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Kurs:Mathematik für Anwender (Osnabrück 2020-2021)/Teil II/Vorlesung 59

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Mehrfache Integrale

Es sei  Tn  eine kompakte Teilmenge und es sei

f:T0

eine stetige Funktion. Wir wollen das Integral Tfdλn definieren, wofür man, wenn die Variablen des n mit x1,x2,,xn bezeichnet werden, auch

f(x1,x2,,xn)dx1dx2dxn

schreibt. Diese Schreibweise wird dann bevorzugt, wenn die jeweiligen Grenzen sinnvoll beschrieben werden können und so die Berechnung des Integrals auf die sukzessive Berechnung von n Einzelintegralen (in einer Variablen) zurückgeführt werden kann. Bei  n=2  spricht man von einem Doppelintegral und bei  n=3  von einem Dreifachintegral.

Eine wichtige Interpretation des Integrals ist, dass f eine Massenverteilung (oder Ladungsverteilung oder Temperaturverteilung) auf dem Körper T beschreibt. In diesem Fall ist das Integral gleich der Gesamtmasse des Körpers T. Bei  f=1,  also bei einer konstanten Massenverteilung, erhält man über ein Integral das Volumen des Grundkörpers. Wir führen das Integral als (n+1)-dimensionales Volumen des Subgraphen ein.


Es sei T eine Menge und

f:T0

eine nichtnegative Funktion. Dann nennt man die Menge

S(f)={(x,y)T×0yf(x)}

den Subgraphen der Funktion.


Es sei  Tn  eine kompakte Teilmenge und

f:T0

eine stetige Funktion. Es sei S(f) der Subgraph dieser Funktion. Dann setzt man

Tfdλn:=λn+1(S(f))

und nennt dies das (mehrdimensionale) Integral über T zu f.

Damit wird der Integralbegriff auf den Volumenbegriff zurückgeführt. Für eine stetige, aber nicht notwendigerweise nichtnegative Funktion f zerlegt man den Definitionsbereich in die beiden Teilmengen T0={PTf(P)0} und T0={PTf(P)0}, die ebenfalls kompakt sind, und setzt

Tfdλn=T0fdλnT0(f)dλn.

Ebenso kann man die positiven und negativen Funktionen f+=max(f,0) und f=min(f,0) einführen und das Integral als Tf+dλnTfdλn ansetzen.

Aus allgemeinen Volumenregeln ergeben sich die folgenden Integrationsregeln.


Lemma

Es sei  Tn  eine kompakte Teilmenge und es seien

f,g:T

stetige Funktionen. Dann gelten folgende Eigenschaften.

  1. Für  a,b  gilt
    Taf+bgdλn=aTfdλn+bTgdλn.
  2. Aus  f(P)g(P)  für alle  PT  folgt  TfdλnTgdλn
  3. Wenn es eine Zerlegung  T=T1T2  in kompakte Teilmengen mit  λn(T1T2)=0  gibt, so ist
    Tfdλn=T1fdλn+T2fdλn.

Die letzte Aussage ist auch ein Ansatz, um das Integral zu einer Funktion zu definieren, die nicht notwendigerweise stetig ist. Wenn es eine Zerlegung  T=iITi  in endlich viele kompakte Teilmengen Ti derart gibt, dass das Volumen der Durchschnitte TiTj für  ij  jeweils 0 ist (die Durchschnitte müssen also Nullmengen sein) und dass die Einschränkungen  fi=f|Ti  stetig sind, so setzt man  Tfdλn=iITifidλn.  Eine solche Zerlegung ist auch bei stetigen Funktionen häufig sinnvoll.



Der Satz von Fubini

Ein besonders einfacher Fall liegt vor, wenn  T=[a,b]×[c,d]  ein Rechteck ist. Diese Situation wird durch den Satz von Fubini abgedeckt.



Satz  

Es sei

f:[a,b]×[c,d]

eine stetige Funktion.

Dann gilt

[a,b]×[c,d]fdλ2=ab(cdf(x,y)dλ1)dλ1=cd(abf(x,y)dλ1)dλ1.

Beweis  

Der Querschnitt des Subgraphen zu  x=x0  ist der Subgraph der auf  x=x0  eingeschränkten Funktion, also

{(x0,y,z)0zf(x0,y),cyd}.

