],

also die Menge aller Polynome, die bei Einsetzung von x zu 0 werden.[1] Es ergeben sich dabei folgende Fragen.

  1. Welche Struktur besitzt I?
  2. Gibt es unter den Elementen  PI  besonders einfache Polynome, mit denen man I einfach beschreiben kann?
  3. Kann man mit Hilfe von I Eigenschaften von  xL  beschreiben?

Zu all diesen Fragen gibt es überzeugende Antworten. Zur ersten Frage können wir folgende Beobachtung machen: Das Nullpolynom gehört zu I. Wenn zwei Polynome P1,P2 zu I gehören, so gehört auch ihre Summe zu I, es ist ja  (P1+P2)(x)=P1(x)+P2(x)=0+0=0.  Für  PI  und ein beliebiges Polynom  FK[X]  ist auch  FPI,  wegen  (FP)(x)=F(x)P(x)=F(x)0=0



Ideale

Die soeben formulierten Eigenschaften der Menge von annullierenden Polynomen führt zur folgenden Definition.


Eine Teilmenge 𝔞 eines kommutativen Ringes R heißt Ideal, wenn die folgenden Bedingungen erfüllt sind:

  1.  0𝔞
  2. Für alle  a,b𝔞  ist auch  a+b𝔞
  3. Für alle  a𝔞  und  rR  ist auch  ra𝔞

Ein Ideal ist eine Untergruppe der additiven Gruppe von R, die zusätzlich die dritte oben angeführte Eigenschaft erfüllt. Die einfachsten Ideale sind das Nullideal 0 und das Einheitsideal R.

Für den Ring der ganzen Zahlen sind Untergruppen und Ideale identische Begriffe. Dies folgt einerseits aus der Gestalt  H=d  für jede Untergruppe von (die ihrerseits aus der Division mit Rest folgt), aber ebenso direkt aus der Tatsache, dass für  kH  und beliebiges  r  gilt  rk=k+k++k  (r Summanden) und entsprechend für negatives r. Die Skalarmultiplikation mit einem beliebigen Ringelement lässt sich also bei auf die Addition zurückführen.


Ein Ideal 𝔞 in einem kommutativen Ring R der Form

𝔞=(a)=Ra={ra:rR}

heißt Hauptideal.



Zu einer Familie von Elementen ajR, jJ, in einem kommutativen Ring R bezeichnet (aj:jJ) das von den aj erzeugte Ideal. Es besteht aus allen (endlichen) Linearkombinationen

jJ0rjaj,

wobei  J0J  eine endliche Teilmenge und  rjR  sind.

Es handelt sich dabei um das kleinste Ideal in R, das alle aj, jJ, enthält. Dass ein solches Ideal existiert, ist auch deshalb klar, weil der Durchschnitt von einer beliebigen Familie von Idealen wieder ein Ideal ist. Ein Hauptideal ist demnach ein Ideal, das von einem Element erzeugt wird.



Einige ringtheoretische Konzepte

In einem Körper folgt aus  xy=0,  dass ein Faktor 0 sein muss. Diese Eigenschaft gilt nicht für beliebige Ringe. Ein Element fR in einem kommutativen Ring heißt Nichtnullteiler, wenn aus  fg=0  stets  g=0  folgt. Man nennt einen Ring nullteilerfrei, wenn 0 der einzige Nullteiler ist.


Ein kommutativer, nullteilerfreier, von 0 verschiedener Ring heißt Integritätsbereich.

Der Ring der ganzen Zahlen und die Polynomringe K[X] über einem Körper K sind Integritätsbereiche. Das sind für uns die wichtigsten Beispiele.


Ein Element u in einem kommutativen Ring R heißt Einheit, wenn es ein Element  vR  mit  uv=1  gibt.


Es sei R ein kommutativer Ring, und a,b Elemente in R. Man sagt, dass a das Element b teilt (oder dass b von a geteilt wird, oder dass b ein Vielfaches von a ist), wenn es ein  cR  derart gibt, dass  b=ca  ist. Man schreibt dafür auch a|b.


