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Kurs:Mathematik (Osnabrück 2009-2011)/Teil III/Vorlesung 86

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In dieser Vorlesung setzen wir die Theorie der riemannschen Mannigfaltigkeiten fort und berechnen insbesondere einige Flächeninhalte.



Berechnungen auf riemannschen Mannigfaltigkeiten



Korollar  

Es sei  Wn  eine offene Teilmenge und

ψ:W

eine differenzierbare Funktion. Es sei

M={(x1,,,,xn,ψ(x1,,xn))(x1,,xn)W}W×

der Graph von ψ.

Dann ist M eine orientierte riemannsche Mannigfaltigkeit, und für die kanonische Volumenform ω auf M gilt

(Id×ψ)(ω)=(1+i=1n(ψxi)2)1/2dx1dxn.

Beweis  

Die Abbildung

φ=id×ψ:WW×,x(x,ψ(x)),

ist ein Diffeomorphismus zwischen W und dem Graphen M. Der Graph ist eine abgeschlossene Untermannigfaltigkeit von W× und trägt daher die induzierte riemannsche Struktur und (da sich die Orientierung von W auf M überträgt) eine kanonische Volumenform ω. Auf diese Situation kann man Satz 85.8 anwenden. Die partiellen Ableitungen von φ nach der i-ten Variablen sind

φxi=(00100ψxi).

Es sei  QW  ein Punkt, den wir in die Funktionen im Folgenden einsetzen, sodass wir überall mit reellen Zahlen rechnen. Die Skalarprodukte, die die Einträge bij der Matrix B bilden (von deren Determinante wir die Wurzel berechnen müssen), sind gleich

bij=φxi(Q),φxj(Q)

Wir schreiben  B=En+A  mit  A=(aij)1i,jn.  Mit  ci=ψxi(Q)  können wir  aij=cicj  und insgesamt die Matrix A als

A=(c1cn)(c1,,cn)

schreiben. Daher beschreibt A eine lineare Abbildung von n nach n, die durch faktorisiert, und besitzt damit einen Kern, der zumindest (n1)-dimensional ist. Nennen wir ihn K. Wenn er die Dimension n besitzt, so ist  A=0  und B ist die Identität, und die Aussage ist richtig. Es sei also  A0.  Dann ist  v=(c1cn)  ein Eigenvektor von A zum Eigenwert  c12++cn20.  Dieser Vektor ist ein Eigenvektor von B zum Eigenwert 1+c12++cn2 und K bildet den (n1)-dimensionalen Eigenraum für B zum Eigenwert 1. Insgesamt ist B diagonalisierbar und ihre Determinante ist das Produkt der Eigenwerte, also gleich 1+c12++cn2.



Korollar  

Es sei  MG  eine abgeschlossene Fläche[1] in einer offenen Menge  G3,  die mit der induzierten riemannschen Struktur und der kanonischen Flächenform ω versehen sei. Es sei  W2  offen und es sei

φ:WU

ein Diffeomorphismus mit der offenen Menge  UM.  Die Koordinaten von 2 seien u und v und wir setzen [2]

E=(φ1uφ2uφ3u),(φ1uφ2uφ3u),F=(φ1uφ2uφ3u),(φ1vφ2vφ3v) und G=(φ1vφ2vφ3v),(φ1vφ2vφ3v).

Dann gilt auf W

φ(ω|U)=EGF2dudv

Beweis  

Dies folgt direkt aus Satz 85.8.


Wir knüpfen an die Bezeichnungen von Korollar 86.2 an. Wenn die durch W und φ erfasste offene Teilmenge  UM  die Eigenschaft besitzt, dass ihr Komplement MU eine Nullmenge bezüglich des kanonischen Maßes auf M ist, so lässt sich der Flächeninhalt von M allein mittels der Formel für φ(ω|U) berechnen. Dies ist z.B. der Fall, wenn MU eine abgeschlossene Untermannigfaltigkeit von M der Dimension 1 ist, siehe Aufgabe 84.11. Nullmengen werden bei Berechnungen häufig stillschweigend ignoriert.




