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Kurs:Algebraische Kurven (Osnabrück 2017-2018)/Vorlesung 5

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Homogene Komponenten

Wir besprechen den Grad und die Zerlegung in homogene Komponenten von Polynomen in mehreren Variablen.


Es sei S ein kommutativer Ring und  R=S[X1,,Xn]  der Polynomring über S in n Variablen. Dann heißt zu einem Monom

G=Xν=X1ν1Xnνn

die Zahl

|ν|=j=1nνj

der Grad von G. Zu einem Polynom  F=νaνXν0  heißt das Maximum

max{|ν|:aν0}

der Grad von F.


Es sei S ein kommutativer Ring und  R=S[X1,,Xn]  der Polynomring über S in n Variablen. Zu einem Polynom  FR  mit  F=νaνXν  heißt die Zerlegung

F=i=0dFi

mit

Fi=ν,|ν|=iaνXν

die homogene Zerlegung von F. Die Fi nennt man die homogenen Komponenten von F zum Grad i. Das Polynom F selbst heißt homogen, wenn in der homogenen Zerlegung von F nur ein Fi vorkommt.

Die Nullstellenmenge eines homogenen Polynoms F ist ein (Geraden-)Kegel durch den Nullpunkt. D.h. mit einem Punkt P gehört auch die ganze Gerade durch P und 0 zu V(F).



Das Polynom

F=4X3YZ2+2X2Y5+5XYZ73X4YZ4+X8Y7+2Y6Z3+X+5

hat den Grad 9 und die homogenen Komponenten sind

F9=5XYZ73X4YZ4+2Y6Z3,
F8=X8,
F7=2X2Y5Y7,
F6=4X3YZ2,
F5=F4=F3=F2=0,
F1=X und F0=5.

Wenn man es als Polynom in (K[Y,Z])[X] auffasst und sich nur dafür interessiert, in welcher Potenz X vorkommt, so spricht man vom X-Grad. Der X-Grad von F ist 8. Es gibt natürlich auch eine homogene Zerlegung entlang der X-Graduierung; dabei ist beispielsweise die Komponente zum X-Grad 0 gleich Y7+2Y6Z3+5 und zum X-Grad 1 gleich 5XYZ7+X.




Zur Anzahl der Punkte auf Kurven II


Der folgende Satz heißt (Satz über die)

Noethersche Normalisierung.



Satz  

Es sei K ein algebraisch abgeschlossener Körper und sei  FK[X,Y]  ein nichtkonstantes Polynom vom Grad d, das die algebraische Kurve  C=V(F)  definiert.

Dann gibt es eine lineare Koordinatentransformation derart, dass in den neuen Koordinaten X~,Y~ das transformierte Polynom die Form

F~=X~d+ Terme von kleinerem Grad in X~

besitzt.

Beweis  

Wir schreiben F in homogener Zerlegung als

F=Fd+Fd1++F1+F0

mit den homogenen Komponenten

Fi=a+b=ica,bXaYb.

Ein homogenes Polynom in zwei Variablen hat die gleichen Faktorisierungseigenschaften wie ein Polynom in einer Variablen. Da wir uns über einem algebraisch abgeschlossenen Körper befinden, gibt es eine Faktorisierung

Fd=c(Ye1X)(YekX)Xdk.

Da c eine d-te Wurzel besitzt, können wir durch Streckung der Variablen erreichen, dass  c=1  ist. Da K insbesondere unendlich ist, finden wir ein e, das von allen ej verschieden ist. Wir schreiben die Gleichung in den neuen Variablen

Y~=YeX und X~=X

und erhalten eine Gleichung F~, in der die Linearfaktoren von F~d die Gestalt

YejX=YeX+eXejX=Y~(eje)X=Y~(eje)X~

(mit eje0) bzw.  X~=X  haben. Multipliziert man dies aus, so sieht man, dass X~d mit einem bestimmten Vorfaktor aus K vorkommt, den wir wieder durch Streckung als 1 annehmen können. Dann hat F~d die Gestalt X~d+ Terme, in denen maximal X~d1 vorkommt. Die homogenen Komponenten von kleinerem Grad behalten auch ihren Grad, sodass es in F~ nur noch weitere Monome vom X~-Grad d1 gibt.



Korollar  

Es sei K ein algebraisch abgeschlossener Körper und sei  FK[X,Y]  ein nicht-konstantes Polynom, das die algebraische Kurve  C=V(F)  definiert.

Dann besitzt C unendlich viele Elemente.

