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Kurs:Fundamentalgruppe und Vektorbündel (Osnabrück 2011)/Vorlesung 3

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Zu einem 𝕂-Vektorbündel p:EX auf einem topologischen Raum X und einem stetigen Weg

γ:[0,1]X

mit  γ(0)=x  und einem Punkt  eEx=p1(x)  gibt es im Allgemeinen keine wohldefinierte eindeutige Liftung

γ~:[0,1]E

mit  γ~(0)=e.  Um dies sicherzustellen braucht man eine zusätzliche „horizontale“ oder „parallele Struktur“ auf E, die die „Basisrichtungen“ in x zu Richtungen in e liftet. In dieser Vorlesung besprechen wir im differentialgeometrischen Kontext, wie man Vektorbündel mit linearen Darstellungen der topologischen Fundamentalgruppe von X in Zusammenhang bringen kann.



Zusammenhänge auf Vektorbündeln

Es sei X eine (reell- oder komplex-) differenzierbare Mannigfaltigkeit und

p:EX

ein Vektorbündel über X, das wir ebenfalls als eine differenzierbare Mannigfaltigkeit ansetzen. Die Tangentialabbildung ist eine Abbildung

Tp:TETX

bzw. eine Bündelabbildung

Tp:TEpTX

von Vektorbündeln auf E. Für jeden Punkt  eE  mit Basispunkt  xp(e)  liegt also eine lineare Abbildung

TeETxX

vor. Diese ist natürlich surjektiv: Für eine offene Menge  UM,  über der E trivialisiert, also die Gestalt  E|UU×W  mit einem 𝕂-Vektorraum W hat, ist

T(E|U)=T(U×W)=TU×TW=TU×W×W,

und die Tangentialabbildung ist dabei die Projektion auf TU.

Das Kernbündel des surjektiven Bündelhomomorphismus

TEpTX

heißt Vertikalbündel , das wir mit V bezeichnen. Es liegt also eine kurze exakte Sequenz

0VTEpTX0.

Dabei hat man eine Bündelisomorphie  VpE=EE,  wie ebenfalls aus der lokalen Beschreibung folgt.

Wenn E das triviale Bündel ist, also  E=X×𝕂r,  so gibt es eine direkte Zerlegung  TE=VpTX.  Für jeden Punkt  eE  repräsentieren dann die Tangentialvektoren  tV  die vertikalen Richtungen und  tpTxX  die „horizontalen Richtungen “. Für jedes Vektorbündel kann man lokal mit Hilfe von Trivialisierungen den Tangentialraum TeE in die direkte Summe aus vertikalem Raum und horizontalem Raum zerlegen. Allerdings hängen die horizontalen Unterräume wesentlich von der gewählten Trivialisierung ab und lassen sich nicht ohne Weiteres (im Gegensatz zu den vertikalen Unterräumen, die zusammen das Vertikalbündel bilden) zu einem Unterbündel zusammenfassen. Die Existenz eines solchen Bündels wird durch den Begriff des Zusammenhangs beschrieben.


Es sei X eine differenzierbare Mannigfaltigkeit und E ein (reelles oder komplexes) differenzierbares Vektorbündel auf X. Unter einem Zusammenhang auf E versteht man eine direkte Summenzerlegung des Tangentialbündels  TE=VH  in zwei Untervektorbündel V und H, wobei  VTE  das Vertikalbündel ist. Das Unterbündel  HTE  nennt man das Horizontalbündel.

Gemäß dieser Definition ist also ein Zusammenhang nichts anderes als ein zum Vertikalbündel komplementäres Unterbündel des Tangentialbündels. Es gibt einige inhaltlich äquivalente Beschreibungen eines Zusammenhangs. Ein Zusammenhang ist äquivalent zu einem Bündelhomomorphismus

πV:TEV

mit

πVι=IdV,

wobei ι die Einbettung von V in TE bezeichne. Das horizontale Bündel ist dann der Kern von πV, und umgekehrt liefert die Summenzerlegung eine Projektion auf die beiden Summanden.


Es sei X eine differenzierbare Mannigfaltigkeit und E ein (reelles oder komplexes) differenzierbares Vektorbündel auf X, das mit einem Zusammenhang versehen sei. Es sei Z eine weitere differenzierbare Mannigfaltigkeit und

ψ:ZX

eine differenzierbare Abbildung. Ein differenzierbarer Schnitt

s:ZE

(über ψ) heißt horizontal, wenn für jeden Punkt  zZ  das Bild T(s)(TzZ) ganz im Horizontalbündel  Hs(z)Ts(z)E  enthalten ist.


