Zum Inhalt springen

Kurs:Mathematik (Osnabrück 2009-2011)/Teil I/Vorlesung 7

Aus Wikiversity




Folgen in einem angeordneten Körper

Wir beginnen mit einem motivierenden Beispiel.


Wir wollen die Quadratwurzel einer natürlichen Zahl „berechnen“, sagen wir von 5. Eine solche Zahl x mit der Eigenschaft x2=5 gibt es nicht innerhalb der rationalen Zahlen, wie aus der eindeutigen Primfaktorzerlegung folgt. In jedem angeordneten Körper K gibt es eine 5, ob es aber ein solches x gibt ist eine nichttriviale zusätzliche Eigenschaft von K. Wenn es in K eine solches x gibt, so hat auch x diese Eigenschaft. Mehr als zwei Lösungen kann es aber nicht geben, siehe Aufgabe 7.2, sodass wir nur nach der positiven Lösung suchen müssen.

Obwohl es innerhalb der rationalen Zahlen keine Lösung für die Gleichung x2=5 gibt, so gibt es doch beliebig gute Approximationen innerhalb der rationalen Zahlen dafür. Beliebig gut heißt dabei, dass der Fehler (oder die Abweichung) unterhalb jede positive Schranke gedrückt werden kann. Das klassische Verfahren, um eine Quadratwurzeln beliebig anzunähern, ist das Heron-Verfahren, das man auch babylonisches Wurzelziehen nennt. Dies ist ein iteratives Verfahren, d.h. die nächste Approximation wird aus den vorausgehenden Approximationen berechnet. Beginnen wir mit a=x0=2 als erster Näherung. Wegen

x02=22=4<5

ist x0 zu klein, d.h. es ist x0<x, wobei diese Ungleichung (zunächst) nur Sinn ergibt, wenn x in K existiert. Aus a2<5 (mit a positiv) folgt zunächst 5/a2>1 und daraus (5/a)2>5, d.h. 5/a>5. Man hat also die Abschätzungen

a<5<5/a,

wobei rechts eine rationale Zahl steht, wenn links eine rationale Zahl steht. Eine solche Abschätzung vermittelt offenbar eine quantitative Vorstellung darüber, wo 5 liegt, und zwar unabhängig davon, ob 5 zu K gehört oder nicht, solange nur a dazu gehört. Die Differenz 5/aa ist ein Maß für die Güte der Approximation.

Beim Startwert 2 ergibt sich, dass die Quadratwurzel von 5 zwischen 2 und 5/2 liegt. Man nimmt das arithmetische Mittel der beiden Intervallgrenzen, also

x1=2+522=94.

Wegen  (94)2=8116>5  ist dieser Wert zu groß und daher liegt 5 im Intervall [549,94]. Von diesen Intervallgrenzen nimmt man erneut das arithmetische Mittel und setzt

x2=549+942=16172

als nächste Approximation. So fortfahrend erhält man eine immer besser werdende Approximation von 5.


Allgemein ergibt sich das folgende Heron-Verfahren.


Beim Heron-Verfahren zur näherungsweisen Berechnung von c einer positiven Zahl c geht man iterativ wie folgt vor. Man startet mit einem beliebigen positiven Startwert x0 und berechnet davon das arithmetische Mittel aus x0 und cx0. Dieses Mittel nennt man x1. Es gilt

x12c=(x0+cx02)2c=x02+2c+c2x024c=x022c+c2x024=(x0cx02)20.

D.h. dass x1 mindestens so groß wie c ist. Auf x1 wendet man iterativ das gleiche Verfahren an und erhält so x2 usw. Die rekursive Definition von xn+1 lautet also

xn+1=xn+cxn2.

Nach Konstruktion weiß man, dass c in jedem Intervall [c/xn,xn] (für n1) liegt, da aus  xn2c  direkt  (cxn)2=c2xn2c2c=c  folgt. Bei jedem Schritt gilt

[cxn+1,xn+1][cxn,xn],

d.h. das Nachfolgerintervall liegt innerhalb des Vorgängerintervalls. Dabei wird bei jedem Schritt die Intervalllänge mindestens halbiert.


