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Kurs:Körper- und Galoistheorie (Osnabrück 2018-2019)/Vorlesung 23

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Polynome mit unauflösbarer Galoisgruppe

Wir möchten nun zeigen, dass gewisse Körpererweiterungen, und zwar die Zerfällungskörper von gewissen Polynomen vom Grad , nicht auflösbar sind. Dazu müssen wir aufgrund der Galoistheorie für auflösbare Körpererweiterungen und den gruppentheoretischen Überlegungen zu den Permutationsgruppen , , (Lemma 21.9) lediglich nachweisen, dass diese Permutationsgruppen als Galoisgruppen auftreten. Dazu bedarf es einiger Vorbereitungen über Permutationsgruppen.

Zu einer Permutationsgruppe auf einer Menge liefert jede Teilmenge    eine Untergruppe  .  Man setzt einfach die Permutation auf durch die Identität auf zu einer Permutation auf ganz fort.



Es sei eine endliche Menge und    seien Teilmengen mit  .  Es sei    eine Untergruppe der Permutationsgruppe, die sowohl als auch umfasst.

Dann ist  

Jedes Element    lässt sich nach Lemma 18.7 (Lineare Algebra (Osnabrück 2024-2025)) als Produkt von Transpositionen auf schreiben. Es muss also lediglich gezeigt werden, dass solche Transpositionen zu gehören. Es sei    eine Transposition, und zwar vertausche die Elemente und , also  .  Wenn beide Elemente zu (oder zu ) gehören, sind wir fertig. Es sei also und . Es sei ferner  ,  und sei von und verschieden (sonst gehören beide zu einer der Teilmengen). Dann ist

und diese drei Transpositionen gehören zu oder zu und damit zu .



Es sei eine Menge und sei    die zugehörige Permutationsgruppe. Eine Untergruppe    heißt transitiv, wenn es zu je zwei Elementen    ein    gibt mit  



Es sei eine Primzahl und die Permutationsgruppe zu . Es sei    eine transitive Untergruppe, die eine Transposition enthalte.

Dann ist  

Es sei  .  Wir betrachten Teilmengen    derart, dass    ist, und wollen    zeigen. Es sei dazu eine solche Teilmenge mit maximaler Elementanzahl, die wir nennen. Da es mindestens eine Transposition in gibt, ist  .  Für jedes    ist    ebenfalls eine -elementige Menge mit  .  Für    ist nämlich

und ist eine Permutation auf , sodass sie zu gehört und damit auch    gilt. Für Permutationen    ist entweder    oder  ,  da andernfalls nach Lemma 23.1    wäre im Widerspruch zur Maximalität von . Es sei nun    vorgegeben und ein    fixiert. Aufgrund der Transitivität gibt es ein    mit  .  Dann ist natürlich  .  Das bedeutet, dass die Mengen , , die Gesamtmenge überdecken. Wegen der Gleichmächtigkeit dieser Mengen ist ein Vielfaches von und somit ist  ,  also  



Es sei eine Primzahl und    ein irreduzibles Polynom vom Grad , das genau reelle Nullstellen besitzt.

Dann ist die Galoisgruppe des Zerfällungskörpers    gleich der Permutationsgruppe .

Bei    ist diese Körpererweiterung nicht auflösbar.

Es seien die reellen Nullstellen und die beiden nichtreellen komplexen Nullstellen. Nach Lemma 14.2 ist die Galoisgruppe in natürlicher Weise eine Untergruppe der Permutationsgruppe der Nullstellen. Wir zeigen, dass es sich um die volle Permutationsgruppe handelt. Die komplexe Konjugation induziert einen - Automorphismus auf , der die reellen Nullstellen unverändert lässt und die beiden nichtreellen Nullstellen und ineinander überführt. Daher bewirkt dieser Automorphismus auf den Nullstellen eine Transposition. Da über irreduzibel ist, ist für jede Nullstelle das Minimalpolynom und daher sind alle Nullstellen zueinander konjugiert. Nach Satz 14.5 gibt es somit für je zwei Nullstellen und einen Automorphismus mit  .  Damit sind die Voraussetzungen von Lemma 23.3 erfüllt und somit ist die Galoisgruppe die volle Permutationsgruppe.



Es sei eine Primzahl und sei

Dann gelten folgende Aussagen.
  1. Das Polynom ist irreduzibel in .
  2. besitzt drei reelle Nullstellen und darüber hinaus zwei komplexe nichtreelle Nullstellen.
  3. Die Galoisgruppe des Zerfällungskörpers    ist die Permutationsgruppe .
  4. Die Körpererweiterung    ist nicht auflösbar.

(1) ergibt sich aus dem Kriterium von Eisenstein.
(2). Wir berechnen einige Funktionswerte von . Es ist

und schließlich

Nach dem Zwischenwertsatz gibt es daher mindestens drei reelle Nullstellen. Die Ableitung von ist

und besitzt die beiden reellen Nullstellen und . Nach dem Mittelwertsatz der Differentialrechnung kann somit nicht mehr als drei reelle Nullstellen besitzen, da zwischen zwei Nullstellen stets eine Nullstelle der Ableitung liegt. Die Nullstellen der Ableitung sind wegen

(wegen der Irreduzibilität von über ) keine Nullstelle von , sodass keine mehrfache Nullstelle besitzen kann. Daher muss es zwei weitere komplexe nichtreelle Nullstellen geben.
(3) und (4) folgen aus (1), (2) und Lemma 23.4.



Das erste Beispiel für ein solches Polynom ist . Durch die Existenz solcher Polynome folgt die allgemeine Unauflösbarkeit für algebraische Gleichungen vom Grad und höher. Diese Aussage heißt Satz von Abel-Ruffini.



Für   

gibt es polynomiale Gleichungen (über ) vom Grad , die nicht auflösbar sind.

Für    folgt dies direkt aus Korollar 23.5, und für    kann man ein unauflösbares Polynom vom Grad einfach mit einem beliebigen Polynom vom Grad multiplizieren.


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