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Kurs:Grundkurs Mathematik (Osnabrück 2018-2019)/Teil II/Vorlesung 35

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„Man gibt seine Kinder auf die Schule, daß sie still werden, auf die Hochschule, daß sie laut werden.“



Lineare Abbildungen

Eine lineare Funktion über einem Körper K ist einfach eine Abbildung der Form

KK,xcx,

mit einer Konstanten c (einem Proportionalitätsfaktor), die bei einem angeordneten Körper den Anstieg des Graphen beschreibt. Ein einzelnes Element c kann man als eine 1×1-Matrix auffassen. Wir dehnen das lineare Konzept auf Abbildungen zwischen Standardräumen aus und wir werden sehen, dass diese durch Matrizen beschrieben werden können.


Es sei K ein Körper und  m,n.  Eine Abbildung

φ:KnKm

heißt lineare Abbildung, wenn die beiden folgenden Eigenschaften erfüllt sind.

  1.  φ(u+v)=φ(u)+φ(v)  für alle  u,vKn
  2.  φ(sv)=sφ(v)  für alle sK und vKn.

Es stehen n verschiedene Produkte zum Verkauf, wobei das i-te Produkt (pro Einheit) ai kostet. Ein Einkauf wird durch das n-Tupel

(x1,x2,,xn)

repräsentiert, wobei xi die vom i-ten Produkt gekaufte Menge angibt. Der Preis des Einkaufs wird dann durch i=1naixi beschrieben. Die Preisabbildung

φ:n,(x1,x2,,xn)i=1naixi.

ist linear. Dies beruht auf

φ(x+y)=i=1nai(xi+yi)=i=1naixi+i=1naiyi=φ(x)+φ(y)

und

φ(sx)=i=1naisxi=si=1naixi=sφ(x).

Inhaltlich bedeutet dies beispielsweise, dass, wenn man zuerst den Einkauf (x1,x2,,xn) tätigt und eine Woche später den Einkauf (y1,y2,,yn), dann der Preis der beiden Einkäufe zusammen dem Preis entspricht, den man bezahlt hätte, wenn man auf einen Schlag (x1+y1,x2+y2,,xn+yn) gekauft hätte.



Es sei K ein Körper und sei Kn der n-dimensionale Standardraum. Dann ist die i-te Projektion, also die Abbildung

KnK,(x1,,xi1,xi,xi+1,,xn)xi,

eine K-lineare Abbildung. Dies folgt unmittelbar aus der komponentenweisen Addition und Skalarmultiplikation auf dem Standardraum. Die i-te Projektion heißt auch die i-te Koordinatenfunktion.


Die beiden folgenden Beispiele entstammen der elementaren Geometrie.

Eine Achsenspiegelung an einer Achse.

Die Abbildung

K2K2,(x,y)(x,y),

ist linear und beschreibt die Achsenspiegelung an der y-Achse.



Die Abbildung

K2K2,(x,y)(x,y),

ist linear und beschreibt die Punktspiegelung am Nullpunkt.




Es sei K ein Körper und sei φ:KnKm eine lineare Abbildung. Dann gelten folgende Eigenschaften.

  1. Es ist  φ(0)=0
  2. Für jede Linearkombination i=1ksivi in Kn gilt
    φ(i=1ksivi)=i=1ksiφ(vi).

Beweis

Siehe Aufgabe 35.7.



Es sei K ein Körper und seien ψ:KpKn und φ:KnKm lineare Abbildungen. Dann gelten folgende Eigenschaften.

  1. Die Hintereinanderschaltung
    φψ:KpKm

    ist ebenfalls linear.

  2. Wenn φ bijektiv ist, so ist auch die Umkehrabbildung
    φ1:KmKn

    linear.

Beweis

Siehe Aufgabe 35.8.


Nach Lemma 35.6 wird unter einer linearen Abbildung die 0 auf die 0 abgebildet. Die Menge aller Vektoren, die unter einer linearen Abbildung auf 0 abgebildet werden, ist für die Abbildung charakteristisch und bekommt einen eigenen Namen.


