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Kurs:Lineare Algebra (Osnabrück 2024-2025)/Teil I/Vorlesung 28

Uff, das wär geschafft. Nicht nur Vorli braucht jetzt erstmal Urlaub. Irgendwas mit Bergen und Meer. Land egal.




Ein Zerlegungssatz



Satz  

Es sei

φ:VV

ein trigonalisierbarer K-Endomorphismus auf dem endlichdimensionalen K-Vektorraum V.

Dann gibt es eine Zerlegung

φ=φdiag+φnil,

wobei φdiag diagonalisierbar und φnil nilpotent ist, und zusätzlich

φdiagφnil=φnilφdiag

gilt.

Beweis  

Nach Satz 26.14 ist

V=H1Hm,

wobei die Hi die Haupträume zu den Eigenwerten λi seien, und es ist

φ=φ1φm

mit  φi=φ|Hi.  Es sei

pi:VV

die Hintereinanderschaltung VHiV, d.h. pi ist insbesondere eine Projektion. Wir setzen

φdiag:=λ1p1++λmpm.

Diese Abbildung ist offenbar diagonalisierbar, auf Hi ist es die Multiplikation mit λi. Es sei

φnil:=φφdiag.

Die Nilpotenz dieser Abbildung kann man auf den Hi einzeln überprüfen, und dort ist

(φφdiag)|Hi=φi(φdiag)|Hi=φiλiIdHi,

also nilpotent. Ferner kommutieren φj und pi, da pi auf Hi die Identität ist und auf Hj, ji, die Nullabbildung. Damit kommutieren auch die direkten (skalaren) Summen davon und damit kommutieren φ und φdiag, also auch φdiag und φφdiag=φnil.


Unter den im Satz angegebenen Bedingungen ist diese Zerlegung sogar eindeutig.


Ein Endomorphismus

φ:VV

auf einem K-Vektorraum heißt unipotent, wenn

φ=IdV+ψ

mit einer nilpotenten Abbildung ψ ist.

Bei einer unipotenten Abbildung ist der diagonalisierbare Anteil im Sinne der kanonischen Zerlegung von Satz 28.1 besonders einfach, es handelt sich um die Identität.



Jordansche Normalform

Es sei K ein Körper und  λK.  Unter einer Jordanmatrix (zum Eigenwert λ) versteht man eine quadratische Matrix der Form[1]

(λ1000λ10000λ1000λ100λ).

Wenn man eine solche Jordanmatrix als lineare Abbildung φ des Standardraumes Kn in sich interpretiert, so ist

φ(e1)=λe1 und φ(ek)=λek+ek1 für alle k2.

Insbesondere ist e1 ein Eigenvektor zum Eigenwert λ. Eine einfache Überlegung zeigt, dass es keine dazu linear unabhängigen Eigenvektoren geben kann (siehe Aufgabe 28.22). Die Eigenschaft rechts ist äquivalent zur Bedingung[2]

ek1=(φλId)(ek)

für  k2.  Als Eigenvektor ist e1 ein erzeugendes Element des Kerns der Abbildung  ψ:=φλId,  und die anderen Standardvektoren ek sind die sukzessiven Urbilder von ek1 unter ψ.


Eine quadratische Matrix der Form

(J1000J20000Jk1000Jk),

wobei die Ji Jordanmatrizen sind, heißt Matrix in jordanscher Normalform.

Die dabei auftretenden Jordanmatrizen heißen Jordanblöcke der Matrix. Ihre Eigenwerte können verschieden oder gleich sein. In der Matrix

(210000020000004100000410000040000002)

gibt es drei Jordanblöcke, nämlich

(2102),(410041004) und (2)

zu den Eigenwerten 2,4 und nochmal 2.

Wir kommen zum Satz über die jordansche Normalform für trigonalisierbare Endomorphismen.


Satz  

Zu jedem trigonalisierbaren Endomorphismus

φ:VV

auf einem endlichdimensionalen K-Vektorraum V

gibt es eine Basis, bezüglich der die beschreibende Matrix jordansche Normalform besitzt.

