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Kurs:Invariantentheorie (Osnabrück 2012-2013)/Vorlesung 24

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Die Beziehung zwischen SL2() und SO3()

Für die Klassifikation der endlichen Untergruppen der SL2() werden wir die platonische Klassifikation der endlichen Untergruppen der SO3() heranziehen. Die Beziehung zwischen diesen beiden Fragestellungen beruht darauf, dass einerseits die SL2() auf der komplex-projektiven Geraden 1 und andererseits die Isometrien des 3 auf der 2-Sphäre

S23

operiert. Die Homöomorphie  1S2  ermöglicht einen Zusammenhang zwischen diesen Gruppen und ihren endlichen Untergruppen.

Die projektive komplexe Gerade 1 ist die Menge aller Geraden im 2 durch den Nullpunkt; sie ist topologisch betrachtet eine Sphäre S2. Diesen Zusammenhang kann man explizit machen, indem man als Zwischenschritt mit {} arbeitet. Diese erweiterte komplexe Ebene steht einerseits mit der projektiven Geraden ( ist eine affine Karte der projektiven Gerade, die den „unendlich fernen Punkt“ nicht enthält) und andererseits mit der Sphäre über die stereographische Projektion in Bijektion ( entspricht dabei dem Nordpol).

Eine komplexe Zahl  u  definiert die von  (u,1)2  erzeugte Gerade und damit den Punkt (in homogenen Koordinaten) (u:1) der komplex-projektiven Geraden 1. Die Umkehrabbildung ist durch (u:v)uv gegeben, die für  v0  definiert ist. Dem Punkt (1,0) entspricht der unendlich ferne Punkt .

Die Umkehrabbildung der stereographischen Projektion ist die Abbildung

2S2{N},z=a+bi11+|z|2(2Re(z),2Im(z),|z|21)=11+a2+b2(2a,2b,a2+b21).

Die Gesamtabbildung

1{(1:0)}S2{N}

besitzt insgesamt die Beschreibung

(u:v)11+|uv|2(2Re(uv),2Im(uv),|uv|21).

Mit u=a+bi und v=c+di schreibt man dies (unter Verwendung von |v|2=vv) als

11+|uv|2(2Re(uv),2Im(uv),|uv|21)=1|u|2+|v|2(2Re(uv),2Im(uv),|u|2|v|2)=1a2+b2+c2+d2(2ac+2bd,2bc2ad,a2+b2c2d2).

Diese Formel zeigt, dass die Abbildung für alle  (u:v)1  definiert ist, wobei (1:0) auf den Nordpol (0,0,1) abgebildet wird. Es liegt also eine explizite Bijektion 1S2 vor. Die Umkehrabbildung ist (für (x1,x2,x3)(0,0,1) mit x12+x22+x32=1) durch

(x1,x2,x3)(x1+x2i:1x3)

gegeben. Wenn man eine normierte Repräsentierung dieses Punktes erhalten möchte, so muss man durch 22x3 dividieren.

Insbesondere erhält man eine explizite (in den natürlichen Topologien stetige) Abbildung

2{(0,0)}S2,

deren Fasern genau die punktierten komplexen Geraden sind.

Die natürliche Operation der GL2() auf 2 - und das gilt auch für jede endliche Untergruppe  GGL2()  - induziert eine Operation auf der Menge der eindimensionalen Untervektorräume (also der komplexen Geraden durch den Nullpunkt) und damit auf 1. Eine Gerade  H2  wird durch  σGL2()  einfach auf die Bildgerade σ(H) abgebildet. Eine Gerade (u,v) wird unter  σ=(mnp)  auf die Gerade (u+mv,nu+pv) abgebildet, bzw. in homogenen Koordinaten

(u:v)(u+mv:nu+pv).

