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Kurs:Mathematik für Anwender (Osnabrück 2019-2020)/Teil II/Vorlesung 54

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Uff, das wär geschafft. Nicht nur Vorli braucht jetzt erstmal Urlaub. Irgendwas mit Bergen und Meer. Land egal.




Der Satz über implizite Abbildungen
In einer topographischen Karte wird ein Gebirge durch seine Niveaulinien (Höhenlinien) repräsentiert.


Die Küstenlinie ist die Nullfaser der Höhenabbildung. In den regulären Punkten der Küste kann man eine Tangente anlegen und die Küste lokal als einen Graphen einer Funktion beschreiben. Ein singulärer Punkt einer Küste ergibt sich beispielsweise bei einer Meereserhebung, die genau in einem Punkt an die Wasseroberfläche stößt, oder einem Sattelpunkt zwischen „zwei“ Inseln, der sich auf Meeresniveau befindet.[1]



Zu einer Abbildung

φ:LM

zwischen zwei Mengen L und M heißt zu  yM  die Menge

Fy={xLφ(x)=y}

die Faser von φ über y.

Die Faser zu einem Punkt ist also einfach das Urbild φ1({y}) von y. Zu einem Punkt  PL  nennt man die Faser über φ(P) auch die Faser durch P. Bei  M=  sagt man statt Fasern auch Niveaumengen oder, insbesondere bei  L=2,  auch Höhenlinien. In meteorologischen Kontexten spricht man von Isothermen oder von Isobaren.


Wir betrachten die Funktion

f:2,(x,y)x2+y2.

Da diese nur nichtnegative Werte annimmt, sind die Fasern zu  z  leer. Die Faser zum Wert 0 besteht aus dem einzigen Punkt (0,0). Die Faser zu einem positiven Wert  z+  ist

{(x,y)x2+y2=z},

das ist der Kreis mit dem Radius z. Zu jedem Punkt  P=(x0,y0)(0,0)  ist die Faser (oder die Niveaumenge) durch diesen Punkt also ein Kreis Z. Eine hinreichend kleine offene Ballumgebung U(P,δ) von P enthält nur einen Teil des Kreisbogens, der homöomorph zu einem offenen Intervall ist. Die differenzierbare Abbildung

]a,b[2,tx02+y02(cost,sint)

(mit geeignet gewählten Intervallgrenzen) induziert dabei eine Homöomorphie zwischen ]a,b[ und dem Kreisbogenausschnitt ZU(P,δ).



Es sei f:, xf(x), eine Funktion in einer Variablen. Dazu kann man die Funktion in zwei Variablen,

φ:2,(x,y)yf(x),

betrachten. Die Fasern von φ über  c  sind durch

Fc={(x,y)2y=f(x)+c}

charakterisiert. D.h. die Faser über c ist einfach der Graph der durch xf(x)+c definierten Funktion. Alle Fasern gehen durch eine Verschiebung ineinander über, sie sind parallel zueinander. Die Punkte einer jeden Faser stehen in Bijektion mit der x-Achse, indem nämlich x auf (x,f(x)+c) abgebildet wird.


Der Satz über implizite Abbildungen wird zeigen, dass unter gewissen Differenzierbarkeitsvoraussetzungen die Fasern einer Abbildung sich lokal als Graphen von Abbildungen realisieren lassen.

Eine Abbildung φ:nm mit

φ(x1,,xn)=(φ1(x1,,xn),,φm(x1,,xn))=(y1,,ym)

führt unmittelbar zu einem Gleichungssystem

y1=φ1(x1,,xn),,ym=φm(x1,,xn).

Die Lösungsmenge eines solchen Gleichungssystems ist gerade die Faser über  y=(y1,,ym).  Man kann sich fragen, wie zu gegebenem  y=(y1,,ym)  die Lösungsmenge aussieht, welche Struktur sie hat und wie sie sich mit y verändert. Das „grobe Muster“ zeigt sich schon deutlich bei einem linearen Gleichungssystem in n Variablen und m Gleichungen. Dort sind bei

nm

und wenn die Gleichungen linear unabhängig sind, die Lösungsmengen (nm)-dimensionale affine Untervektorräume des n. Insbesondere sind alle Lösungsmengen gleich und besitzen die gleiche Dimension.

