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Kurs:Analysis (Osnabrück 2021-2023)/Teil I/Vorlesung 21

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Die Zahl π

Die Zahl π ist der Flächeninhalt bzw. der halbe Kreisumfang eines Kreises mit Radius 1. Um darauf eine präzise Definition dieser Zahl aufzubauen, müsste man zuerst die Maßtheorie (bzw. die Länge von „krummen Kurven“) entwickeln. Auch die trigonometrischen Funktionen haben eine intuitive Interpretation am Einheitskreis, doch auch diese setzt das Konzept der Bogenlänge voraus. Ein alternativer Zugang ist es, die Zahl π über analytische Eigenschaften der durch ihre Potenzreihen definierten Funktionen Sinus und Kosinus zu definieren und dann erst nach und nach die Beziehung zum Kreis herzustellen (siehe Beispiel 25.11 und Beispiel 38.12).



Lemma  

Die Kosinusfunktion

besitzt im reellen Intervall [0,2] genau eine Nullstelle.

Beweis  

Wir betrachten die Kosinusreihe

cosx=n=0(1)nx2n(2n)!.

Für  x=0  ist  cos0=1.  Für  x=2  kann man geschickt klammern und erhält

cos2=1222!+244!266!+288!=1222!(1434)266!(1478)=12(2/3)1/3.

Nach dem Zwischenwertsatz gibt es also mindestens eine Nullstelle im angegebenen Intervall.
Zum Beweis der Eindeutigkeit betrachten wir die Ableitung des Kosinus, diese ist nach Satz 20.15

cosx=sinx.

Es genügt zu zeigen, dass der Sinus im Intervall ]0,2[ positiv ist, denn dann ist das Negative davon stets negativ und der Kosinus ist dann nach Satz 19.5 im angegebenen Intervall streng fallend, sodass es nur eine Nullstelle gibt. Für  x]0,2]  gilt

sinx=xx33!+x55!x77!+=x(1x23!)+x55!(1x267)+x(143!)+x55!(1467)+x/3>0.


Eine rationale Approximation der Zahl π auf einem π-Pie.



Es sei s die eindeutig bestimmte reelle Nullstelle der Kosinusfunktion aus dem Intervall [0,2]. Die Kreiszahl π ist durch

π:=2s

definiert.

Im weiteren Verlauf dieses Kurses werden wir sehen, dass die so definierte Zahl mit der Kreiszahl übereinstimmt, dass also der Umfang eines Kreises mit Radius r gleich 2πr und sein Flächeninhalt gleich πr2 ist.



Satz  

Die Sinusfunktion und die Kosinusfunktion erfüllen in folgende Periodizitätseigenschaften.

  1. Es ist  cos(z+2π)=cosz  und  sin(z+2π)=sinz  für alle  z
  2. Es ist  cos(z+π)=cosz  und  sin(z+π)=sinz  für alle  z
  3. Es ist  cos(z+π/2)=sinz  und  sin(z+π/2)=cosz  für alle  z
  4. Es ist  cos0=1,   cosπ/2=0,   cosπ=1   cos3π/2=0  und  cos2π=1.  Die Nullstellen des Kosinus sind von der Form π2+nπ, n.
  5. Es ist  sin0=0,   sinπ/2=1,   sinπ=0,   sin3π/2=1  und  sin2π=0.  Die Nullstellen des Sinus sind von der Form nπ, n.

Beweis  

Aufgrund der Kreisgleichung

(cosz)2+(sinz)2=1

ist  (sinπ2)2=1,  also ist  sinπ2=1  wegen der Überlegung im Beweis zu Lemma 21.1. Daraus folgen mit den Additionstheoremen die in (3) angegebenen Beziehungen zwischen Sinus und Kosinus, beispielsweise ist

cos(z+π2)=cos(z)cos(π2)sin(z)sin(π2)=sin(z).

Es genügt daher, die Aussagen für den Kosinus zu beweisen. Alle Aussagen folgen dann aus der Definition von π und aus (3). Dass die trigonometrischen Funktionen außer den angegebenen reellen Nullstellen keine weiteren Nullstellen in besitzen, wurde in Aufgabe 15.11 bewiesen.




