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Kurs:Mathematik für Anwender (Osnabrück 2020-2021)/Teil I/Vorlesung 22

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Hier hat Vorli die Fragebögen von Dr. Eisenbeis zerfetzt. Zum Glück hat Dr. Eisenbeis alles schon digital abgespeichert.



Ein gesundes Frühstück beginnt mit einem Obstsalat. Die folgende Tabelle zeigt, wie viel Vitamin C, Calcium und Magnesium (jeweils in Milligramm) unterschiedliche Früchte (pro 100 Gramm) besitzen.

Apfel Orange Traube Banane
Vitamin C 12 53 4 9
Calcium 7 40 12 5
Magnesium 6 10 8 27

Mein Obstsalat heute morgen besteht aus den angegebenen Früchten in den Anteilen (3276) (also 300 Gramm Apfel usw.). Daraus kann man den gesamten Vitamin-C-Gehalt, den Calcium-Gehalt und den Magnesium-Gehalt des Obstsalats ausrechnen, indem man einfach für jede Frucht ihre Menge mit dem entsprechenden Gehalt multipliziert und alles aufsummiert. Der Vitamingehalt des gesamten Obstsalats ist also (in Milligramm)

123+532+47+96=224.

Diese Operation ist ein Beispiel für die Wirkungsweise einer Matrix. Die Tabelle führt unmittelbar zu einer 3×4-Matrix, nämlich zu (125349740125610827), und die obige Rechnung wird durch die Matrixmultiplikation

(125349740125610827)(3276)=(224215256)

realisiert.

Man kann auch umgekehrt sich einen Obstsalat wünschen, der eine bestimmte Menge an Vitamin C, Calcium und Magnesium besitzt, sagen wir (180110140). Dies führt zum linearen Gleichungssystem in Matrixform

(125349740125610827)(x1x2x3x4)=(180110140).



Der Matrizenkalkül

Ein lineares Gleichungssystem lässt sich am einfachsten mit Matrizen schreiben. Dies ermöglicht es, die Umformungen, die zur Lösung eines solchen Systems führen, durchzuführen, ohne immer die Variablen mitschleppen zu müssen. Matrizen (und der zugehörige Kalkül) sind recht einfache Objekte; sie können aber ganz unterschiedliche mathematische Objekte beschreiben (eine Familie von Spaltenvektoren, eine Familie von Zeilenvektoren, eine lineare Abbildung, eine Tabelle von Wechselwirkungen, eine zweistellige Relation, ein lineares Vektorfeld etc.), die man stets im Hinterkopf haben sollte, um vor Fehlinterpretationen geschützt zu sein.


Es sei K ein Körper und I und J Indexmengen. Eine I×J-Matrix ist eine Abbildung

I×JK,(i,j)aij.

Bei  I={1,,m}  und  J={1,,n}  spricht man von einer m×n-Matrix. In diesem Fall schreibt man eine Matrix zumeist tabellarisch als

(a11a12a1na21a22a2nam1am2amn).

Wir beschränken uns weitgehend auf den durchnummerierten Fall.

Zu jedem  iI  heißt aij , jJ, die i-te Zeile der Matrix, was man zumeist als ein Zeilentupel (oder einen Zeilenvektor)

(ai1,ai2,,ain)

schreibt. Zu jedem  jJ  heißt aij , iI, die j-te Spalte der Matrix, was man zumeist als ein Spaltentupel (oder einen Spaltenvektor)

(a1ja2jamj)

schreibt. Die Elemente aij heißen die Einträge der Matrix. Zu aij heißt i der Zeilenindex und j der Spaltenindex des Eintrags. Man findet den Eintrag aij, indem man die i-te Zeile mit der j-ten Spalte kreuzt. Eine Matrix mit  m=n  nennt man eine quadratische Matrix. Eine m×1-Matrix ist einfach ein Spaltentupel (oder Spaltenvektor) der Länge m, und eine 1×n-Matrix ist einfach ein Zeilentupel (oder Zeilenvektor) der Länge n. Die Menge aller Matrizen mit m Zeilen und n Spalten (und mit Einträgen in K) wird mit Matm×n(K) bezeichnet, bei  m=n  schreibt man Matn(K).