Dabei wirken Streckungen, also Abbildungen der Form (s00s) mit  s0,  trivial auf der Menge der Geraden und auf der projektiven Geraden. Da man jede invertierbare Matrix als Produkt einer solchen Streckungsmatrix und einer invertierbaren Matrix mit Determinante 1 schreiben kann, muss man im Wesentlichen die Operation der SL2() auf der projektiven Geraden verstehen. Die einzige Matrix  MSL2()  neben der Einheitsmatrix, die sämtliche Geraden auf sich selbst abbildet, ist

E2=(1001).

Es sei K ein Körper und  n.  Die Restklassengruppe

SLn(K)/(K×IdSLn(K))

heißt projektive spezielle lineare Gruppe. Sie wird mit

PSLn(K)

bezeichnet.

Insbesondere ist  PSL2()SL2()/{±E2}.  Diese Gruppe operiert in natürlicher Weise treu und transitiv auf der projektiven Geraden. Mittels der obigen Identifizierung  1S2  kann man die Operation der Gruppen (und Untergruppen) GL2(),SL2(),PSL2() auf 1 zu einer Operation dieser Gruppen auf der zweidimensionalen Sphäre übersetzen. Es stellt sich heraus, dass die zugehörigen Automorphismen im Allgemeinen nicht längentreu sind. Um dies zu erreichen, arbeiten wir mit der unitären Gruppen SU2().



Satz  

Es gibt einen surjektiven Gruppenhomomorphismus

SU2()SO3(),

dessen Kern gleich

{(1001),(1001)}

ist.

Die Abbildung kann explizit (mit u=a+bi und v=c+di unter der Bedingung a2+b2+c2+d2=1) durch

(uvvu)(a2+b2c2d22(ad+bc)2(ac+bd)2(ad+bc)a2b2+c2d22(ab+cd)2(ac+bd)2(ab+cd)a2b2c2+d2)

realisiert werden.

Beweis  

Es sei

φ:1S2

die explizite Homöomorphie zwischen der komplex-projektiven Geraden und der 2-Sphäre S2. Durch

GL2()Aut(S2),σφσφ1,

erhält man einen Gruppenhomomorphismus der allgemeinen linearen Gruppe in die Gruppe der stetigen Automorphismen (also der Homöomorphismen) der Sphäre. Eine explizite Rechnung für  σSU2()  zeigt, dass der zugehörige Homöomorphismus von einer linearen Abbildung der angegebenen Gestalt herrührt.
Zur Surjektivität. Für  v=0  und  u=a+bi  mit  a2+b2=1  geht die Matrix links auf

(1000a2b22ab02aba2b2).

Wenn man  s=cosα  und  t=sinα  vorgibt und  a=s+12  und  b=±1s2  setzt (das Vorzeichen ist geeignet zu wählen), so wird die Matrix zu

(1000cosαsinα0sinαcosα),

d.h. sie beschreibt die Drehung um den Winkel α um die x-Achse. Diese Drehung liegt also im Bild der Abbildung. Indem man die Rollen von a,b,c,d ändert, sieht man, dass auch die Drehungen um die beiden anderen Koordinatenachsen im Bild der Abbildung liegen. Nach Aufgabe 24.12 lässt sich jede Isometrie als eine Verknüpfung von Drehungen um die Koordinatenachsen erhalten. Also ist die Abbildung surjektiv.
Zur Bestimmung des Kerns addieren wir jeweils die beiden Einträge der Matrix, die nicht auf der Diagonalen liegen und symmetrisch zur Diagonalen sind. Dies ergibt die Bedingungen  bc=bd=cd=0.  Die Differenzen von je zwei Einträgen der Diagonalen ergibt daraus die Bedingungen  b2=c2=d2=0,  woraus insgesamt  b=c=d=0  folgt. Die Bedingung  a2=1  führt dann zu den beiden Elementen im Kern.



Lemma  

Das einzige Element aus SU2(C) der Ordnung 2 ist (1001).

Beweis  

Es sei

M=(uvvu)

mit u=a+bi , v=c+di und mit  M2=(1001).  Das bedeutet

(uvvu)(uvvu)=(u2vvuvuvuv+uvvv+uu)=(1001).

