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Kurs:Analysis (Osnabrück 2014-2016)/Teil II/Vorlesung 32

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Die Fakultätsfunktion
t2et
tet
t12et
et
t12et
t1et


Die Fakultät einer natürlichen Zahl n ist  n!=(n1)(n2)321.  Dabei gilt die rekursive Beziehung  n!=n((n1)!).  Gibt es eine Möglichkeit, diese für die natürlichen Zahlen definierte Funktion auf 0 durch eine differenzierbare Funktion f fortzusetzen? Ist es sogar möglich, dass dabei die Beziehung  f(x)=xf(x1)  für jedes x gilt? Wir werden mit Hilfe von uneigentlichen Integralen zeigen, dass dies in der Tat möglich ist.


Es sei  x>1.  Wir betrachten die Funktion

+,ttxet.

Wir behaupten, dass das uneigentliche Integral

0txetdt

existiert. Für den rechten Rand (also ) betrachten wir eine natürliche Zahl  nx.  Da die Exponentialfunktion schneller wächst als jede Polynomfunktion (siehe Aufgabe 15.15), gibt es ein  a+  derart, dass  tnet21  für alle  ta  gilt. Daher ist

abtxetdtabtnetdt=abtnet2et2dtabet2dt=2(ea2eb2)2ea2.

Für b wächst das linke Integral und ist durch 2ea2 beschränkt, sodass der Grenzwert existiert. Für das Verhalten am linken Rand (das nur bei 1<x0 problematisch ist) müssen wir wegen  et1  nach Lemma 31.4 nur 01txdt betrachten. Eine Stammfunktion davon ist 1x+1tx+1, deren Exponent positiv ist, sodass der Limes für t0 existiert.


Das uneigentliche Integral

0txetdt

existiert also für x, x>1. Dies ist der Ausgangspunkt für die Definition der Fakultätsfunktion.


Für x, x>1, heißt die Funktion

xFak(x):=0txetdt

die Fakultätsfunktion.

Die für  x>0  durch

Γ(x):=Fak(x1)=0tx1etdt

definierte Funktion heißt Gammafunktion, mit der häufiger gearbeitet wird. Mit der Fakultätsfunktion werden aber die Formeln etwas schöner und insbesondere wird der Zusammenhang zur Fakultät, der in der folgenden Aussage aufgezeigt wird, deutlicher.



Satz  

Die Fakultätsfunktion besitzt die folgenden Eigenschaften.

  1. Es ist  Fak(x)=xFak(x1)  für  x>0
  2. Es ist  Fak(0)=1
  3. Es ist  Fak(n)=n!  für natürliche Zahlen  n
  4. Es ist  Fak(12)=π

Beweis  

(1) Mittels partieller Integration ergibt sich (für reelle Zahlen ba>0 bei fixiertem x>0)

abtxetdt=txet|ab+abxtx1etdt=bxeb+axea+xabtx1etdt.

Für b geht bxeb0 und für a0 geht axea0 (da x positiv ist). Wendet man auf beide Seiten diese Grenzwertprozesse an, so erhält man  Fak(x)=xFak(x1)
(2). Es ist

Fak(0)=0etdt=et|0=1.

(3) folgt aus (1) und (2) durch Induktion.
(4). Es ist

Fak(12)=0t12etdt=20es2ds=es2ds=π.

Dies ergibt sich mit der Substitution  t=s2  und dem sogenannten Fehlerintegral.

Die Fakultätsfunktion ist auch stetig und differenzierbar, was wir aber nicht beweisen werden.



Euklidische Vektorräume

Wir beginnen nun mit der höherdimensionalen Analysis. Dazu müssen wir zunächst die topologischen Grundbegriffe (Abstand, Folgen, Stetigkeit, Grenzwerte) auf den n erweitern. Wir beginnen mit Vektorräumen mit einem Skalarprodukt.