Zwei Matrizen  A,BMatm×n(K)  werden addiert, indem man sie komponentenweise addiert. Ebenso ist die Multiplikation einer Matrix A mit einem Element  rK  (einem Skalar) komponentenweise definiert, also

(a11a12a1na21a22a2nam1am2amn)+(b11b12b1nb21b22b2nbm1bm2bmn)=(a11+b11a12+b12a1n+b1na21+b21a22+b22a2n+b2nam1+bm1am2+bm2amn+bmn)

und

r(a11a12a1na21a22a2nam1am2amn)=(ra11ra12ra1nra21ra22ra2nram1ram2ramn).


Die Matrizenmultiplikation wird folgendermaßen definiert.


Es sei K ein Körper und es sei A eine m×n-Matrix und B eine n×p-Matrix über K. Dann ist das Matrixprodukt

AB

diejenige m×p-Matrix, deren Einträge durch

cik=j=1naijbjk

gegeben sind.

Eine Matrizenmultiplikation ist nur möglich, wenn die Spaltenanzahl der linken Matrix mit der Zeilenanzahl der rechten Matrix übereinstimmt. Als Merkregel kann man das Schema

(ZEILE)(SPALT)=(ZS+EP+IA+L2+ET)

verwenden, das Ergebnis ist eine 1×1-Matrix. Insbesondere kann man eine m×n-Matrix A mit einem Spaltenvektor der Länge n (von rechts) multiplizieren, und erhält dabei einen Spaltenvektor der Länge m. Die beiden soeben angeführten Matrizen kann man auch in der anderen Reihenfolge multiplizieren (was nicht immer möglich ist) und man erhält

(SPALT)(ZEILE)=(SZSESISLSEPZPEPIPLPEAZAEAIALAELZLELIL2LETZTETITLTE).

Eine n×n-Matrix der Form

(d11000d220000dn1n1000dnn)

nennt man Diagonalmatrix.


Die n×n-Matrix

En:=(10001000010001)

nennt man die Einheitsmatrix.

Die Einheitsmatrix En besitzt die Eigenschaft  EnM=M=MEn  für eine beliebige n×n-Matrix M.

Wenn man eine m×n-Matrix  A=(aij)ij  mit einem Spaltenvektor  x=(x1x2xn)  multipliziert, so erhält man

Ax=(a11a12a1na21a22a2nam1am2amn)(x1x2xn)=(a11x1+a12x2++a1nxna21x1+a22x2++a2nxnam1x1+am2x2++amnxn).

Damit lässt sich ein inhomogenes lineares Gleichungssystem mit dem Störvektor (c1c2cm) kurz als

Ax=c

schreiben. Die erlaubten Gleichungsumformungen durch Manipulationen an den Gleichungen, die die Lösungsmenge nicht ändern, können dann durch die entsprechenden Zeilenumformungen in der Matrix (unter Berücksichtigung der Störvektorseite) ersetzt werden. Man muss dann die Variablen nicht mitschleppen.



Vektorräume
Die Addition von zwei Pfeilen a und b, ein typisches Beispiel für Vektoren.

Der zentrale Begriff der linearen Algebra ist der Vektorraum.


Es sei K ein Körper und V eine Menge mit einem ausgezeichneten Element  0V  und mit zwei Abbildungen

+:V×VV,(u,v)u+v,

und

:K×VV,(s,v)sv=sv.

