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Kurs:Lineare Algebra (Osnabrück 2015-2016)/Teil I/Vorlesung 20

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„Die wenigsten Menschen würden sich verlieben, wenn sie nicht davon gehört hätten.“
François de La Rochefoucauld



Der Interpolationssatz



Satz  

Es sei K ein Körper und es seien n verschiedene Elemente  a1,,anK  und n Elemente  b1,,bnK  gegeben.

Dann gibt es ein eindeutiges Polynom  PK[X]  vom Grad n1 derart, dass  P(ai)=bi  für alle i ist.

Beweis  

Wir beweisen die Existenz und betrachten zuerst die Situation, wo  bj=0  ist für alle  ji  für ein festes i. Dann ist

(Xa1)(Xai1)(Xai+1)(Xan)

ein Polynom vom Grad n1, das an den Stellen a1,,ai1,ai+1,,an den Wert 0 hat. Das Polynom

bi(aia1)(aiai1)(aiai+1)(aian)(Xa1)(Xai1)(Xai+1)(Xan)

hat an diesen Stellen ebenfalls eine Nullstelle, zusätzlich aber noch bei ai den Wert bi. Nennen wir dieses Polynom Pi. Dann ist

P=P1+P2++Pn

das gesuchte Polynom. An der Stelle ai gilt ja

Pj(ai)=0

für  ji  und  Pi(ai)=bi

Die Eindeutigkeit folgt aus Korollar 19.9.


Eine Beweisvariante bzw. Interpretationsvariante besteht darin, die durch a1,,anK insgesamt definierte Abbildung

K[X]Kn,P(P(a1),,P(an)),

zu betrachten. Diese Abbildung ist K-linear, da nach Bemerkung 19.7 die Komponenten linear sind. Der Interpolationssatz besagt, dass diese Abbildung surjektiv ist, was wie im Beweis bewiesen werden kann. Er besagt sogar, dass diese Abbildung, wenn man sie auf den Untervektorraum aller Polynome vom Grad n1 einschränkt, ein Isomorphismus ist.



Einsetzen von Endomorphismen

Zu einer linearen Abbildung

f:VV

auf einem K-Vektorraum kann man die Iterationen fn, also die n-fache Hintereinanderschaltung von f mit sich selbst, betrachten. Ferner kann man lineare Abbildungen addieren und mit Skalaren aus dem Körper multiplizieren. Insgesamt sind somit Ausdrücke der Form

anfn+an1fn1++a2f2+a1f+a0

selbst wieder lineare Abbildungen von V nach V. Dabei ist

a0=a0f0=a0IdV

zu interpretieren. Es ist eine von vornherein keineswegs selbstverständliche Tatsache, dass die Untersuchung solcher polynomialer Kombinationen aus f bei der Untersuchung von f selbst hilfreich ist. Den beschriebenen Ausdruck kann man so auffassen, dass in das Polynom anXn+an1Xn1++a2X2+a1X+a0 für die Variable X die lineare Abbildung f eingesetzt wird. Diese Zuordnung durch Einsetzen besitzt die folgenden strukturellen Eigenschaften.



Lemma  

Es sei K ein Körper, V ein K-Vektorraum und

f:VV

eine lineare Abbildung. Dann erfüllt die Abbildung

K[X]End(V),PP(f),

die folgenden Eigenschaften.

  1. Für konstante Polynome  P=a0  ist
    P(f)=a0(f)=a0f0=a0IdV.

    Insbesondere wird das Nullpolynom auf die Nullabbildung und das konstante 1-Polynom auf die Identität abgebildet.

  2. Es ist
    (P+Q)(f)=P(f)+Q(f)=Q(f)+P(f)

    für alle Polynome  P,QK[X]

  3. Es ist
    (PQ)(f)=P(f)Q(f)=Q(f)P(f)

    für alle Polynome  P,QK[X]

  4. Es ist
    (Xn)(f)=fn

    für alle  n

Beweis  

(1) und (4) stecken in der Definition des Einsetzungshomomorphismus drin. Daraus ergeben sich auch (2) und (3).