Es sei X eine differenzierbare Mannigfaltigkeit und E ein (reelles oder komplexes) differenzierbares Vektorbündel auf X, das mit einem Zusammenhang versehen sei. Unter der vertikalen Ableitung versteht man die Abbildung

:C1(E)C0(ETX),s(s)=πVT(s).

Zu einem differenzierbaren Schnitt s in E (über X oder einer beliebigen offenen Teilmenge U) wird also die Abbildung

TXT(s)TEπVVpEE

zugeordnet, wobei wir  Hom(TX,E)ETX  auffassen.

Wenn zusätzlich ein Vektorfeld F auf X, also ein Schnitt XTX im Tangentialbündel gegeben ist, so erhält man die Abbildung

F:C1(E)C0(E),sF(s)=(s)F,

die man die vertikale Ableitung in Richtung F nennt. Man beachte, dass dabei die Abhängigkeit vom Vektorfeld F nur punktweise ist, die Abhängigkeit von s aber infinitesimal ist, da die Tangentialabbildung T(s) eingeht.


Es sei X eine differenzierbare Mannigfaltigkeit und E ein (reelles oder komplexes) differenzierbares Vektorbündel auf X, das mit einem Zusammenhang versehen sei. Der Zusammenhang heißt linear, wenn die zugehörige vertikale Ableitung

:C1(E)C0(ETX),s(s),

-linear ist (auf jeder offenen Menge).

Man beachte, dass dies nicht bedeutet, dass dieser Abbildung ein Bündelhomomorphismus zugrunde liegt bzw. ein 𝒪X-Modul-Homomorphismus vorliegt. Die Abbildung ist nicht mit der Multiplikation der Schnitte mit Funktionen verträglich, sondern lediglich mit der Addition und Skalarmultiplikation mit Konstanten. Stattdessen gilt die folgende Leibnizregel .



Satz  

Es sei X eine differenzierbare Mannigfaltigkeit und E ein (reelles oder komplexes) differenzierbares Vektorbündel auf X, das mit einem linearen Zusammenhang versehen sei.

Dann erfüllt die zugehörige vertikale Ableitung

:C1(E)C0(ETX),s(s),

die Leibnizregel, d.h. für jeden differenzierbaren Schnitt s in E und jede differenzierbare Funktion f (die beide auf einer offenen Menge UX definiert sind) gilt

(fs)=sdf+f(s).

Beweis  

Beide Seiten sind lokal in X, wir können also annehmen, dass  E=X×W  ein triviales Bündel (mit einem 𝕂-Vektorraum W) ist. Es seien s1,,sr konstante Basisschnitte von E, d.h. si ist konstant gleich einem Vektor  wiW,  und diese Vektoren bilden eine Basis von W. Wenn die Gleichheit für diese si (und beliebige f) gezeigt ist, so folgt sie allgemein. Man kann jeden Schnitt s in E eindeutig als  s=i=1rgisi  mit Koeffizientenfunktionen gi schreiben. Damit gilt unter Verwendung der 𝕂-Linearität der beiden Seiten und der Leibnizregel für die konstanten Schnitte die Beziehung

(fs)=(fi=1rgisi)=(i=1r(fgi)si)=i=1r((fgi)si)=i=1r(sid(fgi)+fgisi)=i=1rsi(gidf+fdgi)+i=1rfgisi=i=1r(gisidf)+i=1r(sifdgi+fgisi)=(i=1rgisi)df+fi=1r(sidgi+gisi)=sdf+fi=1r(gisi)=sdf+fs.

Es sei also nun s ein Schnitt, der konstant gleich w ist. Es sei  xX.  Wegen  (fs)=((ff(x))s)+f(x)s  können wir weiter annehmen, dass  f(x)=0  ist. Dann ist  (fs)(x)=0  und wir müssen nur noch den vorderen Summanden betrachten. Der Tangentialraum von  E=X×W  in (x,0) ist gleich (TxX×0)(0×W), und da der Nullschnitt horizontal ist, ist diese Zerlegung auch die Zerlegung in Horizontal- und Vertikalraum. Die vertikale Ableitung (fs) im Punkt x ist die Gesamtabbildung

TxXT(fs)T(x,0)(X×W)πW,
und da s konstant ist, ist dies gleich sdf.


Man kann umgekehrt durch eine Ableitungsvorschrift, die die Leibnizregel erfüllt, einen linearen Zusammenhang angeben. Ein solcher Ableitungsformalismus und eine lineare Summenzerlegung des Tangentialbündels des Vektorbündels sind also im Wesentlichen äquivalente Konzepte.


