Zum Inhalt springen

Kurs:Zahlentheorie (Osnabrück 2016-2017)/Vorlesung 17

Aus Wikiversity



Ganzheit

Es seien R und S kommutative Ringe und sei  RS  eine Ringerweiterung. Für ein Element  xS  heißt eine Gleichung der Form

xn+rn1xn1+rn2xn2++r1x+r0=0,

wobei die Koeffizienten ri,i=0,,n1, zu R gehören, eine Ganzheitsgleichung für x.


Es seien R und S kommutative Ringe und  RS  eine Ringerweiterung. Ein Element  xS  heißt ganz (über R), wenn x eine Ganzheitsgleichung mit Koeffizienten aus R erfüllt.

Wenn  R=K  ein Körper und S eine K-Algebra ist, so ist  xS  algebraisch über K genau dann, wenn es ganz über K ist. Dies stimmt aber im Allgemeinen nicht, siehe Aufgabe 17.2.

Die einfachsten Ganzheitsgleichungen haben die Form  xnr=0  mit  rR  bzw.  xn=r.  Wenn also ein Element einer Ringerweiterung eine Wurzel eines Elementes aus R ist, so ist diese Wurzel ganz über dem Grundring. Trivialerweise sind die Elemente aus R ganz über R.


In der Ringerweiterung  [i]  ist i ganz über , wie die Ganzheitsgleichung

i2=1

zeigt. Auch für ein beliebiges Element  z=a+bi[i]  kann man direkt eine Ganzheitsgleichung angeben, nämlich

(a+bi)22a(a+bi)+a2+b2=0.


Es sei R ein kommutativer Ring und

P=Xn+rn1Xn1++r2X2+r1X+r0R[X]

ein normiertes Polynom über R. Dann ist in der Ringerweiterung

RR[X]/(P)

die Restklasse x von X im Restklassenring  S=R[X]/(P)  ganz über R, da ja P unmittelbar die Ganzheitsgleichung

xn+rn1xn1++r2x2+r1x+r0=0

liefert.



Es seien R und S kommutative Ringe und sei  RS  eine Ringerweiterung. Dann heißt S ganz über R, wenn jedes Element  xS  ganz über R ist.


Es seien R und S kommutative Ringe und  RS  eine Ringerweiterung. Dann nennt man die Menge der Elemente  xS,  die ganz über R sind, den ganzen Abschluss von R in S.

S ist genau dann ganz über R, wenn der ganze Abschluss von R in S gleich S ist.

Wir wollen zeigen, dass die Summe und das Produkt von zwei ganzen Elementen wieder ganz ist. Der vermutlich erste Gedanke, die jeweiligen Ganzheitsgleichungen miteinander „geschickt“ zu kombinieren, führt nicht zum Ziel. Stattdessen braucht man das folgende Kriterium für die Ganzheit.


Lemma  

Es seien R und S kommutative Ringe und  RS  eine Ringerweiterung. Für ein Element  xS  sind folgende Aussagen äquivalent.

  1. x ist ganz über R.
  2. Es gibt eine R-Unteralgebra T von S mit  xT  und die ein endlicher R-Modul ist.
  3. Es gibt einen endlichen R-Untermodul M von S, der einen Nichtnullteiler aus S enthält, mit  xMM

Beweis  

(1) (2). Wir betrachten die von den Potenzen von x erzeugte R-Unteralgebra R[x] von S, die aus allen polynomialen Ausdrücken in x mit Koeffizienten aus R besteht. Aus einer Ganzheitsgleichung

xn+rn1xn1+rn2xn2++r1x+r0=0

ergibt sich

xn=rn1xn1rn2xn2r1xr0.