Im Anschauungsraum kann man nicht nur Vektoren addieren und skalieren, sondern ein Vektor hat auch eine Länge, und die Lagebeziehung von zwei Vektoren zueinander wird durch den Winkel zwischen ihnen ausgedrückt. Länge und Winkel werden beide durch den Begriff des Skalarprodukts präzisiert. Dafür muss ein reeller Vektorraum oder ein komplexer Vektorräume vorliegen.


Es sei V ein reeller Vektorraum. Ein Skalarprodukt auf V ist eine Abbildung

V×V,(v,w)v,w,

mit folgenden Eigenschaften:

  1. Es ist
    λ1x1+λ2x2,y=λ1x1,y+λ2x2,y

    für alle  λ1,λ2,   x1,x2V  und ebenso in der zweiten Komponente.

  2. Es ist
    v,w=w,v

    für alle  v,wV

  3. Es ist  v,v0  für alle  vV  und  v,v=0  genau dann, wenn  v=0  ist.

Die dabei auftretenden Eigenschaften heißen Bilinearität, Symmetrie und positive Definitheit.


Auf dem n ist die Abbildung

n×n,(v,w)=((v1,,vn),(w1,,wn))i=1nviwi,

ein Skalarprodukt, das man das Standardskalarprodukt nennt. Einfache Rechnungen zeigen, dass dies in der Tat ein Skalarprodukt ist.


Beispielsweise ist im 3 mit dem Standardskalarprodukt

(352),(146)=3(1)54+26=11.

Ein reeller, endlichdimensionaler Vektorraum, der mit einem Skalarprodukt versehen ist, heißt euklidischer Vektorraum.

Zu einem euklidischen Vektorraum V ist jeder Untervektorraum  UV  selbst wieder ein euklidischer Vektorraum, da man das Skalarprodukt auf U einschränken kann und dabei die definierenden Eigenschaften erhalten bleiben.

Im komplexen Fall sieht die Definition etwas anders aus. Es liegt keine Bilinearität und keine Symmetrie im strengen Sinne vor, sondern nur bis auf komplexe Konjugation. Diese Variante ist nötig, um die positive Definitheit zu sichern, auf der der Abstandsbegriff beruht.


Es sei V ein komplexer Vektorraum. Ein Skalarprodukt auf V ist eine Abbildung

V×V,(v,w)v,w,

mit folgenden Eigenschaften:

  1. Es ist
    λ1x1+λ2x2,y=λ1x1,y+λ2x2,y

    für alle  λ1,λ2,   x1,x2,yV  und

    x,λ1y1+λ2y2=λ1x,y1+λ2x,y2

    für alle  λ1,λ2,   x,y1,y2V

  2. Es ist
    v,w=w,v

    für alle  v,wV

  3. Es ist  v,v0  für alle  vV  und  v,v=0  genau dann, wenn  v=0  ist.

Das auf dem n durch

u,v:=i=1nuivi

gegebene Skalarprodukt heißt (komplexes) Standardskalarprodukt.

Wir werden die beiden Fälle parallel behandeln. Wenn man zu einem komplexen Vektorraum mit einem Skalarprodukt , den zugrunde liegenden reellen Vektorraum betrachten, so ist der Realteil des komplexen Skalarprodukts ein reelles Skalarprodukt, siehe Aufgabe 32.8. Daher kann man sich bei Abstandsfragen auf den reellen Fall konzentrieren.



Norm und Abstand

Mit einem Skalarprodukt kann man die Länge eines Vektors und damit auch den Abstand zwischen zwei Vektoren erklären.


Es sei V ein Vektorraum über 𝕂 mit einem Skalarprodukt ,. Dann nennt man zu einem Vektor  vV  die reelle Zahl

v=v,v

die Norm von v.



Satz  

Es sei V ein Vektorraum über 𝕂 mit einem Skalarprodukt , und der zugehörigen Norm .

Dann gilt die Cauchy-Schwarzsche Abschätzung, nämlich

|v,w|vw

für alle  v,wV

Beweis  

Bei  w=0  ist die Aussage richtig. Es sei also  w0  und damit auch  w0.  Damit hat man die Abschätzungen

0vv,ww2w,vv,ww2w=v,vv,ww2w,vv,ww2v,w+v,wv,ww4w,w=v,vv,ww2v,wv,ww2v,w+v,wv,ww2=v,vv,wv,ww2=v,v|v,w|2w2.