Es sei R ein kommutativer Ring. Man sagt, dass zwei Elemente  a,bR  teilerfremd sind, wenn jedes Element  cR,  das sowohl a als auch b teilt, eine Einheit ist.


Eine Nichteinheit p in einem kommutativen Ring heißt irreduzibel (oder unzerlegbar), wenn eine Faktorisierung  p=ab  nur dann möglich ist, wenn einer der Faktoren eine Einheit ist.

Diese Begriffsbildung orientiert sich offenbar an den Primzahlen. Dagegen taucht das Wort „prim“ in der folgenden Definition auf.


Eine Nichteinheit  p0  in einem kommutativen Ring R heißt prim (oder ein Primelement), wenn Folgendes gilt: Teilt p ein Produkt ab mit a,bR, so teilt p einen der Faktoren.

Eine Einheit ist also nach Definition nie ein Primelement. Dies ist eine Verallgemeinerung des Standpunktes, dass 1 keine Primzahl ist. Dabei ist die 1 nicht deshalb keine Primzahl, weil sie „zu schlecht“ ist, sondern weil sie „zu gut“ ist. Für die ganzen Zahlen und für viele weitere Ringe fallen die beiden Begriffe prim und irreduzibel zusammen. Im Allgemeinen ist irreduzibel einfacher nachzuweisen, und prim ist der stärkere Begriff, jedenfalls für Integritätsbereiche.



Lemma  Lemma 3.10 ändern

In einem Integritätsbereich ist ein Primelement stets irreduzibel.

Beweis  

Angenommen, wir haben eine Zerlegung  p=ab.  Wegen der Primeigenschaft teilt p einen Faktor, sagen wir  a=ps.  Dann ist  p=psb  bzw.  p(1sb)=0.  Da p kein Nullteiler ist, folgt  1=sb,  sodass also b eine Einheit ist.




Irreduzible Polynome

Ein nichtkonstantes Polynom  P=a0+a1X+a2X2++anXnK[X],  wobei K einen Körper bezeichne, ist genau dann irreduzibel, wenn es keine Produktdarstellung  P=QR  gibt, die die Gradbedingung

0<grad(Q)<grad(P)

erfüllt.


Die irreduziblen Polynome sind gerade die irreduziblen Elemente im Polynomring K[X] im Sinne der obigen allgemeinen ringtheoretischen Definition. Nach der weiter unten zu beweisenden Aussage könnte man auch von Primelementen bzw. Primpolynomen sprechen. Eine weitere wichtige Charakterisierung ist die Restklassencharakterisierung, die wir in der siebten Vorlesung kennenlernen werden.


Die Irreduzibilität eines Polynoms hängt wesentlich vom Grundkörper ab. Zum Beispiel ist das reelle Polynom  X2+1[X]  irreduzibel, dagegen zerfällt es als Polynom in [X] als

X2+1=(X+i)(Xi).

Ebenso ist das Polynom  X25[X]  irreduzibel, aber über hat es die Zerlegung

X25=(X5)(X+5).

Übrigens kann die Zerlegung über einem größeren Körper manchmal dazu benutzt werden, um zu zeigen, dass ein Polynom über dem gegebenen Körper irreduzibel ist.


Die Existenz der Faktorzerlegung in der folgenden Aussage folgt unmittelbar aus der Definition von irreduzibel, für die Eindeutigkeit muss man aber wissen, dass in einem Polynomring die irreduziblen Polynome auch Primpolynome sind (siehe unten).


Es sei K ein Körper und sei  FK[X]  ein von 0 verschiedenes Polynom.

Dann gibt es eine (bis auf die Reihenfolge der Faktoren) eindeutige Produktdarstellung

F=aF1Fr

mit  aK×  und irreduziblen normierten Polynomen Fi, i=1,,r.

Beweis

Siehe Aufgabe 3.8.




Hauptidealbereiche

Ein Integritätsbereich, in dem jedes Ideal ein Hauptideal ist, heißt Hauptidealbereich.



