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Kurs:Zahlentheorie (Osnabrück 2008)/Vorlesung 15

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Bevor wir uns mit algebraischer Zahlentheorie, insbesondere mit quadratischen Zahlbereichen, genauer beschäftigen können, brauchen wir einige neue algebraische Begriffe. Zur Motivation betrachten wir das folgende kommutative Diagramm.

[i][i]

In der unteren Zeile stehen Körper, und zwar ist [i] eine endliche Körpererweiterung vom Grad zwei. Ferner ist der kleinste Körper, der die ganzen Zahlen enthält, und ebenso ist [i] der kleinste Körper, der die Gaußschen Zahlen [i] enthält. Die Gaußschen Zahlen sind, in einem zu präzisierenden Sinne, die ganzen Zahlen im Körper [i].

Dies ist nicht selbstverständlich. Betrachten wir stattdessen die Körpererweiterung [3] (ebenfalls vom Grad zwei), was ist dann der Ring der ganzen Zahlen?

[3][ω][3]=[3]

Hier ist ω=1+3i2 und [ω] ist der Ring der Eisenstein-Zahlen, den wir in der zweiten Vorlesung kennengelernt haben. Für die beiden Ringe [3] und [ω] ist [3] der kleinste sie enthaltende Körper. Auf den ersten Blick wirkt vermutlich [3] natürlicher. Andererseits ist der Ring der Eisenstein-Zahlen euklidisch und damit faktoriell, hat also deutlich bessere Eigenschaften.

Im Folgenden werden wir bestimmen, was für eine beliebige endliche Körpererweiterung L der richtige Ganzheitsring in L ist. Zuerst präzisieren wir, was wir eben dadurch beschrieben haben, dass der kleinste Körper ist, der enthält.


Zu einem Integritätsbereich R ist der Quotientenkörper Q(R) als die Menge der formalen Brüche

Q(R)={rsr,sR,s0}

mit natürlichen Identifizierungen und Operationen definiert.

Mit natürlichen Identifikationen meinen wir die (Erweiterungs- bzw. Kürzungs)-Regel

rs=trts

(t0). Für die Operationen gelten

rs+tu=ru+tssu

(auf einen Hauptnenner bringen) und

rstu=rtsu.

Mit diesen Operationen liegt in der Tat, wie man schnell überprüft, ein kommutativer Ring vor. Und zwar handelt es sich um einen Körper, denn für jedes Element

rs0

ist sr das Inverse.

Der Integritätsbereich R findet sich in Q(R) über die Elemente r1 wieder. Diese natürliche Inklusion

RQ(R)

ist ein Ringhomomorphismus. Das Element  r=r1  hat bei  r0  das Inverse 1r. Zwischen R und Q(R) gibt es keinen weiteren Körper. Ein solcher muss nämlich zu  r0  das (eindeutig bestimmte) Inverse 1r enthalten und dann aber auch alle Produkte  s1r=sr


Es seien R und A kommutative Ringe und sei RA ein fixierter Ringhomomorphismus. Dann nennt man A eine R-Algebra.

Wenn eine R-Algebra vorliegt so nennt man den zugehörigen Ringhomomorphismus auch den Strukturhomomorphismus. Das vielleicht wichtigste Beispiel einer R-Algebra ist der Polynomring R[X]. Ein R-Algebra-Homomorphismus von R[X] in eine weitere R-Algebra B ist gegeben durch die Zuordnung Xf, wobei fB ein Element ist. Diese Abbildung nennt man den Einsetzungshomomorphismus. Er schickt ein Polynom i=0riXi, riR, auf i=0rifiB, wobei die ri via dem Strukturhomomorphismus als Elemente in B aufgefasst werden.


Es sei K ein Körper und A eine K-Algebra. Es sei  fA  ein Element. Dann heißt f algebraisch über K, wenn es ein von 0 verschiedenes Polynom  PK[X]  mit  P(f)=0  gibt.