Man kann also xn durch einen polynomialen Ausdruck von einem kleineren Grad ausdrücken. Durch Multiplikation dieser letzten Gleichung mit xi kann man jede Potenz von x mit einem Exponenten n durch einen polynomialen Ausdruck von einem kleineren Grad ersetzen. Insgesamt kann man dann aber all diese Potenzen durch polynomiale Ausdrücke vom Grad n1 ersetzen. Damit ist

R[x]=R+Rx+Rx2++Rxn2+Rxn1

und die Potenzen x0=1,x1,x2,,xn1 bilden ein endliches R-Modul-Erzeugendensystem von  T=R[x]

(2) (3). Es sei  xTST eine R-Unteralgebra, die als R-Modul endlich erzeugt sei. Dann ist  xTT,  und T enthält den Nichtnullteiler 1.

(3) (1). Sei  MS  ein endlich erzeugter R-Untermodul mit  xMM.  Es seien y1,,yn erzeugende Elemente von M. Dann ist insbesondere xyi für jedes i eine R-Linearkombination der yj,j=1,,n. Dies bedeutet

xyi=j=1nrijyj

mit  rijR,  oder, als Matrix geschrieben,

x(y1y2yn)=(r1,1r1,2r1,nr2,1r2,2r2,nrn,1rn,2rn,n)(y1y2yn).

Dies schreiben wir als

0=(xr1,1r1,2r1,nr2,1xr2,2r2,nrn,1rn,2xrn,n)(y1y2yn).

Nennen wir diese Matrix A (die Einträge sind aus S), und sei Aadj die adjungierte Matrix. Dann gilt  AadjAy=0  (y bezeichne den Vektor (y1,,yn)) und nach der Cramerschen Regel ist  AadjA=(detA)En,  also gilt

((detA)En)y=0.

Es ist also  (detA)yj=0  für alle j und damit

(detA)z=0

für alle  zM.  Da M nach Voraussetzung einen Nichtnullteiler enthält, muss  detA=0  sein. Die Determinante ist aber ein normierter polynomialer Ausdruck in x vom Grad n, sodass eine Ganzheitsgleichung vorliegt.



Korollar  

Es seien R und S kommutative Ringe und sei  RS  eine Ringerweiterung.

Dann ist der ganze Abschluss von R in S eine R-Unteralgebra von S.

Beweis  

Die Ganzheitsgleichungen Xr,rR, zeigen, dass jedes Element aus R ganz über R ist. Es seien  x1S  und  x2S  ganz über R. Nach der Charakterisierung der Ganzheit gibt es endliche R-Unteralgebren  T1,T2S  mit  x1T1  und  x2T2.  Es sei y1,,yn ein R-Erzeugendensystem von T1 und z1,,zm ein R-Erzeugendensystem von T2. Wir können annehmen, dass  y1=z1=1  ist. Betrachte den endlich erzeugten R-Modul

T=T1T2=yizj,i=1,,n,j=1,,m,

der offensichtlich x1+x2 und x1x2 (und 1) enthält. Dieser R-Modul T ist auch wieder eine R-Algebra, da für zwei beliebige Elemente gilt

(rijyizj)(sklykzl)=rijsklyiykzjzl,

und für die Produkte gilt  yiykT1  und  zjzlT2,  sodass diese Linearkombination zu T gehört. Dies zeigt, dass die Summe und das Produkt von zwei ganzen Elementen wieder ganz ist. Deshalb ist der ganze Abschluss ein Unterring von S, der R enthält. Also liegt eine R-Unteralgebra vor.



Normale Integritätsbereiche

Es seien R und S kommutative Ringe und  RS  eine Ringerweiterung. Man nennt R ganz-abgeschlossen in S, wenn der ganze Abschluss von R in S gleich R ist.


Ein Integritätsbereich heißt normal, wenn er ganz-abgeschlossen in seinem Quotientenkörper ist.


Es sei R ein Integritätsbereich und Q(R) sein Quotientenkörper. Dann nennt man den ganzen Abschluss von R in Q(R) die Normalisierung von R.


Wichtige Beispiele für normale Ringe werden durch faktorielle Ringe geliefert.


Satz  

Es sei R ein faktorieller Integritätsbereich.

Dann ist R normal.

