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Kurs:Grundkurs Mathematik (Osnabrück 2016-2017)/Teil II/Vorlesung 45

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Cauchy-Folgen

Ein Problem des Konvergenzbegriffes ist, dass zur Formulierung der Grenzwert verwendet wird, den man unter Umständen noch gar nicht kennt. Wenn man beispielsweise die durch das babylonische Wurzelziehen konstruierte Folge (xn)n (sagen wir zur Berechnung von 5) mit einem rationalen Startwert betrachtet, so ist dies eine Folge aus rationalen Zahlen. Wenn wir diese Folge in betrachten, wo 5 existiert, so ist die Folge konvergent. Innerhalb der rationalen Zahlen ist sie aber definitiv nicht konvergent. Es ist wünschenswert, allein innerhalb der rationalen Zahlen den Sachverhalt formulieren zu können, dass die Folgenglieder beliebig nahe zusammenrücken, auch wenn man nicht sagen kann, dass die Folgenglieder einem Grenzwert beliebig nahe zustreben. Dazu dient der Begriff der Cauchy-Folge.

Wir werden in der nächsten Vorlesung die reellen Zahlen mit Hilfe der rationalen Cauchy-Folgen konstruieren.


Es sei K ein angeordneter Körper. Eine Folge (xn)n in K heißt Cauchy-Folge, wenn folgende Bedingung erfüllt ist.

Zu jedem ϵK, ϵ>0, gibt es ein  n0  derart, dass für alle  n,mn0  die Abschätzung

|xnxm|ϵ

gilt.

Es werden also die Abstände von Folgengliedern untereinander verglichen, diese Schwankungen müssen beliebig klein werden. Grob gesprochen kann man sagen, dass eine Cauchy-Folge alle Eigenschaften einer konvergenten Folge besitzt bis auf die Konvergenz, bis auf die Existenz eines Grenzwertes. Eine nichtkonvergente Cauchy-Folge entdeckt eine „Lücke“. Beim Übergang von nach schließt man diese Lücken, indem man (Äquivalenzklassen von) Cauchy-Folgen hinzunimmt.



Satz  

Es sei K ein angeordneter Körper. Dann ist jede konvergente Folge

eine Cauchy-Folge.

Beweis  

Es sei (xn)n die konvergente Folge mit Grenzwert x. Sei  ϵ>0  gegeben. Wir wenden die Konvergenzeigenschaft auf ϵ/2 an. Daher gibt es ein n0 mit

|xnx|ϵ/2 für alle nn0.

Für beliebige  n,mn0  gilt dann aufgrund der Dreiecksungleichung

|xnxm||xnx|+|xxm|ϵ/2+ϵ/2=ϵ.
  Also liegt eine Cauchy-Folge vor.



Lemma  

Es sei K ein angeordneter Körper. Dann ist eine Folge (xn)n genau dann eine Cauchy-Folge, wenn folgende Bedingung gilt: Zu jedem  ϵ>0  gibt es ein  n0  derart, dass für alle  mn0  die Abschätzung  |xmxn0|ϵ  gilt.

Beweis  

Eine Cauchy-Folge erfüllt auch die angegebene Bedingung, da man ja  n0=n  setzen kann.
Für die Umkehrung sei  ϵ>0  vorgegeben. Die Bedingung der Aussage gilt insbesondere für ϵ/2, d.h. es gibt ein n0 derart, dass für jedes  mn0  die Abschätzung

|xmxn0|ϵ2

gilt. Damit gilt aufgrund der Dreiecksungleichung für beliebige  m,nn0  die Abschätzung

|xmxn||xmxn0|+|xn0xn|ϵ2+ϵ2=ϵ,

sodass eine Cauchy-Folge vorliegt.



Lemma  

Beweis  

Wegen der definierenden Eigenschaft für eine Dezimalbruchfolge

an10nan+110n+1<an+110n

ist

xn+1<xn+110n

bzw.

xn+1xn<110n.

Somit gilt für  m>n  die Abschätzung

xmxn=(xmxm1)+(xm1xm2)+++(xn+2xn+1)+(xn+1xn)110m1+110m2++110n+1+110n=(110mn1+110mn2++110+1)110n2110n,

wobei wir im letzten Schritt die endliche geometrische Reihe benutzt haben. Dieser Ausdruck wird in einem archimedisch angeordneten Körper beliebig klein.

Dies bedeutet insbesondere, dass jede „Kommazahl“, also jede „unendliche Ziffernfolge“, eine Cauchy-Folge ist.



