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Kurs:Körper- und Galoistheorie (Osnabrück 2011)/Vorlesung 5

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In dieser Vorlesung diskutieren wir Normalteiler, das sind Untergruppen, für die Links- und Rechtsnebenklassen übereinstimmen. Für Normalteiler kann man Restklassengruppen konstruieren.



Innere Automorphismen

Es sei G eine Gruppe und  gG  fixiert. Die durch g definierte Abbildung

κg:GG,xgxg1,

heißt innerer Automorphismus.

Eine solche Abbildung nennt man auch Konjugation (mit g).



Lemma  

Ein innerer Automorphismus ist in der Tat

ein Automorphismus.

Die Zuordnung

GAutG,gκg,

ist ein Gruppenhomomorphismus.

Beweis  

Es ist

κg(xy)=gxyg1=gxg1gyg1=κg(x)κg(y),

sodass ein Gruppenhomomorphismus vorliegt. Wegen

κg(κh(x))=κg(hxh1)=ghxh1g1=ghx(gh)1=κgh(x)

ist einerseits

κg1κg=κg1g=IdG,

sodass κg bijektiv, also ein Automorphismus, ist. Andererseits ist deshalb die Gesamtabbildung κ ein Gruppenhomomorphismus.


Wenn G eine kommutative Gruppe ist, so ist wegen  gxg1=xgg1=x  die Identität der einzige innere Automorphismus. Der Begriff ist also nur bei nicht kommutativen Gruppen von Interesse.



Normalteiler

Es sei G eine Gruppe und  HG  eine Untergruppe. Man nennt H einen Normalteiler, wenn

xH=Hx

für alle  xG  ist, wenn also die Linksnebenklasse zu x mit der Rechtsnebenklasse zu x übereinstimmt.

Bei einem Normalteiler braucht man nicht zwischen Links- und Rechtsnebenklassen zu unterscheiden und spricht einfach von Nebenklassen. Statt xH oder Hx schreiben wir meistens [x]. Die Gleichheit  xH=Hx  bedeutet nicht, dass  xh=hx  für alle  hH  ist, sondern lediglich, dass es zu jedem  hH  ein  h~H  mit  xh=h~x  gibt.



Lemma  

Es sei G eine Gruppe und  HG  eine Untergruppe.

Dann sind folgende Aussagen äquivalent.

  1. H ist ein Normalteiler von G.
  2. Es ist  xhx1H  für alle xG und hH.
  3. H ist invariant unter jedem inneren Automorphismus von G.

Beweis  

(1) bedeutet bei gegebenem  hH,  dass man  xh=h~x  mit einem  h~H  schreiben kann. Durch Multiplikation mit x1 von rechts ergibt sich  xhx1=h~H,  also (2). Dieses Argument rückwärts ergibt die Implikation (2)(1). Ferner ist (2) eine explizite Umformulierung von (3).



Wir betrachten die Permutationsgruppe  G=S3  zu einer dreielementigen Menge, d.h. S3 besteht aus den bijektiven Abbildungen der Menge {1,2,3} in sich. Die triviale Gruppe {id} und die ganze Gruppe sind Normalteiler. Die Teilmenge  H={id,φ},  wobei φ die Elemente 1 und 2 vertauscht und 3 unverändert lässt, ist eine Untergruppe. Sie ist aber kein Normalteiler. Um dies zu zeigen, sei ψ die Bijektion, die 1 fest lässt und 2 und 3 vertauscht. Dieses ψ ist zu sich selbst invers. Die Konjugation  ψφψ1=ψφψ  ist dann die Abbildung, die 1 auf 3, 2 auf 2 und 3 auf 1 schickt, und diese Bijektion gehört nicht zu H.




Lemma  

Es seien G und H Gruppen und sei

φ:GH

ein Gruppenhomomorphismus.

Dann ist der Kern kernφ ein Normalteiler in G.

Beweis  

Eine Untergruppe liegt aufgrund von Lemma 4.8 vor. Wir verwenden Lemma 5.4. Es sei also  xG  beliebig und  hkernφ.  Dann ist

φ(xhx1)=φ(x)φ(h)φ(x1)=φ(x)eHφ(x1)=φ(x)φ(x)1=eH,

also gehört xhx1 ebenfalls zum Kern.



Restklassenbildung

Wir zeigen nun umgekehrt, dass jeder Normalteiler sich als Kern eines geeigneten, surjektiven Gruppenhomomorphismus realisieren lässt.

Die Multiplikation der Nebenklassen zu einem Normalteiler  NG



Satz  

Es sei G eine Gruppe und  HG  ein Normalteiler. Es sei G/H die Menge der Nebenklassen (die Quotientenmenge) und

q:GG/H,g[g],

die kanonische Projektion.

Dann gibt es eine eindeutig bestimmte Gruppenstruktur auf G/H derart, dass q ein Gruppenhomomorphismus ist.

Beweis  

Da die kanonische Projektion zu einem Gruppenhomomorphismus werden soll, muss die Verknüpfung durch

[x][y]=[xy]

gegeben sein. Wir müssen also zeigen, dass durch diese Vorschrift eine wohldefinierte Verknüpfung auf G/H definiert ist, die unabhängig von der Wahl der Repräsentanten ist. D.h. wir haben für [x]=[x] und [y]=[y] zu zeigen, dass  [xy]=[xy]  ist. Nach Voraussetzung können wir x=xh und hy=h~y=yh mit  h,h~,hH  schreiben. Damit ist

xy=(xh)y=x(hy)=x(yh)=xyh.

