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Kurs:Körper- und Galoistheorie (Osnabrück 2011)/Vorlesung 18

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Kreisteilungskörper

Der n-te Kreisteilungskörper ist der Zerfällungskörper des Polynoms

Xn1

über .

Offenbar ist 1 eine Nullstelle von Xn1. Daher kann man Xn1 durch X1 teilen und erhält, wie man schnell nachrechen kann,

Xn1=(X1)(Xn1+Xn2++X+1).

Wegen 1 ist daher der n-te Kreisteilungskörper auch der Zerfällungskörper von

Xn1+Xn2++X+1.

Es gibt auch Kreisteilungskörper über anderen Körpern, da es ja stets Zerfällungskörper gibt. Wir beschränken uns aber weitgehend auf die Kreisteilungskörper über , die wir auch mit Kn bezeichnen. Da Xn1 auf die in der zweiten Vorlesung beschriebenen Art über in Linearfaktoren zerfällt, kann man Kn als Unterkörper von realisieren, und zwar ist Kn der von allen n-ten Einheitswurzeln erzeugte Unterkörper von . Dieser wird sogar schon von einer einzigen primitiven Einheitswurzel erzeugt.



Lemma  

Es sei  n+.  Dann wird der n-te Kreisteilungskörper über

von e2πi/n erzeugt.

Der n-te Kreisteilungskörper ist also

Kn=(e2πi/n)=[e2πi/n].

Insbesondere ist jeder Kreisteilungskörper eine einfache Körpererweiterung von .[1]

Beweis  

Es sei Kn der n-te Kreisteilungskörper über . Wegen  (e2πi/n)n=1  ist  [e2πi/n]Kn.  Wegen  (e2πi/n)k=e2πik/n  gehören auch alle anderen Einheitswurzeln zu [e2πi/n], also ist  [e2πi/n]=Kn


Statt e2πin kann man auch jede andere n-te primitive Einheitswurzel aus als Erzeuger nehmen.


Wir bestimmen einige Kreisteilungskörper für kleine n. Bei  n=1  oder 2 ist der Kreisteilungskörper gleich . Bei  n=3  ist

X31=(X1)(X2+X+1)

und der zweite Faktor zerfällt

X2+X+1=(X+12i32)(X+12+i32).

Daher ist der dritte Kreisteilungskörper der von  3=3i  erzeugte Körper, es ist also  K3=[3]  eine quadratische Körpererweiterung der rationalen Zahlen.

Bei  n=4  ist natürlich

X41=(X21)(X2+1)=(X1)(X+1)(X2+1)=(X1)(X+1)(Xi)(X+i).

Der vierte Kreisteilungskörper ist somit  [i][X]/(X2+1),  also ebenfalls eine quadratische Körpererweiterung von .




Lemma  

Es sei p eine Primzahl.

Dann ist der p-te Kreisteilungskörper gleich

[X]/(Xp1+Xp2++X1+1).

Insbesondere besitzt der p-te Kreisteilungskörper den Grad p1 über .

Beweis  

Der p-te Kreisteilungskörper wird nach Lemma 18.2 von e2πi/p erzeugt, er ist also isomorph zu [X]/(P), wobei P das Minimalpolynom von e2πi/p bezeichnet. Als Einheitswurzel ist e2πi/p eine Nullstelle von Xp1 und wegen  e2πi/p1  ist e2πi/p eine Nullstelle von Xp1+Xp2++X1+1. Das Polynom Xp1+Xp2++X1+1 ist irreduzibel nach Aufgabe 17.11 und daher handelt es sich nach Lemma 7.12  (2) um das Minimalpolynom von e2πi/p.


Weiter unten werden wir für jedes n die Minimalpolynome der primitiven n-ten Einheitswurzeln bestimmen.


Der fünfte Kreisteilungskörper wird von der komplexen Zahl e2πi/5 erzeugt. Er hat aufgrund von Lemma 18.4 die Gestalt

K5[X]/(X4+X3+X2+X+1),

wobei die Variable X als e2πi/5 (oder eine andere primitive Einheitswurzel) zu interpretieren ist. Es sei  x=e2πi/5,  wir setzen  v=xx2x3+x4=(2x3+2x2+1).  Aus Symmetriegründen muss dies eine reelle Zahl sein. Es ist

v2=4x6+4x4+1+8x5+4x3+4x2=4x+4x4+1+8+4x3+4x2=5+4(x4+x3+x2+x+1)=5.

Es ist also  v=5  (die positive Wurzel) und somit haben wir eine Folge von quadratischen Körpererweiterungen

[5]K5.


Zu einer natürlichen Zahl n bezeichnet φ(n) die Anzahl der Elemente von (/(n))×. Man nennt φ(n) die Eulersche Funktion.

Die Zahl φ(n) gibt also an, wie viele natürliche Zahlen k, 1kn, teilerfremd zu n sind. In einem Körper, in dem es überhaupt eine n-te primitive Einheitswurzel gibt, gibt es genau φ(n) primitive Einheitswurzeln, da dann die Gruppe der n-ten Einheitswurzeln isomorph zur zyklischen Gruppe der Ordnung n ist.



