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Kurs:Lineare Algebra (Osnabrück 2015-2016)/Teil I/Vorlesung 10/kontrolle

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„Ich war nie der talentierteste Spieler. Ich musste mir alles unheimlich hart erarbeiten und es gab bestimmt viel bessere Fußballer. Nur, ich hatte Willen! Ich musste und ich wollte nach oben.“
Berti Vogts



Lineare Abbildungen

Zwischen zwei Vektorräumen interessieren insbesondere die Abbildungen, die mit den Strukturen, also der Addition und der Skalarmultiplikation, verträglich sind.


Es sei K ein Körper und es seien V und W Vektorräume über K. Eine Abbildung

φ:VW

heißt lineare Abbildung, wenn die beiden folgenden Eigenschaften erfüllt sind.

  1.  φ(u+v)=φ(u)+φ(v)  für alle  u,vV
  2.  φ(sv)=sφ(v)  für alle sK und vV.

Die erste Eigenschaft nennt man dabei die Additivität und die zweite Eigenschaft die Verträglichkeit mit Skalierung. Wenn man den Grundkörper betonen möchte, spricht man von K-Linearität. Statt von linearen Abbildungen spricht man auch von Homomorphismen. Die Identität IdV:VV, die Nullabbildung V0 und die Inklusionen UV von Untervektorräumen sind die einfachsten Beispiele für lineare Abbildungen.

Der Funktionsgraph einer linearen Abbildung von nach , die Abbildung ist allein durch den Proportionalitätsfaktor k festgelegt.

Die einfachsten linearen Abbildungen sind (neben der Nullabbildung) diejenigen von K nach K. Eine solche lineare Abbildung

φ:KK,xφ(x),

ist aufgrund von Satz 10.9 (siehe unten) bzw. direkt aufgrund der Definition durch φ(1) bzw. durch den Wert φ(t) für ein einziges tK, t0, festgelegt. Es ist also  φ(x)=ax  mit einem eindeutig bestimmten  aK.  Insbesondere im physikalischen Kontext, wenn  K=  ist und wenn zwischen zwei messbaren Größen ein linearer Zusammenhang besteht, spricht man von Proportionalität, und a heißt der Proportionalitätsfaktor. In der Schule tritt die lineare Beziehung zwischen zwei skalaren Größen als „Dreisatz“ auf.


Viele wichtige Funktionen, insbesondere von nach , sind nicht linear. Beispielsweise ist das Quadrieren xx2, die Quadratwurzel, die trigonometrischen Funktionen, die Exponentialfunktion, der Logarithmus nicht linear. Aber auch für solche kompliziertere Funktionen gibt es im Rahmen der Differentialrechnung lineare Approximationen, die zum Verständnis dieser Funktionen beitragen.


Es sei K ein Körper und sei Kn der n-dimensionale Standardraum. Dann ist die i-te Projektion, also die Abbildung

KnK,(x1,,xi1,xi,xi+1,,xn)xi,

eine K-lineare Abbildung. Dies folgt unmittelbar aus der komponentenweisen Addition und Skalarmultiplikation auf dem Standardraum. Die i-te Projektion heißt auch die i-te Koordinatenfunktion.


Wenn Sie das zehnmal kaufen, müssen Sie zehnmal soviel zahlen. In der linearen Welt gibt es keinen Rabatt.

Es stehen n verschiedene Produkte zum Verkauf an, wobei das i-te Produkt (pro Einheit) ai kostet. Ein Einkauf wird durch das n-Tupel

(x1,x2,,xn)

repräsentiert, wobei xi die vom i-ten Produkt gekaufte Menge angibt. Der Preis des Einkaufs wird dann durch i=1naixi beschrieben. Die Preisabbildung

n,(x1,x2,,xn)i=1naixi.

ist linear. Dies bedeutet beispielsweise, dass, wenn man zuerst den Einkauf (x1,x2,,xn) tätigt und eine Woche später den Einkauf (y1,y2,,yn), dann der Preis der beiden Einkäufe zusammen dem Preis entspricht, den man bezahlt hätte, wenn man auf einen Schlag (x1+y1,x2+y2,,xn+yn) gekauft hätte.