Lemma  

Es sei K ein archimedisch angeordneter Körper und  cK+.  Es sei x0 ein positiver Startwert und (xn)n die zugehörige Heron-Folge. Dann gelten folgende Aussagen.

  1. Die Heron-Folge ist eine Cauchy-Folge.
  2. Wenn es in K ein positives Element x mit  x2=c  gibt, so konvergiert die Folge gegen dieses Element.
  3. Wenn die Folge in K gegen ein Element x konvergiert, so ist  x2=c

Beweis  

  1. Zu  mn  ist nach Lemma 43.8  (3)  xm[cxn,xn]  und somit ist
    |xnxm||xncxn|.

    Diese Intervalllängen bilden nach Lemma 43.8  (4) eine Nullfolge.

  2. Nach Lemma 43.8  (1) ist
    cxncxn.

    Somit ist

    0|xnc||xncxn|

    und rechts steht wieder die Nullfolge. Die Aussage folgt daher aus dem Quetschkriterium.

  3. Nach Lemma 43.8 kann der Grenzwert nicht 0 sein. Nach Lemma 44.11  (5) konvergiert daher cxn gegen cx und somit konvergiert nach Lemma 44.11  (1)
    xn+1=xn+cxn2

    (Betrachten der beiden Seiten) gegen

    x=x+cx2.

    Daraus ergibt sich  x2=c



Es sei K ein angeordneter Körper und sei (xn)n eine Folge in K. Zu jeder streng wachsenden Abbildung , ini, heißt die Folge

ixni

eine Teilfolge der Folge.

Bei einer Teilfolge wählt man einfach gewisse Folgenglieder aus und überspringt andere.

Eine Dezimalbruchfolge ist nach Lemma 45.4 eine Cauchy-Folge. Sie ist auch eine wachsende Folge, die nach oben beschränkt ist. Solche Folgen sind stets Cauchy-Folgen. Insbesondere ergibt sich Lemma 45.4 erneut aus dem folgenden Lemma.


Lemma  

Es sei K ein archimedisch angeordneter Körper. Es sei (xn)n eine wachsende, nach oben beschränkte Folge.

Dann ist (xn)n eine Cauchy-Folge.

Beweis  

Es sei  bK  eine obere Schranke, also  xnb  für alle Folgenglieder xn.  Wir nehmen an, dass (xn)n keine Cauchy-Folge ist, und verwenden die Charakterisierung aus Lemma 45.3. Somit gibt es ein  ϵ>0  derart, dass es für jedes n0 ein  m>n0  mit  xmxn0ϵ  gibt (wir können die Betragstriche wegen der Monotonie weglassen). Wir können daher induktiv eine wachsende Folge von natürlichen Zahlen definieren durch  n0=0

n1>n0 so, dass xn1xn0ϵ,
n2>n1 so, dass xn2xn1ϵ,

etc. Andererseits gibt es aufgrund des Archimedesaxioms ein  k  mit  kϵ>bx0.  Die Summe der ersten k Differenzen der Teilfolge xnj, j, ergibt

xnkx0=(xnkxnk1)+(xnk1xnk2)++(xn2xn1)+(xn1xn0)kϵ>bx0.

  Dies impliziert  xnk>b  im Widerspruch zur Voraussetzung, dass b eine obere Schranke der Folge ist.



Beweis

Siehe Aufgabe 45.10.



Lemma  

Es sei K ein angeordneter Körper. Es seien (xn)n und (yn)n Cauchy-Folgen in K.

Dann sind auch die Summe und das Produkt der beiden Folgen wieder eine Cauchy-Folge.

Beweis  

Zum Beweis der Summeneigenschaft sei  ϵ>0  vorgegeben. Aufgrund der Cauchy-Eigenschaft gibt es natürliche Zahlen N1 und N2 mit

|xmxn|ϵ2 für m,nN1 und |ymyn|ϵ2 für m,nN2.

Diese Abschätzungen gelten dann auch für

m,nN:=max{N1,N2}.

Für diese Indizes gilt somit

|xm+ym(xn+yn)|=|xmxn+ymyn||xmxn|+|ymyn|ϵ2+ϵ2=ϵ.

Zum Beweis der Produkteigenschaft sei  ϵ>0  vorgegeben. Die beiden Cauchy-Folgen sind nach Lemma 45.8 insbesondere beschränkt und daher existiert ein  D>0  mit

|xn|,|yn|D

für alle  n.  Aufgrund der Cauchy-Eigenschaft gibt es natürliche Zahlen N1 und N2 mit

|xmxn|ϵ2D für m,nN1 und |ymyn|ϵ2D für m,nN2.