Sein Flächeninhalt ist cdf(x0,y)dy, und dieser Flächeninhalt hängt selbst stetig von x0 ab (das haben wir nicht bewiesen). Daher ergibt sich die Aussage aus dem Cavalieri-Prinzip.


Zumeist schreibt man in der vorstehenden Situation ab(cdf(x,y)dy)dx.


Wir wollen das Integral der Funktion

f:2,(x,y)x2xy+2y3,

über dem Rechteck  Q=[2,1]×[0,2]  mit dem Satz von Fubini ausrechnen. Dies führt auf

Qfdλ2=02(21(x2xy+2y3)dx)dy=02((13x312x2y+2y3x)|21)dy=02(1312y+2y3+83+2y+4y3)dy=02(3+32y+6y3)dy=(3y+34y2+32y4)|02=6+3+24=33.



Korollar  

Es seien

f:[a,b]

und

g:[c,d]

stetige Funktionen.

Dann gilt

[a,b]×[c,d]fgdλ2=(abf(x)dx)(cdg(y)dy).

Beweis  

Nach Satz 59.4 ist

[a,b]×[c,d]fgdλ2=ab(cdf(x)g(y)dy)dx=abf(x)(cdg(y)dy)dx=(cdg(y)dy)(abf(x)dx).



Mehrfachintegrale über stetig berandeten Gebieten

Wir betrachten nun Mehrfachintegrale über komplizierteren Teilmengen T, wobei zunächst T eine kompakte Teilmenge im 2 sei. Eine handhabbare Klasse von Teilmengen sind diejenigen, die (zumindest stückweise) durch stetige Funktionen in einer Variablen berandet sind. Die Grundversion sieht dabei folgendermaßen aus: Es sei  I=[a,b]  ein reelles Intervall und es seien

g,h:I

zwei stetige Funktionen mit  g(x)h(x)  für alle  x[a,b].  Diese zwei Funktionen (bzw. ihre Graphen) legen dann ein Flächenstück T fest, nämlich

T={(x,y)axb,g(x)yh(x)}.

Man spricht von einem stetig berandeten Flächenstück. Das Integral über T zu einer stetigen Funktion f:T kann man folgendermaßen berechnen.


Satz  

Es sei  I=[a,b]  ein reelles Intervall und es seien

g,h:I

zwei stetige Funktionen mit  g(x)h(x)  für alle  x[a,b].  Es sei T das durch die beiden zugehörigen Graphen begrenzte Flächenstück über [a,b], und es sei

f:T

eine stetige Funktion.

Dann ist

Tfdλ2=ab(g(x)h(x)f(x,y)dy)dx.

Beweis  

Dies folgt aus dem Cavalieri-Prinzip: Indem man f+ und f getrennt betrachtet, kann man annehmen, dass f keine negativen Werte annimmt. Für diese Funktionen ist das Integral durch das Volumen des Subgraphen definiert. Der Flächeninhalt der Querschnittsfläche des Subgraphen zu  x0[a,b]  ist gerade g(x0)h(x0)f(x0,y)dy. Diese Flächeninhalte hängen stetig von x0 ab  (das haben wir nicht bewiesen) und somit ist das Integral über diese Flächeninhalte nach dem Cavalieri-Prinzip das Volumen des Subgraphen.



Es sei T die obere Einheitskreishälfte und

f:T,(x,y)f(x,y)=x2y+xy3.

Dann ist nach Satz 59.7

Tfdλ2=11(01x2x2y+xy3dy)dx=11(12x2y2+14xy4)|01x2dx=11(12x21x22+14x1x24)dx=11(12x2(1x2)+14x(1x2)2)dx=11(12x212x4+14x12x3+14x5)dx=(18x2+16x318x4110x5+124x6)|11=215.

Natürlich können die begrenzenden Funktionen auch von y abhängen. Allgemeiner kann man häufig ein komplizierteres Flächenstück durch Einführung eines „Gitters“ in Flächenstücke zerlegen, die zu diesem Grundtyp gehören. In diesem Fall erhält man das Gesamtintegral durch Aufsummieren der Teilintegrale.

