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Kurs:Zahlentheorie (Osnabrück 2016-2017)/Vorlesung 18

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Zahlbereiche

Wir werden uns in dieser Vorlesung hauptsächlich für den ganzen Abschluss von in einem endlichen Erweiterungskörper der rationalen Zahlen interessieren.


Es sei  L  eine endliche Körpererweiterung. Dann nennt man den ganzen Abschluss von in L den Ring der ganzen Zahlen in L. Solche Ringe nennt man auch Zahlbereiche.

Den endlichen Erweiterungskörper L von nennt man übrigens einen Zahlkörper. Diese Zahlbereiche sind der Gegenstand der algebraischen Zahlentheorie. Wir interessieren uns in der algebraischen Zahlentheorie insbesondere für folgende Fragen.

  1. Wann ist ein Zahlbereich R ein Hauptidealbereich und wann ist er faktoriell?
  2. Wenn R kein Hauptidealbereich ist, gibt es dann andere Versionen, die die eindeutige Primfaktorzerlegung ersetzen? (Ja: Lokal und auf Idealebene, siehe Korollar 22.18, Satz 22.17, Bemerkung 22.19 einerseits und Satz 23.14 andererseits.)
  3. Wenn R kein Hauptidealbereich ist, kann man dann die Abweichung von der Eigenschaft, ein Hauptidealbereich zu sein, in irgendeiner Form messen? (Ja: Durch die sogenannte Klassengruppe. Siehe Fakt ***** und Satz 26.6 (Algebraische Zahlentheorie (Osnabrück 2026)).)
  4. Was passiert mit den Primzahlen in den Zahlbereichen? Gibt es eine Regelmäßigkeit, wie diese in R zerlegt werden? (siehe Korollar 18.11.)
  5. Was kann man über die Einheiten in einem Zahlbereich sagen? (Siehe Satz 28.7 (Algebraische Zahlentheorie (Osnabrück 2026)).)
  6. Inwiefern reflektieren Eigenschaften von Zahlbereichen Eigenschaften der ganzen Zahlen selbst?



Satz  

Es sei R ein Zahlbereich.

Dann ist R ein normaler Integritätsbereich.

Beweis  

Nach Lemma 17.15 ist L der Quotientenkörper des Ganzheitsrings R. Ist  qQ(R)=L  ganz über R, so ist q nach Aufgabe 17.20 auch ganz über und gehört selbst zu R.


Ein Ganzheitsring ist im Allgemeinen nicht faktoriell.


Es sei  L  eine endliche Körpererweiterung und es sei  RL  ein Unterring mit den folgenden Eigenschaften:

  1. R ist ganz über .
  2. Es ist  Q(R)=L
  3. R ist normal.

Dann ist R der Ring der ganzen Zahlen von L.

Beweis

Siehe Aufgabe 18.1.



Wir betrachten die Körpererweiterung  [3],  der die Ringe

[3]=A[ω]=B[3]

enthält, wobei  ω=12+i23  ist, d.h. [ω] ist der Ring der Eisenstein-Zahlen. Der Quotientenkörper von beiden Ringen ist [3]. Das Element ω erfüllt die Ganzheitsgleichung

ω2+ω+1=0,

und somit ist [ω] ganz über . Ferner ist [ω] normal. Dies ergibt sich aus Satz 2.15, Satz 2.16, Satz 3.7 und Satz 17.12. Nach Lemma 18.3 ist also insgesamt der Ring der Eisenstein-Zahlen der Ring der ganzen Zahlen in [3].




Lemma  

Es sei R ein Zahlbereich.

Dann enthält jedes von 0 verschiedene Ideal  𝔞R  eine Zahl  m  mit  m0

Beweis  

Es sei  0f𝔞.  Dieses Element ist nach der Definition eines Zahlbereiches ganz über und erfüllt demnach eine Ganzheitsgleichung

fn+kn1fn1+kn2fn2++k1f+k0=0

mit ganzen Zahlen ki. Bei  k0=0  kann man die Gleichung mit f kürzen, da  f0  ein Nichtnullteiler ist. So kann man sukzessive fortfahren und erhält schließlich eine Ganzheitsgleichung, bei der der konstante Term nicht 0 ist. Es sei also in obiger Gleichung  k00.  Dann ist

f(fn1+kn1fn2+kn2fn3++k1)=k0

und somit ist  k0(f)𝔞



Satz  

Es sei  L  eine endliche Körpererweiterung und sei  fL

Dann ist f genau dann ganz über , wenn die Koeffizienten des Minimalpolynoms von f über alle ganzzahlig sind.

