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Kurs:Grundkurs Mathematik (Osnabrück 2018-2019)/Teil II/Vorlesung 47

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„Das Leben hat kein Geländer“



Der Isomorphiesatz

Zum folgenden Satz vergleiche man Satz 7.2. So wie die Dedekind-Peano-Axiome die natürlichen Zahlen eindeutig festlegen, werden die reellen Zahlen durch die Eigenschaften, die in einem vollständigen archimedisch angeordneten Körper zusammengefasst werden, eindeutig charakterisiert.


Satz  

Es gibt genau einen vollständigen archimedisch angeordneten Körper, die reellen Zahlen.

Genauer: Wenn zwei vollständige archimedisch angeordnete Körper 1 und 2 vorliegen, so gibt es einen eindeutig bestimmten bijektiven Ringhomomorphismus

φ:12.

Beweis  

Wir können davon ausgehen, dass der eine Körper M das Cauchy-Folgen-Modell C/N der reellen Zahlen ist, wobei C den Ring aller rationalen Cauchy-Folgen und N das Ideal der Nullfolgen bezeichnet. Der andere Körper sei mit K bezeichnet. Beide Körper enthalten die rationalen Zahlen und ein Ringhomomorphismus bildet auf und auf ab. Ein Ringhomomorphismus respektiert auch die Quadrate. In einem vollständigen archimedisch angeordneten Körper sind die nichtnegativen Elemente nach Aufgabe 45.21 genau die Quadrate, deshalb muss ein solcher Ringhomomorphismus auch positive Elemente in positive Elemente überführen. Da man in einem archimedisch angeordneten Körper nach Aufgabe 28.35 die Konvergenz mit Stammbrüchen allein überprüfen kann, erhält eine solche Abbildung auch die Konvergenz. Da in M nach Konstruktion und Lemma 46.8 jedes Element Limes einer rationalen Cauchy-Folge ist, und diese auch in K wegen der Vollständigkeit konvergiert, kann es nur eine solche Abbildung geben. Diese Überlegung zeigt zugleich, wie man die Abbildung φ ansetzen muss. Ein Element  xM  werde repräsentiert durch eine rationale Cauchy-Folge (xn)n. Diese Folge konvergiert in K gegen ein y und man setzt  φ(x)=y.  Dies ist wohldefiniert. Wenn man nämlich eine andere x repräsentierende rationale Cauchy-Folge (x'n)n nimmt, so ist die Differenz zu (xn)n eine Nullfolge und dann konvergieren nach Lemma 44.12  (1) die beiden Folgen in K gegen das gleiche Element.

Aufgrund der Verträglichkeit mit der Konvergenz haben wir das kommutative Diagramm

CM=C/NψφK,

wobei ψ eine Cauchy-Folge auf ihren Limes in K abbildet. Nach Lemma 44.12 ist diese Abbildung ein Ringhomomorphismus. Da die horizontale Abbildung surjektiv ist, ist auch φ ein Ringhomomorphismus.

Die Injektivität gilt für jeden Ringhomomorphismus zwischen Körpern, siehe Aufgabe 47.3. Zum Nachweis der Surjektivität von φ sei  yK  vorgegeben. Nach Korollar 28.10 gibt es eine Dezimalbruchfolge, die gegen y konvergiert. Da diese Dezimalbruchfolge eine rationale Cauchy-Folge ist, gehört sie zu C und definiert ein Element in M, das durch φ auf y abgebildet wird. Insgesamt ist also φ ein bijektiver Ringhomomorphismus.


Nachdem wir nachgewiesen haben, dass die reellen Zahlen durch ihre axiomatisch fixierten Eigenschaften eindeutig festgelegt sind, werden wir in Zukunft nur noch mit diesen Axiomen und daraus abgeleiteten Eigenschaften arbeiten, die Konstruktion der reellen Zahlen mit Hilfe der Cauchy-Folgen wird in den Hintergrund treten. Den Körper der reellen Zahlen bezeichnen wir mit .


Eine Zahl  x  mit  x  heißt eine irrationale Zahl.