Das Bestimmen der Lösungsmengen ist im Allgemeinen sehr viel schwieriger als im linearen Fall und auch gar nicht effektiv durchführbar. Dennoch vermittelt die lineare Approximation durch das totale Differential den richtigen Ansatz für das Studium allgemeiner Fasern. Eine reichhaltige Strukturaussage über die Gestalt der Faser in einem Punkt P ist nur dann zu erwarten, wenn das totale Differential in P surjektiv ist. In diesem Fall ist der Kern des totalen Differentials, also die Lösungsmenge des durch diese lineare Abbildung gegebenen linearen Gleichungssystems, tangential an die Faser durch P, und man kann auf hinreichend kleinen offenen Mengen eine Bijektion zwischen dem Kern und der Faser stiften.


Der Querschnitt eines Achats. Die chemische Zusammensetzung variiert mit dem Ort und damit variiert auch die Frequenz des reflektierten Lichts, also die optische Erscheinung, mit dem Ort. Man sieht also die (verdickten) Fasern der Lichtabbildung.



Satz  

Es sei  Gn  offen und sei

φ:Gm

eine stetig differenzierbare Abbildung. Es sei  PG  und es sei  Z=φ1(φ(P))  die Faser durch P. Das totale Differential (Dφ)P sei surjektiv.

Dann gibt es eine offene Menge PW, WG, eine offene Menge  Vnm  und eine stetig differenzierbare Abbildung

ψ:VW

derart, dass  ψ(V)ZW  ist und ψ eine Bijektion

ψ:VZW

induziert.

Die Abbildung ψ ist in jedem Punkt  QV  regulär und für das totale Differential von ψ gilt

(Dφ)ψ(Q)(Dψ)Q=0.

Beweis  


Die Bedingung, dass das totale Differential surjektiv ist, kann man auch so ausdrücken, dass  nm  ist und dass der Punkt P regulär ist.

Den Satz über implizite Abbildungen kann man auch so formulieren: Es seien V und W endlichdimensionale reelle Vektorräume,  GV  offen und es sei φ:GW eine stetig differenzierbare Abbildung. Es sei  aG  ein Punkt, in dem das totale Differential (Dφ)a surjektiv sei, und es sei  V=E1E2  eine direkte Summenzerlegung von V in Untervektorräume E1 und E2 (mit a=(a1,a2)) derart, dass  E1=kern(Dφ)a  und (Dφ)a|E2 surjektiv (und damit bijektiv) ist (dadurch ist E1, aber nicht E2 eindeutig festgelegt). Dann gibt es offene Mengen  a1U1E1  und  a2U2E2  mit  U1×U2G  und eine stetig differenzierbare Abbildung

θ:U1U2

derart, dass der Graph von θ, also

Γ={(x,θ(x))xU1},

mit der Faser über  b=φ(a),  geschnitten mit U1×U2, also

{(x,v)U1×U2φ(x,v)=b},

übereinstimmt. Sind auf E1 und E2 jeweils Basen fixiert mit Koordinaten (x1,,xnm) bzw. (v1,,vm) (n und m seien die Dimensionen von V und W), so wird lokal die Faser durch den Graphen von m Funktionen θ1,,θm in den nm Variablen (x1,,xnm) gegeben. Die Faser ist dann nach den Variablen (v1,,vm) „aufgelöst“, d.h. diese Koordinaten lassen sich unter der impliziten Bedingung, dass die Punkte zur Faser gehören sollen, explizit durch die anderen, frei wählbaren Koordinaten (x1,,xnm) ausdrücken.



Es seien V und W endlichdimensionale reelle Vektorräume, es sei  GV  offen und sei

φ:GW

eine stetig differenzierbare Abbildung. Es sei  PG  ein Punkt, in dem das totale Differential (Dφ)P surjektiv sei, und sei Y die Faser von φ durch P. Dann nennt man

TPY:=kern(Dφ)P={vV(Dφ)P(v)=0}

den Tangentialraum an die Faser Y in P.