Zu einer linearen Abbildung φ:KnKm heißt

kernφ={xKnφ(x)=0}

der Kern von φ.

Der Kern ist einfach das Urbild des Nullvektors und wird auch mit φ1(0) bezeichnet. Er ist ein Untervektorraum des Kn, siehe Aufgabe 35.31.



Lemma  

Es sei K ein Körper und sei

φ:KnKm

eine lineare Abbildung.

Dann ist φ genau dann injektiv, wenn  kernφ=0  ist.

Beweis  

Wenn die Abbildung injektiv ist, so kann es neben  0Kn  keinen anderen Vektor  vKn  mit  φ(v)=0  geben. Also ist  φ1(0)=0
Es sei umgekehrt  kernφ=0  und seien  v1,v2Kn  gegeben mit  φ(v1)=φ(v2).  Dann ist wegen der Linearität

φ(v1v2)=φ(v1)φ(v2)=0.

Daher ist  v1v2kernφ  und damit  v1=v2


So, wie eine lineare Funktion φ:KK durch den Wert an einer einzigen Stelle 0 festgelegt ist, was die Grundlage für Dreisatzaufgaben ist, sind lineare Abbildungen φ:KnKm durch die Werte auf einer Basis des Kn festgelegt. Der folgende Satz beweist dies für die Standardbasis, siehe Aufgabe 35.20 für den allgemeinen Fall. Für entsprechende „Mehrsatzaufgaben“ siehe u. A. Aufgabe 35.1, Aufgabe 35.3 und Aufgabe 35.30.


Satz  

Es sei K ein Körper und  m,n.  Es seien wi, i=1,,n, Elemente in Km.

Dann gibt es genau eine lineare Abbildung

φ:KnKm

mit

φ(ei)=wi für alle i=1,,n,

wobei ei den i-ten Standardvektor bezeichnet.

Beweis  

Da  φ(ei)=wi  sein soll und eine lineare Abbildung nach Lemma 35.6  (2) für jede Linearkombination die Eigenschaft

φ(i=1nsiei)=i=1nsiφ(ei)

erfüllt, und jeder Vektor  vKn  sich als eine solche Linearkombination schreiben lässt, kann es maximal nur eine solche lineare Abbildung geben.
Wir definieren nun umgekehrt eine Abbildung

φ:KnKm,

indem wir jeden Vektor  vKn  mit der gegebenen Standardbasis als

v=i=1nsiei

schreiben und

φ(v):=i=1nsiwi

ansetzen. Da die Darstellung von v als eine solche Linearkombination eindeutig ist, ist diese Abbildung wohldefiniert.
Zur Linearität. Für zwei Vektoren u=i=1nsiei und v=i=1ntiei gilt

φ(u+v)=φ((i=1nsiei)+(i=1ntiei))=φ(i=1n(si+ti)ei)=i=1n(si+ti)φ(ei)=i=1nsiφ(ei)+i=1ntiφ(ei)=φ(i=1nsiei)+φ(i=1ntiei)=φ(u)+φ(v).

Die Verträglichkeit mit der skalaren Multiplikation ergibt sich ähnlich, siehe Aufgabe 35.19.



Lineare Abbildungen und Matrizen

Ein gesundes Frühstück beginnt mit einem Obstsalat. Die folgende Tabelle zeigt, wie viel Vitamin C, Calcium und Magnesium (jeweils in Milligramm) unterschiedliche Früchte (pro 100 Gramm) besitzen.


Frucht Vitamin C Calcium Magnesium
Apfel 12 7 6
Orange 53 40 10
Traube 4 12 8
Banane 9 5 27

Dies führt zu einer Abbildung, die einem 4-Tupel (x1x2x3x4), das die verarbeiteten (oder verzehrten) Früchte beschreibt, den Gesamtgehalt des Obstsalats an Vitamin C, Calcium und Magnesium in Form eines 3-Tupels (y1y2y3) zuordnet. Diese Abbildung kann mit der Matrix

(125349740125610827)

unter Verwendung der Matrixmultiplikation als Zuordnung

(x1x2x3x4)(125349740125610827)(x1x2x3x4)=(12x1+53x2+4x3+9x47x1+40x2+12x3+5x46x1+10x2+8x3+27x4)=(y1y2y3)

beschrieben werden.