Monotone Folgen



Korollar  

Beweis  

Nach Voraussetzung ist die Folge wachsend und nach oben beschränkt oder fallend und nach unten beschränkt. Nach Lemma 45.7 liegt eine Cauchy-Folge vor, und diese konvergiert in .




Zifferndarstellung reeller Zahlen

Eine Folge der Form

xn=an10n

mit  an  und

an10nan+110n+1<an+110n

heißt Dezimalbruchfolge. Eine Ziffernfolge (eine Ziffernentwicklung) zi, i+, mit  zi{0,1,,9}  definiert die Folge

xn=i=1nzi10i=i=1nzi10ni10n=an10n

mit

an:=i=1nzi10ni.

Inwiefern stellt eine solche Dezimalbruchfolge eine reelle Zahl dar und inwiefern ist die Darstellung eindeutig? Zu jedem Element  xK  in einem archimedisch angeordneten Körper K gibt es nach Verfahren 28.6 eine Dezimalbruchfolge, nämlich die durch

xn=x10n10n

gegebene Folge, die nach Korollar 28.10 gegen x konvergiert.



Satz  

  1. Jede Dezimalbruchfolge konvergiert gegen eine eindeutig bestimmte reelle Zahl.
  2. Zu jeder reellen Zahl x konvergiert die durch
    xn=x10n10n

    gegebene Dezimalbruchfolge gegen x.

  3. Zwei verschiedene Dezimalbruchfolgen  xn=an10n=i=0nwi10i  und  yn=bn10n=i=0nzi10i  konvergieren genau dann gegen die gleiche Zahl x, wenn es ein  k  gibt mit
    wi=zi

    für  i>k

    zk9

    und

    wk=zk+1

    und

    wi=0

    und

    zi=9

    für  i<k  (oder umgekehrt).

Beweis  

  1. Dies folgt aus Lemma 45.4 und der Vollständigkeit von .
  2. Dies wurde in Korollar 28.10 bewiesen.
  3. Eine Dezimalbruchfolge der Form
    10n110n

    konvergiert gegen 1, daher konvergieren die beiden Folgen gegen den gleichen Grenzwert. Wenn die beiden Cauchy-Folgen gegen die gleiche reelle Zahl konvergieren, so muss ihre Differenz eine Nullfolge sein. Eine Dezimalbruchfolge erfüllt die Abschätzungen

    an10nan+110n+1<an+110n,

    somit gilt für den Grenzwert x insbesondere

    an10nxan+110n.

    Wenn sich die beiden Dezimalbruchfolgen unterscheiden, so gibt es einen vordersten Index k, wo sie sich unterscheiden. Es ist dann (ohne Einschränkung)  ak>bk.  Wenn sie gegen den gleichen Grenzwert konvergieren, so muss wegen der Abschätzungen

    xbk+110k=ak10k,

    also  bk+1=ak  sein. Dies erzwingt  wk=zk+1  und die weiteren Bedingungen.


Es ist nicht trivial, aus den Ziffernentwicklungen von reellen Zahlen die Ziffernentwicklung ihrer Summe oder ihres Produktes abzulesen. Die Ziffernentwicklung ist eine konvergente Dezimalbruchfolge, und für jede Folge ist die Summe und das Produkt eindeutig definiert. Man weiß, dass das Ergebnis wieder eine konvergente Folge ist, und so ist die Summe und das Produkt von Dezimalbruchfolgen eindeutig definiert. Daraus kann man aber nicht unmittelbar ablesen, wie die (kanonische) Dezimalbruchfolge zur Summe oder zum Produkt aussieht. Insbesondere kann man die ersten n Nachkommastellen der Summe nicht aus den ersten n Nachkommastellen der beteiligten Summanden ablesen. Wenn beispielsweise von den Zahlen

x=0,22222222222222222222...

und

y=0,77777777777777777777...

die ersten zwanzig Nachkommastellen bekannt sind, so hat man die Abschätzungen

0,22222222222222222222x0,22222222222222222223

bzw.

0,77777777777777777777y0,77777777777777777778

und damit hat man auch die Abschätzung

0,99999999999999999999x+y1,00000000000000000001.