Dann nennt man V einen K-Vektorraum (oder einen Vektorraum über K), wenn die folgenden Axiome erfüllt sind[1] (dabei seien r,sK und u,v,wV beliebig) [2]

  1.  u+v=v+u
  2.  (u+v)+w=u+(v+w)
  3.  v+0=v
  4. Zu jedem v gibt es ein z mit  v+z=0
  5.  1u=u
  6.  r(su)=(rs)u
  7.  r(u+v)=ru+rv
  8.  (r+s)u=ru+su

Die Verknüpfung in V nennt man (Vektor)-Addition und die Operation K×VV nennt man Skalarmultiplikation. Die Elemente in einem Vektorraum nennt man Vektoren, und die Elemente  rK  heißen Skalare. Das Nullelement  0V  wird auch als Nullvektor bezeichnet, und zu  vV  heißt das inverse Element das Negative zu v und wird mit v bezeichnet. Den Körper, der im Vektorraumbegriff vorausgesetzt ist, nennt man auch den Grundkörper. Alle Begriffe der linearen Algebra beziehen sich auf einen solchen Grundkörper, er darf also nie vergessen werden, auch wenn er manchmal nicht explizit aufgeführt wird. Bei  K=  spricht man von reellen Vektorräumen und bei  K=  von komplexen Vektorräumen. Bei reellen und komplexen Vektorräumen gibt es zusätzliche Strukturen wie Längen, Winkel, Skalarprodukt. Zunächst entwickeln wir aber die algebraische Theorie der Vektorräume über einem beliebigen Körper.



Es sei K ein Körper und  n+.  Dann ist die Produktmenge

Kn=K××Kn-mal={(x1,,xn)xiK}

mit der komponentenweisen Addition und der durch

s(x1,,xn)=(sx1,,sxn)

definierten Skalarmultiplikation ein Vektorraum. Man nennt ihn den n-dimensionalen Standardraum. Insbesondere ist  K1=K  selbst ein Vektorraum.


Der Nullraum 0, der aus dem einzigen Element 0 besteht, ist ebenfalls ein Vektorraum. Man kann ihn auch als  K0=0  auffassen.

Die Vektoren im Standardraum Kn kann man als Zeilenvektoren
(a1,a2,,an)
oder als Spaltenvektoren
(a1a2an)

schreiben. Der Vektor

ei:=(00100),

wobei die 1 an der i-ten Stelle steht, heißt i-ter Standardvektor.


Die komplexen Zahlen bilden einen Körper und daher bilden sie einen Vektorraum über sich selbst. Andererseits sind die komplexen Zahlen als additive Struktur gleich 2. Die Multiplikation einer komplexen Zahl a+bi mit einer reellen Zahl  s=(s,0)  geschieht komponentenweise, d.h. diese Multiplikation stimmt mit der skalaren Multiplikation auf 2 überein. Daher sind die komplexen Zahlen auch ein reeller Vektorraum. Unter Verwendung einer späteren Terminologie kann man sagen, dass ein eindimensionaler komplexer Vektorraum ist und dass ein zweidimensionaler reeller Vektorraum ist mit der reellen Basis 1 und i.



Zu einem Körper K und gegebenen natürlichen Zahlen m,n bildet die Menge

Matm×n(K)

der m×n-Matrizen mit komponentenweiser Addition und komponentenweiser Skalarmultiplikation einen K-Vektorraum. Das Nullelement in diesem Vektorraum ist die Nullmatrix

0=(0000).


Es sei  R=K[X]  der Polynomring in einer Variablen über dem Körper K, der aus sämtlichen Polynomen, also Ausdrücken der Form

anXn+an1Xn1++a2X2+a1X+a0

mit  aiK  besteht. Mit (komponentenweiser) Addition und der ebenfalls komponentenweisen Multiplikation mit einem Skalar  sK  (was man auch als die Multiplikation mit dem konstanten Polynom s auffassen kann) ist der Polynomring ein K-Vektorraum.




Es sei K ein Körper und V ein K-Vektorraum. Dann gelten die folgenden Eigenschaften (dabei sei vV und sK).

  1. Es ist  0v=0[3]
  2. Es ist  s0=0
  3. Es ist  (1)v=v
  4. Aus  s0  und  v0  folgt  sv0

Beweis

Siehe Aufgabe 22.34.



