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Kurs:Analysis (Osnabrück 2014-2016)/Teil III/Vorlesung 76

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Der Satz über implizite Abbildungen und Mannigfaltigkeiten

Die Einheitssphäre, die wir in der letzten Vorlesung als ein motivierendes Beispiel einer Mannigfaltigkeit besprochen haben, ist die Faser zur differenzierbaren Abbildung

3,(x,y,z)x2+y2+z2,

über 1. Diese Abbildung ist mit Ausnahme des Nullpunkts regulär. Der Satz über implizite Abbildungen macht in dieser Situation weitreichende Aussagen über die lokale Gestalt der Faser zu einer Abbildung φ:nm, nämlich, dass es lokal Homöomorphismen zwischen der Faser in einem regulären Punkt und einer offenen Menge des k gibt, wobei k die Differenz zwischen der Dimension des Ausgangsraumes und der Dimension des Zielraumes ist. Wir werden gleich sehen, dass solche Fasern nicht nur topologische Mannigfaltigkeiten, sondern auch differenzierbare Mannigfaltigkeiten sind. Wir formulieren den Satz über implizite Abbildungen in einer Version, aus der sich ablesen lässt, dass die regulären Fasern differenzierbare Mannigfaltigkeiten sind.



Satz  

Es sei  Gn  offen und sei

φ:Gm

eine stetig differenzierbare Abbildung. Es sei  Z=φ1(0)  die Faser über  0m,  und φ sei in jedem Punkt der Faser regulär.

Dann gibt es zu jedem Punkt  PZ  eine offene Umgebung  PWG,  offene Mengen  Vnm  und  Vm,  und einen C1-Diffeomorphismus

θ:WV×V

mit  φW=p2θ,  der eine Bijektion zwischen ZW und V×{0} induziert, und so, dass das totale Differential (Dθ)Q für jedes  QW  eine Bijektion zwischen kern(Dφ)Q und nm stiftet.

Beweis  

Diese Aussage wurde im Beweis des Satzes über implizite Abbildungen mitbewiesen. Der Zusatz ergibt sich aus

kern(Dφ)Qkern(Dp2)θ(Q)=nm.


Für die Faser selbst ergibt sich daraus die Struktur einer Mannigfaltigkeit. Der Satz über implizite Abbildungen beschert uns also mit einer riesigen Klasse von Mannigfaltigkeiten. Es handelt sich dabei um sogenannte abgeschlossene Untermannigfaltigkeiten, die wir bald, wenn wir Tangentialräume zur Verfügung haben, systematischer behandeln werden.



Satz  

Es sei  Gn  offen und sei

φ:Gm

eine stetig differenzierbare Abbildung. Es sei  Z=φ1(Q)  die Faser über einem Punkt  Qm.  Das totale Differential (Dφ)P sei surjektiv für jeden Punkt  PZ

Dann ist Z eine differenzierbare Mannigfaltigkeit der Dimension nm.

Beweis  

Wir setzen  Q=0.  Aufgrund von Satz 76.1 gibt es zu jedem Punkt  PZ  eine offene Umgebung  PWG  und einen C1-Diffeomorphismus

θ:WV×V

mit offenen Mengen Vnm und Vm derart, dass θ eine Bijektion zwischen ZW und  V×{0}V  induziert. Die Einschränkungen dieser Diffeomorphismen auf ZW bzw. V nehmen wir als Karten für Z. Zum Nachweis, dass dies eine differenzierbare Struktur auf Z definiert, seien offene Umgebungen (im n) W1 und W2 von  PZ  gegeben zusammen mit Diffeomorphismen

θ1:W1V1×V1
und
θ2:W2V2×V2.

Durch Übergang zu  W=W1W2  können wir annehmen, dass beide offenen Mengen gleich sind. Die Übergangsabbildung θ2θ11 ist ein C1-Diffeomorphismus zwischen (offenen Teilmengen von) V1×V1 und V2×V2, der V1×{0} in V2×{0} überführt. Daher ist nach Aufgabe 52.23 auch die auf diese Teilmengen eingeschränkte Übergangsabbildung ein C1-Diffeomorphismus (zwischen offenen Teilmengen des nm).



Differenzierbare Abbildungen

Es seien L und M zwei Ck-Mannigfaltigkeiten mit Atlanten (Ui,Ui,αi,iI) und (Vj,Vj,βj,jJ). Es sei  1k.  Eine stetige Abbildung

φ:LM

heißt eine C-differenzierbare Abbildung, wenn für alle iI und alle jJ die Abbildungen

βjφ(αi)1:αi(φ1(Vj)Ui)Vj

C-differenzierbar sind.

Da die αi(φ1(Vj)Ui) offen sind, ist durch diese Definition der Differenzierbarkeitsbegriff für Abbildungen zwischen Mannigfaltigkeiten auf den Differenzierbarkeitsbegriff von Abbildungen zwischen offenen Mengen in reellen Vektorräumen zurückgeführt. Da man eine Ck-Mannigfaltigkeit als eine C-Mannigfaltigkeit für  k  auffassen kann, genügt es im Wesentlichen, von Ck-Abbildungen zwischen Ck-Mannigfaltigkeiten zu sprechen. Wichtig sind insbesondere die Fälle k=1,2,. Man beachte, dass wir bei  k=1  von einer differenzierbaren Abbildung sprechen, ohne dass es (bisher) eine „Ableitung“ gibt.