Wenn ein Polynom  P0  das algebraische Element  fA  annulliert (also P(f)=0 ist), so kann man durch den Leitkoeffizienten dividieren und erhält dann auch ein normiertes annullierendes Polynom. Über einem Körper sind also die Begriffe ganz

und algebraisch äquivalent.


Es sei K ein Körper und A eine K-Algebra. Es sei  fA  ein über K algebraisches Element. Dann heißt das normierte Polynom  PK[X]  mit  P(f)=0,  welches von minimalem Grad mit dieser Eigenschaft ist, das Minimalpolynom von f.

Die über den rationalen Zahlen algebraischen komplexen Zahlen erhalten einen speziellen Namen.


Eine komplexe Zahl z heißt algebraisch oder algebraische Zahl, wenn sie algebraisch über den rationalen Zahlen ist. Andernfalls heißt sie transzendent.

Eine komplexe Zahl  z  ist genau dann algebraisch, wenn es ein von 0 verschiedenes Polynom P mit rationalen Koeffizienten und mit  P(z)=0  gibt. Durch Multiplikation mit einem Hauptnenner kann man für eine algebraische Zahl auch ein annullierendes Polynom mit ganzzahligen Koeffizienten finden (das allerdings nicht mehr normiert ist). Eine rationale Zahl q ist trivialerweise algebraisch, da sie Nullstelle des linearen rationalen Polynoms Xq ist. Weiterhin sind die reellen Zahlen q und q1/n für  q  algebraisch. Dagegen sind die Zahlen e und π nicht algebraisch. Diese Aussagen sind keineswegs selbstverständlich, die Transzendenz von π wurde beispielsweise von Ferdinand von Lindemann 1882 gezeigt.



Es sei L ein Körper und  KL  ein Unterkörper von L. Dann heißt L ein Erweiterungskörper (oder Oberkörper) von K und die Inklusion  KL  heißt eine Körpererweiterung.

Eine K-Algebra A kann man stets in natürlicher Weise als Vektorraum über dem Körper K auffassen (ist K kein Körper, so ist eine K-Algebra ein K-Modul.) Die Skalarmultiplikation wird dabei einfach über den Strukturhomomorphismus erklärt. Durch den Vektorraumbegriff hat man sofort die folgenden Begriffe zur Verfügung.


Eine Körpererweiterung  KL  heißt endlich, wenn L ein endlichdimensionaler Vektorraum über K ist.


Es sei  KL  eine endliche Körpererweiterung. Dann nennt man die K-Vektorraumdimension von L den Grad der Körpererweiterung.

Ein Element  fL  einer Körpererweiterung

KL

definiert durch Multiplikation eine K-lineare Abbildung

φf:LL,yfy.

Über diese Konstruktion werden Norm und Spur von f erklärt.

Zu einer linearen Abbildung

φ:VV

eines endlichdimensionalen K-Vektorraumes V in sich wird die Determinante det(φ) und die Spur S(φ) wie folgt berechnet. Man wählt eine K-Basis  v1,,vnV  und repräsentiert die lineare Abbildung bezüglich dieser Basis durch eine quadratische n×n-Matrix

(λ1,1λ1,nλn,1λn,n)

mit  λijK  und rechnet dann die Determinante aus. Es folgt aus dem Determinantenmultiplikationssatz, dass dies unabhängig von der Wahl der Basis ist. Die Spur ist durch

S(φ)=λ1,1+λ2,2++λn,n

gegeben, und dies ist nach Aufgabe ***** ebenfalls unabhängig von der Wahl der Basis.



Es sei  KL  eine endliche Körpererweiterung. Zu einem Element  fL  nennt man die Determinante der K-linearen Abbildung

μf:LL,yfy,

die Norm von f. Sie wird mit N(f) bezeichnet.


Es sei  KL  eine endliche Körpererweiterung. Zu einem Element  fL  nennt man die Spur der K-linearen Abbildung

μf:LL,yfy,

die Spur von f. Sie wird mit Spur(f) bezeichnet.



