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Kurs:Mathematik für Anwender (Osnabrück 2020-2021)/Teil II/Vorlesung 46

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Wir beschäftigen uns nun mit der Differentialrechnung für Abbildungen mit höherdimensionalem Definitionsbereich. Dazu seien reelle endlichdimensionale Vektorräume und gegeben. Ferner sei    eine offene Teilmenge und

eine Abbildung. Diese Abbildung wollen wir „differenzieren“. Anders als in den bisher behandelten Situationen gibt es bei einem höherdimensionalen Definitionsbereich mehrere nicht äquivalente Konzepte von Differenzierbarkeit. Wir werden nacheinander die Richtungsableitung, partielle Ableitungen und das totale Differential sowie ihre Beziehungen untereinander diskutieren. Wir werden durchgehend voraussetzen, dass die Vektorräume endlichdimensional sind und mit einem Skalarprodukt und damit mit einer euklidischen Metrik versehen sind.


Es ist erstmal keine große Einschränkung, wenn man den Zielraum als    ansetzt. Als Definitionsmenge kann man sich zunächst auf    beschränken, und sich vorstellen, dass die Abbildung jedem Grundpunkt    einen Höhepunkt zuordnet, sodass die Abbildung insgesamt ein Gebirge über einer Grundfläche beschreibt.



Richtungsableitung

Wir stellen uns vor, wir sind an einem Ort im Gebirge und entschließen uns, in eine bestimmte Richtung, beispielsweise nach Nordwest zu gehen, egal was kommen mag. Damit machen wir sämtliche Steigungen und Abhänge mit, die das Gebirge uns in dieser vorgegebenen Richtung bietet. Dabei lernen wir nur den Höhenverlauf des Gebirges entlang dieses linearen Ausschnitts kennen. Durch die gewählte Richtung bewegen wir uns auf dem Graphen zu einer Funktion in einer einzigen Variablen, nämlich einer Variablen der Grundgeraden. Dies ist die Grundidee der Richtungsableitung .


Es seien und endlichdimensionale normierte Vektorräume,    eine offene Teilmenge, und eine Abbildung. Weiter sei    ein Punkt und    ein fixierter Vektor. Dann heißt differenzierbar in in Richtung , falls der Grenzwert

existiert. In diesem Fall heißt dieser Grenzwert die Ableitung von in in Richtung . Er wird mit

bezeichnet.

Der Ausdruck

heißt wieder Differenzenquotient. Die Existenz von hängt nur von der Abbildung , , ab (wobei das Intervall so gewählt ist, dass auch impliziert). Mit dieser Hilfsabbildung gilt

wobei links die Ableitung zu einer Kurve steht.

Die Richtungsableitung in einem Punkt und in eine Richtung ist selbst ein Vektor in . Bei    ist die Richtungsableitung eine reelle Zahl.


Wir betrachten die Abbildung

in einem Punkt    in Richtung  .  Der Differenzenquotient ist

Für gehen die beiden hinteren Summanden gegen , sodass sich insgesamt

ergibt.

Im Punkt    ergibt sich in Richtung    beispielsweise die Richtungsableitung



Es seien und endlichdimensionale - Vektorräume und sei

eine lineare Abbildung. Dann existiert die Richtungsableitung in jedem Punkt    und in jede Richtung  ,  und zwar ist

insbesondere ist also die Richtungsableitung unabhängig vom Punkt. Dies folgt direkt durch Betrachten des Differenzenquotienten; es ist nämlich

Daher ist auch der Limes für gleich .


Typischerweise berechnet man die Richtungsableitung nicht über eine direkte Grenzwertbetrachtung, sondern über die Hilfsfunktion    (in den nächsten Vorlesungen werden wir noch den Zusammenhang zu partiellen Ableitungen kennenlernen, der ebenfalls für Berechnungen gut geeignet ist).