Häufig wird auch der an P angelegte affine Raum

P+kern(Dφ)P={P+v(Dφ)P(v)=0}

als Tangentialraum bezeichnet. In diesem Sinne ist der Tangentialraum kein Untervektorraum von V, da er nicht durch den Nullpunkt verlaufen muss, er ist aber die Verschiebung eines Untervektorraums. Solche Räume nennt man affin-lineare Unterräume. Sie besitzen eine sinnvoll definierte Dimension, nämlich die Dimension des zugehörigen Vektorraumes. Der Tangentialraum an einem regulären Punkt zu einer Abbildung φ:nm besitzt die Dimension nm. Der Satz über implizite Abbildungen besagt, dass eine offene Teilmenge des Tangentialraumes an P sich bijektiv und differenzierbar auf eine offene Umgebung von P auf der Faser abbilden lässt. Der Tangentialraum ist also eine lineare Approximation der Faser.


Wir betrachten die differenzierbare Funktion

φ:×({0}),(x,y)xy.

Die Jacobi-Matrix dieser Funktion ist

(1y,xy2),

sodass die Funktion in jedem Punkt regulär ist und der Satz über implizite Abbildungen anwendbar ist. In diesem Fall kann man die Fasern auch direkt bestimmen. Die Bedingung

xy=c

mit  c  führt auf  x=cy,  sodass die Fasern der Abbildung die punktierten Geraden (d.h. ein Punkt ist rausgenommen) durch den Nullpunkt sind (außer der x-Achse, auf der die Abbildung nicht definiert ist). Damit hat man explizit eine Auflösung der Faser nach x gegeben. Dass die Fasern unter dieser Divisionsabbildung (punktierte) Geraden sind, ist ein Ausdruck davon, dass man Brüche erweitern kann, ohne ihren Wert zu ändern.

Der Tangentialraum in  P=(x,y)  wird nach der Definition durch den Kern der Jacobi-Matrix gegeben, und dieser wird durch den Vektor (x,y) selbst aufgespannt. Der Tangentialraum an P ist hier also die Gerade, die durch P und den Nullpunkt definiert ist, und stimmt (bis auf den Nullpunkt) mit der Faser überein.



Die Fasern der Abbildung (x,y)xy für c=e (rot) und c=e (grün).

Wir betrachten die Abbildung

φ:+×,(x,y)xy

und knüpfen an Beispiel 52.4 an. Der einzige kritische Punkt ist  P=(1,0),  ansonsten ist die Abbildung in jedem Punkt regulär und daher lassen sich lokal die Fasern als Graphen beschreiben. Die Faser über 1 besteht aus der durch  x=1  gegebenen Geraden und der durch  y=0  gegebenen Halbgeraden, die sich im kritischen Punkt senkrecht schneiden. Ansonsten sind die Fasern durch die Gleichung

xy=c

mit einem  c+,   c1,  bestimmt (für nichtpositives c sind die Fasern leer). Wir schreiben diese Bedingung als  e(lnx)y=c  und daher als

(lnx)y=lnc.

Wegen  x1  kann man dies zu  y=lnclnx  auflösen und wegen  y0  zu

x=elncy.

Die Faser besteht jeweils aus zwei Komponenten, die  x>1  bzw.  x<1  entsprechen.




Der Satz über die injektive Abbildung

Als ein weiteres Korollar aus dem Satz über die Umkehrabbildung besprechen wir die Situation, wo das totale Differential injektiv ist.



Satz  

Es seien V und W endlichdimensionale reelle Vektorräume, sei  GV  offen und sei

φ:GW

eine stetig differenzierbare Abbildung. Es sei  PG  ein Punkt, in dem das totale Differential (Dφ)P injektiv sei.

Dann gibt es eine offene Umgebung U,  PUG,  derart, dass φ|U injektiv ist.

Beweis  




Fußnoten
  1. Dass man solche singulären Punkte in der Natur nur selten antrifft, liegt daran, dass das Höhenprofil der Erde nur endlich viele kritische Punkte und damit nur endlich viele Gipfel und Sattelpunkte besitzt. Es ist daher unwahrscheinlich, dass der Meeresspiegel genau auf der Höhe eines solchen kritischen Punktes liegt. Wenn man aber Ebbe und Flut betrachtet, so werden solche Punkte immer wieder durchlaufen.


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