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Kurs:Analysis (Osnabrück 2021-2023)/Teil I/Vorlesung 25

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Wir besprechen nun die wesentlichen Rechenregeln, mit denen man Stammfunktionen finden bzw. bestimmte Integrale berechnen kann. Sie beruhen auf Ableitungsregeln.



Partielle Integration



Satz  

Es seien

f,g:[a,b]

stetig differenzierbare Funktionen.

Dann gilt

abf(t)g(t)dt=fg|ababf(t)g(t)dt.

Beweis  

Aufgrund der Produktregel ist fg eine Stammfunktion von fg+fg. Daher ist

abf(t)g(t)dt+abf(t)g(t)dt=ab(fg+fg)(t)dt=fg|ab.


Bei der partiellen Integration sind insbesondere zwei Dinge zu beachten. Erstens liegt die zu integrierende Funktion im Allgemeinen nicht in der Form fg vor, sondern einfach als Produkt uv (wenn kein Produkt vorliegt, so kommt man mit dieser Regel sowieso nicht weiter, wobei allerdings die triviale Produktzerlegung 1u manchmal helfen kann). Dann muss man einen Faktor integrieren und den anderen differenzieren. Wenn V eine Stammfunktion von v ist, so lautet die Formel

uv=uVuV.

Zweitens führt partielle Integration nur dann zum Ziel, wenn das Integral rechts, also abf(t)g(t)dt, integriert werden kann.


Wir bestimmen eine Stammfunktion des natürlichen Logarithmus lnx mittels partieller Integration, wobei wir  lnx=1lnx  schreiben und die konstante Funktion 1 integrieren und den Logarithmus ableiten. Damit ist

ablnxdx=(xlnx)|ababx1xdx=(xlnx)|abab1dx=(xlnx)|abx|ab.

Eine Stammfunktion ist also xlnxx.



Eine Stammfunktion der Sinusfunktion sinx ist cosx. Um Stammfunktionen zu sinnx zu finden, verwenden wir partielle Integration, um eine rekursive Beziehung zu Potenzen mit kleinerem Exponenten zu erhalten. Um dies präzise zu machen, arbeiten wir mit Intervallgrenzen, und zwar sollen die Stammfunktionen von 0 ausgehen, also für 0 den Wert 0 besitzen. Für  n2  ist mittels partieller Integration

0xsinntdt=0xsinn2tsin2tdt=0xsinn2t(1cos2t)dt=0xsinn2tdt0x(sinn2tcost)costdt=0xsinn2tdtsinn1tn1cost|0x1n1(0xsinntdt).

Durch Multiplikation mit n1 und Umstellen erhält man

n0xsinntdt=(n1)0xsinn2tdtsinn1xcosx.

Speziell ergibt sich für  n=2 

0xsin2tdt=12(xsinxcosx).

Die folgende Darstellung von π heißt Wallissches Produkt.



Korollar  

Es gilt die Darstellung

π2=k=14k24k21=limmk=1m4k24k21.

Beweis  

Wir setzen

an=0π2sinntdt.

Dies ist eine fallende Folge, für die aufgrund von Beispiel 25.3 die rekursive Beziehung

an=n1nan2

und die Anfangsbedingungen  a0=π2  und  a1=1  gelten. Ausgeschrieben bedeutet dies für gerades n

an=(n1)(n3)31n(n2)42π2

und für ungerades n

an=(n1)(n3)42n(n2)53.

Mit  n=2m  bzw.  n=2m+1  schreibt sich dies als

a2m=(2m1)(2m3)312m(2m2)42π2

bzw. als

a2m+1=2m(2m2)42(2m+1)(2m1)53.

Da die Folge fallend ist und  anan+2=n+2n+1  gilt, konvergieren die Quotienten anan+1 gegen 1. Also ist insbesondere

1=limma2ma2m+1=limm(2m1)(2m3)312m(2m2)42π22m(2m2)42(2m+1)(2m1)53=limm(2m+1)(2m1)2(2m3)252321(2m(2m2)42)2π2.