Wir bestimmen die Richtungsableitung zur Funktion

im Punkt    in Richtung  .  Dazu müssen wir die Hilfsfunktion

im Nullpunkt ableiten. Es ist

Die Ableitung von dieser Funktion im Nullpunkt ist

also ist




Es seien und endlichdimensionale - Vektorräume, sei    offen,    ein Punkt,    ein Vektor und seien

Abbildungen, die im Punkt in Richtung differenzierbar seien. Dann gelten folgende Aussagen.

  1. Die Summe ist ebenfalls differenzierbar in Richtung mit
  2. Das Produkt mit    ist ebenfalls differenzierbar in Richtung mit
  3. Die Funktion ist auch in Richtung  mit differenzierbar und es gilt

Die Eigenschaften (1) und (2) ergeben sich aus den entsprechenden Eigenschaften für Limiten von Abbildungen, siehe Lemma 10.10. Für die Eigenschaft (3) siehe Aufgabe 46.18.


Im Rahmen der Theorie des totalen Differentials wird die Frage beantwortet, wie sich die Richtungsableitungen zu verschiedenen Richtungen zueinander verhalten. Wenn im Werteraum eine Basis gegeben ist, so kann man die Richtungsableitung komponentenweise bestimmen.



Es seien und endlichdimensionale reelle Vektorräume, sei    offen,    ein Punkt und sei    ein Vektor. Es sei

eine Abbildung. Es sei eine Basis von und seien die Koordinatenfunktionen zu bezüglich dieser Basis.

Dann ist in in Richtung genau dann differenzierbar, wenn sämtliche

in in Richtung differenzierbar sind. In diesem Fall ist

Dies folgt aus allgemeinen Aufgabe 37.25 oder aus Lemma 37.5 in Verbindung mit Aufgabe 46.6.

Aufgrund von diesem Lemma muss man vor allem die Richtungssableitung für den Fall verstehen, wo der Wertebereich gleich ist.

Das folgende einfache Beispiel zeigt, dass durchaus alle Richtungsableitungen existieren können, die Abbildung selbst aber noch nicht einmal stetig sein muss.


Wir betrachten die Funktion mit

Für einen Vektor    und einen reellen Parameter erhalten wir auf der Geraden die Funktion

Für    ist der Nenner stets positiv und die Funktion ist stetig mit dem Wert bei  ,  und als rationale Funktion in differenzierbar. Für    ist die Funktion konstant und damit ebenfalls differenzierbar. Also existieren in alle Richtungsableitungen zu . Die Funktion ist allerdings nicht stetig: Für die Folge (die gegen konvergiert) gilt

aber  


Im vorstehenden Beispiel besteht kein enger Zusammenhang zwischen den Richtungsableitungen in verschiedene Richtungen. Wir werden später sehen, dass unter stärkeren Voraussetzungen die Zuordnung

linear ist.

Im Allgemeinen möchte man nicht nur in einem einzigen Punkt    ableiten können, sondern in jedem Punkt, was durch die folgende naheliegende Definition präzisiert wird.


Seien und euklidische Vektorräume, sei    eine offene Teilmenge, sei eine Abbildung und    ein fixierter Vektor. Dann heißt differenzierbar in Richtung , falls in jedem Punkt    in Richtung differenzierbar ist. In diesem Fall heißt die Abbildung

die Richtungsableitung von in Richtung .

Die Richtungsableitung zu einem fixierten Vektor ist also vom selben Typ wie die Ausgangsabbildung.



Polynomiale Funktionen

Wir betrachten die polynomiale Funktion

Die Richtungsableitung in Richtung    in einem beliebigen Punkt

ergibt sich durch Betrachten des Differenzenquotienten, also

Dabei ist eine polynomiale Funktion in (die und die sind fixierte Zahlen). Der Limes von geht für gegen . Daher ist


In den Aufgaben werden wir sehen, dass die Richtungsableitung zu einer polynomialen Funktion in jede Richtung existiert und selbst wieder polynomial ist. Dies wird sich auch einfach im Rahmen des totalen Differentials ergeben.


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