Proposition  

Es seien L,M und N Ck-Mannigfaltigkeiten. Dann gelten folgende Aussagen.

  1. Die Identität
    Id:LL

    ist eine Ck-Abbildung.

  2. Jede konstante Abbildung
    φ:LM

    ist eine Ck-Abbildung.

  3. Für jede offene Teilmenge  UL  ist die offene Einbettung UL eine Ck-Abbildung.
  4. Es seien
    φ:LM

    und

    ψ:MN

    Ck-Abbildungen. Dann ist auch die Hintereinanderschaltung

    ψφ:LN

    eine Ck-Abbildung.

Beweis  

(1). Die zu überprüfenden Abbildungen sind genau die Kartenwechsel αjαi1, die nach Definition einer Ck-differenzierbaren Mannigfaltigkeit Ck-Diffeomorphismen sind.
(2). Die zu überprüfenden Abbildungen sind bezüglich jeder Karte konstant, also beliebig oft differenzierbar.
(3). Die zu überprüfenden Abbildungen zu  i,jI  sind gleich

αi(UUiUj)αi(UiUj)αjαi1U'j,

also eine offene Einbettung gefolgt von einem differenzierbaren Kartenwechsel.
(4). Es seien

γ:WW'

die Karten für N. Dann sind für alle möglichen Indexkombinationen die (auf gewissen offenen Teilmengen eingeschränkten) Hintereinanderschaltungen

γ(ψφ)αi1=γψβj1βjφαi1=(γψβj1)(βjφαi1)

nach der Kettenregel differenzierbar. Bei  k2  verwendet man Aufgabe 46.9.



Es seien L und M zwei Ck-Mannigfaltigkeiten. Ein Homöomorphismus

φ:LM

heißt ein Ck-Diffeomorphismus, wenn sowohl φ als auch φ1 Ck-Abbildungen sind.


Zwei Ck-Mannigfaltigkeiten L und M heißen Ck-diffeomorph, wenn es zwischen ihnen einen Ck-Diffeomorphismus gibt.

Zu einer Ck-Mannigfaltigkeit M mit einem Ck-Atlas (Ui,Ui,αi,iI) gibt es einen maximalen Atlas, der mit der durch den Atlas gegebenen differenzierbaren Struktur verträglich ist. Er besteht aus der Menge aller Homöomorphismen

β:UV

mit offenen Mengen  UM  und  Vn  mit der Eigenschaft, dass diese Abbildungen Ck-Abbildungen (bezüglich der durch den Atlas gegebenen Struktur) sind. Dieser maximale Atlas enthält natürlich den Ausgangsatlas, ist aber im Allgemeinen bei weitem größer. Beispielsweise enthält er zu jeder Karte β:UV und jeder offenen Teilmenge  UU  auch die auf U eingeschränkte Kartenabbildung. Wichtig ist, dass die identische Abbildung

Id:(M,A)(M,B),

wobei A den Ausgangsatlas und B den maximalen Atlas bezeichnet, ein Ck-Diffeomorphismus von Mannigfaltigkeiten ist, wie unmittelbar aus der Definition folgt. Wichtiger als der Atlas ist die durch ihn vertretene differenzierbare Struktur auf der Mannigfaltigkeit, die festlegt, welche Abbildungen differenzierbar und welche Diffeomorphismen sind. Die Karten des maximalen Atlas werden manchmal auch (verallgemeinerte) Karten der Mannigfaltigkeit genannt.




Differenzierbare Funktionen

Eine Ck-differenzierbare Abbildung

f:M

von einer differenzierbaren Mannigfaltigkeit in die reellen Zahlen nennt man auch eine Ck-differenzierbare Funktion. Nach Definition bedeutet das einfach, dass für jede Karte

α:UV

die zusammengesetzte Funktion

fα1:V

eine Ck-Funktion ist. Die Menge aller Ck-Funktionen auf M wird mit Ck(M,) bezeichnet.



Es sei M eine differenzierbare Mannigfaltigkeit und

f,g:M

differenzierbare Funktionen auf M. Dann gelten die folgenden Aussagen.

  1. Die Abbildung
    f×g:M2,x(f(x),g(x)),
    ist differenzierbar.
  2. f+g ist differenzierbar.
  3. fg ist differenzierbar.
  4. Wenn f keine Nullstelle besitzt, so ist auch f1 differenzierbar.

Beweis

Siehe Aufgabe 76.3.

Insbesondere bilden die differenzierbaren Funktionen auf einer Mannigfaltigkeit einen kommutativen Ring.

Wenn

α:UV

eine Karte ist mit  Vn  offen, so liefert jede Projektion xi eine differenzierbare Funktion

xiα:U,

die meistens wieder mit xi bezeichnet wird. Man sagt dann, dass die Funktionen x1,,xn differenzierbare Koordinaten für  UM  bilden. Für eine stetig differenzierbare Funktion

f:U

ist nach Definition die Funktion

fα1:V

stetig differenzierbar, d.h. für jedes i existieren die partiellen Ableitungen

(fα1)xi,

die wiederum (stetige) Funktionen auf V sind. Daher sind

(fα1)xiα

Funktionen auf U. Diese werden im Allgemeinen einfach wieder mit fxi bezeichnet.


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