Beweis  

Da φ trigonalisierbar ist, können wir Satz 26.14 anwenden. Es gibt also eine direkte Summenzerlegung

V=Hauptλ1(φ)Hauptλm(φ),

wobei die Haupträume φ-invariant sind. Indem wir die Situation auf den einzelnen Haupträumen analysieren, können wir davon ausgehen, dass φ nur einen Eigenwert λ besitzt und

V=Hauptλ(φ)

ist. Es ist dann

ψ=φλIdV

nilpotent. Daher gibt es nach Korollar 27.12 eine Basis, bezüglich der ψ die Gestalt

(0c10000c200000cn20000cn1000)

besitzt, wobei die ci gleich 0 oder gleich 1 sind. Bezüglich dieser Basis hat

φ=ψ+λIdV

die Gestalt

(λc1000λc20000λcn2000λcn100λ).


Jede obere Dreiecksmatrix ist also ähnlich zu einer Matrix in jordanscher Normalform. Über den komplexen Zahlen kann man jede Matrix auf jordansche Normalform bringen. Wenn eine Matrix in jordanscher Normalform vorliegt, so kann man direkt den diagonalisierbaren und den nilpotenten Anteil im Sinne von Satz 28.1 ablesen: Die Diagonale liefert den diagonalisierbaren Anteil und die Einträge, die echt oberhalb der Diagonalen liegen, liefern den nilpotenten Anteil (dies ist im Allgemeinen für obere Dreiecksmatrizen nicht richtig).


Wir beschreiben, wie man zu einer linearen trigonalisierbaren Abbildung eine Basis findet, bezüglich der die beschreibende Matrix in jordanscher Normalform ist. Dazu bestimmt man zu jedem Eigenwert  λK  den minimalen Exponenten s mit

kern(φλId)s=kern(φλId)s+1.

Dieser Kern ist der Hauptraum zu λ. Man setzt

Vi=kern(φλId)iHauptλ(φ)

für  i=1,,s.  Dies ergibt eine Kette

V1=Eig(λ)V2Vs1Vs=Hauptλ(φ).
Man wählt nun aus VsVs1 einen Vektor u. Die Vektoren
u,(φλId)(u),(φλId)2(u),,(φλId)s1(u)
bilden eine Basis für einen Jordan-Block. Wenn diese Basis schon den ganzen Hauptraum abdeckt, ist man fertig. Andernfalls sucht man in VsVs1 einen weiteren, zu u und Vs1 linear unabhängigen Vektor und nimmt wieder sämtliche sukzessiven Bilder hinzu. Wenn VsVs1 ausgeschöpft ist, schaut man, ob Vs1Vs2 bereits abgedeckt ist, usw. Wenn der Hauptraum zu λ ausgeschöpft ist, macht man mit dem nächsten Eigenwert weiter.

Unter gewissen Umständen kann man auch mit einer Basis des Eigenraumes anfangen. Wenn beispielsweise der Eigenraum zu λ eindimensional ist, so kann man einen Eigenvektor v zu λ wählen und dazu sukzessive Urbilder unter φλIdV finden, also

v=(φλIdV)(v)

lösen, dann

v=(φλIdV)(v)

usw.

Wenn beispielsweise der Eigenraum k-dimensional und der Hauptraum (k+1)-dimensional, so muss man nur für einen Eigenvektor ein Urbild unter φλIdV finden.


Wir betrachten die Matrix

M=(221023002)

und wollen sie auf jordansche Normalform bringen. Es ist  u=e1=(100)  ein Eigenvektor zum Eigenwert 2. Es ist

A:=M2E3=(021003000),

sodass es keinen weiteren linear unabhängigen Eigenvektor gibt. Wir interessieren uns für das lineare Gleichungssystem  e1=Av.  Daraus ergibt sich sofort (aus der zweiten Zeile)  v3=0  und somit  2v2=1  (v1 können wir frei als 0 wählen). Also setzen wir  v=(0120).  Schließlich brauchen wir eine Lösung für  v=Aw.  Dies führt auf  w=(011216).  Für die durch die Matrix M beschriebene lineare Abbildung gilt somit

Mu=2u,Mv=2v+u,Mw=2w+v,

sodass die Abbildung bezüglich dieser Basis durch

(210021002)

beschrieben wird. Diese Matrix ist eine Jordanmatrix und insbesondere in jordanscher Normalform.