Kreisteilungspolynome

Es sei  n+  und seien z1,,zφ(n) die primitiven komplexen Einheitswurzeln. Dann heißt das Polynom

Φn=i=1φ(n)(Xzi)[X]

das n-te Kreisteilungspolynom.

Nach Konstruktion hat das n-te Kreisteilungspolynom den Grad φ(n).


Lemma  

Es sei  n+

Dann gilt in [X] die Gleichung

Xn1=dnΦd.

Beweis  

Jede der n verschiedenen n-ten Einheitswurzeln besitzt eine Ordnung d, die ein Teiler von n ist. Eine n-te Einheitswurzel der Ordnung d ist eine primitive d-te Einheitswurzel. Die Aussage folgt daher aus

Xn1=z ist n-te Einheitswurzel(Xz)=dn(z ist primitive d-te Einheitswurzel(Xz))=dnΦd.



Lemma  

Die Koeffizienten der Kreisteilungspolynome

liegen in .

Beweis  

Induktion über n. Für  n=1  ist  Φ1=X1[X].  Für beliebiges n betrachten wir die in Lemma 18.8 bewiesene Darstellung

Xn1=dnΦd=(dn,dnΦd)Φn.

Der linke Faktor ist ein normiertes Polynom und er besitzt nach der Induktionsvoraussetzung Koeffizienten in . Daraus folgt mit Aufgabe 18.2, dass auch Φn Koeffizienten in besitzt.


Grundlegend ist die folgende Aussage.


Satz  

Die Kreisteilungspolynome Φn sind irreduzibel über .

Beweis  

 Nehmen wir an, dass Φn nicht irreduzibel über ist. Dann gibt es nach Lemma 17.7 eine Zerlegung  Φn=FG  mit normierten Polynomen F,G[X] von kleinerem Grad. Wir fixieren eine primitive n-te Einheitswurzel ζ. Dann ist nach Definition der Kreisteilungspolynome  Φn(ζ)=0  und daher ist (ohne Einschränkung)  F(ζ)=0.  Wir können annehmen, dass F irreduzibel und normiert ist, also das Minimalpolynom von ζ ist.  Wir werden zeigen, dass jede primitive n-te Einheitswurzel ebenfalls eine Nullstelle von F ist. Dann folgt aus Gradgründen  grad(F)=φ(n)=grad(Φn)  im Widerspruch zur Reduzibilität. Jede primitive Einheitswurzel kann man als ζk mit einer zu n teilerfremden Zahl k schreiben. Es genügt dabei, den Fall ζp mit einer zu n teilerfremden Primzahl p zu betrachten, da sich jedes ζk sukzessive als p-Potenz von ζ erhalten lässt (wobei man ζ sukzessive durch ζp ersetzt und  F(ζp)=0  verwendet).  Nehmen wir also an, dass  F(ζp)0  ist. Dann muss  G(ζp)=0  sein. Daher ist ζ eine Nullstelle des Polynoms G(Xp) und daher gilt  FH=G(Xp)  mit H[X], da ja F das Minimalpolynom von ζ ist. Wegen Aufgabe 18.2 gehören die Koeffizienten von H zu . Wir betrachten nun die Polynome Φn,F,G,H modulo p, also als Polynome in /(p)[X], wobei wir dafür Φn,F usw. schreiben. Aufgrund des Frobeniushomomorphismus in Charakteristik p und wegen des kleinen Fermat'schen Satzes gilt

G(Xp)=(G(X))p.

Daher ist

FH=G(Xp)=(G(X))p.

Es sei nun  /(p)L  der Zerfällungskörper von Xn1 über /(p), sodass über L insbesondere auch Φn und damit auch F in Linearfaktoren zerfällt. Es sei uL eine Nullstelle von F. Dann ist u wegen der obigen Teilbarkeitsbeziehung auch eine Nullstelle von G. Wegen  Φn=FG  ist dann u eine mehrfache Nullstelle von Φn. Damit besitzt auch Xn1 eine mehrfache Nullstelle in L. Nach dem formalen Ableitungskriterium ist aber  (Xn1)=(nmodp)Xn1  und dieser Koeffizient ist wegen der vorausgesetzten Teilerfremdheit nicht 0. Also erzeugt das Polynom Xn1 und seine Ableitung das Einheitsideal, sodass es nach Aufgabe 11.19 keine mehrfache Nullstellen geben kann und wir einen Widerspruch erhalten.



Korollar  

Der n-te Kreisteilungskörper Kn über hat die Beschreibung

Kn=[X]/(Φn),

wobei Φn das n-te Kreisteilungspolynom bezeichnet.

Der Grad des n-ten Kreisteilungskörpers ist φ(n).

Beweis  

Es ist  Kn=[ζ],  wobei ζ eine primitive n-te Einheitswurzel ist. Nach Definition des Kreisteilungspolynoms ist  Φn(ζ)=0  und nach Satz 18.10 ist das Kreisteilungspolynom irreduzibel, sodass es sich um das Minimalpolynom von ζ handeln muss. Also ist nach Satz 7.11  Kn[X]/(Φn)




Fußnoten
  1. Dies ist natürlich auch klar aufgrund des Satzes vom primitiven Element.


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