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Kurs:Mathematik für Anwender (Osnabrück 2019-2020)/Teil II/Vorlesung 36

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Vorli lässt sich gerne knuddeln. Dabei räkelt sie sich in alle Himmelsrichtungen und hinterher weiß niemand mehr, wo vorne und hinten ist.

Ein metrischer Raum ist dadurch ausgezeichnet, dass es in ihm eine Abstandsfunktion gibt, und dass dadurch zwei Punkte „näher“ zueinander liegen können als zwei andere Punkte. Bei einer Abbildung

f:LM

zwischen zwei metrischen Räumen kann man sich fragen, inwiefern der Abstand im Werteraum M durch den Abstand im Definitionsraum L kontrollierbar ist. Sei  xL  und  y=f(x)  der Bildpunkt. Man möchte, dass für Punkte x, die „nahe“ an x sind, auch die Bildpunkte f(x) „nahe“ an f(x) sind. Um diese intuitive Vorstellung zu präzisieren, sei ein  ϵ>0  vorgegeben. Dieses ϵ repräsentiert eine „gewünschte Zielgenauigkeit“ (oder „Zieltoleranz“). Die Frage ist dann, ob man ein  δ>0  finden kann (eine „Startgenauigkeit“ oder „Starttoleranz“) mit der Eigenschaft, dass für alle x mit  d(x,x)δ  die Beziehung  d(f(x),f(x))ϵ  gilt. Dies führt zum Begriff der stetigen Abbildung.



Stetige Abbildungen zwischen metrischen Räumen

Es seien (L,d1) und (M,d2) metrische Räume,

f:LM

eine Abbildung und  xL.  Die Abbildung f heißt stetig in x, wenn für jedes  ϵ>0  ein  δ>0  derart existiert, dass

f(B(x,δ))B(f(x),ϵ)

gilt. Die Abbildung f heißt stetig, wenn sie stetig in x für jedes  xL  ist.

Statt mit den abgeschlossenen Ballumgebungen könnte man hier genauso gut mit den offenen Ballumgebungen arbeiten. Die einfachsten Beispiele für stetige Abbildungen sind konstante Abbildungen, die Identität eines metrischen Raumes und die Inklusion  TM  einer mit der induzierten Metrik versehenen Teilmenge eines metrischen Raumes. Siehe dazu die Aufgaben. Bei  L=M=  stimmt diese Definition mit der bisherigen überein.


Der folgende Satz heißt Folgenkriterium und ist eine direkte Verallgemeinerung von Lemma 10.4.



Lemma  

Es sei

f:LM,xf(x),

eine Abbildung zwischen den metrischen Räumen L und M und sei  xL  ein Punkt. Dann sind folgende Aussagen äquivalent.

  1. f ist stetig im Punkt x.
  2. Für jedes  ϵ>0  gibt es ein  δ>0  mit der Eigenschaft, dass aus  d(x,x)δ  folgt, dass
    d(f(x),f(x))ϵ

    ist.

  3. Für jede konvergente Folge (xn)n in L mit  limnxn=x  ist auch die Bildfolge (f(xn))n konvergent mit dem Grenzwert f(x).

Beweis  

Die Äquivalenz von (1) und (2) ist klar.
Es sei nun (2) erfüllt und sei (xn)n eine Folge in L, die gegen x konvergiert. Wir müssen zeigen, dass  limnf(xn)=f(x)  ist. Dazu sei  ϵ>0  gegeben. Wegen (2) gibt es ein δ mit der angegebenen Eigenschaft und wegen der Konvergenz von (xn)n gegen x gibt es eine natürliche Zahl n0 derart, dass für alle  nn0  die Abschätzung

d(xn,x)δ

gilt. Nach der Wahl von δ ist dann

d(f(xn),f(x))ϵ für alle nn0,
sodass die Bildfolge gegen f(x) konvergiert.

Es sei (3) erfüllt und  ϵ>0  vorgegeben.  Wir nehmen an, dass es für alle  δ>0  Elemente  zL  gibt, deren Abstand zu x maximal gleich δ ist, deren Wert f(z) unter der Abbildung aber zu f(x) einen Abstand größer als ϵ besitzt. Dies gilt dann insbesondere für die Stammbrüche δ=1/n, n. D.h. für jede natürliche Zahl n gibt es ein  xnL  mit

d(xn,x)1n und mit d(f(xn),f(x))>ϵ.

Diese so konstruierte Folge (xn)n konvergiert gegen x, aber die Bildfolge konvergiert nicht gegen f(x), da der Abstand der Bildfolgenwerte zu f(x) zumindest ϵ ist. Dies ist ein Widerspruch zu (3).



Satz  

Es sei

f:LM,xf(x),

eine Abbildung zwischen den metrischen Räumen L und M. Dann sind folgende Aussagen äquivalent.

