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Kurs:Mathematik für Anwender (Osnabrück 2019-2020)/Teil II/Vorlesung 39

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... und ein Vorlesungsminischwein diskutiert.



Integration von stetigen Wegen

Für eine stetige Kurve

g:IV

in einem endlichdimensionalen reellen Vektorraum definieren wir für  a,bI  das Integral abg(s)ds komponentenweise, d.h. man wählt eine Basis v1,,vn von V und drückt die stetige Kurve durch ihre Komponentenfunktionen g1,,gn aus. Dann setzt man

abg(s)ds:=(abg1(s)ds)v1++(abgn(s)ds)vn.

Das Ergebnis ist ein Vektor in V, der unabhängig von der gewählten Basis ist, siehe Aufgabe 39.2. Wenn man die untere Intervallgrenze a fixiert und die obere Intervallgrenze  b=t,  so bekommt man eine Integralkurve

IV,tatg(s)ds.

Diese Integralkurve (oder Stammkurve) kann man wieder ableiten und erhält die Ausgangskurve zurück, d.h. es gilt wieder der Hauptsatz der Infinitesimalrechnung.

Es gilt die folgende Integralabschätzung.


Satz  

Es sei V ein euklidischer Vektorraum und

g:[a,b]V

eine stetige Abbildung.

Dann gilt

abg(t)dtabg(t)dt.

Beweis  

Wenn  abg(t)dt=0  ist, so ist nichts zu zeigen. Es sei also

abg(t)dt=v0.

Es sei  u1:=vv.  Das ergänzen wir zu einer Orthonormalbasis u1,u2,,un von V. Es seien g1,g2,,gn die Koordinatenfunktionen von g bezüglich dieser Basis. Dann besteht aufgrund unserer Basiswahl die Beziehung

v=abg(t)dt=(abg1(t)dt)u1++(abgn(t)dt)un=(abg1(t)dt)u1,

da ja v ein Vielfaches von u1 ist und somit die anderen Koeffizienten gleich 0 sind. Daher ist

abg(t)dt=|abg1(t)dt|ab|g1(t)|dtab(g1(t))2++(gn(t))2dt=abg1(t)u1++gn(t)undt=abg(t)dt.


Die Abschätzung aus Satz 39.1 ist im Allgemeinen recht grob. Wenn beispielsweise  g=f  die Ableitung einer stetig differenzierbaren Kurve

f:[a,b]V

ist, so ist die rechte Seite nach Satz 38.6 gleich

abg(t)dt=abf(t)dt=Lab(f),

also die Kurvenlänge von f. Die linke Seite ist hingegen

abg(t)dt=f(b)f(a).

Die Abschätzung ist also in diesem Fall trivial, da ja die Kurvenlänge nach Definition 38.5 das Supremum der Längen der interpolierenden Streckenzüge ist, und f(b)f(a) ist die Länge der direkten Strecke.


Aus Satz 39.1 kann man Satz 38.1 für eine stetig differenzierbare Kurve

f:IV

gewinnen. Mit  g=f  ist nämlich

f(b)f(a)=abg(t)dtabg(t)dt=(ba)g(c)=(ba)f(c)

für ein gewisses  c[a,b],  dessen Existenz aus dem Mittelwertsatz der Integralrechnung (in einer Variablen) folgt.



Vektorfelder

Es sei V ein endlichdimensionaler reeller Vektorraum,  I  ein reelles Intervall und  UV  eine offene Menge. Dann nennt man eine Abbildung

f:I×UV,(t,x)f(t,x),

ein Vektorfeld (auf U).

Die übliche physikalische Interpretation ist hierbei, dass  tI  die Zeit repräsentiert,  xU  den Ort und  f(t,x)V  einen Vektor, der zum Zeitpunkt t an den Ortspunkt v angeheftet ist und dort eine Richtung vorgibt. Manchmal spricht man auch von einem Richtungsfeld. Im physikalischen Kontext werden die Vektoren als Geschwindigkeitsvektoren, als Kraftvektoren oder als Beschleunigungsvektoren interpretiert.

Wenn das Vektorfeld nicht von t abhängt, so spricht man von einem zeitunabhängigen oder autonomen Vektorfeld.

Wir werden im Rahmen der Differentialgleichungen auf zeitabhängige Vektorfelder zurückkommen. Zuerst untersuchen wir zeitunabhängige Vektorfelder und Wegintegrale.



Wegintegrale

Es sei  Un  eine offene Teilmenge,

F:Un

ein stetiges Vektorfeld und

γ:[a,b]U

eine stetig differenzierbare Kurve. Dann heißt

γF:=abF(γ(t)),γ(t)dt

das Wegintegral zum Vektorfeld F längs des Weges γ.

Statt Wegintegral sagt man auch Kurvenintegral. Die stetige Differenzierbarkeit sichert dabei, dass die Ableitung γ und damit auch der Integrand tF(γ(t)),γ(t) stetig sind, sodass das Integral existiert.

Wenn der Weg γ nur (stetig und) stückweise stetig differenzierbar ist, wenn es also eine Unterteilung  a=a0<a1<<an1<an=b  derart gibt, dass die Einschränkungen[1]  γi:=γ[ai1,ai]  stetig differenzierbar sind, so setzt man

γF:=γ1F+γ2F++γnF.

Das Vektorfeld

F:Un

sei durch die Komponentenfunktionen

F1(x1,,xn),,Fn(x1,,xn)

und die Kurve durch die Komponentenfunktionen

(γ1(t),,γn(t))

mit der Ableitung

(γ'1(t),,γn(t))

gegeben. Dann wird das Wegintegral durch

γF=abF1(γ1(t),,γn(t))γ1(t)++Fn(γ1(t),,γn(t))γn(t)dt=i=1nabFi(γ1(t),,γn(t))γi(t)dt

berechnet.



