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Kurs:Analysis (Osnabrück 2013-2015)/Teil II/Vorlesung 57

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Zur Eindeutigkeit der Lösungen von Differentialgleichungen



Satz  

Es sei V ein endlichdimensionaler reeller Vektorraum,  I  ein reelles Intervall,  UV  eine offene Menge und

f:I×UV,(t,v)f(t,v),

ein stetiges Vektorfeld auf U, das lokal einer Lipschitz-Bedingung genügt. Es sei  JI  ein offenes Teilintervall und es seien

v1,v2:JV

Lösungen des Anfangswertproblems

v=f(t,v) und v(t0)=w.

Dann ist  v1=v2

Beweis  

Wir betrachten die Menge

M={tJv1(t)=v2(t)}.

Wegen  t0M  ist diese Menge nicht leer. Zu jedem Punkt  tI  gibt es nach Satz 56.2 eine offene Intervallumgebung  tJ,  worauf es zu gegebener Anfangsbedingung  v(t)=v0  genau eine Lösung der Differentialgleichung gibt. Wenn  tM  ist, so ist  v1(t)=v2(t)  und daher stimmen v1 und v2 in einer offenen Umgebung  tJ  mit der eindeutigen Lösung und damit untereinander überein. Also ist  JM.  Dies bedeutet, dass M eine offene Teilmenge von J ist.
Andererseits sind v1 und v2 stetig und daher ist nach Aufgabe 34.13 die Menge M auch abgeschlossen in J.
Da ein Intervall nach Satz 35.9 zusammenhängend ist, folgt  M=J


Das folgende Beispiel zeigt, dass ohne die Lipschitz-Bedingung die Lösung eines Anfangswertproblems nicht eindeutig bestimmt ist.


Wir betrachten das Anfangswertproblem

v=3v2/3 mit v(0)=0

zum zeitunabhängigen Vektorfeld

f:,v3v2/3=3v23.

Offensichtlich gibt es die stationäre Lösung

h(t)=0,

aber auch

g(t)=t3

ist eine Lösung, wie man durch Nachrechnen sofort bestätigt. Aus diesen beiden Lösungen kann man sich noch weitere Lösungen basteln. Es seien dazu  a<b  reelle Zahlen. Dann ist auch

φ(t)={(ta)3 für t<a,0 für atb,(tb)3 für t>b,

eine Lösung. D.h. es gibt Lösungen, bei denen das Teilchen beliebig lange (im Zeitintervall von a nach b) ruht und danach (und davor) sich bewegt. Sobald sich das Teilchen in einem Punkt 0 befindet, ist der Bewegungsablauf lokal eindeutig bestimmt.


Zu einem stetigen Vektorfeld

f:I×UV,(t,v)f(t,v),

kann man sich fragen, ob es ein maximales Definitionsintervall J für die Lösung eines Anfangswertproblems

v=f(t,v) und v(t0)=w

gibt. Dies ist in der Tat der Fall, wenn das Vektorfeld lokal einer Lipschitz-Bedingung genügt! Man kann nämlich alle Teilmengen

JI offen ,t0J, es gibt eine Lo¨sung vJ auf J

betrachten. Wegen Satz 57.1 stimmen zwei Lösungen vJ und vJ auf dem Durchschnitt JJ überein, und liefern daher eine eindeutige Lösung auf der Vereinigung JJ. Daher enthält die Menge der Teilintervalle, auf denen eine Lösung definiert ist, ein maximales Teilintervall J.

Dieses Teilintervall kann kleiner als I sein. Die Grenzen des maximalen Teilintervalls, auf dem eine Lösung definiert ist, heißen auch Entweichzeiten.




Gradientenfelder

Es sei V ein euklidischer Vektorraum,  UV  offen und

h:U

eine differenzierbare Funktion. Dann nennt man die Abbildung

UV,PGradh(P),

das zugehörige Gradientenfeld.

Ein Gradientenfeld ist also ein zeitunabhängiges Vektorfeld. Man spricht auch von einem Potentialfeld , die Funktion h (manchmal h) heißt dann ein Potential des Vektorfeldes. Wenn h zweimal stetig differenzierbar ist, so genügt nach Lemma 55.4 das zugehörige Gradientenfeld lokal einer Lipschitz-Bedingung.