Man weiß aber nicht, ob die ersten Ziffern Neunen oder Nullen sind, und das weiß man auch dann im Allgemeinen nicht, wenn man noch mehr Ziffern der Zahlen kennt.

Bei der Multiplikation ist das Problem noch deutlicher. Selbst wenn ein Faktor z eine natürliche Zahl ist, so kann man die Ziffernentwicklung eines Produktes zw nicht aus den entsprechenden Ziffern von w ablesen. Es sei beispielsweise  z=3  und

w=0,33333333333333333333....

Dann weiß man nur

0,99999999999999999999zw1,00000000000000000002,

man hat aber keine Kenntnis über die ersten Ziffern des Produktes.



Die geometrische Reihe
Dieses Bild veranschaulicht das Verhalten der geometrischen Reihe zu x=14. Die Grundseite des Quadrates sei 2, dann passt die geometrische Reihe dreimal in dieses Quadrat rein. Der jeweilige Flächeninhalt der drei Reihen ist 43.

Die Reihe k=0xk heißt geometrische Reihe zu  x,  es geht also um die Folge mit den Folgengliedern

sn=1+x+x2++xn

bzw. um die Summe

1+x+x2+x3+.

Die Konvergenz hängt wesentlich vom Betrag von x ab.


Satz  

Für alle reellen Zahlen x mit  |x|<1  konvergiert die Reihe k=0xk und es gilt

k=0xk=11x.

Beweis  

Für jedes x und jedes  n  gilt die Beziehung

(x1)(k=0nxk)=xn+11

und daher gilt für die Partialsummen die Beziehung (bei x1)

sn=k=0nxk=xn+11x1.

Für n und  |x|<1  konvergiert dies wegen Lemma 44.12 und Aufgabe 28.31 gegen  1x1=11x




Rationale Zahlen und periodische Ziffernentwicklung

Für einen Bruch ab zu  a,b+  liefert der Divisionsalgorithmus nach Lemma 28.3  (3) eine periodische Entwicklung z,z1z2, die nach Lemma 28.8 die Dezimalbruchfolge zur Zahl ab ist. Zu einer rationalen Zahl gehört also eine periodische Ziffernentwicklung. Die Umkehrung gilt ebenfalls.



Satz  

Eine reelle Zahl ist

genau dann eine rationale Zahl, wenn sie eine periodische Ziffernentwicklung (im Dezimalsystem) besitzt.

Beweis  

Die Periodizität der Ziffernentwicklung zu ab wurde in Lemma 28.3  (3) in Verbindung mit Korollar 28.11 bewiesen.
Es liege eine periodische Ziffernentwicklung für die reelle Zahl x vor. Da sich die Eigenschaft, eine rationale Zahl zu sein, weder bei Multiplikation mit einer rationalen Zahl 0 noch bei Addition mit einer rationalen Zahl ändert, können wir sofort annehmen, dass die Ziffernentwicklung die Form

0,zm1zm2z0zm1zm2z0zm1zm2z0

besitzt. Die dadurch definierte Zahl können wir als

(i=0m1zi10i)0,00001000010000100001

auffassen, wobei die Einsen an der m-ten, 2m-ten usw. Stelle stehen. Wir müssen uns also nur noch um periodische Ziffernentwicklungen von dieser speziellen Art kümmern. Wir betrachten also die Reihe

i=1(110m)i.

Nach Satz 47.6 konvergiert dies gegen

11(110)m1=1(999910m)1=10m99991=19999,

wobei jeweils m Neunen vorkommen. Diese Zahl ist also rational.


Die entsprechende Aussage gilt für die Ziffernentwicklung zu jeder Basis, nicht nur im Dezimalsystem. Eine reelle Zahl mit einer periodischen Ziffernentwicklung wird so geschrieben, dass man einen Strich über die Periode macht, also beispielsweise

351,052882700.

Wir bestimmen mit Hilfe des Beweises zu Satz 47.7 die rationale Zahl, die durch die periodische Ziffernentwicklung

0,741

gegeben ist. Es ist

0,741=0,7+0,041=0,7+1100,41=710+110410,01=710+11041199=710+41990=693+41990=734990=367495.


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