Hier kann man den Zähler, indem man zwei aufeinander folgende Faktoren ausmultipliziert, als k=1m(4k21) und den Nenner als k=1m4k2 schreiben. Daher ist

limmk=1m4k2k=1m(4k21)=π2.




Integration der Umkehrfunktion



Satz  

Es sei f:[a,b][c,d] eine bijektive differenzierbare Funktion und es sei F eine Stammfunktion von f.

Dann ist

G(y):=yf1(y)F(f1(y))

eine Stammfunktion der Umkehrfunktion f1.

Beweis  

Ableiten unter Verwendung von Lemma 18.7 und Satz 18.9 ergibt

(yf1(y)F(f1(y)))=f1(y)+y1f(f1(y))f(f1(y))1f(f1(y))=f1(y).


Funktionsgraph mit Umkehrfunktion und Flächen zur Berechnung eines Integrals der Umkehrfunktion.


Diese Aussage besitzt einen einfachen geometrischen Hintergrund. Wenn f:[a,b]+ eine streng wachsende stetige Funktion ist (und daher eine Bijektion zwischen [a,b] und [f(a),f(b)] induziert), so besteht zwischen den beteiligten Flächeninhalten der Zusammenhang

abf(s)ds+f(a)f(b)f1(t)dt=bf(b)af(a)

bzw.

f(a)f(b)f1(t)dt=bf(b)af(a)abf(s)ds.

Für die Stammfunktion G von f1 mit dem Startpunkt f(a) gilt daher, wenn F die Stammfunktion zu f bezeichnet, die Beziehung

G(y)=f(a)yf1(t)dt=f(a)f(f1(y))f1(t)dt=f1(y)f(f1(y))af(a)af1(y)f(s)ds=yf1(y)af(a)F(f1(y))+F(a)=yf1(y)F(f1(y))af(a)+F(a),

wobei af(a)+F(a) eine Integrationskonstante ist.


Wir berechnen eine Stammfunktion von arctanx unter Verwendung von Satz 25.5. Eine Stammfunktion des Tangens ist

tantdt=ln(cosx).

Also ist

xarctanx+ln(cos(arctanx))

eine Stammfunktion von arctanx.




Die Substitutionsregel



Satz  

Es sei I ein reelles Intervall und sei

f:I

eine stetige Funktion. Es sei

g:[a,b]I

stetig differenzierbar.

Dann gilt

abf(g(t))g(t)dt=g(a)g(b)f(s)ds.

Beweis  

Wegen der Stetigkeit von f und der vorausgesetzten stetigen Differenzierbarkeit von g existieren beide Integrale. Es sei F eine Stammfunktion von f, die aufgrund von Korollar 24.5 existiert. Nach der Kettenregel hat die zusammengesetzte Funktion

tF(g(t))=(Fg)(t)

die Ableitung  F(g(t))g(t)=f(g(t))g(t).  Daher gilt insgesamt

abf(g(t))g(t)dt=(Fg)|ab=F(g(b))F(g(a))=F|g(a)g(b)=g(a)g(b)f(s)ds.



Typische Beispiele, wo man sofort erkennen kann, dass man die Substitutionsregel anwenden kann, sind beispielsweise

gng

mit der Stammfunktion

1n+1gn+1

oder

gg

mit der Stammfunktion

lng.

Häufig liegt ein bestimmtes Integral nicht in einer Form vor, dass man die vorstehende Regel direkt anwenden könnte. Häufiger kommt die folgende umgekehrte Variante zum Zug.



Korollar  

Es sei

f:[a,b]

eine stetige Funktion und es sei

φ:[c,d][a,b],sφ(s),

eine bijektive, stetig differenzierbare Funktion.

Dann gilt

abf(t)dt=φ1(a)φ1(b)f(φ(s))φ(s)ds

Beweis  

Nach Satz 25.7 ist

φ1(a)φ1(b)f(φ(s))φ(s)ds=φ(φ1(a))φ(φ1(b))f(t)dt=abf(t)dt.