Die folgende Aussage zeigt, dass die Lösungskurven der zugehörigen Differentialgleichung  v=Gradh(v)  senkrecht auf den Fasern von h liegen. Die Fasern beschreiben, wo das Potential (oder die Höhenfunktion) konstant ist, die Lösungen beschreiben nach Satz 47.8 den Weg des steilsten Anstiegs. Wenn h beispielsweise die Höhenfunktion eines Gebirges ist, so gibt das Gradientenfeld in jedem Punkt den steilsten Anstieg an und die Trajektorie einer Lösungskurve beschreibt den Verlauf eines Baches (wir behaupten nicht, dass die Bewegung eines Wassermoleküls im Bach durch diese Differentialgleichung bestimmt ist, sondern lediglich, dass der zurückgelegte Weg, also das Bild der Kurve, mit dem Bild der Lösungskurve übereinstimmt). Der Bach verläuft immer senkrecht zu den Höhenlinien.


Lemma  

Es sei V ein euklidischer Vektorraum,  UV  offen,

h:U

eine differenzierbare Funktion und

UV,PG(P)=Gradh(P),

das zugehörige Gradientenfeld. Es sei

φ:JU

eine Lösung der Differentialgleichung

v=G(v).

Dann steht φ(t) senkrecht auf dem Tangentialraum Tφ(t)F der Faser F von h durch φ(t) für  tJ,  für die φ(t) reguläre Punkte von h sind.

Beweis  

Sei  P=φ(t)  ein regulärer Punkt von h und sei  vTPF=kern(Dh)P  ein Vektor aus dem Tangentialraum. Dann gilt direkt

v,φ(t)=v,G(φ(t))=v,Gradh(P)=(Dh)P(v)=0.



Wir betrachten die Produktabbildung

h:2,(x,y)xy.

Das zugehörige Gradientenfeld ist

22,(x,y)G(x,y)=(y,x).

Die Fasern von h sind das Achsenkreuz (die Faser über 0) und die durch xy=c, c0, gegebenen Hyperbeln. Die Lösungen der linearen Differentialgleichung

(φ1φ2)=(φ2φ1)=(0110)(φ1φ2)

sind von der Form

φ(t)=(φ1(t),φ2(t))=(acosht+bsinht,asinht+bcosht)

mit beliebigen  a,b,  wie man direkt nachrechnet und was sich auch aus Lemma 42.4 bzw. Aufgabe 42.11 (Analysis (Osnabrück 2021-2023)) ergibt. Dabei ist  φ(0)=(a,b).  Für  a=b=0  ist dies die stationäre Lösung im Nullpunkt, in dem die Produktabbildung nicht regulär ist. Bei  a=b=1  ist  φ(t)=(et,et),  das Bild dieser Lösung ist die obere Halbdiagonale (ohne den Nullpunkt), bei  a=b=1  ist  φ(t)=(et,et),  das Bild dieser Lösung ist die untere Halbdiagonale, bei a=1 und b=1 ist  φ(t)=(et,et),  das Bild dieser Lösung ist die untere Hälfte der Nebendiagonalen, bei a=1 und b=1 ist  φ(t)=(et,et),  das Bild dieser Lösung ist die obere Hälfte der Nebendiagonalen.

Ansonsten treffen die Lösungskurven das Achsenkreuz in einem Punkt (0,0). Wenn man diesen Punkt als Anfangswert zum Zeitpunkt  t=0  nimmt, so kann man die Lösungskurven als

(acosht,asinht)

(zum Zeitpunkt t=0 befindet sich die Lösung auf der xAchse im Punkt (a,0)),

und als
(bsinht,bcosht)

(zum Zeitpunkt t=0 befindet sich die Lösung auf der yAchse im Punkt (0,b)) realisieren. Die Bahnen dieser Lösungen erfüllen die Gleichung x2(t)y2(t)=a2 bzw. x2(t)y2(t)=b2, d.h. sie sind selbst Hyperbeln.



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