Zu einem konstanten Vektorfeld

F:nn,xv,

mit einem Vektor  vn  und einem affin-linearen Weg

γ:[a,b]n,tw+tu,

ist

γF=abv,udt=(ba)v,u.


Wir betrachten das Vektorfeld

F:22,(x,y)(x2y3,xy)

und den Weg

γ:[0,1]2,t(t2,t35t).

Die Ableitung von γ ist

γ(t)=(2t,3t25).

Daher ist das Wegintegral zu diesem Vektorfeld längs dieser Kurve gleich

γF=01F(γ(t)),γ(t)dt=01(γ1(t)2γ2(t)3)γ1(t)+γ1(t)γ2(t)γ2(t)dt=01(t4(t35t)3)2t+t2(t35t)(3t25)dt=01(t4t9+15t775t5+125t3)2t+t2(3t55t315t3+25t)dt=012t52t10+30t8150t6+250t4+3t720t5+25t3dt=012t10+30t8+3t7150t618t5+250t4+25t3dt=(211t11+103t9+38t81507t73t6+50t5+254t4)|01=47+336+6160+69339600+115501848=47215331848=653231848.


Wir betrachten das Vektorfeld

F:22,(x,y)(3x,5y).

Für einen stetig differenzierbaren Weg

γ:[a,b]2,tγ(t),

ist das Wegintegral zu diesem Vektorfeld gleich

γF=abF(γ(t)),γ(t)dt=ab3γ1(t)γ1(t)+5γ2(t)γ2(t)dt=(32(γ1(t))2+52(γ2(t))2)|ab=32(γ1(b))2+52(γ2(b))2+32(γ1(a))252(γ2(a))2.

Insbesondere hängt dieser Wert nur von γ(a) und γ(b) ab, also dem Anfangspunkt und dem Endpunkt der Bewegung, nicht aber vom Verlauf des Weges.


Das folgende Beispiel zeigt, dass für einen geschlossenen Weg γ, wo also  γ(a)=γ(b)  ist, das Wegintegral nicht 0 sein muss. Wir werden allerdings später sehen, dass Gradientenfelder (Potentialfelder) die Eigenschaft besitzen, dass die Wegintegrale nur vom Anfangs- und Endpunkt abhängen.


Wir betrachten das Vektorfeld

F:22,(x,y)(y,x)

und den Weg

γ:[0,2π]2,t(cost,sint).

Die Ableitung von γ ist

γ(t)=(sint,cost).

Daher ist das Wegintegral zu diesem Vektorfeld längs dieser Kurve gleich

γF=02πF(γ(t)),γ(t)dt=02π(sintcost),(sintcost)dt=02πsin2t+cos2tdt=02π1dt=2π.

Bei der üblichen physikalischen Interpretation eines Wegintegrals stellt man sich das Vektorfeld F als ein Kraftfeld und den Weg als die Bewegung eines Massepunktes vor. Dabei ist die Bewegung erzwungen, d.h. es handelt sich nicht um die natürliche Bewegung, die das Kraftfeld bewirkt , sondern um eine geführte Bewegung. Eine solche Bewegung erfordert einen Arbeitsaufwand, wenn sie gegen das Kraftfeld durchgeführt wird, und setzt Energie frei, wenn sie mit der Kraft geführt wird. Entscheidend ist dabei der Winkel zwischen der momentanten Bewegungsrichtung zu einem Zeitpunkt t und dem Kraftfeld zum Ortspunkt γ(t). Daher taucht in der Definition des Wegintegrals das Skalarprodukt zwischen Vektorfeld und Bewegungsrichtung auf. Das gesamte Wegintegral ist die Arbeit, die man längs des Weges in dem Kraftfeld verrichtet. Das Skalarprodukt F(γ(t)),γ(t) bedeutet zu einem fixierten Zeitpunkt t die momentane Leistung.




Satz  

Es sei  Un  eine offene Teilmenge,

F:Un

ein stetiges Vektorfeld und

γ:[a,b]U

eine stetig differenzierbare Kurve. Es sei

g:[c,d][a,b]

eine bijektive, monoton wachsende, stetig differenzierbare Funktion und sei  γ~=γg

Dann gilt

γF=γ~F.

Beweis  

Es seien F1,,Fn die Komponentenfunktionen von F und γ1,,γn die Komponentenfunktionen von γ. Dann gilt mit der Substitution

t=g(s)

unter Verwendung von Korollar 20.8

γF=i=1nabFi(γ1(t),,γn(t))γi(t)dt=i=1ncdFi(γ1(g(s)),,γn(g(s)))γi(g(s))g(s)ds=i=1ncdFi(γ~1(s),,γ~n(s))γ~i(s)ds=γ~F.

Die Funktion g:[c,d][a,b] nennt man in diesem Zusammenhang eine (orientierungserhaltende) Umparametrisierung. Der Satz besagt, dass das Wegintegral nur von dem durchlaufenen Weg (einschließlich der Richtung) abhängt, nicht aber von der Geschwindigkeit, mit der das passiert. Wenn die Funktion g monoton fallend ist, so vertauschen sich bei der Substitution die Integrationsgrenzen und man erhält

γF=γ~F.

Diese Beziehung gilt insbesondere, wenn der Weg γ in umgekehrter Richtung durchlaufen wird.



Fußnoten
  1. Hier haben die γi eine andere Bedeutung als in der folgenden Bemerkung, wo sie die Komponentenfunktionen bezeichnen.


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