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Kurs:Elemente der Algebra (Osnabrück 2015)/Vorlesung 18

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Partialbruchzerlegung

Betrachten wir den Bruch 16. Diesen kann man als

16=1213

schreiben, man kann also die Primfaktoren des Nenners multiplikativ trennen. Es gilt aber auch, und das ist überraschender, die Darstellung

16=1213,

man kann also in diesem Fall den Bruch als eine Summe von Brüchen schreiben, bei denen jeweils nur ein Primfaktor des Nenners vorkommt. In ähnlicher Weise gilt

135=25+37,

auch hier lässt sich ein Bruch mit einem „komplizierten“ Nenner als Summe von Brüchen mit einem einfachen Nenner schreiben. Dagegen ist es nicht möglich, 14 als Summe von 12 zu schreiben. Wir werden gleich sehen, dass man jede rationale Zahl als eine Summe von Stammbrüchen zu Primzahlpotenzen erhalten kann. Dies beruht auf einer Gesetzmäßigkeit, die allgemeiner für Hauptidealbereiche gilt.



Satz  

Es sei R ein Hauptidealbereich und f,gR, g0, mit der Primfaktorzerlegung

g=p1r1p2r2pkrk.

Dann gibt es im Quotientenkörper Q(R) eine Darstellung

fg=a1p1r1+a2p2r2++akpkrk

mit  a1,,akR

Beweis  

Wir führen Induktion über die Anzahl k der verschiedenen Primfaktoren von g. Wenn g eine Einheit ist oder nur ein Primfaktor (mit einem beliebigen Exponenten) vorkommt, ist nichts zu zeigen. Es sei also  k2  und die Aussage für kleinere k schon bewiesen. Sei

h=p2r2pkrk.

Da p1r1 und h teilerfremd sind, gibt es nach Satz 8.5 eine Darstellung der Form

up1r1+vh=1

mit  u,vR.  Division durch

g=p1r1h

ergibt

1g=vp1r1+uh.

Multiplikation mit f liefert eine Darstellung der Form

fg=a1p1r1+ch

und die Induktionsvoraussetzung angewendet auf ch liefert das Resultat.


Diese additive Zerlegung in Brüche mit einfacheren Nennern heißt die Partialbruchzerlegung von f/g. Für  R=  und  R=K[X]  und überhaupt für euklidische Bereiche lässt sich diese Aussage noch präzisieren.


Satz  

Es sei R ein euklidischer Bereich und f,gR, g0, mit der Primfaktorzerlegung

g=p1r1p2r2pkrk.

Dann gibt es im Quotientenkörper Q(R) eine Darstellung

fg=b+a1p1r1+a2p2r2++akpkrk

mit  b,a1,,akR  mit  aj=0  oder

δ(aj)<δ(pjrj).

Die Summanden ajpjrj kann man als

cjpjrj=bj+cj,1pj+cj,2pj2++cj,rjpjrj

mit

δ(cj,i)δ(pj)

schreiben.

Beweis  

Nach Satz 18.1 gibt es eine Darstellung

fg=a1p1r1+a2p2r2++akpkrk.

Auf die Zähler der einzelnen Summanden wenden wir die Division mit Rest durch pjrj an und erhalten

ajpjrj=bj+a'jpjrj

mit

δ(a'j)<δ(pjrj).

Ferner kann man auf aj auch die Division mit Rest durch pj anwenden und erhält

ajpjrj=cjpj+tpjrj=cjpjrj1+tpjrj

mit

δ(t)<δ(pj).

Den vorderen Summanden kann man in dieser Weise weiter abarbeiten.



Korollar  

Es seien f,g, g>0, mit der Primfaktorzerlegung

g=p1r1p2r2pkrk.

Dann gibt es in  =Q()  eine Darstellung

fg=n+a1p1r1+a2p2r2++akpkrk

mit  n,a1,,ak  und mit  |aj|<pjrj.  Für die Summanden gibt es ferner eine Darstellung

ajpjrj=nj+cj,1pj+cj,2pj2++cj,rjpjrj

mit  |cj,i|<pj.  Dabei kann man die  cj,i0  wählen.

Beweis  

Dies folgt unmittelbar aus Satz 18.2.



Wir berechnen die Partialbruchzerlegung von 1100. Es ist

100=425=2252.

Wegen

2564=1

ergibt sich

1100=146125=1415125.

Wenn man nichtnegative Zähler haben möchte, so schreibt man

146125=1+14+16125=1+14+25625=1+14+1925=1+14+35+425.



Korollar  

Es sei K ein Körper und f,gK[X], g0, mit der Zerlegung in irreduzible Polynome

g=p1r1p2r2pkrk.

