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Kurs:Zahlentheorie (Osnabrück 2016-2017)/Vorlesung 15

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Bevor wir uns mit algebraischer Zahlentheorie, insbesondere mit quadratischen Zahlbereichen, genauer beschäftigen können, brauchen wir einige neue algebraische Begriffe. Zur Motivation betrachten wir das folgende kommutative Diagramm.

In der unteren Zeile stehen Körper, und zwar ist

eine endliche Körpererweiterung vom Grad (d.h. die -Vektorraumdimension von ist ). Ferner ist der kleinste Körper, der die ganzen Zahlen enthält, und ebenso ist der kleinste Körper, der die Gaußschen Zahlen enthält. Die Gaußschen Zahlen sind, in einem zu präzisierenden Sinne, die „ganzen Zahlen“ im Körper .

Dies ist nicht selbstverständlich. Betrachten wir stattdessen die Körpererweiterung    (ebenfalls vom Grad zwei), was ist dann der Ring der ganzen Zahlen? Es liegt das Diagramm

vor. Hier ist    und ist der Ring der Eisenstein-Zahlen, den wir in der zweiten Vorlesung kennengelernt haben. Für die beiden Ringe und ist der kleinste sie enthaltende Körper. Auf den ersten Blick wirkt vermutlich natürlicher. Andererseits ist der Ring der Eisenstein-Zahlen euklidisch und damit faktoriell, hat also deutlich bessere Eigenschaften, während nach Aufgabe 5.21 nicht faktoriell ist.

Im Folgenden werden wir bestimmen, was für eine beliebige endliche Körpererweiterung    der „richtige“ Ganzheitsring in ist. Zuerst präzisieren wir, was wir eben mit den Worten umschrieben haben, dass der kleinste Körper ist, der enthält.



Der Quotientenkörper

Zu einem Integritätsbereich ist der Quotientenkörper als die Menge der formalen Brüche

mit natürlichen Identifizierungen und Operationen definiert.

Mit natürlichen Identifikationen meinen wir die (Erweiterungs- bzw. Kürzungs)-Regel

(). Für die Operationen gelten

(auf einen Hauptnenner bringen) und

Mit diesen Operationen liegt in der Tat, wie man schnell überprüft, ein kommutativer Ring vor. Und zwar handelt es sich um einen Körper, denn für jedes Element

ist das Inverse.

Der Integritätsbereich findet sich in über die Elemente wieder. Diese natürliche Inklusion

ist ein Ringhomomorphismus. Das Element    hat bei    das Inverse . Zwischen und gibt es keinen weiteren Körper. Ein solcher muss nämlich zu    das (eindeutig bestimmte) Inverse enthalten und dann aber auch alle Produkte  



Algebraische Erweiterungen

Es seien und kommutative Ringe und sei ein fixierter Ringhomomorphismus. Dann nennt man eine -Algebra.

Wenn eine -Algebra vorliegt, so nennt man den zugehörigen Ringhomomorphismus auch den Strukturhomomorphismus. Das vielleicht wichtigste Beispiel einer -Algebra ist der Polynomring . Ein -Algebrahomomorphismus von in eine weitere -Algebra ist durch die Zuordnung gegeben, wobei    ein beliebiges fixiertes Element ist. Diese Abbildung nennt man den Einsetzungshomomorphismus. Er schickt ein Polynom mit    auf  ,  wobei die via dem Strukturhomomorphismus als Elemente in aufgefasst werden.



Es sei ein Körper und eine - Algebra. Es sei    ein Element. Dann heißt algebraisch über , wenn es ein von verschiedenes Polynom    mit    gibt.

Wenn ein Polynom    das algebraische Element    annulliert (also ist), so kann man durch den Leitkoeffizienten dividieren und erhält dann auch ein normiertes annullierendes Polynom. Über einem Körper sind also die Begriffe ganz

und algebraisch äquivalent.


Es sei ein Körper und eine - Algebra. Es sei    ein über algebraisches Element. Dann heißt das normierte Polynom    mit  ,  welches von minimalem Grad mit dieser Eigenschaft ist, das Minimalpolynom von .

Die über den rationalen Zahlen algebraischen komplexen Zahlen erhalten einen speziellen Namen.


Eine komplexe Zahl heißt algebraisch oder algebraische Zahl, wenn sie algebraisch über den rationalen Zahlen ist. Andernfalls heißt sie transzendent.

Eine komplexe Zahl    ist genau dann algebraisch, wenn es ein von verschiedenes Polynom mit rationalen Koeffizienten und mit    gibt. Durch Multiplikation mit einem Hauptnenner kann man für eine algebraische Zahl auch ein annullierendes Polynom mit ganzzahligen Koeffizienten finden (das allerdings nicht mehr normiert ist). Eine rationale Zahl ist trivialerweise algebraisch, da sie Nullstelle des linearen rationalen Polynoms ist. Weiterhin sind die reellen Zahlen und für    algebraisch. Dagegen sind die Zahlen und nicht algebraisch. Diese Aussagen sind keineswegs selbstverständlich, die Transzendenz von wurde beispielsweise von Ferdinand von Lindemann 1882 gezeigt.



Es sei ein Körper und    ein Unterkörper von . Dann heißt ein Erweiterungskörper (oder Oberkörper) von und die Inklusion    heißt eine Körpererweiterung.