Beweis  

Aufgrund von Satz 5.4 können wir annehmen, dass F die Gestalt hat

F=Xd+Pd1(Y)Xd1++P1(Y)X+P0(Y)

mit Polynomen  Pi(Y)K[Y].  Zu jedem beliebig vorgegebenen Wert  aK  für Y ergibt sich also ein normiertes Polynom in X vom Grad d. Da der Körper algebraisch abgeschlossen ist, gibt es jeweils (mindestens) eine Nullstelle in X. D.h. zu jedem  aK  gibt es ein  bK  derart, dass (a,b) eine Nullstelle von F ist, also zur Kurve gehört. Da K unendlich ist, gibt es also unendlich viele Punkte auf der Kurve.



Polynomiale Abbildungen zwischen affinen Räumen

Wir betrachten Abbildungen

φ:𝔸Kr𝔸Kn,(t1,,tr)(φ1(t1,,tr),,φn(t1,,tr))=(x1,,xn),

wobei die Komponentenfunktionen  φiK[X1,,Xr]  Polynome sind. Die Abbildung wird also in jeder Komponenten durch ein Polynom in r Variablen gegeben. Der Fall  n=1  ist der eines Polynoms in r Variablen, der Fall  r=1  und  n=2  ist der Fall der Parametrisierung von algebraischen Kurven. Später werden wir allgemeiner Morphismen zwischen affin-algebraischen Mengen definieren.

Eine wichtige „Begleiterscheinung“ einer polynomialen Abbildung φ:𝔸Kr𝔸Kn ist, dass sie einen K-Algebrahomomorphismus zwischen den zugehörigen Polynomringen in die entgegengesetzte Richtung induziert, nämlich den durch Xiφi definierten Einsetzungshomomorphismus. Diesen bezeichnen wir mit

φ~:K[X1,,Xn]K[T1,,Tr],FFφ=F(φi/Xi)

(die Schreibweise φi/Xi bedeutet, dass die Variable Xi durch φi zu ersetzen ist). Als Funktion auf 𝔸Kr betrachtet ist Fφ die hintereinandergeschaltete Abbildung

𝔸Krφ𝔸KnF𝔸K1.

Für die Nullstellenmenge  V(F)𝔸Kn  gilt dabei

φ1(V(F))=V(φ~(F)).

Die einfachsten polynomialen Abbildungen sind, neben den konstanten Abbildungen, die affin-linearen Abbildungen, die durch affin-lineare Polynome gegeben sind, also

φi=ai1T1++airTr+ci.

Man beachte, dass dies keine linearen Abbildungen sind, da der Nullpunkt nicht auf den Nullpunkt gehen muss, sondern auch Verschiebungen zugelassen sind. Eine affin-lineare Abbildung ist die Hintereinanderschaltung einer linearen Abbildung und einer Verschiebung. Im Fall  r=n  betrachtet man eine solche affin-lineare Abbildung, wenn sie zusätzlich bijektiv ist, als eine (Koordinaten- oder Variablen-)Transformation des Raumes.


Es sei K ein Körper. Dann nennt man eine Abbildung φ:𝔸Kn𝔸Kn der Form

φ(x1,,xn)=M(x1xn)+(v1,,vn),

wobei M eine invertierbare Matrix ist, eine affin-lineare Variablentransformation .

Man kann sich dabei darüber streiten, ob bei einer linearen Variablentransformation im Raum etwas bewegt wird oder ob sich nur die Koordinaten ändern. Jedenfalls sind solche Transformationen wichtige Hilfsmittel, um ein Polynom, ein algebraisches Gleichungssystem oder eine affin-algebraische Menge auf eine einfachere Gestalt zu bringen. Unter einer Variablentransformation wird eine affin-algebraische Menge  V=V(F1,,Fm)  zu  V~=V(F~1,,F~m)  (mit F~i=φ~(Fi)) transformiert, und zwar ist dann V~ das Urbild unter der Abbildung φ.


Zwei affin-algebraische Mengen  V,V~𝔸Kn  heißen affin-linear äquivalent, wenn es eine affin-lineare Variablentransformation φ:𝔸Kn𝔸Kn mit

φ1(V)=V~

gibt.

Dies ist also ein Begriff, der Bezug darauf nimmt, wie die Situation eingebettet ist. Wir werden später sehen, dass die Parabel und eine Gerade in der Ebene „isomorph“ sind (da sie beide isomorph zur affinen Geraden sind), aber nicht linear-äquivalent.

Die wesentlichen algebraischen und topologischen Eigenschaften einer affin-algebraischen Menge bleiben unter einer affin-linearen Variablentransformation erhalten: Irreduzibilität, Singularitäten, Überschneidungen, Zusammenhang, Kompaktheit. Dagegen verändern sich typische Eigenschaften der reell-metrischen Geometrie: Winkel, Längen und Längenverhältnisse, Volumina, Formen. Diese zuletzt genannten Begriffe sind nicht relevant für die algebraische Geometrie. Wir werden von nun an ohne große Betonung eine Situation in eine gewünschte Gestalt transformieren, sofern das möglich ist.