Wir nehmen zunächst  v0  an. Daraus folgt  u+u=0,  also ist der Realteil von u gleich 0. Daher ist u imaginär und sein Quadrat ist negativ. Dann ist aber auch u2vv negativ und nicht gleich 1. Also ist  v=0.  Dann ist  u2=1  und somit ist  u=±1



Satz  

Die endlichen Untergruppen der SL2() sind bis auf Isomorphie

  1. die endlichen zyklischen Gruppen Zn,
  2. die binären Diedergruppen BDn, n2,
  3. die binäre Tetraedergruppe BT,
  4. die binäre Oktaedergruppe BO,
  5. die binäre Ikosaedergruppe BI.

Beweis  

Nach Lemma 23.8 können wir davon ausgehen, dass  GSU2()  ist. Es sei

π:SU2()SO3()

der surjektive Gruppenhomomorphismus aus Satz 24.2. Es sei  H=π(G)  die Bildgruppe von G unter dieser Abbildung, für die es aufgrund von Satz 22.8 starke Einschränkungen gibt. Wenn #(G) ungerade ist, so enthält G kein Element der Ordnung 2. Also ist G(kernπ) trivial und somit ist GH ein Isomorphismus. Aufgrund der Klassifikation für endliche Symmetriegruppen muss G zyklisch sein. Es sei also #(G) gerade, sagen wir  #(G)=2mu  mit u ungerade. Nach dem Satz von Sylow besitzt G eine Untergruppe mit 2m Elementen und damit insbesondere auch ein Element der Ordnung 2. Wegen Lemma 24.3 gibt es in SU2() nur das Element (1001) der Ordnung 2. Also ist  (1001)G  und somit ist  kernπG.  Damit ist insbesondere

G=π1(π(G)),

d.h. G ist das Urbild zu einer endlichen Untergruppe  HSO3()H ist also eine der Untergruppen aus der Liste von Satz 22.8. Zwei isomorphe Gruppen  H1,H2SO3()  sind sogar konjugiert. Wenn  αSO3()  den inneren Automorphismus stiftet und  α~SU2()  ein Urbild ist, so vermittelt α~ einen Isomorphismus der Urbildgruppen π1(H1) und π1(H2). Der Isomorphietyp von G ist also durch π(G) festgelegt. Wenn  π(G)=Dn,T,O,I  ist, so muss  G=BDn,BT,BO,BI  sein, da der Isomorphietyp festgelegt ist und die in den definierenden Beispielen Beispiel 23.2, Beispiel 23.4, Beispiel 23.3 und Beispiel 23.5 beschriebenen Gruppen modulo dem Element der Ordnung 2 die entsprechenden reellen Symmetriegruppen ergeben.




Quotientensingularitäten

Es sei K ein Körper und  GGLn(K)  eine endliche Untergruppe. Dann nennt man den Invariantenring K[X1,,Xn]G (bzw. sein Spektrum) eine Quotientensingularität.


Es sei K ein Körper und  GSLn(K)  eine endliche Untergruppe. Dann nennt man den Invariantenring K[X1,,Xn]G (bzw. sein Spektrum) eine spezielle Quotientensingularität.

Diese beiden Definitionen umfassen als Extremfall auch die Situation, wo der Invariantenring regulär ist, also im strengen Sinn überhaupt keine Singularität vorliegt. Es kann sein, dass ein kommutativer Ring sowohl zum Invariantenring zu  GGLn(K),   G⊈SLn(K),  als auch zum Invariantenring zu

HSLn(K)

isomorph ist. Ein Beispiel dafür ist der Polynomring selbst. Ein Beispiel für eine Quotientensingularität, die keine spezielle Quotientensingularität ist, ist der Veronesering [U,V](k), k3, den wir in Beispiel 9.12 vorgestellt haben. Wir haben bisher noch nicht gezeigt, dass diese für  k3  nicht auch als ein Invariantenring zu einer Operation einer Untergruppe der speziellen linearen Gruppe realisiert werden kann. Dies wird sich als Nebenresultat der Berechnungen der nächsten Vorlesungen ergeben.



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