Wir betrachten nun dreidimensionale Bereiche T und Integrale darüber. Eine typische Situation ist dabei wieder, dass T durch stetige Funktionen berandet wird, und zwar in der folgenden Weise: Es sei  I=[a,b]  ein reelles Intervall,

g,h:I

seien zwei stetige Funktionen mit  g(x)h(x)  und

p,q:{(x,y)xI,g(x)yh(x)}

seien zwei stetige Funktionen mit  p(x,y)q(x,y).  Diese Funktionen begrenzen dann den Bereich

T={(x,y,z)xI,g(x)yh(x),p(x,y)zq(x,y)}.

Eine stetige Funktion f:T kann man integrieren, indem man die berandenden Funktionen als Integrationsgrenzen verarbeitet.


Satz  

Es sei  T3  eine kompakte Teilmenge, die durch folgende Daten beschrieben werde: Ein reelles Intervall  I=[a,b],  zwei stetige Funktionen

g,h:I

mit  g(x)h(x)  für alle  x[a,b]  und zwei stetige Funktionen

p,q:{(x,y)xI,g(x)yh(x)}
mit p(x,y)q(x,y) derart, dass
T={(x,y,z)xI,g(x)yh(x),p(x,y)zq(x,y)}

ist. Es sei

f:T

eine stetige Funktion.

Dann ist

Tfdλ3=ab(g(x)h(x)(p(x,y)q(x,y)f(x,y,z)dz)dy)dx.

Beweis

Dies folgt ebenfalls aus dem Cavalieri-Prinzip.

Häufig lässt man dabei die Klammern weg, da die Integralzeichen und das Integrationssymbol du als Klammerung ausreichen. Ein Mehrfachintegral ist von innen nach außen zu lesen und zu berechnen. Die einzelnen Integrale sind dabei, abgesehen davon, dass sie von zusätzlichen unbestimmten Parametern abhängen, gewöhnliche eindimensionale Integrale.


Es sei  R=[a,b]×[c,d]  ein Rechteck,

q:[a,b]×[c,d]0,(x,y)q(x,y),

eine stetige Funktion und T der Subgraph zu dieser Funktion, also  T={(x,y,z)axb,cyd,0zq(x,y)}.  Für eine auf T definierte stetige Funktion f ist somit nach Satz 59.9

Tfdλ3=abcd0q(x,y)f(x,y,z)dzdydx.



Der Schwerpunkt

Zu einer kompakten Teilmenge (einem Körper)  Tn  und einer stetigen Massenverteilung

f:T0

mit dem Gesamtvolumen  M=Tfdλn  (das als positiv vorausgesetzt sei) nennt man den Punkt  S=(s1,,sn)  mit

si:=1MTxifdλn=1MTxif(x1,,xn)dx1dxn

den Schwerpunkt von T (bezüglich der Massenverteilung f).

Um die i-te Koordinate des Schwerpunktes zu erhalten muss man also über das Produkt aus i-ter Koordinatenfunktion und der Massenverteilung integrieren. Wenn die Massenverteilung (oder Massendichte oder Gewichtsfunktion) f konstant (also der Körper homogen ist), so nennt man den Schwerpunkt auch den geometrischen Schwerpunkt. Wenn keine Massenverteilung angegeben wird, so meint man stets den geometrischen Schwerpunkt.


Wir berechnen den Schwerpunkt der oberen Einheitshalbkugel, also von

T={(x,y,z)3x2+y2+z21,z0}.

Die x- und die y-Koordinaten müssen aus Symmetriegründen natürlich 0 sein. Für die z-Koordinate berechnen wir

111x21x201x2y2zdzdydx=111x21x212(1x2y2)dydx=1211((1x2)y13y3)|1x21x2dx=1211(1x2)1x213(1x2)1x2((1x2)1x2+13(1x2)1x2)dx=121143(1x2)1x2dx=2311(1x2)1x2dx.

Wir führen die Substitution mit  x=sinu  durch und erhalten (ohne den Vorfaktor)

π2π2(1sin2u)cosucosudu=π2π2(1sin2u)(1sin2u)du=π2π212sin2u+sin4udu=20π212sin2u+sin4udu.

Unter Verwendung von Beispiel 20.3 ist dieses Integral gleich

2(π22π4+38π2)=38π.

Das Volumen der halben Einheitskugel ist nach Beispiel 58.12 gleich 23π. Daher ist die z-Koordinate des Schwerpunkts gleich

2338π23π=38.


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