Die zu einer m×n-Matrix  M=(aij)1im,1jn  gehörende Abbildung (siehe Beispiel 2.6)

KnKm,(s1sn)M(s1sn)=(j=1na1jsjj=1na2jsjj=1namjsj),

ist linear.



Es sei C0(,) der Raum der stetigen Funktionen von nach und C1(,) der Raum der stetig differenzierbaren Funktionen. Dann ist die Abbildung

D:C1(,)C0(,),ff,

die einer Funktion ihre Ableitung zuordnet, linear. In der Analysis wird ja

(af+bg)=af+bg

für  a,b  und eine weitere Funktion  gC1(,)  bewiesen.




Es sei K ein Körper und seien U,V,W Vektorräume über K. Es seien

φ:UV und ψ:VW

lineare Abbildungen.

Dann ist auch die Verknüpfung

ψφ:UW

eine lineare Abbildung.

Beweis

Siehe Aufgabe 10.13.



Es sei K ein Körper und es seien V und W zwei K-Vektorräume. Es sei

φ:VW

eine bijektive lineare Abbildung.

Dann ist auch die Umkehrabbildung

φ1:WV

linear.

Beweis

Siehe Aufgabe 10.14.




Festlegung auf einer Basis

Hinter der folgenden Aussage (dem Festlegungssatz) steckt das wichtige Prinzip, dass in der linearen Algebra (von endlichdimensionalen Vektorräumen) die Objekte durch endlich viele Daten bestimmt sind.


Satz  Satz 10.9 ändern

Es sei K ein Körper und es seien V und W Vektorräume über K. Es sei vi, iI, eine Basis von V und es seien wi, iI, Elemente in W.

Dann gibt es genau eine lineare Abbildung

f:VW
mit
f(vi)=wi für alle iI.

Beweis  

Da  f(vi)=wi  sein soll und eine lineare Abbildung für jede Linearkombination die Eigenschaft[1]

f(iIsivi)=iIsif(vi)

erfüllt, und jeder Vektor  vV  sich als eine solche Linearkombination schreiben lässt, kann es maximal nur eine solche lineare Abbildung geben.
Wir definieren nun umgekehrt eine Abbildung

f:VW,

indem wir jeden Vektor  vV  mit der gegebenen Basis als

v=iIsivi

schreiben und

f(v):=iIsiwi

ansetzen. Da die Darstellung von v als eine solche Linearkombination eindeutig ist, ist diese Abbildung wohldefiniert. Die Eigenschaft  f(vi)=wi  ist dabei klar.
Zur Linearität. Für zwei Vektoren u=iIsivi und v=iItivi gilt

f(u+v)=f((iIsivi)+(iItivi))=f(iI(si+ti)vi)=iI(si+ti)f(vi)=iIsif(vi)+iItif(vi)=f(iIsivi)+f(iItivi)=f(u)+f(v).

Die Verträglichkeit mit der skalaren Multiplikation ergibt sich ähnlich, siehe Aufgabe 10.21.


Insbesondere ist eine lineare Abbildung φ:KnKm durch φ(e1),,φ(en) eindeutig festgelegt.


In vielen Situationen soll ein Objekt (beispielsweise ein Würfel) im Raum 3 in einer Ebene 2 dargestellt werden. Eine Möglichkeit ergibt sich mit Hilfe einer Parallelprojektion. Dabei handelt es sich um eine lineare Abbildung

32

die bezüglich der Standardbasen e1,e2,e3 bzw. f1,f2 durch

e1f1,e2af1+bf2,e3f2

gegeben ist, wobei die Koeffizienten a,b (die „Tiefenschrägen“) typischerweise im Bereich [13,12] gewählt werden. Die Linearität wirkt sich dahingehend aus, dass parallele Geraden in parallele Geraden überführt werden (oder Punkte werden). Der Punkt (x,y,z) wird dabei auf (x+ay,by+z) abgebildet. Das Bild des Objektes unter einer solchen linearen Abbildung nennt man ein Schrägbild.