Auf dem trivialen Bündel

p:X×W=WXX

ergibt sich die kurze exakte Sequenz

0p(X×W)=X×W×WpT(X×W)=TX×W×WpTX=TX×W0

von Vektorbündeln über X×W (aufgeschrieben sind die Totalräume). Die Produkte werden dabei absolut genommen, wobei links die Identifizierung  (X×W)×X(X×W)=X×W×W  und rechts die Identifizierung  TX×X(X×W)=TX×W  vorgenommen wurde. Zu einem Punkt  (x,w)X×W  gehört die exakte Sequenz der Fasern, also

0WTxX×WTxX0.

Die zur trivialen Spaltung gehörige vertikale Ableitung ist einfach die Standardableitung: einem Schnitt s in W, der bezüglich einer Basis durch die r Komponentenfunktionen (f1,,fr) repräsentiert wird, wird die Ableitung

st(s)=(df1,,dfr)C0(WTX)

zugeordnet, also einfach das Tupel der einzelnen Differentiale zu den Komponentenfunktionen.

Es gibt aber auch andere Spaltungen der Sequenz und damit auch andere vertikale Ableitungen. Eine r×r-Matrix M, deren Einträge 1-Differentialformen ωij sind, liefert die vertikale Ableitung

(f1,,fr)=(df1+j=1rfjω1j,,dfr+j=1rfjωrj).

Zu einer offenen Menge  UX  bezeichnen wir zu einem Vektorbündel E mit einem linearen Zusammenhang den Raum der horizontalen Schnitte mit H(,U). Es ist also

H(,U)={sC1(U,E)(s)=0}.

Es handelt sich dabei um eine „sehr kleine“ Auswahl von Schnitten, wie das folgende Lemma zeigt und wie schon bei einem trivialen Vektorbündel (auch vom Rang 1) deutlich wird. Man spricht von lokal-konstanten Garben oder von lokalen Systemen.


Lemma  

Es sei X eine differenzierbare Mannigfaltigkeit und E ein (reelles oder komplexes) differenzierbares Vektorbündel vom Rang r auf X, das mit einem linearen Zusammenhang versehen sei.

Dann ist für jede zusammenhängende offene Teilmenge  UX  die Menge der horizontalen Schnitte H(,U) ein 𝕂-Untervektorraum von C1(U,E) der Dimension r.

Beweis  

Es seien s1,,sr linear unabhängige horizontale Schnitte auf U. Es sei s ein weiterer differenzierbarer horizontaler Schnitt. Man kann s eindeutig als  s=i=1rgisi  mit Funktionen

gi:U𝕂

schreiben. Somit ist nach Satz 25.5 (Differentialgeometrie (Osnabrück 2023))

0=s=(i=1rgisi)=i=1r(gisi)=i=1rsidgi.

Auf jeder kleineren offenen Menge, die zu  U𝕂n  diffeomorph ist, kann man dies unter Verwendung von Koordinaten x1,,xn als i=1rgixj(sidxj) schreiben. Die sidxj bilden (über dieser offenen Menge) eine Basis von E|UTU und daher muss  gixj=0  sein. Also sind die gi konstant (dies gilt wegen zusammenhängend auch auf U) und somit ist s eine 𝕂-Linearkombination der si.


Wenn es global (also über X) r linear unabhängige horizontale Schnitte gibt, so ist das Vektorbündel trivial.



Liftungseigenschaften von Bündeln mit Zusammenhängen

Ein Zusammenhang auf einem Vektorbündel p:EX erlaubt es unter Umständen, ähnlich wie bei Überlagerungen, zu einer gegebenen Abbildung

ψ:ZX

in die Basismannigfaltigkeit X eine eindeutige horizontale Liftung

ψ~:ZE

anzugeben, sobald der Wert an einem einzigen Punkt vorgegeben ist. Dies gilt insbesondere für Intervalle Z=I bzw.  Z=S1,  also für geschlossene Wege.



Es sei X eine differenzierbare Mannigfaltigkeit und E ein (reelles oder komplexes) differenzierbares Vektorbündel auf X, das mit einem Zusammenhang versehen sei. Es sei I ein Intervall,

γ:IX

ein differenzierbarer Weg,  tI  ein Punkt und  eEγ(t)  ein Punkt in der Faser über γ(t).

Dann gibt es ein offenes Teilintervall JI, tJ, und eine horizontale Liftung

γ~:JE

mit  γ~(t)=e


Diese Aussage ist in zweierlei Hinsicht unbefriedigend. Einerseits ist die Liftung nicht auf dem gesamten Intervall definiert, es liegt ein „Entweichungsphänomen“ vor (der Zusammenhang muss nicht „vollständig“ sein; die Entweichung hängt direkt mit dem entsprechenden Phänomen für die Lösungen von gewöhnlichen Differentialgleichungen zusammen).