Wir betrachten die Matrix

M=(200023002)

und wollen sie auf jordansche Normalform bringen. Es sind  u=e1=(100)  und  v=e2=(010)  linear unabhängige Eigenvektoren zum Eigenwert 2. Es ist

A:=M2E3=(000003000),

sodass u und v den Eigenraum aufspannen. Ein Eigenvektor muss das Bild eines Vektors unter der Matrix A sein. In der Tat besitzt das lineare Gleichungssystem

e2=Aw

die Lösung  w=(0013)

Für die durch die Matrix M beschriebene lineare Abbildung gilt somit

Mu=2u,Mv=2v,Mw=2w+v,

sodass die Abbildung bezüglich dieser Basis durch

(200021002)

beschrieben wird. Diese Matrix ist in jordanscher Normalform mit den Jordanblöcken (2) und (2102).



Wir betrachten die Matrix

M=(3104012100100003)

und wollen sie auf jordansche Normalform bringen. Hier gibt es zwei Eigenwerte und somit zwei zweidimensionale Haupträume, die getrennt behandelt werden können. Es ist

M3E4=(0104042100400000),

somit gehört (1000) zum Kern. Die Determinante der Untermatrix rechts oben ist nicht 0, daher ist der Rang der Matrix gleich 3 und der Kern ist eindimensional. Die zweite Potenz ist

(0104042100400000)2=(0104042100400000)(0104042100400000)=(0421016164001600000),

ein neues Kernelement ist (0104). Es ist also

Haupt3(M)=(1000),(0104).

Wegen

(0104042100400000)(0104)=(17000)

können die Vektoren (17000) und (0104) zum Aufstellen des ersten Jordanblockes verwendet werden.

Es ist

M+1E4=(4104002100000004),

somit gehört (1400) zum Kern. Der Rang der Matrix ist wieder gleich 3 und der Kern ist eindimensional. Die zweite Potenz ist

(4104002100000004)2=(4104002100000004)(4104002100000004)=(1642330004000000016),

ein neues Kernelement ist (0120). Es ist also

Haupt1(M)=(1400),(0120).

Wegen

(4104002100000004)(0120)=(1400)

können die Vektoren (1400) und (0120) zum Aufstellen des zweiten Jordanblockes verwendet werden. Insgesamt besitzt also M bezüglich der Basis

(17000),(0104),(1400),(0120)

die jordansche Normalform

(3100030000110001).



Endomorphismen endlicher Ordnung

In Lemma 24.11 haben wir gesehen, dass Permutationsmatrizen über diagonalisierbar sind. Dies gilt über für alle Endomorphismen endlicher Ordnung.


Lemma  

Jede invertierbare Matrix  MGLn(),  die endliche Ordnung besitzt,

ist diagonalisierbar.

Beweis  

Die Matrix ist trigonalisierbar und besitzt nach Satz 28.5 eine jordansche Normalform. Wir zeigen, dass die einzelnen Jordanblöcke

(λ1000λ10000λ1000λ100λ)

trivial sind. Wegen der endlichen Ordnung muss λ eine Einheitswurzel sein. Durch Multiplikation mit λ1En können wir davon ausgehen, dass eine Matrix der Form

(1a0001a00001a0001a001)

(mit a0) vorliegt. Wenn dies keine 1×1-Matrix ist, so gibt es zwei Vektoren u,v, wobei u ein Eigenvektor ist und v auf v+au abgebildet wird. Die k-te Iteration der Matrix schickt dann v auf v+kau und dies ist nicht v, im Widerspruch zur endlichen Ordnung.




Fußnoten
  1. Manche Autoren verstehen unter einer Jordanmatrix eine Matrix, in der die Einsen unterhalb der Diagonalen stehen.
  2. Im Kontext der trigonalisierbaren Abbildungen und zum Auffinden der jordanschen Normalform ist es sinnvoll, mit φλId statt mit λIdφ zu arbeiten.


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