Multiplikation mit w2 und Wurzelziehen ergibt das Resultat.


Für von 0 verschiedene Vektoren v und w in einem euklidischen Vektorraum V folgt aus der der Ungleichung von Cauchy-Schwarz, dass

1v,wvw1

ist. Damit kann man mit Hilfe der trigonometrischen Funktion Kosinus (als bijektive Abbildung [0,π][1,1]) bzw. der Umkehrfunktion den Winkel zwischen den beiden Vektoren definieren, nämlich durch

(v,w):=arccosv,wvw.

Der Winkel ist also eine reelle Zahl zwischen 0 und π. Die obige Gleichung kann man auch als

v,w=vwcos((v,w))

schreiben, was die Möglichkeit eröffnet, das Skalarprodukt in dieser Weise zu definieren. Allerdings muss man dann für den Winkel eine unabhängige Definition finden. Dieser Zugang ist etwas intuitiver, hat aber rechnerisch und beweistechnisch viele Nachteile.




Lemma  

Es sei V ein Vektorraum über 𝕂 mit einem Skalarprodukt ,. Dann gelten für die zugehörige Norm folgende Eigenschaften.

  1. Es ist  v0
  2. Es ist  v=0  genau dann, wenn  v=0  ist.
  3. Für  λ𝕂  und  vV  gilt
    λv=|λ|v.
  4. Für  v,wV  gilt
    v+wv+w.

Beweis  

Die ersten beiden Eigenschaften folgen direkt aus der Definition des Skalarprodukts.
Die Multiplikativität folgt aus

λv2=λv,λv=λv,λv=λλv,v=|λ|2v2.

Zum Beweis der Dreiecksungleichung schreiben wir

v+w2=v+w,v+w=v2+w2+v,w+v,w=v2+w2+2Re(v,w)v2+w2+2|v,w|.

Aufgrund von Satz 32.10 ist dies (v+w)2. Diese Abschätzung überträgt sich auf die Quadratwurzeln.


Die folgende Aussage heißt Polarisationsformel .


Es sei V ein Vektorraum über 𝕂 mit einem Skalarprodukt , und der zugehörigen Norm .

Dann gilt bei  𝕂=  die Beziehung

v,w=12(v+w2v2w2)

und bei  𝕂=  die Beziehung

v,w=14(v+w2vw2+iv+iw2iviw2).

Beweis



Es sei V ein Vektorraum über 𝕂 mit einem Skalarprodukt ,. Zu Vektoren  v,wV  nennt man

d(v,w):=vw

den Abstand zwischen v und w.



Es sei V ein Vektorraum über 𝕂 mit einem Skalarprodukt ,. Dann besitzt der zugehörige Abstand die folgenden Eigenschaften (dabei sind u,v,wV).

  1. Es ist  d(v,w)0
  2. Es ist  d(v,w)=0  genau dann, wenn  v=w
  3. Es ist  d(v,w)=d(w,v)
  4. Es ist
    d(u,w)d(u,v)+d(v,w).

Beweis

Siehe Aufgabe 32.10.

Damit ist ein euklidischer Raum insbesondere ein metrischer Raum, womit wir uns in den nächsten Vorlesungen beschäftigen werden.



Isometrien

Es seien V und W euklidische Vektorräume und sei

φ:VW

eine lineare Abbildung. Dann heißt φ eine Isometrie, wenn für alle v,wV gilt:

φ(v),φ(w)=v,w.



Lemma  

Es seien V und W euklidische Vektorräume und sei

φ:VW

eine lineare Abbildung. Dann sind folgende Aussagen äquivalent.

  1. φ ist eine Isometrie.
  2. Für alle u,vV ist d(φ(u),φ(v))=d(u,v).
  3. Für alle vV ist φ(v)=v.

Beweis  

Die Richtungen (1)(2) und (2)(3) sind Einschränkungen und (3)(1) folgt aus Lemma 32.13.



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