Die Substitution wird folgendermaßen angewendet: Es soll das Integral

abf(t)dt

berechnet werden. Man muss dann eine Idee haben, dass durch die Substitution

t=φ(s)

das Integral einfacher wird (und zwar unter Berücksichtigung der Ableitung φ(s) und unter der Bedingung, dass die Umkehrfunktion φ1 berechenbar ist). Mit c=φ1(a) und d=φ1(b) liegt insgesamt die Situation

[c,d]φ[a,b]f

vor. In vielen Fällen kommt man mit gewissen Standardsubstitutionen weiter.

Bei einer Substitution werden drei Operationen durchgeführt.

  1. Ersetze f(t) durch f(φ(s)).
  2. Ersetze dt durch φ(s)ds.
  3. Ersetze die Integrationsgrenzen a und b durch φ1(a) und φ1(b).

Für den zweiten Schritt empfiehlt sich die Merkregel

dt=dφ(s)=φ(s)ds,

der man im Rahmen der Theorie der „Differentialformen“ auch eine inhaltliche Bedeutung geben kann.



Die obere Kreislinie des Einheitskreises ist die Punktmenge

{(x,y)x2+y2=1,1x1,y0}.

Zu gegebenem x, 1x1, gibt es genau ein y, das diese Bedingung erfüllt, nämlich  y=1x2.  Daher ist der Flächeninhalt der oberen Einheitskreishälfte gleich der Fläche unter dem Graphen der Funktion x1x2 über dem Intervall [1,1], also gleich

111x2dx.

Mit der Substitution

x=cost bzw. t=arccosx

(wobei cos:[0,π][1,1] nach Korollar 21.4 bijektiv ist), erhält man unter Verwendung von Beispiel 25.3

ab1x2dx=arccosaarccosb1cos2t(sint)dt=arccosaarccosbsin2tdt=12(sintcostt)|arccosaarccosb.

Insbesondere ist

12(xsin(arccosx)arccosx)=12(x1x2arccosx)

eine Stammfunktion zu 1x2. Daher ist

111x2dx=12(x1x2arccosx)|11=12(arccos1+arccos(1))=π/2.


Wir bestimmen eine Stammfunktion von x21 unter Verwendung der Hyperbelfunktionen sinht und cosht, für die nach Aufgabe 20.50 die Beziehung  cosh2tsinh2t=1  gilt. Die Substitution

x=cosht mit dx=sinhtdt

liefert

abx21dx=arcoshaarcoshbcosh2t1sinhtdt=arcoshaarcoshbsinh2tdt.

Eine Stammfunktion des Sinus hyperbolicus im Quadrat ergibt sich aus

sinh2t=(12(etet))2=14(e2t+e2t2).

Daher ist

sinh2udu=14(12e2u12e2u2u)=14sinh2u12u

und somit

x21dx=14sinh(2arcoshx)12arcoshx.

Aufgrund des Additionstheorems für Sinus hyperbolicus ist  sinh2u=2sinhucoshu  und daher kann man diese Stammfunktion auch als

12(sinh(arcoshx)cosh(arcoshx)arcoshx)=12(cosh(arcoshx)21xarcoshx)=12(x21xarcoshx)

schreiben.



Wir wollen eine Stammfunktion für die Funktion

f(x)=x2(xcosxsinx)2

bestimmen. Als Vorüberlegung berechnen wir die Ableitung von

1xcosxsinx.

Diese ist

cosxxsinxcosx(xcosxsinx)2=xsinx(xcosxsinx)2.

Wir schreiben daher f als ein Produkt  f(x)=xsinx(xcosxsinx)2xsinx  und wenden darauf partielle Integration an, wobei wir den ersten Faktor integrieren und den zweiten Faktor ableiten. Die Ableitung des zweiten Faktors ist

(xsinx)=sinxxcosxsin2x.

Daher ist

f(x)dx=1xcosxsinxxsinx1xcosxsinxsinxxcosxsin2xdx=1xcosxsinxxsinx+1sin2xdx=1xcosxsinxxsinxcotx.


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