Satz  Satz 3.15 ändern

Ein Polynomring über einem Körper

ist ein Hauptidealbereich.

Beweis  

Es sei I ein von 0 verschiedenes Ideal in K[X]. Betrachte die nichtleere Menge

{grad(P)PI,P0}.

Diese Menge hat ein Minimum  m,  das von einem Element FI, F0, herrührt, sagen wir  m=grad(F).  Wir behaupten, dass  I=(F)  ist. Die Inklusion ist klar. Zum Beweis von sei  PI  gegeben. Aufgrund von Satz Anhang 1.3 gilt

P=FQ+R mit grad(R)<grad(F) oder R=0.

Wegen  RI  und der Minimalität von grad(F) kann der erste Fall nicht eintreten. Also ist  R=0  und P ist ein Vielfaches von F.


In der eingangs besprochenen Situation eines Elements xL einer Körpererweiterung  KL  und des zugehörigen Annullationsideals  I={PK[X]P(x)=0}  bedeutet dieser Satz, dass es ein Polynom geben muss, das dieses Ideal erzeugt. Dieses Polynom besitzt unter sämtlichen annullierenden Polynomen 0 minimalen Grad, und man kann es als normiert ansetzen, wodurch es eindeutig festgelegt wird. Man spricht vom Minimalpolynom zu x.

Mit einem ähnlichen Argument wie im Beweis der letzten Aussage verwendet kann man zeigen, dass ebenfalls ein Hauptidealbereich ist. Die folgenden Aussagen gelten also auch für .

Die beiden folgenden Aussagen nennt man Lemma von Bézout bzw. Lemma von Euklid.


Lemma  Lemma 3.16 ändern

Es sei R ein Hauptidealbereich und seien  a,bR  teilerfremde Elemente.

Dann kann man die 1 als Linearkombination von a und b darstellen, d.h. es gibt Elemente  r,sR  mit  ra+sb=1

Beweis  

Wir betrachten das von a und b erzeugte Ideal  I=(a,b).  Da R ein Hauptidealbereich ist, gibt es ein  cR  mit  (a,b)=(c).  Daher ist c ein Teiler von a und von b. Die Teilerfremdheit impliziert, dass c eine Einheit ist. Wegen  c(a,b)  gibt es eine Darstellung  c=ua+vb.  Multiplikation mit c1 ergibt die Darstellung der 1.



Lemma  Lemma 3.17 ändern

Es sei R ein Hauptidealbereich und  a,b,cR.  Es seien a und b teilerfremd und a teile das Produkt bc.

Dann teilt a den Faktor c.

Beweis  

Da a und b teilerfremd sind, gibt es nach dem Lemma von Bézout Elemente  r,sR  mit  ra+sb=1.  Die Voraussetzung, dass a das Produkt bc teilt, schreiben wir als  bc=da.  Damit gilt

c=c1=c(ra+sb)=cra+csb=acr+ads=a(cr+ds),

was zeigt, dass c ein Vielfaches von a ist.



Korollar  Referenznummer erstellen

Es sei R ein Hauptidealbereich. Dann ist ein Element genau dann prim,

wenn es irreduzibel ist.

Beweis  

Ein Primelement in einem Integritätsbereich ist nach Lemma 3.10 stets irreduzibel. Es sei also umgekehrt p irreduzibel, und nehmen wir an, dass p das Produkt ab teilt, sagen wir  pc=ab.  Nehmen wir an, dass a kein Vielfaches von p ist. Dann sind aber a und p teilerfremd, da eine echte Inklusionskette  (p)(p,a)=(d)R  der Irreduzibilität von p widerspricht. Damit teilt p nach dem Lemma von Euklid den anderen Faktor b.



Fußnoten
  1. In der letzten Vorlesung haben wir gesehen, dass eine Einheitswurzel ζ nach Definition von Xn1 annulliert wird, bei ζ1 aber auch von Xn1++X1+1. Gibt es noch weitere annullierende Polynome? Gibt es noch weitere annullierende Polynome von kleinerem Grad?


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Arbeitsblatt zur Vorlesung (PDF)