Rotationsflächen

Es sei eine differenzierbare Kurve

γ:]a,b[2,t(x(t),y(t)),

mit  y(t)0  gegeben. Wir interessieren uns für die zugehörige Rotationsfläche, also die Teilmenge

{(x(t),y(t)cosα,y(t)sinα)t]a,b[,α[0,2π]}

des 3, die entsteht, wenn man die Trajektorie der Kurve um die x-Achse dreht. Wir setzen zusätzlich voraus, dass γ einen Diffeomorphismus auf sein Bild  M=γ(]a,b[)  bewirkt und dass M eine abgeschlossene Untermannigfaltigkeit in einer offenen Menge

G×+

ist (es wird also auch gefordert, dass γ überall positiv ist). Die Rotationsfläche ist dann eine zweidimensionale abgeschlossene Untermannigfaltigkeit des 3 ohne die x-Achse, sodass eine riemannsche Mannigfaltigkeit vorliegt. Ihr Flächeninhalt lässt sich wie folgt berechnen.



Satz  

Es sei

γ:]a,b[2,t(x(t),y(t)),

eine differenzierbare Kurve mit  y(t)>0,  die einen Diffeomorphismus zu  M=γ(I)  induziere, wobei  MG  eine eindimensionale abgeschlossene Untermannigfaltigkeit in einer offenen Menge  G×+  sei.

Dann ist die zugehörige Rotationsfläche eine abgeschlossene Untermannigfaltigkeit von 3 ohne die x-Achse, und ihr Flächeninhalt ist gleich

2πab(x(t))2+(y(t))2y(t)dt.

Beweis  

Es sei S die Rotationsfläche, die eine abgeschlossene zweidimensionale Untermannigfaltigkeit in einer offenen Menge des 3 ist. Wir wenden Korollar 86.2 auf die Parametrisierung

]a,b[×]0,2π[S,(t,α)(x(t),y(t)cosα,y(t)sinα),

an. Die partiellen Ableitungen sind

(x(t)y(t)cosαy(t)sinα) und (0y(t)sinαy(t)cosα)

und daher ist

E(t,α)=(x(t))2+(y(t))2,F(t,α)=0,G(t,α)=(y(t))2.

Somit ist der Flächeninhalt gleich

ab02π(x(t))2+(y(t))2y(t)dαdt=2πab(x(t))2+(y(t))2y(t)dt.



Kartographie

Die (abstrakte) Kartographie beschäftigt sich mit Karten für die Oberfläche einer Kugel.


Wir betrachten die Abbildung

φ:[0,2π]×[1,1]3,(u,v)(1v2cosu,1v2sinu,v),

deren Bild auf der Einheitssphäre liegt. Diese Abbildung kann man sich so vorstellen, dass zuerst das Rechteck zu einer Zylinderoberfläche gemacht wird und anschließend die Kreise des Zylinders auf die horizontalen Kreise einer Kugel mit derselben Höhe projiziert werden. Diese Abbildung ist differenzierbar mit den partiellen Ableitungen

φu=(1v2sinu1v2cosu0) und φv=(v1v2cosuv1v2sinu1).

Die Einschränkung dieser Abbildung auf das offene Rechteck ist injektiv, ihr Bild ist die Einheitssphäre bis auf einen einzigen halben Längenkreis. Man kann mit diesen Koordinaten also die Kugeloberfläche berechnen. Mit der in Korollar 86.2 verwendeten Notation ist

E=(1v2)sin2u+(1v2)cos2u=1v2,
F=vsinucosuvsinucosu=0

und

G=v21v2cos2u+v21v2sin2u+1=v21v2+1=11v2.