Das eben beschriebene Verfahren liefert also zu jeder natürlichen Zahl n ein Element in K, das eine durch eine gewisse algebraische Eigenschaft charakterisierte Zahl beliebig gut approximiert. Bei vielen technischen Anwendungen genügt es, gewisse Zahlen nur hinreichend genau zu kennen, wobei allerdings die benötigte Güte der Approximation von der technischen Zielsetzung abhängt. Es gibt im Allgemeinen keine Güte, die für jede vorstellbare Anwendung ausreicht, so dass es wichtig ist zu wissen, wie man eine gute Approximation durch eine bessere Approximation ersetzen kann und wie viele Schritte man machen muss, um eine gewünschte Approximation zu erreichen. Dies führt zu den Begriffen Folge und Konvergenz.


Es sei K ein angeordneter Körper. Eine Folge in K ist eine Abbildung

K,nxn.

Eine Folge wird zumeist als (xn)n, oder einfach nur kurz als (xn)n geschrieben. Manchmal sind Folgen nicht für alle natürlichen Zahlen definiert, sondern nur für alle natürlichen Zahlen N. Alle Begriffe und Aussagen lassen sich dann sinngemäß auch auf diese Situation übertragen. Grundsätzlich gibt es Folgen in jeder Menge (nicht nur in einem angeordneten Körper), für die meisten Eigenschaften, für die man sich im Kontext von Folgen interessiert, braucht man aber eine zusätzliche topologische Struktur, wie sie in einem angeordneten Körper existiert. Dies gilt insbesondere für den folgenden Begriff.


Es sei (xn)n eine Folge in einem angeordneten Körper und es sei  xK.  Man sagt, dass die Folge gegen x konvergiert, wenn folgende Eigenschaft erfüllt ist.

Zu jedem ϵK, ϵ>0, gibt es ein  n0  derart, dass für alle  nn0  die Beziehung

|xnx|ϵ

gilt. In diesem Fall heißt x der Grenzwert oder der Limes der Folge. Dafür schreibt man auch

limnxn=x.

Wenn die Folge einen Grenzwert besitzt, so sagt man auch, dass sie konvergiert (ohne Bezug auf einen Grenzwert.), andernfalls, dass sie divergiert.

Man sollte sich dabei das vorgegebene ϵ als eine kleine, aber positive Zahl vorstellen, die eine gewünschte Zielgenauigkeit (oder erlaubten Fehler) ausdrückt. Die natürliche Zahl n0 ist dann die Aufwandszahl, die beschreibt, wie weit man gehen muss, um die gewünschte Zielgenauigkeit zu erreichen, und zwar so zu erreichen, dass alle ab n0 folgenden Glieder innerhalb dieser Zielgenauigkeit bleiben. Konvergenz bedeutet demnach, dass man jede gewünschte Genauigkeit bei hinreichend großem Aufwand auch erreichen kann. Je kleiner die Zielgenauigkeit, also je besser die Approximation sein sollen, desto höher ist im Allgemeinen der Aufwand.

Zu einem ϵ>0 und xK nennt man das Intervall ]xϵ,x+ϵ[ auch die ϵ-Umgebung von x. Eine Folge, die gegen 0 konvergiert, heißt Nullfolge.




Lemma  

Es sei K ein angeordneter Körper und sei (xn)n eine Folge in K.

Dann besitzt xn maximal einen Grenzwert.

Beweis  

 Nehmen wir an, dass es zwei verschiedene Grenzwerte x,y, xy, gibt. Dann ist  d:=|xy|>0.  Wir betrachten  ϵ:=d/3>0.  Wegen der Konvergenz gegen x gibt es ein n0 mit

|xnx|ϵ für alle nn0

und wegen der Konvergenz gegen y gibt es ein n0 mit

|xny|ϵ für alle nn0.

Beide Bedingungen gelten dann gleichermaßen für  nmax{n0,n0}.  Es sei n mindestens so groß wie dieses Maximum. Dann ergibt sich aufgrund der Dreiecksungleichung der Widerspruch

d=|xy||xxn|+|xny|ϵ+ϵ=2d/3.