Lineare Abbildungen und Matrizen
Die Wirkungsweise von verschiedenen linearen Abbildungen des 2 in sich, dargestellt an einer Gehirnzelle.

Eine lineare Abbildung

φ:KnKm

ist durch die Bilder φ(ej), j=1,,n, der Standardvektoren eindeutig festgelegt, und jedes φ(ej) ist eine Linearkombination

φ(ej)=i=1maijei

und damit durch die Elemente aij eindeutig festgelegt. Insgesamt ist also eine solche lineare Abbildung durch mn Elemente aij, 1im, 1jn, festgelegt. Eine solche Datenmenge kann man wieder als Matrix schreiben. Nach dem Festlegungssatz gilt dies für alle endlichdimensionalen Vektorräume, sobald sowohl im Definitionsraum als auch im Zielraum der linearen Abbildung eine Basis fixiert ist.


Definition  Definition 10.11 ändern

Es sei K ein Körper und sei V ein n-dimensionaler Vektorraum mit einer Basis  𝔳=v1,,vn  und sei W ein m-dimensionaler Vektorraum mit einer Basis  𝔴=w1,,wm

Zu einer linearen Abbildung

φ:VW

heißt die m×n-Matrix

M=M𝔴𝔳(φ)=(aij)ij,

wobei aij die i-te Koordinate von φ(vj) bezüglich der Basis 𝔴 ist, die beschreibende Matrix zu φ bezüglich der Basen.

Zu einer Matrix  M=(aij)ijMatm×n(K)  heißt die durch

vji=1maijwi

gemäß Satz 10.9 definierte lineare Abbildung φ𝔴𝔳(M) die durch M festgelegte lineare Abbildung.

Wenn  V=W,  ist, so interessiert man sich häufig, aber nicht immer, für die beschreibende Matrix bezüglich einer einzigen Basis 𝔳 von V.


Beispiel  Beispiel 10.12 ändern

Es sei V ein Vektorraum mit Basen 𝔳 und 𝔴. Wenn man die Identität

Id:VV

bezüglich der Basis 𝔳 vorne und der Basis 𝔴 hinten betrachtet, so ist wegen

Id(vj)=vj=aijwi

direkt

M𝔴𝔳(Id)=M𝔴𝔳,

d.h. die beschreibende Matrix zur identischen linearen Abbildung ist die Übergangsmatrix zum Basiswechsel von 𝔳 nach 𝔴.




Lemma Lemma 10.13 ändern

Es sei K ein Körper und sei V ein n-dimensionaler Vektorraum mit einer Basis  𝔳=v1,,vn  und sei W ein m-dimensionaler Vektorraum mit einer Basis  𝔴=w1,,wm  mit den zugehörigen Abbildungen

Ψ𝔳:KnV

und

Ψ𝔴:KmW.

Es sei

φ:VW

eine lineare Abbildung mit beschreibender Matrix M𝔴𝔳(φ).

Dann ist

φΨ𝔳=Ψ𝔴M𝔴𝔳(φ),

d.h. das Diagramm

KnΨ𝔳VM𝔴𝔳(φ)φKmΨ𝔴W

ist kommutativ.

Zu einem Vektor  vV  kann man φ(v) ausrechnen, indem man das Koeffiziententupel zu v bezüglich der Basis 𝔳 bestimmt, darauf die Matrix M𝔴𝔳(φ) anwendet und zu dem sich ergebenden m-Tupel den zugehörigen Vektor bezüglich 𝔴 berechnet.

Beweis

Siehe Aufgabe 10.26.



Satz  Satz 10.14 ändern

Es sei K ein Körper und sei V ein n-dimensionaler Vektorraum mit einer Basis  𝔳=v1,,vn  und sei W ein m-dimensionaler Vektorraum mit einer Basis  𝔴=w1,,wm

Dann sind die in Definition 10.11 festgelegten Abbildungen

φM𝔴𝔳(φ) und Mφ𝔴𝔳(M)

invers zueinander.