  1. f ist stetig in jedem Punkt  xL
  2. Für jeden Punkt  xL  und jedes  ϵ>0  gibt es ein  δ>0  mit der Eigenschaft, dass aus  d(x,x)δ  folgt, dass  d(f(x),f(x))ϵ  ist.
  3. Für jeden Punkt  xL  und jede konvergente Folge (xn)n in L mit  limnxn=x  ist auch die Bildfolge (f(xn))n konvergent mit dem Grenzwert f(x).
  4. Für jede offene Menge  VM  ist auch das Urbild f1(V)={xLf(x)V} offen.

Beweis  

Die Äquivalenz der ersten drei Formulierungen folgt direkt aus Lemma 36.2.
Es sei (1) erfüllt und eine offene Menge  VM  gegeben mit dem Urbild  U:=f1(V).  Sei  xU  ein Punkt mit dem Bildpunkt  y=f(x)V.  Da V offen ist, gibt es nach Definition ein  ϵ>0  mit  U(y,ϵ)V.  Nach (2) gibt es ein  δ>0  mit  f(U(x,δ))U(y,ϵ).  Daher ist

xU(x,δ)U

und wir haben eine offene Ballumgebung von x innerhalb des Urbilds gefunden. Deshalb ist U offen.
Es sei (4) erfüllt und  xL  mit  y=f(x)  und  ϵ>0  vorgegeben. Da der offene Ball U(y,ϵ) offen ist, ist wegen (4) auch das Urbild f1(U(y,ϵ)) offen. Da x zu dieser Menge gehört, gibt es ein  δ>0  mit

U(x,δ)f1(U(y,ϵ)),

sodass (1) erfüllt ist.



Lemma  

Es seien L,M,N metrische Räume und seien

f:LM und g:MN

stetige Abbildungen.

Dann ist auch die Hintereinanderschaltung

gf:LN,xg(f(x)),

stetig.

Beweis  

Dies folgt am einfachsten aus der Charakterisierung von stetig mit offenen Mengen, siehe Satz 36.3.




Verknüpfungen und stetige Abbildungen

Wir verwenden das Symbol 𝕂 als gemeinsame Bezeichnung für und . Wegen  =2  existiert auf eine Metrik, die durch den komplexen Betrag gegeben ist.



Lemma  

Die Negation

𝕂𝕂,xx,

und die Inversenbildung

𝕂{0}𝕂{0},xx1,

sind stetig.

Beweis  

Die erste Aussage folgt direkt aus

|x(y)|=|x+y|.

Zur zweiten Aussage sei  x0  und  ϵ>0  vorgegeben. Es sei  b=|x|>0.  Wir setzen  δ=min(b2ϵ2,b2).  Dann gilt für jedes y mit  |xy|δ  die Abschätzung (wegen |y|b/2)

|x1y1|=|yxxy|=|yx||x||y|b2ϵ/2b2/2=ϵ.



Die Addition

𝕂×𝕂𝕂,(x,y)x+y,

und die Multiplikation

𝕂×𝕂𝕂,(x,y)xy,

sind stetig.

Beweis

Siehe Aufgabe 36.7.



Lemma  

Es sei (M,d) ein metrischer Raum und seien Funktionen

fi:M𝕂

(für i=1,,m) gegeben mit der zusammengesetzten Abbildung

f:M𝕂m,x(f1(x),,fm(x)).

Dann ist f genau dann stetig, wenn alle Komponentenfunktionen fi stetig sind.

Beweis  

Es genügt, diese Aussage für  𝕂=  zu zeigen. Dafür folgt sie direkt aus Lemma 35.13 unter Verwendung von Lemma 36.2.


Wir betrachten die trigonometrische Parametrisierung des Einheitskreises,[1] also die Abbildung

f:2,tf(t)=(cost,sint).

Einer reellen Zahl t (im Bogenmaß) wird dabei der zugehörige Punkt auf dem Einheitskreis

S1={(x,y)2x2+y2=1}

zugeordnet. Diese Abbildung ist periodisch mit der Periode 2π. Sie ist stetig, da die trigonometrischen Funktionen Sinus und Kosinus nach Satz 12.2 stetig sind und daraus nach Lemma 36.7 die Stetigkeit der Gesamtabbildung folgt.




Lemma  

Es sei M ein metrischer Raum und seien

f,g:M𝕂

stetige Funktionen.

Dann sind auch die Funktionen

f+g:M𝕂,xf(x)+g(x),
fg:M𝕂,xf(x)g(x),
fg:M𝕂,xf(x)g(x),
stetig. Für eine Teilmenge

 UM,  auf der g keine Nullstelle besitzt, ist auch die Funktion

f/g:U𝕂,xf(x)/g(x),
stetig.

Beweis  

Wir betrachten Abbildungsdiagramme der Form

Mf,g𝕂×𝕂+𝕂.

