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Kurs:Zahlentheorie (Osnabrück 2016-2017)/Vorlesung 3

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Der euklidische Algorithmus

Euklidische Bereiche heißen so, weil in ihnen der euklidische Algorithmus ausgeführt werden kann.


Es seien Elemente a,b (mit b0) eines euklidischen Bereichs R mit euklidischer Funktion δ gegeben. Dann nennt man die durch die Anfangsbedingungen  r0=a  und  r1=b  und die mittels der Division mit Rest

ri=qiri+1+ri+2

rekursiv bestimmte Folge ri die Folge der euklidischen Reste.[1]



Satz  

Es seien Elemente r0=a,r1=b0 eines euklidischen Bereiches R mit euklidischer Funktion δ gegeben. Dann besitzt die Folge ri,  i=0,1,2,,  der euklidischen Reste folgende Eigenschaften.

  1. Es ist ri+2=0 oder δ(ri+2)<δ(ri+1).
  2. Es gibt ein (minimales)  k2  mit  rk=0
  3. Es ist
    ggT(ri+1,ri)=ggT(ri,ri1).
  4. Es sei  k2  der erste Index derart, dass  rk=0  ist. Dann ist
    ggT(a,b)=rk1.

Beweis  

  1. Dies folgt unmittelbar aus der Definition der Division mit Rest.
  2. Solange  ri0  ist, wird die Folge der natürlichen Zahlen δ(ri) immer kleiner, sodass irgendwann der Fall  ri=0  eintreten muss.
  3. Wenn t ein gemeinsamer Teiler von ri+1 und von ri+2 ist, so zeigt die Beziehung
    ri=qiri+1+ri+2,

    dass t auch ein Teiler von ri und damit ein gemeinsamer Teiler von ri+1 und von ri ist. Die Umkehrung folgt genauso.

  4. Dies folgt aus (3) mit der Gleichungskette
    ggT(a,b)=ggT(b,r2)=ggT(r2,r3)==ggT(rk2,rk1)=ggT(rk1,rk)=ggT(rk1,0)=rk1.


Als Beispiel zum Euklidischen Algorithmus lösen wir die folgende Aufgabe.


Aufgabe

Bestimme in mit Hilfe des euklidischen Algorithmus den größten gemeinsamen Teiler von 1071 und 1029.


Lösung


Der größte gemeinsame Teiler von 1071 und 1029 wird mit dem Euklidischen Algorithmus wie folgt berechnet:

1071=11029+42,
1029=2442+21,
42=221+0.

Der größte gemeinsame Teiler von 1071 und 1029 ist somit 21.




Aufgabe

Bestimme in [i] mithilfe des euklidischen Algorithmus den größten gemeinsamen Teiler von 7+4i und 5+3i.


Lösung


Wir setzen  a=7+4i  und  b=5+3i  und führen die Division mit Rest a/b durch. Es ist (in oder in [i])

ab=7+4i5+3i=(7+4i)(53i)(5+3i)(53i)=47i34=4734134i.

Die beste Approximation für diese komplexe Zahl mit einer ganzen Gaußschen Zahl ist 1, sodass die Division mit Rest ergibt:

a=1b+r mit r=ab=2+i.

Die nächste durchzuführende Division ist somit

br=5+3i2+i=(5+3i)(2i)(2+i)(2i)=13+i5=135+15i.

Die beste Approximation für diese komplexe Zahl mit einer ganzen Gaußschen Zahl ist 3, sodass die Division mit Rest ergibt:

b=3r+s mit s=b3r=5+3i3(2+i)=1.

Da dies eine Einheit ist, sind a=7+4i und b=5+3i teilerfremd.



Das Lemma von Bézout und das Lemma von Euklid



Satz  

Es sei R ein Hauptidealring. Dann gilt:

Elemente a1,,an besitzen stets einen größten gemeinsamen Teiler d, und dieser lässt sich als Linearkombination der a1,,an darstellen, d.h. es gibt Elemente  r1,,rnR  mit  r1a1+r2a2++rnan=d

Insbesondere besitzen teilerfremde Elemente a1,,an eine Darstellung der 1.