Beweis  

Das Minimalpolynom P von f über ist ein normiertes irreduzibles Polynom mit Koeffizienten aus . Wenn die Koeffizienten sogar ganzzahlig sind, so liegt direkt eine Ganzheitsgleichung für f über vor.

Es sei umgekehrt f ganz über , und sei  S[X]  ein normiertes ganzzahliges Polynom mit  S(f)=0,  das wir als irreduzibel in [X] annehmen dürfen. Wir betrachten  S[X].  Dort gilt

S=PT.

Da nach dem Lemma von Gauß ein irreduzibles Polynom von [X] auch in [X] irreduzibel ist, folgt  S=P  und daher sind alle Koeffizienten von P ganzzahlig.


Es ergibt sich insbesondere, dass die Norm und die Spur von Elementen aus einem Zahlbereich zu gehören.



Gruppenstruktur von Idealen

In [i] ist jedes Ideal ein Hauptideal und es ist

(a+bi)={m(a+bi)+ni(a+bi)m,n}2

(die letzte Gleichung setzt voraus, dass es sich nicht um das Nullideal handelt). Eine ähnlich einfache Gruppenstruktur gilt für jedes Ideal in einem Zahlbereich, was wir jetzt beweisen werden.



Lemma  

Es sei  L  eine endliche Körpererweiterung vom Grad n und R der zugehörige Zahlbereich. Es sei 𝔞 ein von 0 verschiedenes Ideal in R.

Dann enthält 𝔞 Elemente b1,,bn, die eine -Basis von L sind.

Beweis  

Es sei v1,,vn eine -Basis von L. Das Ideal 𝔞 enthält nach Lemma 18.5 ein Element  0m𝔞.  Nach (dem Beweis von) Lemma 17.15 kann man  vi=rini  mit  riR  und  ni{0}  schreiben. Dann sind die  m(nivi)𝔞  und sie bilden ebenfalls eine -Basis von L.



Satz  

Es sei  L  eine endliche Körpererweiterung vom Grad n und R der zugehörige Zahlbereich. Es sei 𝔞 ein von 0 verschiedenes Ideal in R. Es seien  b1,,bn𝔞  Elemente, die eine -Basis von L bilden und für die der Betrag der Diskriminante

|Δ(b1,,bn)|

unter all diesen Basen aus 𝔞 minimal sei.

Dann ist

𝔞=b1++bn.

Beweis  

Zunächst sind wegen Aufgabe 18.5 die Spuren zu Elementen aus R ganzzahlig und somit sind auch die in Frage stehenden Diskriminanten ganzzahlig. Man kann also die Diskriminanten bzw. ihre Beträge untereinander der Größe nach vergleichen.

Es sei  f𝔞  ein beliebiges Element. Wir müssen zeigen, dass sich f als eine -Linearkombination  f=k1b1++knbn  mit  ki  schreiben lässt, wenn die  b1,,bn𝔞  eine -Basis von L mit minimalem Diskriminantenbetrag bilden. Es gibt eine eindeutige Darstellung

f=q1b1++qnbn

mit rationalen Zahlen  qi.  Es sei angenommen, dass ein qi nicht ganzzahlig ist, wobei wir  i=1  annehmen dürfen. Wir schreiben dann  q1=k+δ  mit  k  und einer rationalen Zahl δ (echt) zwischen 0 und 1. Dann ist auch

c1=fkb1=δb1+i=2nqibi,b2,,bn

eine -Basis von L, die in 𝔞 liegt. Die Übergangsmatrix der beiden Basen ist

T=(δq2q3qn010000100001).

Nach Lemma 16.2 gilt für die beiden Diskriminanten die Beziehung

Δ(c1,b2,,bn)=(det(T))2Δ(b1,b2,,bn).

Wegen  (det(T))2=δ2<1  und da die Diskriminanten nach Lemma 16.3 nicht 0 sind, ist dies ein Widerspruch zur Minimalität der Diskriminante.



Korollar  

Es sei  L  eine endliche Körpererweiterung vom Grad n und R der zugehörige Zahlbereich. Es sei 𝔞 ein von 0 verschiedenes Ideal in R.

Dann ist 𝔞 eine freie abelsche Gruppe vom Rang n,

d.h. es gibt Elemente  b1,,bn𝔞  mit

𝔞=b1++bn,

wobei die Koeffizienten in einer Darstellung eines Elementes aus 𝔞 eindeutig bestimmt sind.

Beweis  

Nach Lemma 18.7 gibt es überhaupt Elemente  b1,,bn𝔞,  die eine -Basis von L bilden. Daher gibt es auch solche Basen, wo der (ganzzahlige) Betrag der Diskriminante minimal ist. Für diese gilt nach Satz 18.8, dass sie ein -Erzeugendensystem von 𝔞 bilden. Die lineare Unabhängigkeit über sichert die Eindeutigkeit der Koeffizienten.