Beweis  

Wir zeigen, dass beide Hintereinanderschaltungen die Identität sind. Wir starten mit einer Matrix  M=(aij)ij  und betrachten die Matrix

M𝔴𝔳(φ𝔴𝔳(M)).
Zwei Matrizen sind gleich, wenn für jedes Indexpaar (i,j) die Einträge übereinstimmen. Es ist
(M𝔴𝔳(φ𝔴𝔳(M)))ij=ite Koordinate von (φ𝔴𝔳(M))(vj)=ite Koordinate von i=1maijwi=aij.

Es sei nun φ eine lineare Abbildung, und betrachten wir

φ𝔴𝔳(M𝔴𝔳(φ)).

Zwei lineare Abbildungen stimmen nach Satz 10.9 überein, wenn man zeigen kann, dass sie auf der Basis v1,,vn übereinstimmen. Es ist

(φ𝔴𝔳(M𝔴𝔳(φ)))(vj)=i=1m(M𝔴𝔳(φ))ijwi.

Dabei ist nach Definition der Koeffizient (M𝔴𝔳(φ))ij die i-te Koordinate von φ(vj) bezüglich der Basis w1,,wm. Damit ist diese Summe gleich φ(vj).


Wir bezeichnen die Menge aller linearen Abbildungen von V nach W mit HomK(V,W). Satz 10.14 bedeutet alos, dass die Abbildung

HomK(V,W)Matm×n(K),φM𝔴𝔳(φ),

bijektiv mit der angegebenen Umkehrabbildung ist. Eine lineare Abbildung

φ:VV

nennt man auch einen Endomorphismus. Die Menge aller Endomorphismen auf V wird mit EndK(V) bezeichnet.



Isomorphe Vektorräume

Es sei K ein Körper und es seien V und W Vektorräume über K. Eine bijektive, lineare Abbildung

φ:VW

heißt Isomorphismus.

Ein Isomorphismus von V nach V heißt Automorphismus.


Es sei K ein Körper. Zwei K-Vektorräume V und W heißen isomorph, wenn es einen Isomorphismus von V nach W gibt.



Es sei K ein Körper und es seien V und W endlichdimensionale K-Vektorräume.

Dann sind V und W genau dann zueinander isomorph, wenn ihre Dimension übereinstimmt.

Insbesondere ist ein n-dimensionaler K-Vektorraum isomorph zum Kn.

Beweis

Siehe Aufgabe 10.31.


Eine Isomorphie zwischen einem n-dimensionalen Vektorraum V und dem Standardraum Kn ist im Wesentlichen äquivalent zur Wahl einer Basis in V. Zu einer Basis

𝔳=v1,,vn

gehört die lineare Abbildung

Ψ𝔳:KnV,eivi,

die also den Standardraum in den Vektorraum abbildet, indem sie dem i-ten Standardvektor den i-ten Basisvektor aus der gegebenen Basis zuordnet. Dies definiert nach Satz 10.9 eine eindeutige lineare Abbildung, die aufgrund von Aufgabe 10.23 bijektiv ist. Es handelt sich dabei einfach um die Abbildung

(a1,,an)i=1naivi.

Die Umkehrabbildung

x=Ψ𝔳1:VKn

ist ebenfalls linear und heißt die zur Basis gehörende Koordinatenabbildung. Die i-te Komponente davon, also die zusammengesetzte Abbildung

xi=pix:VK,v(Ψ𝔳1(v))i,

heißt i-te Koordinatenfunktion. Sie wird mit vi bezeichnet, und gibt zu einem Vektor  vV  in der eindeutigen Darstellung

v=i=1nλivi

die Koordinate λi aus. Man beachte, dass die lineare Abbildung vi von der gesamten Basis abhängt, nicht nur von dem Vektor vi.

Wenn umgekehrt ein Isomorphismus

Ψ:KnV

gegeben ist, so sind die Bilder

Ψ(ei),i=1,,n,

eine Basis von V.




Fußnoten
  1. Wenn I eine unendliche Indexmenge ist, so sind hier sämtliche Summen so zu verstehen, dass nur endlich viele Koeffizienten nicht 0 sind.