Zweitens ist bei einem Weg - vorausgesetzt, die Liftung existiert auf dem ganzen Intervall - der Endpunkt der Liftung abhängig von dem Weg, nicht nur von seiner Homotopieklasse. Wenn man durch einen Zusammenhang auf einem Vektorbündel eine lineare Darstellung der Fundamentalgruppe der Basismannigfaltigkeit gewinnen möchte, so darf die Liftung aber nur von der Homotopieklasse abhängen. Dies erfordert, dass in einem infinitesimalen Sinn die Liftung eines „kleinen“ geschlossenen Weges zum Startpunkt zurückkehrt. Diese Eigenschaft wird durch den Begriff des lokal integrablen Zusammenhangs präzisiert. Man könnte auch von einer lokalen Trivialität des Zusammenhangs sprechen. Zwar ist jedes Vektorbündel lokal trivial, Entsprechendes muss aber nicht für einen Zusammenhang gelten (es handelt sich dabei um ein „Krümmungsphänomen “ des Zusammenhangs).


Es sei X eine differenzierbare Mannigfaltigkeit und E ein (reelles oder komplexes) differenzierbares Vektorbündel auf X, das mit einem Zusammenhang versehen sei. Der Zusammenhang heißt lokal integrabel, wenn es zu jedem Punkt  eE  einen auf einer offenen Umgebung  p(e)UX  definierten horizontalen Schnitt

s:UE|U

durch e gibt.

Dies bedeutet, dass zu jedem Punkt  xX  und  eEx  lokal (in einer offenen Umgebung von x) die nach Lemma 3.7 maximal mögliche Anzahl (die durch den Rang des Bündels festgelegt ist) von linear unabhängigen horizontalen Schnitten angenommen wird. Die lokale Integrabilität ist bei einer eindimensionalen Basismannigfaltigkeit stets erfüllt.



Es sei X eine differenzierbare Mannigfaltigkeit und E ein (reelles oder komplexes) differenzierbares Vektorbündel auf X, das mit einem linearen Zusammenhang versehen sei. Es sei I ein Intervall,

γ:IX

ein differenzierbarer Weg,  tI  ein Punkt und  eEγ(t)  ein Punkt in der Faser über γ(t).

Dann gelten folgende Aussagen.

  1. Es gibt eine horizontale Liftung
    γ~e=γ~:IE

    mit  γ~(t)=e

  2. Für zwei Punkte  t0,t1I  ist die Abbildung
    Eγ(t0)Eγ(t1),eγ~e(t1),

    linear.

  3. Es sei lokal integrabel. Dann hängt die in (2) angegebene Abbildung nur von der Homotopieklasse von γ ab.


Die Liftung eines Weges ist also stets auf dem ganzen Intervall definiert. Die in (2) angegebene Abbildung nennt man Paralleltransport oder horizontaler Fasertransport .


Satz

Es sei X eine differenzierbare Mannigfaltigkeit und E ein (reelles oder komplexes) differenzierbares Vektorbündel auf X, das mit einem linearen Zusammenhang versehen sei, der lokal integrabel sei. Es sei  xX  ein Punkt mit der Faser  Ex𝕂r

Dann definiert der horizontale Fasertransport einen natürlichen Anti-Gruppenhomomorphismus

π1(X,x)GL(Ex)GLr(𝕂),γ(eγ~e(1)).

Diese Abbildung (bzw. die zugehörige Operation der Fundamentalgruppe auf der Faser) heißt auch die Monodromie .


Satz

Es sei X eine zusammenhängende differenzierbare Mannigfaltigkeit und  xX  ein Punkt. Es sei  r

Dann entsprechen sich die (Isomorphieklassen von) (E,), wobei E ein differenzierbares Vektorbündel vom Rang r über X und ein linearer lokal integrabler Zusammenhang auf E ist, und die (Isomorphieklassen von) Rechtsoperationen der Fundamentalgruppe π1(X,x) auf 𝕂r.

Auf einer einfach zusammenhängenden Mannigfaltigkeit gibt es nur auf dem trivialen Vektorbündel einen (bis auf Isomorphie eindeutigen) linearen lokal integrablen Zusammenhang. Es gibt aber im Allgemeinen auf einer einfach zusammenhängenden Mannigfaltigkeit auch nichttriviale Vektorbündel (man denke an den projektiven Raum). Umgekehrt kann es auf einem trivialen Vektorbündel über einem nicht einfach zusammenhängenden Grundraum nicht isomorphe lokal integrable Zusammenhänge geben.

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