Eine konstante Folge  xn=c  ist stets konvergent mit dem Grenzwert c. Dies folgt direkt daraus, dass man für jedes  ϵ>0  als Aufwandszahl  n0=0  nehmen kann. Es ist ja

|xnc|=|cc|=|0|=0<ϵ

für alle n.

Es sei nun K ein archimedisch angeordneter Körper. Dann ist die Folge

xn=1n

konvergent mit dem Grenzwert 0. Es sei dazu ein beliebiges ϵK, ϵ>0, vorgegeben. Aufgrund des Archimedes-Axioms (siehe Lemma 6.10) gibt es ein n0 mit

1n0ϵ.

Damit gilt für alle  nn0  die Abschätzung

xn=1n1n0ϵ.



Beschränktheit

Es sei K ein angeordneter Körper und  MK  eine Teilmenge.

  1. Ein Element  SK  heißt eine obere Schranke für M, wenn  xS  für alle  xM  gilt.
  2. Ein Element  sK  heißt eine untere Schranke für M, wenn  xs  für alle  xM  gilt.
  3. M heißt nach oben beschränkt, wenn eine obere Schranke für M existiert .
  4. M heißt nach unten beschränkt, wenn eine untere Schranke für M existiert.
  5. M heißt beschränkt , wenn M sowohl nach oben als auch nach unten beschränkt ist.
  6. Ein Element  TM  heißt das Maximum von M, wenn  Tx  für alle  xM  gilt.
  7. Ein Element  tM  heißt das Minimum von M, wenn  tx  für alle  xM  gilt.
  8. Eine obere Schranke T von M heißt das Supremum von M, wenn  TS  für alle oberen Schranken S von M gilt.
  9. Eine untere Schranke t von M heißt das Infimum von M, wenn  ts  für alle unteren Schranken s von M gilt.

Obere und untere Schranken muss es nicht geben. Wenn S eine obere Schranke ist, so ist auch jede größere Zahl eine obere Schranke. Für das offene Intervall ]0,1[ ist 1 das Supremum, aber nicht das Maximum, da 1 nicht dazu gehört. Entsprechend ist 0 das Infimum, aber nicht das Minimum. Beim abgeschlossenen Intervall [0,1] sind die beiden Grenzen Maximum und Minimum.

All diese Begriffe werden auch für Folgen angewendet, und zwar für die Bildmenge {xnn}. Für die Folge 1/n, n+, ist 1 das Maximum und das Supremum, 0 ist das Infimum, aber nicht das Minimum.



Lemma  

Es sei K ein angeordneter Körper. Wenn eine Folge in K konvergent ist,

so ist sie auch beschränkt.

Beweis  

Es sei (xn)n die konvergente Folge mit dem Limes  xK  und es sei ein  ϵ>0  gewählt. Aufgrund der Konvergenz gibt es ein n0 derart, dass

|xnx|ϵ für alle nn0.

Dann ist insbesondere

|xn||x|+|xxn||x|+ϵ für alle nn0.

Unterhalb von n0 gibt es nur endlich viele Zahlen, sodass das Maximum

B:=maxn<n0{|xn|,|x|+ϵ}

wohldefiniert ist. Daher ist B eine obere Schranke und B eine untere Schranke für {xnn}.


Es ist einfach, beschränkte, aber nicht konvergente Folgen anzugeben.


Es sei K ein angeordneter Körper und sei cK, c0. Dann ist die alternierende Folge

xn=(1)nc

beschränkt, aber nicht konvergent. Die Beschränktheit folgt direkt aus

|xn|=|(1)n||c|=|c|.

Konvergenz liegt aber nicht vor. Nehmen wir an, dass  x0  der Grenzwert sei. Dann gilt für positives  ϵ<|c|  und jedes ungerade n die Beziehung

|xnx|=c+xc>ϵ,

sodass es Folgenwerte außerhalb dieser ϵ-Umgebung gibt. Analog kann man einen negativ angenommenen Grenzwert zum Widerspruch führen.




Rechenregeln für Folgen



Lemma  

Es sei K ein angeordneter Körper und es seien (xn)n und (yn)n konvergente Folgen in K. Dann gelten folgende Aussagen.