Die Abbildung links ist stetig aufgrund von Lemma 36.7. Die rechte Abbildung ist stetig aufgrund von Lemma 36.6. Daher ist wegen Lemma 36.4 auch die Gesamtabbildung stetig. Die Gesamtabbildung ist aber die Addition der beiden Funktionen. Für die Multiplikation verläuft der Beweis gleich, für die Negation und die Division muss man zusätzlich Lemma 36.5 heranziehen und (für die Division) das Diagramm

Uf,g1𝕂×𝕂𝕂

betrachten.



Satz  

Es sei 𝕂n mit der euklidischen Metrik versehen und sei

φ:𝕂n𝕂m

eine lineare Abbildung.

Dann ist φ stetig.

Beweis  

Eine komplex-lineare Abbildung ist auch reell-linear, und die euklidische Metrik hängt nur von der reellen Struktur ab. Wir können also  𝕂=  annehmen. Aufgrund von Lemma 36.7 können wir  m=1  annehmen. Die Abbildung sei durch

φ:n,(x1,,xn)i=1naixi,

mit  ai  gegeben. Die Nullabbildung ist konstant und daher stetig, also sei  a=max(|ai|,i=1,,n)>0.  Es sei  xn  und ein  ϵ>0  vorgegeben. Für alle  yn  mit  d(x,y)ϵna  ist insbesondere  |xiyi|ϵna  für alle i und daher ist

d(φ(x),φ(y))=|i=1naixii=1naiyi|=|i=1nai(xiyi)|i=1n|ai(xiyi)|naϵnaϵ.



Polynome in mehreren Variablen

Wir haben schon Polynome in einer Variablen verwendet. Ein Polynom in den zwei Variablen x und y ist z.B.

5+3x+7y+4x2xy2y2+4x36x2y+5xy211y3+8x46x2y2+xy3,

es ist also eine endliche Summe aus Variablenprodukten xiyj mit zugehörigen Koeffizienten. Die folgende präzise Definition verwendet eine Multiindex-Schreibweise, um Polynomfunktionen in beliebig (endlich) vielen Variablen einzuführen. Dabei steht ein Index ν für ein Tupel

ν=(ν1,,νn)n

und für Variablen x1,,xn verwendet man die Schreibweise

xν=x1ν1xnνn.

Ein solcher Ausdruck heißt ein Monom in den Variablen x1,,xn.


Eine Funktion

f:𝕂n𝕂,(x1,,xn)f(x1,,xn),

die man als eine Summe der Form

f(x1,,xn)=νnaνxν=νnaνx1ν1x2ν2xnνn

mit  aν𝕂  schreiben kann, wobei nur endlich viele  aν0  sind, heißt polynomiale Funktion.

Ein Polynom ist also eine endliche Summe aus mit Konstanten multiplizierten Monomen. Diese Konstanten nennt man die Koeffizienten des Polynoms. Beim eingangs erwähnten Beispiel ist a0,0=5,a1,0=3,a2,1=6,a3,1=0, u.s.w. Ein Beispiel in den drei Variablen x,y,z ist

2+6x4y3z+5x2+y22z2xy4xz+3yz+7x3+4y35z3x2y+5xy211xz2+4x2y+8y2z+3yz2+5xyz+17x3y6z5.

Machen wir uns die Wirkungsweise eines Polynoms f in den Variablen x1,,xn als Funktion

𝕂n𝕂

klar. An einer Stelle  b=(b1,,bn)𝕂n  ergibt sich f(b) einfach dadurch, dass man für die Variable xi überall die Zahl bi einsetzt und alles in 𝕂 ausrechnet. Die Variable xi ist somit einfach die i-te Projektion

𝕂n𝕂,(b1,,bn)bi.

Zumeist benennt man die Koordinaten einfach wieder mit xi. Die Summe und die Produkte von polynomialen Funktionen sind wieder polynomial, und zwar ergibt sich die Summe einfach dadurch, dass man monomweise addiert, und das Produkt dadurch, dass man distributiv ausmultipliziert. Auch wenn man Polynome in andere Polynome einsetzt, ergibt sich wieder ein Polynom.




Satz  

Eine polynomiale Funktion

f:𝕂n𝕂

ist stetig.

Beweis  

Die einzelnen Variablen xi repräsentieren die i-te lineare Projektion

(x1,,xn)xi.

Nach Satz 36.10 sind diese stetig. Aufgrund von Lemma 36.9 sind dann auch die monomialen Funktionen

x1ν1x2ν2xnνn:𝕂n𝕂

stetig und damit aus dem gleichen Grund überhaupt alle polynomialen Funktionen.




Fußnoten
  1. Eine Abbildung IM, wobei I ein reelles Intervall ist, deren Bild gleich einer „Kurve“ CM ist, nennt man eine Parametrisierung von C.


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