Untervektorräume

Es sei K ein Körper und V ein K-Vektorraum. Eine Teilmenge  UV  heißt Untervektorraum, wenn die folgenden Eigenschaften gelten.

  1.  0U
  2. Mit  u,vU  ist auch  u+vU
  3. Mit  uU  und  sK  ist auch  suU

Auf einem solchen Untervektorraum kann man die Addition und die skalare Multiplikation einschränken. Daher ist ein Untervektorraum selbst ein Vektorraum, siehe Aufgabe 22.20. Die einfachsten Untervektorräume in einem Vektorraum V sind der Nullraum 0 und der gesamte Vektorraum V.



Es sei K ein Körper und

a11x1+a12x2++a1nxn=0a21x1+a22x2++a2nxn=0am1x1+am2x2++amnxn=0

ein homogenes lineares Gleichungssystem über K.

Dann ist die Menge aller Lösungen des Gleichungssystems ein Untervektorraum des Kn (mit komponentenweiser Addition und Skalarmultiplikation).

Beweis

Siehe Aufgabe 22.22.


Man spricht daher auch vom Lösungsraum des Gleichungssystems. Insbesondere ist die Summe von zwei Lösungen eines linearen Gleichungssystems wieder eine Lösung. Die Lösungsmenge eines inhomogenen Gleichungssystems ist kein Vektorraum. Man kann aber zu einer Lösung eines inhomogenen Gleichungssystems eine Lösung des zugehörigen homogenen Gleichungssystems hinzuaddieren und erhält wieder eine Lösung des inhomogenen Gleichungssystems.


Wir knüpfen an die homogene Version von Beispiel 21.11 an, d.h. wir betrachten das homogene lineare Gleichungssystem

2x+5y+2zv=03x4y+u+2v=04x2z+2u=0.

über . Aufgrund von Lemma 22.14 ist die Lösungsmenge L ein Untervektorraum von 5. Wir haben ihn in Beispiel 21.11 explizit als

{u(13,0,13,1,0)+v(213,513,413,0,1)u,v}

beschrieben, woraus ebenfalls erkennbar ist, dass dieser Lösungsraum ein Vektorraum ist. In dieser Schreibweise wird klar, dass L in Bijektion zu 2 steht, und zwar respektiert diese Bijektion sowohl die Addition als auch die Skalarmultiplikation (die Lösungsmenge L des inhomogenen Systems steht ebenfalls in Bijektion zu 2, allerdings gibt es keine sinnvolle Addition und Skalarmultiplikation auf L). Allerdings hängt diese Bijektion wesentlich von den gewählten „Basislösungen“ (13,0,13,1,0) und (213,513,413,0,1) ab, die von der gewählten Eliminationsreihenfolge abhängen. Es gibt für L andere gleichberechtigte Basislösungen.


An diesem Beispiel kann man sich Folgendes klar machen: Der Lösungsraum eines linearen Gleichungssystems über K ist „in natürlicher Weise“, d.h. unabhängig von jeder Auswahl, ein Untervektorraum des Kn (wenn n die Anzahl der Variablen ist). Der Lösungsraum kann auch stets in eine „lineare Bijektion“ (eine „Isomorphie“) mit einem Kd (dn) gebracht werden, doch gibt es dafür keine natürliche Wahl. Dies ist einer der Hauptgründe dafür, mit dem abstrakten Vektorraumbegriff zu arbeiten anstatt lediglich mit dem Kn.



Fußnoten
  1. Die ersten vier Axiome, die unabhängig von K sind, bedeuten, dass (V,0,+) eine kommutative Gruppe ist.
  2. Auch für Vektorräume gilt die Klammerkonvention, dass Punktrechnung stärker bindet als Strichrechnung.
  3. Man mache sich hier und im Folgenden klar, wann die 0 in K und wann sie in V zu verstehen ist.


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