Wenn V endlichdimensional ist, sagen wir die Dimension d besitzt, so sind sämtliche Potenzen fk, k, Elemente im d2-dimensionalen Vektorraum

HomK(V,V)=End(V)

aller linearen Abbildungen von V nach V. Wegen der Endlichkeit des Homomorphismenraumes müssen daher diese Potenzen linear abhängig sein, d.h. es gibt ein m und Koeffizienten ai, 0im, die nicht alle 0 sind, mit

amfm+am1fm1++a2f2+a1f+a0=0

(dabei ist md2 unmittelbar klar, wir werden später sehen, dass sogar stets md ist). Das entsprechende Polynom amXm+am1Xm1++a2X2+a1X+a0 hat also die Eigenschaft, dass es selbst nicht das Nullpolynom ist, dass aber, wenn man überall X durch f ersetzt, die Nullabbildung auf V herauskommt. Wir fragen uns:


    • Gibt es eine Struktur auf der Menge aller Polynome PK[X] mit

     P(f)=0

    • Gibt es ein besonders einfaches Polynom P0K[X] mit

     P0(f)=0

    • Wie kann man es finden?
    • Welche Eigenschaften von f kann man aus der Faktorzerlegung von diesem Polynom P0 ablesen?

    Es sei K ein Körper, V ein endlichdimensionaler K-Vektorraum und

    f:VV

    eine lineare Abbildung. Es sei v1,,vn eine Basis von V und es sei M die zugehörige Matrix. Nach Lemma 11.9 entsprechen sich die Verknüpfung von linearen Abbildungen und die Matrixmultiplikation. Insbesondere entsprechen sich fn und Mn. Ebenso entsprechen sich die Skalarmultiplikation und die Addition auf dem Endomorphismenraum End(V) und dem Matrizenraum. Daher kann man statt mit der Zuordnung PP(f) genauso gut mit der Zuordnung PP(M) arbeiten.




    Ideale

    Eine Teilmenge 𝔞 eines kommutativen Ringes R heißt Ideal, wenn die folgenden Bedingungen erfüllt sind:

    1.  0𝔞
    2. Für alle  a,b𝔞  ist auch  a+b𝔞
    3. Für alle  a𝔞  und  rR  ist auch  ra𝔞

    Die Eigenschaft, nichtleer zu sein, kann man durch die Bedingung 0𝔞 ersetzen.


    Zu einer Familie von Elementen  a1,a2,,anR  in einem kommutativen Ring R bezeichnet (a1,a2,,an) das von diesen Elementen erzeugte Ideal. Es besteht aus allen Linearkombinationen

    r1a1+r2a2++rnan,

    wobei  r1,r2,,rnR  sind.


    Ein Ideal 𝔞 in einem kommutativen Ring R der Form

    𝔞=(a)=Ra={ra:rR}

    heißt Hauptideal.

    Das Nullelement bildet in jedem Ring das sogenannte Nullideal, das wir einfach als 0=(0)={0} schreiben. Die 1 und überhaupt jede Einheit erzeugt als Ideal schon den ganzen Ring. Eine Einheit in einem kommutativen Ring R ist ein Element xR, für das es ein yR mit  xy=1  gibt. Ein kommutativer Ring ist genau dann ein Körper, wenn alle Elemente außer der 0 Einheiten sind.


    Das Einheitsideal in einem kommutativen Ring R ist der Ring selbst.

    In einem Körper gibt es nur diese beiden Ideale.


    Lemma  

    Es sei R ein kommutativer Ring.

    Dann sind folgende Aussagen äquivalent.