Die reelle Sinusfunktion

induziert eine bijektive, streng wachsende Funktion

[π/2,π/2][1,1],

und die reelle Kosinusfunktion induziert eine bijektive streng fallende Funktion

[0,π][1,1].

Beweis

Siehe Aufgabe 21.3.




Polarkoordinaten für



Satz  

Die komplexe Exponentialfunktion besitzt die folgenden Eigenschaften.

  1. Es ist  ez=ez+2πi
  2. Es ist  ez=1  genau dann, wenn  z=2πin  für ein  n  ist.
  3. Es ist  ez=ew  genau dann, wenn  zw=2πin  für ein  n  ist.

Beweis  

Dies folgt aus Satz 15.10, aus Satz 21.3 und aus Satz 15.7.


Insbesondere gilt also die berühmte Formel

e2πi=1

Aus der Eulerschen Gleichung

eiφ=cosφ+isinφ

kann man ebenso die Gleichung  eπi=1  bzw.  eπi+1=0  ablesen, die die fünf wichtigsten Zahlen der Mathematik enthält.



Satz  

Zu jeder komplexen Zahl z, z0,

gibt es eine eindeutige Darstellung

z=rexp(iφ)=reiφ=r(cosφ+isinφ)

mit  r+  und mit  φ[0,2π[

Beweis  

Wegen Satz 15.10 ist

|z|=|r||eiφ|=|r|=r,

d.h. r ist als Betrag der komplexen Zahl z festgelegt. Wir können durch den Betrag teilen und können dann davon ausgehen, dass eine komplexe Zahl

z=a+bi

mit  a,b  und mit  a2+b2=1  vorliegt. Es ist dann zu zeigen, dass es eine eindeutige Darstellung

z=a+bi=cosφ+isinφ

gibt. Bei  a=1  (bzw. 1) ist  b=0  und  φ=0  (bzw. φ=π) ist die einzige Lösung. Wir zeigen, dass es für ein gegebenes  a]1,1[  stets genau zwei Möglichkeiten für φ mit  a=cosφ  gibt, und eine davon wird durch das Vorzeichen von b ausgeschlossen. Bei  b0  gibt es aufgrund von Korollar 21.4 ein eindeutiges  φ[0,π]  mit  a=cosφ.  Für dieses gilt  b=sinφ  wegen  a2+b2=1  und  b0.  Bei  b<0  gibt es wiederum ein eindeutiges  θ[0,π]  mit  a=cosθ.  Wegen  sinθ0  ist dies aber keine Lösung für beide Gleichungen. Stattdessen erfüllt  φ:=2πθ  beide Gleichungen.


Die in diesem Satz beschriebene Darstellung für eine komplexe Zahl heißt ihre Polarkoordinatendarstellung. Zu  z=x+iy  heißt r der Betrag und φ das Argument (oder der Winkel) von z.

Der Satz sagt insbesondere, dass die Abbildung

[0,2π[2,φ(cosφ,sinφ),

eine bijektive Parametrisierung des Einheitskreises liefert. Zu φ gehört also ein eindeutig bestimmter Punkt des Einheitskreises. Wir werden später sehen, dass φ die Länge des Kreisbogens zwischen (1,0) und dem Punkt (cosφ,sinφ) ist. Das bedeutet, dass φ der Winkel im Bogenmaß ist.

Die Grundidee des Winkels ist es, ein Paar aus zwei Halbgeraden durch weitere Halbgeraden (an den Schnittpunkt) gleichmäßig und beliebig fein unterteilen zu können. Diese Homogenitätseigenschaft wird durch das Argument φ erfüllt.



Lemma  

Seien  φ,ψ[0,2π[

Dann hängt der (euklidische) Abstand zwischen

(cosφ,sinφ) und (cos(φ+ψ),sin(φ+ψ))

nur von ψ ab.