Diese Abschätzungen gelten dann auch für  m,nN:=max{N1,N2}.  Für diese Indizes gilt daher

|xmymxnyn|=|xmymxmyn+xmynxnyn||xmymxmyn|+|xmynxnyn|=|xm||ymyn|+|yn||xmxn|Dϵ2D+Dϵ2D=ϵ.


Wenn eine Folge in K konvergiert, so ist der Grenzwert 0 oder positiv oder negativ. Wenn der Grenzwert positiv ist, so können zwar am Anfang der Folge auch negative Folgeglieder auftreten, ab einem bestimmten n0 müssen aber alle Folgenglieder positiv sein, und zwar mindestens so groß wie die Hälfte des Grenzwertes. Eine entsprechende Einteilung gilt auch für Cauchy-Folgen, wie das folgende Lemma zeigt, das grundlegend für die (später einzuführende) Ordnung auf den reellen Zahlen ist.


Lemma  

Es sei K ein angeordneter Körper und es sei (xn)n eine Cauchy-Folge in K. Dann gibt es die drei folgenden Alternativen.

  1. Die Folge ist eine Nullfolge.
  2. Es gibt eine positive Zahl δ derart, dass ab einem gewissen n0 die Abschätzung
    xnδ

    für alle  nn0  gilt.

  3. Es gibt eine positive Zahl δ derart, dass ab einem gewissen n0 die Abschätzung
    xnδ

    für alle  nn0  gilt.

Beweis  

Es sei die Folge keine Nullfolge. Dann gibt es ein  ϵ>0  derart, dass es unendlich viele Folgenglieder mit

|xn|>ϵ

gibt. Dann gibt es auch unendlich viele Folgenglieder mit

xn>ϵ

oder mit

xn<ϵ.

Nehmen wir das erste an. Wegen der Cauchy-Eigenschaft für ϵ2 gibt es ein n0 derart, dass

|xmxn|ϵ2

für alle  m,nn0  gilt. Wenn man die beiden Aussagen verbindet, so gilt für  mn0  und einem xn mit

xn>ϵ

unter Verwendung von Lemma 24.7  (8) die Abschätzung

xm=xn+xmxnxn|xmxn|ϵϵ2=ϵ2.

Dieses wählen wir als δ.



Lemma  

Es sei (xn)n eine Cauchy-Folge in einem angeordneten Körper mit der Eigenschaft, dass es ein  a>0  und ein n0 derart gibt, dass für alle  nn0  die Abschätzung

xna

gilt.

Dann ist auch die durch (für n hinreichend groß)

yn=(xn)1

gegebene inverse Folge eine Cauchy-Folge.

Beweis  

Sei  ϵ>0  vorgegeben. Wegen der Cauchy-Eigenschaft von (xn)n gibt es ein n1 mit

|xmxn|ϵa2

für alle  m,nn1.  Dann gilt für alle  m,nN:=max{n0,n1}  die Abschätzung

|ymyn|=|1xm1xn|=|xnxmxmxn|=1|xm||xn||xmxn|1a2ϵa2=ϵ.



Das Vollständigkeitsaxiom

Ein angeordneter Körper K heißt vollständig oder vollständig angeordnet, wenn jede Cauchy-Folge in K konvergiert (also in K einen Grenzwert besitzt).


Die reellen Zahlen sind ein vollständiger archimedisch angeordneter Körper.

Damit haben wir alle Axiome der reellen Zahlen zusammengetragen: die Körperaxiome, die Anordnungsaxiome und das Vollständigkeitsaxiom. Alle weiteren Eigenschaften werden wir daraus ableiten. Diese Eigenschaften legen die reellen Zahlen eindeutig fest, d.h. wenn es zwei Modelle 1 und 2 gibt, die beide für sich genommen diese Axiome erfüllen, so kann man eine bijektive Abbildung von 1 nach 2 angeben, die alle mathematischen Strukturen erhält (sowas nennt man einen „Isomorphismus“, siehe Satz 47.1).

Die Existenz der reellen Zahlen ist nicht trivial. Vom naiven Standpunkt her kann man die Vorstellung einer „kontinuierlichen lückenfreien Zahlengerade“ zugrunde legen, und dies als Existenznachweis akzeptieren. In einer strengeren mengentheoretischen Begründung der Existenz geht man von aus und konstruiert die reellen Zahlen als die Menge der Cauchy-Folgen in mit einer geeigneten Identifizierung. Dies werden wir in der nächsten Vorlesung durchführen.

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Arbeitsblatt zur Vorlesung (PDF)