Satz  

Es sei K ein Körper und seien  V,V~𝔸Kn  zwei affin-algebraische Teilmengen, die affin-linear äquivalent seien. Es seien Id(V),Id(V~) die zugehörigen Verschwindungsideale.

Dann sind die Restklassenringe (als K-Algebren) isomorph, also

K[X1,,Xn]/Id(V)K[X1,,Xn]/Id(V~).

Beweis  

Nach Definition von affin-linear äquivalent gibt es eine affin-lineare Variablentransformation

𝔸Kn𝔸Kn,Pφ(P),

mit φ1(V)=V~. Es sei φ~ der zugehörige Automorphismus des Polynomrings K[X1,,Xn]. Dabei ist

φ~1(Id(V~))=Id(V).

Nach dem Isomorphiesatz folgt die Isomorphie der Restklassenringe.


In Satz 5.8 kommt ein wichtiges Prinzip der algebraischen Geometrie zum Ausdruck, nämlich, dass das algebraische Objekt, das zu einer Nullstellenmenge gehört, der Restklassenring des Polynomringes nach dem Verschwindungsideal ist. Dies ist eine „intrinsische Invariante“ der Nullstellenmenge, d.h., unabhängig von einer Einbettung. Unter dieser Betrachtungsweise rückt auch die Noethersche Normalisierung im ebenen Fall in ein neues Licht. Man kann unter den Voraussetzungen der Aussage annehmen, dass die Kurvengleichung die Form

F=Xd+Pd1(Y)Xd1++P1(Y)X+P0(Y)

besitzt. Wenn man dieses Polynom „gleich null setzt“, so bedeutet dies eine Ganzheitsgleichung für X. Genauer, über dem Polynomring K[Y] in einer Variablen ist die Restklasse von X im Restklassenring K[X,Y]/(F) ganz. Diese Begriffe sind vielleicht aus der elementaren Zahlentheorie bekannt und werden auch hier wieder eine wichtige Rolle spielen. Da X über K[Y] den Polynomring erzeugt, liegt überhaupt eine ganze (sogar endliche) Ringerweiterung

K[Y]K[X,Y]/(Xd+Pd1(Y)Xd1++P1(Y)X+P0(Y))

vor. Damit kann man den Noetherschen Normalisierungssatz auch so formulieren, dass sich über einem algebraisch abgeschlossenen Körper zu jeder algebraischen Kurve der zugehörige Restklassenring als endliche Erweiterung des Hauptidealbereiches K[Y] realisieren lässt. Dies ist eine direkte Analogie zu den Ganzheitsringen der Zahlentheorie, die ebenfalls endliche Erweiterungen über dem Hauptidealbereich sind.


Unter beliebigen polynomialen Abbildungen zwischen affinen Räumen können sich, im Gegensatz zu affin-linearen Transformationen, viele algebraische Eigenschaften ändern, die Dimension kann sich ändern, Singularitäten können entstehen, etc. Dagegen überträgt sich die Irreduzibilität auf (den Zariski-Abschluss des) das Bild der Abbildung.



Satz  

Es sei K ein unendlicher Körper und

φ:𝔸Kr𝔸Kn

sei eine durch n Polynome in r Variablen gegebene Abbildung.

Dann ist der Zariski-Abschluss des Bildes der Abbildung irreduzibel.

Beweis  

Es sei  B=φ(𝔸Kr)  das Bild der Abbildung. Nach Lemma 3.10 ist

B=V(Id(B)).

Nun gilt für  P=φ(Q)  mit  Q𝔸Kr  und für  FK[X1,,Xn]  die Beziehung

F(P)=F(φ(Q))=(Fφ)(Q),

wobei  FφK[T1,,Tr]  das Polynom ist, das sich ergibt, wenn man in F die Variable Xi durch die i-te Koeffizientenfunktion  φiK[T1,,Tr]  ersetzt. Daher ist  F(P)=0  genau dann, wenn  (Fφ)(Q)=0  ist, und F verschwindet auf ganz B genau dann, wenn Fφ auf dem ganzen 𝔸Kr verschwindet. Da K unendlich ist, bedeutet dies, dass Fφ das Nullpolynom ist. Daher gilt, dass  FId(B)  genau dann ist, wenn F unter dem zugehörigen Ringhomomorphismus

φ~:K[X1,,Xn]K[T1,,Tr]

auf 0 abgebildet wird. Damit ist Id(B) das Urbild eines Primideals (nämlich des Nullideals) und somit nach Aufgabe 4.16 selbst ein Primideal. Aufgrund von Lemma 4.3 ist V(Id(B)) irreduzibel.


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