Insbesondere wird der Kreisbogen zwischen

(1,0) und (cosφ,sinφ)

durch (cos(jnφ),sin(jnφ)), j=0,,n, in n+1 Punkte derart unterteilt, dass benachbarte[1] Punkte den gleichen Abstand besitzen.

Beweis  

Der euklidische Abstand zwischen den beiden Punkten ist

(cos(φ+ψ)cosφ)2+(sin(φ+ψ)sinφ)2.

Unter Verwendung der Additionstheoreme kann man den Radikanden umformen zu

(cosφcosψsinφsinψcosφ)2+(sinφcosψ+sinψcosφsinφ)2=cos2φcos2ψ+sin2φsin2ψ+cos2φ+sin2φcos2ψ+sin2ψcos2φ+sin2φ2cosφcosψsinφsinψ2cos2φcosψ+2sinφsinψcosφ+2sinφcosψsinψcosφ2sin2φcosψ2sinφsinψcosφ=12cosψ+cos2ψ+sin2ψ=22cosψ.



Korollar  

Für zwei komplexe Zahlen z1=r1eiφ1 und z2=r2eiφ2 ist

z1z2=r1r2ei(φ1+φ2).

Zwei komplexe Zahlen 0 werden also miteinander multipliziert, indem man ihre Beträge in + multipliziert und ihre Argumente (Winkel) addiert.

Beweis  

Die Aussage ist ein Spezialfall von Satz 15.7, die Interpretation als Winkel beruht auf Satz 21.6.




Wurzeln aus komplexen Zahlen



Korollar  

Es sei  z  eine komplexe Zahl und  n+

Dann gibt es eine komplexe Zahl w mit

wn=z.

Beweis  

Bei  z=0  ist  w=0  eine Lösung, sei also  z0.  Nach Satz 21.6 gibt es eine Darstellung

z=reiφ

mit  r+.  Es sei  s=r1/n  die reelle n-te Wurzel von r, die nach Satz 13.7 existiert. Wir setzen  w=seiφn.  Dann ist nach Satz 15.7

wn=(seiφn)n=sn(eiφn)n=reniφn=reiφ=z.

Diese letzte Aussage besagt, dass jedes Polynom der Form Xnz in mindestens eine Nullstelle besitzt. Insofern handelt es sich dabei um eine Vorstufe für den Fundamentalsatz der Algebra. Ein wichtiger Spezialfall liegt bei  z=1  vor. Man spricht von komplexen Einheitswurzeln.


Es sei  n+.  Dann heißen die komplexen Nullstellen des Polynoms

Xn1

n-te komplexe Einheitswurzeln.

Die 1 ist für jedes n eine n-te komplexe Einheitswurzel, und die 1 ist für jedes gerade n eine n-te komplexe Einheitswurzel.



Lemma  

Es sei  n+

Die Nullstellen des Polynoms Xn1 über sind

e2πik/n=cos2πkn+isin2πkn,k=0,1,,n1.

In [X] gilt die Faktorisierung

Xn1=(X1)(Xe2πi/n)(Xe2πi(n1)/n).

Beweis  

Es ist

(e2πik/n)n=e2πik=(e2πi)k=1k=1.

Die angegebenen komplexen Zahlen sind also wirklich Nullstellen des Polynoms Xn1. Diese Nullstellen sind alle untereinander verschieden, da aus

e2πik/n=e2πi/n

mit

0kn1

sofort durch Betrachten des Quotienten  e2πi(k)/n=1  folgt, und daraus  k=0.  Es gibt also n explizit angegebene Nullstellen und daher müssen dies alle Nullstellen des Polynoms sein. Die explizite Beschreibung in Koordinaten folgt aus der eulerschen Formel. Die Faktorzerlegung folgt aus Lemma 11.6.


Es gibt also insbesondere genau n n-te komplexe Einheitswurzeln. Die komplexen Einheitswurzeln bilden nach Lemma 21.7 die Ecken eines regelmäßigen n-Ecks, wobei die Eckpunkte auf dem Einheitskreis liegen und (1,0) dazugehört.




Fußnoten
  1. Gemeint ist in der Indizierung benachbart.


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