Beweis  

Es sei  K=Q(R)  der Quotientenkörper von R und  qK  ein Element, das die Ganzheitsgleichung

qn+rn1qn1+rn2qn2++r1q+r0=0

mit  riR  erfüllt. Wir schreiben q=a/b mit a,bR, b0, wobei wir annehmen können, dass die Darstellung gekürzt ist, dass also a und b keinen gemeinsamen Primteiler besitzen. Wir müssen zeigen, dass b eine Einheit in R ist, da dann  q=ab1  zu R gehört.

Wir multiplizieren die obige Ganzheitsgleichung mit bn und erhalten in R

an+(rn1b)an1+(rn2b2)an2++(r1bn1)a+(r0bn)=0.

Wenn b keine Einheit ist, dann gibt es einen Primteiler p von b. Dieser teilt alle Summanden (rnibi)ani für i1 und daher auch den ersten, also an. Das bedeutet aber, dass a selbst ein Vielfaches von p ist, im Widerspruch zur vorausgesetzten Teilerfremdheit.



Korollar  

Es sei R ein normaler Integritätsbereich und  aR

Wenn es ein Element  xQ(R)  mit  xk=a  gibt, so ist bereits  xR

Beweis  

Die Voraussetzung bedeutet, dass  xQ(R)  ganz über R ist, da es die Ganzheitsgleichung

Xka=0

erfüllt. Also ist  xR  wegen der Normalität.


Die einfachsten Beispiele für irrationale reelle Zahlen sind 2,3,5 u.s.w. Diese Beobachtung wird durch die folgende Aussage wesentlich verallgemeinert.


Korollar  

Es sei  n=p1α1prαr  die kanonische Primfaktorzerlegung der natürlichen Zahl n. Es sei k eine positive natürliche Zahl und sei vorausgesetzt, dass nicht alle Exponenten αi ein Vielfaches von k sind.

Dann ist die reelle Zahl

n1k

irrational.

Beweis  

Die Zahl  n=p1α1prαr  kann nach Voraussetzung keine k-te Wurzel in besitzen, da in einer k-ten Potenz alle Exponenten zu Primzahlen Vielfache von k sind. Wegen der Faktorialität von und der daraus nach Satz 17.12 resultierenden Normalität kann es auch kein  xQ()=  mit  xk=n  geben. Daher ist die reelle Zahl n1k irrational.




Der ganze Abschluss in Erweiterungskörpern



Lemma  

Es sei R ein Integritätsbereich mit Quotientenkörper  K=Q(R)  und sei  KL  eine endliche Körpererweiterung. Der ganze Abschluss von R in L sei mit S bezeichnet.

Dann ist L der Quotientenkörper von S.

Beweis  

Es sei  fL.  Nach Voraussetzung ist L endlich über K. Daher erfüllt f eine Ganzheitsgleichung der Form

fn+qn1fn1++q1f+q0=0

mit  qiK.  Sei  rR  ein gemeinsames Vielfaches der Nenner aller qi, i=1,,n1. Multiplikation mit rn ergibt dann

(rf)n+qn1r(rf)n1++q1rn1(rf)+q0rn=0.

Dies ist eine Ganzheitsgleichung für rf, da die Koeffizienten qniri nach Wahl von r alle zu R gehören. Damit ist  rfS,  da S der ganze Abschluss ist. Somit zeigt  f=rfr,  dass f als ein Bruch mit einem Zähler aus S und einem Nenner aus  RS  darstellbar ist, also im Quotientenkörper Q(S) liegt.


Insbesondere zeigt die vorstehende Aussage, dass bei einer echten Körpererweiterung  KL  auch der ganze Abschluss von R echt größer als R ist. Für uns steht die Situation, wo  L  eine endliche Körpererweiterung der rationalen Zahlen und S der ganze Abschluss von in L ist, im Mittelpunkt.

<< | Kurs:Zahlentheorie (Osnabrück 2016-2017) | >>

PDF-Version dieser Vorlesung

Arbeitsblatt zur Vorlesung (PDF)