Eine -Algebra kann man stets in natürlicher Weise als Vektorraum über dem Körper auffassen (ist kein Körper, so ist eine -Algebra ein -Modul.) Die Skalarmultiplikation wird dabei einfach über den Strukturhomomorphismus erklärt. Durch den Vektorraumbegriff hat man sofort die folgenden Begriffe zur Verfügung.


Eine Körpererweiterung    heißt endlich, wenn ein endlichdimensionaler Vektorraum über ist.


Es sei    eine endliche Körpererweiterung. Dann nennt man die - Vektorraumdimension von den Grad der Körpererweiterung.

Ein Element    einer Körpererweiterung

definiert durch Multiplikation eine -lineare Abbildung

Über diese Konstruktion werden Norm und Spur von erklärt.

Zu einer linearen Abbildung

eines endlichdimensionalen -Vektorraumes in sich wird die Determinante und die Spur wie folgt berechnet. Man wählt eine - Basis    und repräsentiert die lineare Abbildung bezüglich dieser Basis durch eine quadratische - Matrix

mit    und rechnet dann die Determinante aus. Es folgt aus dem Determinantenmultiplikationssatz, dass dies unabhängig von der Wahl der Basis ist. Die Spur ist durch

gegeben, und dies ist nach Aufgabe 15.12 ebenfalls unabhängig von der Wahl der Basis.



Es sei    eine endliche Körpererweiterung. Zu einem Element    nennt man die Determinante der - linearen Abbildung

die Norm von . Sie wird mit bezeichnet.


Es sei    eine endliche Körpererweiterung. Zu einem Element    nennt man die Spur der - linearen Abbildung

die Spur von . Sie wird mit bezeichnet.



Es sei    eine endliche Körpererweiterung. Dann hat die Norm

folgende Eigenschaften:

  1. Es ist  
  2. Für    ist  ,  wobei den Grad der Körpererweiterung bezeichne.
  3. Es ist    genau dann, wenn    ist.
  1. Dies folgt aus dem Determinantenmultiplikationssatz und aus Lemma 8.2 (Körper- und Galoistheorie (Osnabrück 2018-2019)).
  2. Zu einer beliebigen Basis von wird die Multiplikation mit einen Element    durch die Diagonalmatrix beschrieben, bei der jeder Diagonaleintrag ist. Die Determinante ist daher nach Lemma 16.4 (Lineare Algebra (Osnabrück 2024-2025)).
  3. Die eine Richtung ist klar, sei also  .  Dann ist eine Einheit in und daher ist die Multiplikation mit eine bijektive -lineare Abbildung , und deren Determinante ist nach Satz 16.11 (Lineare Algebra (Osnabrück 2024-2025)).



Es sei    eine endliche Körpererweiterung vom Grad . Dann hat die Spur

folgende Eigenschaften:

  1. Die Spur ist - linear, also    und    für  
  2. Für    ist  

Dies folgt aus den Definitionen.


Eine Körpererweiterung    heißt einfach, wenn sie von einem Element erzeugt wird. Das bedeutet, dass es außer keinen Körper zwischen und gibt, der enthält. Das Element nennt man dann auch ein primitives Element der Körpererweiterung. Ist    eine endliche und einfache Körpererweiterung, so ist

wobei das Minimalpolynom von ist.



Es sei    eine einfache endliche Körpererweiterung vom Grad .

Dann hat das Minimalpolynom von die Gestalt

Das Minimalpolynom und das charakteristische Polynom der durch definierten -linearen Multiplikationsabbildung

haben beide den Grad . Nach dem Satz von Cayley-Hamilton annulliert das charakteristische Polynom die lineare Abbildung und ist somit ein Vielfaches des Minimalpolynoms, sodass sie übereinstimmen. Diese lineare Abbildung sei bezüglich einer Basis von durch die Matrix gegeben. Dann ist das charakteristische Polynom gleich

Zum Koeffizienten leisten (in der Leibniz-Formel zur Berechnung der Determinante) nur diejenigen Permutationen einen Beitrag, bei denen -mal die Variable vorkommt, und das ist nur bei der identischen Permutation (also der Diagonalen) der Fall. Multipliziert man die Diagonale distributiv aus, so ergibt sich , sodass also    gilt. Setzt man in der obigen Gleichung  ,  so ergibt sich, dass die Determinante der negierten Matrix ist, woraus    folgt.



Es sei    eine endliche Körpererweiterung. Sie heißt separabel, wenn für jedes Element    das Minimalpolynom separabel ist, also in keinem Erweiterungskörper eine mehrfache Nullstelle besitzt.

In unserem Zusammenhang, wo wir uns für Körpererweiterungen von interessieren, also in Charakteristik sind, ist eine Körpererweiterung stets separabel (siehe Aufgabe 15.26), und wir haben den folgenden Satz vom primitiven Element zur Verfügung.


Es sei    eine endliche separable Körpererweiterung.

Dann wird von einem Element erzeugt, d.h. es gibt ein    mit

mit einem irreduziblen (Minimal-)Polynom  

Dies ist ein wichtiges Standardresultat aus der Theorie der Körpererweiterungen.


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Arbeitsblatt zur Vorlesung (PDF)