Zu jedem Geburtstag von Mustafa Müller backt seine Oma eine gewisse Anzahl (abhängig von den Wünschen der Gäste) an Himbeerkuchen, Käsekuchen und Apfelkuchen. Ein Himbeerkuchen benötigt 500 Gramm Mehl, 200 Gramm Zucker, 100 Gramm Butter, 250 Gramm Milch und 300 Gramm Himbeeren. Ein Käsekuchen benötigt 300 Gramm Mehl, 230 Gramm Zucker, 100 Gramm Butter, 100 Gramm Milch und 450 Gramm Quark. Ein Apfelkuchen benötigt 400 Gramm Mehl, 250 Gramm Zucker, 150 Gramm Butter, 200 Gramm Milch, 500 Gramm Äpfel und 100 Gramm Haselnüsse. Die Oma möchte aus der Anzahl der zu backenden Kuchen, repräsentiert durch ein Dreiertupel (x,y,z), die insgesamt benötigten Zutaten schematisch berechnen. Für das benötigte Mehl (in Kilogramm) gilt beispielsweise die Formel

0,5x+0,3y+0,4z.

Insgesamt wird der benötigte Einkauf durch die folgende lineare Abbildung (bzw. die Matrix) beschrieben (wobei die Angaben in Kilogramm und die Zutatenreihenfolge Mehl, Zucker, Butter, Milch, Himbeeren, Quark, Äpfel und Haselnüsse sind).

38,(xyz)(0,50,30,40,20,230,250,10,10,150,250,10,20,30000,450000,5000,1)(xyz).


Es sei K ein Körper und seien  m,n.  Zu einer linearen Abbildung

φ:KnKm

heißt die m×n-Matrix

M=(aij)ij,

wobei aij die i-te Koordinate von φ(ej) bezüglich der Standardbasis ei des Km ist, die beschreibende Matrix zu φ (bezüglich der Standardbasen).

Zu einer Matrix  M=(aij)ijMatm×n(K)  heißt die durch

eji=1maijei

gemäß Satz 35.10 definierte lineare Abbildung die durch M festgelegte lineare Abbildung.

Die zu einer m×n-Matrix M gehörende lineare Abbildung ist unmittelbar durch das Matrizenprodukt der Matrix mit den n-Spaltentupeln gegeben, also gleich

KnKm,(x1xn)M(x1xn).

Die i-te Komponente des Ergebnisses ist ja einfach gleich j=1naijxj.



Satz  

Es sei K ein Körper und seien  m,n

Dann sind die in Definition 35.13 festgelegten Abbildungen zwischen linearen Abbildungen und Matrizen invers zueinander.

Beweis  


Die folgende Aussage erklärt, warum das Matrizenprodukt so wichtig ist.


Satz  

Es sei B eine n×p-Matrix und A eine m×n-Matrix und es seien

KpBKnAKm

die zugehörigen linearen Abbildungen.

Dann beschreibt das Matrixprodukt AB die Hintereinanderschaltung der beiden linearen Abbildungen.

Beweis  

Die Gleichheit von linearen Abbildungen kann man auf der Standardbasis e1,,ep des Kp nachweisen. Es ist

(AB)(ek)=A(B(ek))=A(j=1nbjkej)=j=1nbjk(i=1maijei)=i=1m(j=1naijbjk)ei=i=1mcikei.

Dabei sind die Koeffizienten

cik=j=1naijbjk

gerade die Einträge in der Produktmatrix AB.

Für die Beziehung zwischen linearen Abbildungen, Matrizen und linearen Gleichungssystemen siehe Aufgabe 35.16 und Aufgabe 35.17.

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