  1. Die Folge (xn+yn)n ist konvergent und es gilt
    limn(xn+yn)=(limnxn)+(limnyn).
  2. Die Folge (xnyn)n ist konvergent und es gilt
    limn(xnyn)=(limnxn)(limnyn).
  3. Für  cK  gilt
    limncxn=c(limnxn).
  4. Es sei  limnxn=x0  und  xn0  für alle  n.  Dann ist (1xn)n ebenfalls konvergent mit
    limn1xn=1x.
  5. Es sei  limnxn=x0  und  xn0  für alle  n.  Dann ist (ynxn)n ebenfalls konvergent mit
    limnynxn=limnynx.

Beweis  

(2). Sei  ϵ>0  vorgegeben. Die konvergente Folge (xn)n ist nach Lemma 7.8 insbesondere beschränkt und daher existiert ein  D>0  mit  |xn|D  für alle  n.  Sei x:=limnxn und y:=limnyn. Wir setzen  C:=max{D,|y|}.  Aufgrund der Konvergenz gibt es natürliche Zahlen N1 und N2 mit

|xnx|ϵ2C für nN1 und |yny|ϵ2C für nN2.

Diese Abschätzungen gelten dann auch für alle  nN:=max{N1,N2}.  Für diese Zahlen gilt daher

|xnynxy|=|xnynxny+xnyxy||xnynxny|+|xnyxy|=|xn||yny|+|y||xnx|Cϵ2C+Cϵ2C=ϵ.

(4). Da der Limes der Folge (xn)n nicht 0 ist, gilt für  nN1  die Bedingung  |xn||x|2  und damit

1|xn|2|x|.

Es sei  ϵ>0  vorgegeben. Wegen der Konvergenz von (xn)n gibt es ein N2 mit

|xnx|ϵ|x|22 für alle nN2.

Dann gilt für alle  nN:=max{N1,N2}  die Abschätzung

|1xn1x|=|xnxxxn|=1|x||xn||xnx|2|x|2ϵ|x|22=ϵ.



Es sei K ein angeordneter Körper und es seien (xn)n und (yn)n konvergente Folgen mit  xnyn  für alle  n

Dann ist

limnxnlimnyn.

Beweis

Siehe Aufgabe *****.



Es sei K ein angeordneter Körper und es seien (xn)n,(yn)n und (zn)n drei Folgen in K. Es gelte

xnynzn für alle n

und (xn)n und (zn)n konvergieren beide gegen den gleichen Grenzwert a.

Dann konvergiert auch (yn)n gegen diesen Grenzwert a.

Beweis

Siehe Aufgabe *****.



Es sei K ein angeordneter Körper und sei (xn)n eine Folge in K. Dann heißt die Folge wachsend, wenn  xn+1xn  ist für alle  n,  und streng wachsend, wenn  xn+1>xn  ist für alle  n.  Die Folge heißt fallend, wenn  xn+1xn  ist für alle  n  und streng fallend, wenn  xn+1<xn  ist für alle  n

Als gemeinsamen Begriff für waschsende oder fallende Folgen verwendet man die Bezeichnung monotone Folgen.

Man stelle sich nun eine wachsende Folge vor, die aber dennoch beschränkt ist. Muss eine solche Folge konvergieren? Das hängt vom angeordneten Körper ab! Innerhalb der rationalen Zahlen sind beispielsweise die mit dem Heronverfahren konstruierten Folgen monoton wachsend (wenn man mit einem zu kleinen Startwert anfängt) und auch beschränkt (durch jede rationale Zahl, deren Quadrat größer als a ist), sie besitzen aber im Allgemeinen keinen Limes in . Die reellen Zahlen , denen wir uns in der nächsten Vorlesung zuwenden, sind gerade dadurch ausgezeichnet, dass darin jede wachsende, nach oben beschränkte Folge einen Grenzwert besitzt.



<< | Kurs:Mathematik (Osnabrück 2009-2011)/Teil I | >>

PDF-Version dieser Vorlesung

Arbeitsblatt zur Vorlesung (PDF)