Dann gibt es im Quotientenkörper K(X) eine Darstellung

fg=h+q1p1r1+q2p2r2++qkpkrk

mit  h,q1,,qkK[X]  mit  qj=0  oder

grad(qj)<grad(pjrj).

Die Summanden qjpjrj kann man als

qjpjrj=hj+cj,1pj+cj,2pj2++cj,rjpjrj

mit

grad(cj,i)<grad(pj)

schreiben.

Beweis  

Dies folgt unmittelbar aus Satz 18.2.



Korollar  

Es seien P,Q[X], Q0, Polynome und es sei

Q=(Xa1)r1(Xas)rs

mit verschiedenen  ai

Dann gibt es ein eindeutig bestimmtes Polynom  H[X]  und eindeutig bestimmte Koeffizienten cij, 1is, 1jri, mit

PQ=H+c11Xa1+c12(Xa1)2++c1r1(Xa1)r1++cs1Xas+cs2(Xas)2++csrs(Xas)rs.

Beweis  

Dies ergibt sich, abgesehen von der Eindeutigkeit, die wir nicht beweisen, aus Korollar 18.5 und dem Fundamentalsatz der Algebra.



Korollar  

Es seien P,Q[X], Q0, Polynome und es sei

Q=(Xa1)r1(Xas)rsQ1t1Qutu

mit verschiedenen  ai  und verschiedenen quadratischen Polynomen Qk ohne reelle Nullstellen.

Dann gibt es ein eindeutig bestimmtes Polynom  H[X]  und eindeutig bestimmte Koeffizienten cij, 1is, 1jri, und eindeutig bestimmte lineare Polynome Lk=dkX+ek, 1ku, 1tk, mit

PQ=H+c11Xa1+c12(Xa1)2++c1r1(Xa1)r1++cs1Xas+cs2(Xas)2++csrs(Xas)rs+L11Q1+L12Q12++L1t1Q1t1++Lu1Qu+Lu2Qu2++LutuQutu.

Beweis  

Dies ergibt sich, abgesehen von der Eindeutigkeit, die wir nicht beweisen, aus Korollar 18.5 und der Tatsache, dass es in [X] nur lineare und quadratische Primpolynome gibt.



Wir betrachten die rationale Funktion

1X31=1(X1)(X2+X+1).

wobei der Faktor rechts reell nicht weiter zerlegbar ist. Daher muss es eine eindeutige Darstellung

1X31=aX1+bX+cX2+X+1

geben. Multiplikation mit dem Nennerpolynom führt auf

1=a(X2+X+1)+(bX+c)(X1)=(a+b)X2+(a+cb)X+ac.

Koeffizientenvergleich führt auf das inhomogene lineare Gleichungssystem

a+b=0 und a+cb=0 und ac=1

mit den eindeutigen Lösungen

a=13,b=13,c=23.

Die Partialbruchzerlegung ist also

1X31=13X1+13X23X2+X+1=131X113X+2X2+X+1.


Wir betrachten die rationale Funktion

X3X+5X4+X2=X3X+5X2(X2+1),

wo die Faktorzerlegung des Nennerpolynoms sofort ersichtlich ist. Der Ansatz

X3X+5X2(X2+1)=aX+bX2+cX+dX2+1

führt durch Multiplikation mit dem Nennerpolynom auf

X3X+5=aX(X2+1)+b(X2+1)+(cX+d)X2=aX3+aX+bX2+b+cX3+dX2=(a+c)X3+(b+d)X2+aX+b.

Koeffizientenvergleich führt auf das inhomogene lineare Gleichungssystem

a+c=1 und b+d=0 und a=1 und b=5

mit der Lösung

b=5,a=1,d=5,c=2.

Insgesamt ist die Partialbruchzerlegung also gleich

X3X+5X2(X2+1)=1X+5X2+2X5X2+1.

Eine wichtige Anwendung der reellen Partialbruchzerlegung ist es, zu rationalen Funktionen P/Q, P,Q[X], Q0, eine Stammfunktion zu finden, also zu integrieren. Man berechnet hierzu die Partialbruchzerlegung von P/Q und muss dann zu dem Polynom H und den Summanden der Form b(Xa)r bzw. c+dXQir mit einem quadratischen nullstellenfreien Polynom Qi Stammfunktionen bestimmen. Dafür gibt es dann Standardverfahren. Eine Stammfunktion zu b(Xa) ist bln|Xa| und eine Stammfunktion zu b(Xa)r, r2, ist b(1r)(Xa)r1. Wenn ein quadratischer Nenner vorliegt, wird es schwieriger; eine Stammfunktion zu 11+x2 ist beispielsweise arctanX.


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