Korollar  

Es sei  L  eine endliche Körpererweiterung vom Grad n und R der zugehörige Zahlbereich.

Dann ist R eine freie abelsche Gruppe vom Rang n,

d.h. es gibt Elemente  b1,,bnR  mit

R=b1++bn

derart, dass die Koeffizienten in einer Darstellung eines Elementes eindeutig bestimmt sind.

Beweis  

Dies folgt direkt aus Korollar 18.9, angewendet auf das Ideal  𝔞=R


Ein solches System von Erzeugern b1,,bn nennt man auch eine Ganzheitsbasis von R.



Korollar  

Es sei  L  eine endliche Körpererweiterung vom Grad n und R der zugehörige Zahlbereich. Es sei  m

Dann gibt es einen Gruppenisomorphismus

R/(m)(/(m))n.

Für eine Primzahl  m=p  ist R/(p) eine Algebra der Dimension n über dem Körper /(p).

Zu jeder Primzahl p gibt es Primideale 𝔭 in R mit  𝔭=(p)

Beweis  

Nach Korollar 18.10 ist  Rn  (als abelsche Gruppen), wobei die Standardbasis der Ganzheitsbasis a1,,an entsprechen möge. Das von m in R erzeugte Ideal besteht aus allen -Linearkombinationen der ma1,,man und somit entspricht das Ideal (unter dieser Identifizierung) der von (m,0,,0),(0,m,0,,0),,(0,,0,m) erzeugten Untergruppe von n. Die Restklassengruppe R/(m) ist demnach gleich (/(m))n und besitzt mn Elemente. Aufgrund der Ganzheit ist nach Aufgabe 17.18  mR=m  und aufgrund des Homomorphiesatzes hat man einen injektiven Ringhomomorphismus

/(m)R/(m),

sodass R/(m) eine von 0 verschiedene /(m)-Algebra ist.

Für eine Primzahl p ist R/(p) ein Vektorraum über /(p) der Dimension n. Deshalb gibt es darin (mindestens) ein maximales Ideal, und dieses entspricht nach Aufgabe 9.15 einem maximalen Ideal 𝔪 in R mit  p𝔪.  Daher ist  (p)=(p)R𝔪,  und dieser Durchschnitt ist ein Primideal in , also gleich (p).



Noethersche Ringe und Dedekind-Bereiche



Ein kommutativer Ring R heißt noethersch, wenn jedes Ideal darin endlich erzeugt ist.



Korollar  

Beweis  

Nach Korollar 18.9 ist jedes von 0 verschiedene Ideal als additive Gruppe isomorph zu n, also ist insbesondere jedes Ideal als abelsche Gruppe endlich erzeugt. Insbesondere sind die Ideale dann als Ideale (also als R-Moduln) endlich erzeugt.



Satz  

Zu einem Ideal  𝔞0  in einem Zahlbereich R

ist der Restklassenring R/𝔞 endlich.

Beweis  

Nach Lemma 18.5 gibt es ein  m𝔞,   m0.  Damit ist  mR𝔞  und damit hat man eine surjektive Abbildung

R/(m)R/𝔞.

Der Ring links ist nach Korollar 18.11 endlich (mit mn Elementen), also besitzt der Ring rechts auch nur endlich viele Elemente.




Satz  

Es sei R ein Zahlbereich.

Dann ist jedes von 0 verschiedene Primideal von R bereits ein maximales Ideal.

Beweis  

Es sei 𝔭 ein Primideal 0 in R. Dann ist der Restklassenring R/𝔭 nach Lemma 16.13 ein Integritätsbereich und nach Satz 18.14 endlich. Ein endlicher Integritätsbereich ist aber nach Aufgabe 9.5 bereits ein Körper, sodass nach Lemma 16.15 ein maximales Ideal vorliegt.



Die bisher etablierten Eigenschaften von Zahlbereichen lassen sich im folgenden Begriff zusammenfassen.


Einen Integritätsbereich R nennt man einen Dedekindbereich, wenn er noethersch und normal ist und wenn jedes von 0 verschiedene Primideal darin maximal ist.

Die Eigenschaft, dass jedes von 0 verschiedene Primideal maximal ist, bedeutet, dass die maximalen Ketten von Primidealen die Form  0𝔪  besitzen (wenn ein Körper vorliegt, so gibt es nur das einzige Primideal 0). Man sagt auch, dass die Krulldimension des Ringes gleich 1 ist.



Korollar  

Jeder Zahlbereich

ist ein Dedekindbereich.

Beweis  

Dies folgt aus Satz 18.2, aus Korollar 18.13 und aus Satz 18.15.


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