Beweis  

Es sei  I=(a1,,an)  das von den Elementen erzeugte Ideal. Da wir in einem Hauptidealring sind, handelt es sich um ein Hauptideal; es gibt also ein Element d mit  I=(d).  Wir behaupten, dass d ein größter gemeinsamer Teiler der a1,,an ist. Die Inklusionen  (ai)I=(d)  zeigen, dass es sich um einen gemeinsamen Teiler handelt. Es sei e ein weiterer gemeinsamer Teiler der a1,,an. Dann ist wieder  (d)=I(e),  was wiederum ed bedeutet. Die Darstellungsaussage folgt unmittelbar aus  dI=(a1,,an)

Im teilerfremden Fall ist  I=(a1,,an)=R


Die vorstehende Aussage heißt Lemma von Bézout. In einem euklidischen Bereich kann man mit dem euklidischen Algorithmus eine Darstellung des größten gemeinsamen Teilers bestimmen, indem man rückwärts durch den Algorithmus wandert. Die folgende Aussage heißt Lemma von Euklid.



Lemma  

Es sei R ein Hauptidealbereich und  a,b,cR.  Es seien a und b teilerfremd und a teile das Produkt bc.

Dann teilt a den Faktor c.

Beweis  

Da a und b teilerfremd sind, gibt es nach dem Lemma von Bézout Elemente  r,sR  mit  ra+sb=1.  Die Voraussetzung, dass a das Produkt bc teilt, schreiben wir als  bc=da.  Damit gilt

c=c1=c(ra+sb)=cra+csb=acr+ads=a(cr+ds),

was zeigt, dass c ein Vielfaches von a ist.




Die Faktorialität von Hauptidealbereichen



Satz  

Es sei R ein Hauptidealbereich. Dann ist ein Element genau dann prim,

wenn es irreduzibel ist.

Beweis  

Ein Primelement in einem Integritätsbereich ist nach Lemma 1.16 stets irreduzibel. Es sei also umgekehrt p irreduzibel, und nehmen wir an, dass p das Produkt ab teilt, sagen wir  pc=ab.  Nehmen wir an, dass a kein Vielfaches von p ist. Dann sind aber a und p teilerfremd, da eine echte Inklusionskette  (p)(p,a)=(d)R  der Irreduzibilität von p widerspricht. Damit teilt p nach dem Lemma von Euklid den anderen Faktor b.



Lemma  

In einem Hauptidealbereich lässt sich jede Nichteinheit  a0  als ein Produkt von irreduziblen Elementen darstellen.

Beweis  

Angenommen, jede Zerlegung  a=p1pk  enthalte nicht irreduzible Elemente. Dann gibt es in jedem solchen Produkt einen Faktor, der ebenfalls keine Zerlegung in irreduzible Faktoren besitzt. Wir erhalten also eine unendliche Kette a1=a,a2,a3,, wobei an+1 ein nicht-trivialer Teiler von an ist. Somit haben wir eine echt aufsteigende Idealkette

(a1)(a2)(a3).

Die Vereinigung dieser Ideale ist aber nach Aufgabe 3.14 ebenfalls ein Ideal und nach Voraussetzung ein Hauptideal. Dies ist ein Widerspruch.



Satz  

In einem Hauptidealbereich lässt sich jede Nichteinheit  a0  darstellen als ein Produkt von Primelementen. Diese Darstellung ist eindeutig bis auf Reihenfolge und Assoziiertheit. Wählt man aus jeder Assoziiertheitsklasse von Primelementen einen festen Repräsentanten p, so gibt es eine bis auf die Reihenfolge eindeutige Darstellung  a=up1r1p2r2pkrk,  wobei u eine Einheit ist und die pi Repräsentanten sind.

Beweis  

Die erste Aussage folgt direkt aus Lemma 3.6 und Satz 3.5.

Die behauptete Eindeutigkeit bis auf Umordnung bedeutet, dass, wenn

a=up1pk=vq1qm

zwei Primfaktorzerlegungen sind, dann  k=m  ist und es eine Permutation τ auf {1,,k} derart gibt, dass pi und qτ(i) für alle  i{1,,k}  assoziiert sind. Wir beweisen diese Aussage durch Induktion über k. Es sei zuerst  k=0  (das sei zugelassen). Dann steht links eine Einheit, also muss auch rechts eine Einheit stehen, was  m=0  bedeutet.