    1. R ist ein Körper.
    2. Es gibt in R genau zwei Ideale.

    Beweis  

    Wenn R ein Körper ist, so gibt es das Nullideal und das Einheitsideal, die voneinander verschieden sind. Es sei I ein von 0 verschiedenes Ideal in R. Dann enthält I ein Element  x0,  das eine Einheit ist. Damit ist  1=xx1I  und damit  I=R

    Es sei umgekehrt R ein kommutativer Ring mit genau zwei Idealen. Dann kann R nicht der Nullring sein. Es sei nun x ein von 0 verschiedenes Element in R. Das von x erzeugte Hauptideal Rx ist 0 und muss daher mit dem anderen Ideal, also mit dem Einheitsideal übereinstimmen. Das heißt insbesondere, dass  1Rx  ist. Das bedeutet also  1=xr  für ein  rR,  sodass x eine Einheit ist.



    Ideale in K[X]



    Satz  

    In einem Polynomring über einem Körper

    ist jedes Ideal ein Hauptideal.

    Beweis  

    Es sei I ein von 0 verschiedenes Ideal in K[X]. Betrachte die nichtleere Menge

    {grad(P)PI,P0}.

    Diese Menge hat ein Minimum  m,  das von einem Element FI, F0, herrührt, sagen wir  m=grad(F).  Wir behaupten, dass  I=(F)  ist. Die Inklusion ist klar. Zum Beweis von sei  PI  gegeben. Aufgrund von Satz 19.4 gilt

    P=FQ+R mit grad(R)<grad(F) oder R=0.

    Wegen  RI  und der Minimalität von grad(F) kann der erste Fall nicht eintreten. Also ist  R=0  und P ist ein Vielfaches von F.




    Das Minimalpolynom

    Es sei V ein endlichdimensionaler K-Vektorraum und

    f:VV

    eine lineare Abbildung. Dann heißt das eindeutig bestimmte normierte Polynom  μfK[X]  minimalen Grades mit

    μf(f)=0

    das Minimalpolynom von f.



    Es sei V ein endlichdimensionaler Vektorraum über einem Körper K und es sei

    f:VV

    eine lineare Abbildung.

    Dann ist die Menge

    {PK[X]P(f)=0}

    ein Hauptideal im Polynomring K[X], das vom Minimalpolynom μf erzeugt wird.

    Beweis

    Siehe Aufgabe 20.8.



    Zur Identität IdV auf einem K-Vektorraum V ist das Minimalpolynom gleich X1. Dieses geht ja unter dem Einsetzungshomomorphismus auf

    IdVIdV=0.

    Ein konstantes Polynom a0 geht auf a0Id, was, außer bei  a0=0  oder  V=0,  nicht die Nullabbildung ist.

    Für eine Streckung, also eine Abbildung der Form λIdV, ist das Minimalpolynom, vorausgesetzt  λ0  und  V0,  gleich Xλ. Für die Nullabbildung auf  V0  ist X das Minimalpolynom, bei  V=0  ist es das konstante Polynom 1.



    Zu einer Diagonalmatrix

    M=(d1000d2000dn)

    mit verschiedenen Einträgen di ist das Minimalpolynom gleich

    P=(Xd1)(Xd2)(Xdn).

    Dieses Polynom geht unter der Einsetzung auf

    (Md1En)(Md2En)(MdnEn).

    Wenden wir darauf den Standardvektor ei an, so wird er von dem Faktor (MdjEn) auf (didj)ei abgebildet. Der i-te Faktor sichert also, dass ei insgesamt annulliert wird. Da somit eine Basis durch P(M) auf 0 abgebildet wird, muss es sich insgesamt um die Nullabbildung handeln.

    Angenommen, P wäre nicht das Minimalpolynom μ. Dann gibt es nach Korollar 20.11 ein Polynom Q mit

    P=Qμ

    und nach Lemma 19.8 muss μ ein Teilprodukt der Linearfaktoren von P sein. Sobald man aber einen Faktor von P weglässt, sagen wir Xdi, so wird ei durch die zugehörige Abbildung nicht mehr annulliert.



    Zur Matrix

    M=(0100)

    ist X2 das Minimalpolynom. Dieses Polynom wird beim Einsetzen zur Nullabbildung, wegen

    M2=(0000).

    Die Teiler von X2 von kleinerem Grad sind konstante Polynome 0 und a1X mit  a10,  aber diese Polynome annullieren nicht M.



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