Daher ist

EGF2=1,

d.h. diese Kartenabbildung ist flächentreu, und somit ist die Kugeloberfläche gleich

A=]1,1[×]0,2π[1dudv=[1,1]×[0,2π]1dλ2=22π=4π.


Wir betrachten die Abbildung

φ:[0,2π]×3,(u,v)11+v2(cosu,sinu,v),

deren Bild auf der Einheitssphäre liegt. Diese Abbildung kann man sich so vorstellen, dass zuerst das (in eine Richtung unbeschränkte) Rechteck [0,2π]× zu einem unendlichen Zylindermantel über dem Einheitskreis gemacht wird und anschließend jeder Punkt dieses Zylindermantels über die Verbindungsgerade mit dem Kugelmittelpunkt auf die Kugel projiziert wird. Unter dieser Abbildung werden mit der Ausnahme des Nord- und des Südpols alle Punkte der Kugeloberfläche erreicht. Ferner ist sie injektiv, wenn man die Randpunkte des Intervalls herausnimmt (dann fehlt ein halber Längenkreis im Bild). Die Abbildung ist differenzierbar mit den partiellen Ableitungen

φu=(sinu1+v2cosu1+v20)=11+v2(sinucosu0) und φv=(vcosu1+v23vsinu1+v231+v2v2(1+v2)1/21+v2)=11+v23(vcosuvsinu1).

Man kann mit diesen Koordinaten die Kugeloberfläche berechnen. Mit der in Korollar 86.2 verwendeten Notation ist

E=11+v2,
F=0

und

G=1(1+v2)3(v2cos2u+v2sin2u+1)=1(1+v2)2.

Daher ist

EGF2=1(1+v2)3=11+v23.

Die Kugeloberfläche ist somit unter Verwendung von Satz 73.10 gleich

A=]0,2π[×11+v23dudv=]0,2π[×11+v23dλ2=2π+11+v23dv.

Das Integral ist nach Beispiel 31.7 (Analysis (Osnabrück 2021-2023)) gleich 2, sodass sich der Flächeninhalt 4π ergibt.


Die Mercator-Projektion geht von der zuletzt genannten Projektion aus, ersetzt aber das unbeschränkte Intervall über eine Diffeomorphie durch ein beschränktes Intervall, so dass eine winkeltreue Karte entsteht.


Wir betrachten die Abbildung

φ:23,(u,v)(cosucosv,cosusinv,sinu),

deren Bild auf der Einheitssphäre landet. Geographisch gesprochen gibt u den Breitenkreis und v den Längenkreis des entsprechenden Punktes auf der Einheitserde an (in geozentrischen Koordinaten; die in der Geographie verwendeten Koordinaten weichen davon leicht ab, da die Erde nicht wirklich eine Kugel ist). Diese Abbildung ist differenzierbar mit den partiellen Ableitungen

φu=(sinucosvsinusinvcosu) und φv=(cosusinvcosucosv0).

Die Einschränkung dieser Abbildung auf das offene Rechteck

]π2,π2[×]π,π[

ist injektiv, ihr Bild ist die Einheitssphäre bis auf einen einzigen Längenkreis. Man kann mit diesen Koordinaten also die Kugeloberfläche berechnen. Mit der in Korollar 86.2 verwendeten Notation ist

E=sin2ucos2v+sin2usin2v+cos2u=sin2u+cos2u=1,
F=sinucosusinvcosvsinucosusinvcosv=0

und

G=cos2usin2v+cos2ucos2v=cos2u.

Daher ist

EGF2=1cos2u=cosu.

Somit ist die Kugeloberfläche nach dem Satz von Fubini gleich

A=]π2,π2[×]π,π[cosududv=[π2,π2]×[π,π]cosudλ2=πππ2π2cosududv=ππ2dv=4π.



Fußnoten
  1. Eine Fläche ist einfach eine zweidimensionale Mannigfaltigkeit.
  2. Diese Notation wurde schon von Carl Friedrich Gauß verwendet.


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