Lemma  

Es sei  KL  eine endliche Körpererweiterung. Dann hat die Norm

N:LK,fN(f),

folgende Eigenschaften:

  1. Es ist  N(fg)=N(f)N(g)
  2. Für  fK  ist  N(f)=fn,  wobei n den Grad der Körpererweiterung bezeichne.
  3. Es ist  N(f)=0  genau dann, wenn  f=0  ist.

Beweis  

  1. Dies folgt aus dem Determinantenmultiplikationssatz und aus Fakt *****.
  2. Zu einer beliebigen Basis von L wird die Multiplikation mit einem Element  fK  durch die Diagonalmatrix beschrieben, bei der jeder Diagonaleintrag f ist. Die Determinante ist daher fn nach Fakt *****.
  3. Die eine Richtung ist klar, sei also  f0.  Dann ist f eine Einheit in L und daher ist die Multiplikation mit f eine bijektive K-lineare Abbildung LL, und deren Determinante ist 0 nach Fakt *****.



Lemma  

Es sei  KL  eine endliche Körpererweiterung vom Grad n. Dann hat die Spur

S:LK,fS(f),

folgende Eigenschaften:

  1. Die Spur ist K-linear, also  S(f+g)=S(f)+S(g)  und  S(λf)=λS(f)  für  λK
  2. Für  fK  ist  S(f)=nf

Beweis  

Dies folgt aus den Definitionen.


Eine Körpererweiterung  KL  heißt einfach, wenn sie von einem Element f erzeugt wird. Das bedeutet, dass es außer L keinen Körper zwischen K und L gibt, der f enthält. Das Element f nennt man dann auch ein primitives Element der Körpererweiterung. Ist  KL  eine endliche und einfache Körpererweiterung, so ist

L=K[f]K[X]/(P),

wobei P das Minimalpolynom von f ist.



Satz  

Es sei  KL=K[f]  eine einfache endliche Körpererweiterung vom Grad n.

Dann hat das Minimalpolynom P von f die Gestalt

P=XnS(f)Xn1++(1)nN(f).

Beweis  

Das Minimalpolynom und das charakteristische Polynom der durch f definierten K-linearen Multiplikationsabbildung

μf:LL,yfy,

haben beide den Grad n. Nach dem Satz von Cayley-Hamilton annulliert das charakteristische Polynom die lineare Abbildung und ist somit ein Vielfaches des Minimalpolynoms, sodass sie übereinstimmen. Diese lineare Abbildung μf sei bezüglich einer Basis v1,,vn von L durch die Matrix (λij)ij gegeben. Dann ist das charakteristische Polynom gleich

χμfχμf=det(Xλ1,1λ1,nλn,1Xλn,n)=Xn+an1Xn1++a1X+a0.

Zum Koeffizienten an1 leisten (in der Leibniz-Formel zur Berechnung der Determinante) nur diejenigen Permutationen einen Beitrag, bei denen (n1)-mal die Variable X vorkommt, und das ist nur bei der identischen Permutation (also der Diagonalen) der Fall. Multipliziert man die Diagonale distributiv aus, so ergibt sich Xni=1nλi,iXn1+, sodass also  an1=S(f)  gilt. Setzt man in der obigen Gleichung  X=0,  so ergibt sich, dass a0 die Determinante der negierten Matrix ist, woraus  a0=(1)nN(f)  folgt.



Es sei  KL  eine endliche Körpererweiterung. Sie heißt separabel, wenn für jedes Element  xL  das Minimalpolynom separabel ist, also in keinem Erweiterungskörper eine mehrfache Nullstelle besitzt.

In unserem Zusammenhang, wo wir uns für Körpererweiterungen von interessieren, also in Charakteristik 0 sind, ist eine Körpererweiterung stets separabel (siehe Aufgabe *****), und wir haben den folgenden Satz vom primitiven Element zur Verfügung.


Es sei  KL  eine endliche separable Körpererweiterung.

Dann wird L von einem Element erzeugt, d.h. es gibt ein  fL  mit

L=K(f)K[X]/(P)

mit einem irreduziblen (Minimal-)Polynom  PK[X]

Dies ist ein wichtiges Standardresultat aus der Theorie der Körpererweiterungen.


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