Es sei also  k>0  und die Aussage sei für alle kleineren k bewiesen. Die Gleichung () bedeutet insbesondere, dass pk das Produkt rechts teilt. Da pk prim ist, muss pk einen der Faktoren rechts teilen. Nach Umordnung kann man annehmen, dass qm von pk geteilt wird. Da qm ebenfalls prim ist, sind qm und pk assoziiert. Also ist

qm=wpk

mit einer Einheit w und man kann die Gleichung () nach pk kürzen und erhält

up1pk1=(vw)q1qm1.

Die Induktionsvoraussetzung liefert dann  k1=m1  und dass jedes pi zu einem qj assoziiert ist.


Diesen Satz kann man auch so ausdrücken, dass Hauptidealbereiche faktoriell im Sinne der folgenden Definition sind. Für solche Bereiche gilt ganz allgemein, dass die Primfaktorzerlegung eindeutig ist.


Ein Integritätsbereich heißt faktorieller Bereich, wenn die beiden folgenden Eigenschaften erfüllt sind.

  1. Jedes irreduzible Element in R ist prim.
  2. Jedes Element aR, a0, ist ein Produkt aus irreduziblen Elementen.



Korollar  

Jede positive natürliche Zahl lässt sich eindeutig als Produkt von Primzahlen darstellen.

Beweis  

Dies folgt sofort aus Satz 3.7.



Korollar  

Es sei R ein Hauptidealbereich und seien a und b zwei Elemente 0 mit Primfaktorzerlegungen

a=up1r1p2r2pkrk und b=vp1s1p2s2pksk

(wobei die Exponenten auch 0 sein können und u,v Einheiten sind). Dann gilt ab genau dann, wenn  risi  für alle Exponenten  i=1,,k  ist.

Beweis  

Wenn die Exponentenbedingung erfüllt ist, so ist  siri0,  und man kann

b=a(vu1p1s1r1pkskrk)

schreiben, was die Teilbarkeit bedeutet. Die Umkehrung folgt aus der Eindeutigkeit der Primfaktorzerlegung in Hauptidealbereichen (siehe Satz 3.7).



Wir betrachten den Ring  R=[3],  der aus allen komplexen Zahlen der Form

a+b3i mit a,b

besteht und ein Unterring des Ringes der Eisensteinzahlen [1+3i2] ist. Letzterer Ring ist nach Satz 2.15 euklidisch und ein Hauptidealbereich. Dagegen gilt in R noch nicht einmal die eindeutige Faktorzerlegung in irreduzible Elemente. Es ist nämlich

(1+3i)(13i)=4=22

und in beiden Zerlegungen sind die Faktoren irreduzibel, da es in R (und im Eisensteinring) keine Elemente mit Betragsquadrat 2 gibt. Im Ring der Eisensteinzahlen sind wegen

1+3i=1+3i22

die Faktoren zueinander assoziiert, aber nicht in R, da es dort die Einheit 1+3i2 nicht gibt. Das Ideal

(2,1+3i)=(13i,1+3i)

ist in R kein Hauptideal.




Restklassenringe von Hauptidealbereichen



Satz  

Es sei R ein Hauptidealbereich und  p0  ein Element. Dann sind folgende Bedingungen äquivalent.

  1. p ist ein Primelement.
  2. R/(p) ist ein Integritätsbereich.
  3. R/(p) ist ein Körper.

Beweis  

Die Äquivalenz (1) (2) gilt in jedem kommutativen Ring (auch für p=0), siehe Aufgabe 3.23, und (3) impliziert natürlich (2). Es sei also (1) erfüllt und sei  aR/(p)  von 0 verschieden. Wir bezeichnen einen Repräsentanten davon in R ebenfalls mit a. Es ist dann  a(p)  und es ergibt sich eine echte Idealinklusion  (p)(a,p).  Ferner können wir  (a,p)=(b)  schreiben, da wir in einem Hauptidealring sind. Es folgt  p=cb.  Da c keine Einheit ist und p prim (also nach Lemma 1.16 auch irreduzibel) ist, muss b eine Einheit sein. Es ist also  (a,p)=(1),  und das bedeutet modulo p, also in R/(p), dass a eine Einheit ist. Also ist R/(p) ein Körper.




Fußnoten
  1. Da wir einen euklidischen Bereich ohne Eindeutigkeitsbedingung in der Division mit Rest definiert haben, ist diese Restfolge nicht unbedingt eindeutig bestimmt. Die relevanten Eigenschaften hängen aber nicht von Auswahlen ab und in allen wichtigen Beispielen ist die Division mit Rest eindeutig.


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