Somit ist  [xy]=[xy].  Aus der Wohldefiniertheit der Verknüpfung auf G/H folgen die Gruppeneigenschaften, die Homomorphieeigenschaft der Projektion und die Eindeutigkeit.



Es sei G eine Gruppe und  HG  ein Normalteiler. Die Quotientenmenge

G/H

mit der aufgrund von Satz 5.7 eindeutig bestimmten Gruppenstruktur heißt Restklassengruppe von G modulo H. Die Elemente  [g]G/H  heißen Restklassen. Für eine Restklasse [g] heißt jedes Element gG mit [g]=[g] ein Repräsentant von [g].


Die Untergruppen der ganzen Zahlen sind nach Satz 3.2 (Einführung in die Algebra (Osnabrück 2009)) von der Form  (diese Aussage ist analog zu der in Vorlesung 3 bewiesenen Aussage, dass K[X] ein Hauptidealbereich ist) n mit n0. Die Restklassengruppen werden mit

/(n)

bezeichnet (sprich „ modulo n “). Bei  n=0  ist das einfach selbst, bei  n=1  ist das die triviale Gruppe. Im Allgemeinen ist die durch die Untergruppe n definierte Äquivalenzrelation auf dadurch gegeben, dass zwei ganze Zahlen a und b genau dann äquivalent sind, wenn ihre Differenz ab zu n gehört, also ein Vielfaches von n ist. Daher ist (bei n1) jede ganze Zahl zu genau einer der n Zahlen

0,1,2,,n1

äquivalent (oder, wie man auch sagt, kongruent modulo n ), nämlich zum Rest, der sich bei Division durch n ergibt. Diese Reste bilden also ein Repräsentantensystem für die Restklassengruppe, und diese besitzt n Elemente. Die Tatsache, dass die Restklassenabbildung

/(n),a[a]=amodn,

ein Homomorphismus ist, kann man auch so ausdrücken, dass der Rest einer Summe von zwei ganzen Zahlen nur von den beiden Resten, nicht aber von den Zahlen selbst, abhängt.[1] Als Bild der zyklischen Gruppe[2] ist auch /(n) zyklisch, und zwar ist 1 (aber auch 1) stets ein Erzeuger.




Die Homomorphiesätze für Gruppen



Satz  

Es seien G,Q und H Gruppen, es sei φ:GH ein Gruppenhomomorphismus und ψ:GQ ein surjektiver Gruppenhomomorphismus. Es sei vorausgesetzt, dass

kernψkernφ

ist.

Dann gibt es einen eindeutig bestimmten Gruppenhomomorphismus

φ~:QH

derart, dass  φ=φ~ψ  ist.

Mit anderen Worten: das Diagramm

GφHψφ~Q

ist kommutativ.

Beweis  

Wir zeigen zuerst die Eindeutigkeit. Für jedes Element  uQ  gibt es mindestens ein gG mit ψ(g)=u. Wegen der Kommutativität des Diagramms muss

φ~(u)=φ(g)

gelten. Das bedeutet, dass es maximal ein φ~ geben kann.
Wir müssen zeigen, dass durch diese Bedingung eine wohldefinierte Abbildung gegeben ist. Es seien also  g,gG  zwei Urbilder von u. Dann ist

ψ(gg1)=uu1=eQ

und somit ist  gg1kernψkernφ.  Daher ist  φ(g)=φ(g).  Die Abbildung ist also wohldefiniert. Seien  u,vQ  und seien  g,hG  Urbilder davon. Dann ist gh ein Urbild von uv und daher ist

φ~(uv)=φ(gh)=φ(g)φ(h)=φ~(u)φ~(v).

D.h. φ~ ist ein Gruppenhomomorphismus.


Die im vorstehenden Satz konstruierte Abbildung heißt induzierte Abbildung oder induzierter Homomorphismus und entsprechend heißt der Satz auch Satz vom induzierten Homomorphismus.



Korollar  

Es seien G und H Gruppen und sei

φ:GH

ein surjektiver Gruppenhomomorphismus.

Dann gibt es eine kanonische Isomorphie

φ~:G/kernφH.

Beweis  

Wir wenden Satz 5.10 auf  Q=G/kernφ  und die kanonische Projektion q:GG/kernφ an. Dies induziert einen Gruppenhomomorphismus

φ~:G/kernφH

mit  φ=φ~q,  der surjektiv ist. Es sei [x]G/kernφ und [x]kernφ~. Dann ist

φ~([x])=φ(x)=eH,

also  xkernφ.  Damit ist  [x]=eQ,  d.h. der Kern von φ~ ist trivial und nach Lemma 4.9 ist φ~ auch injektiv.



Satz  

Es seien G und H Gruppen und sei

φ:GH

ein Gruppenhomomorphismus.

Dann gibt es eine kanonische Faktorisierung

GqG/kernφθbildφιH,

wobei q die kanonische Projektion, θ ein Gruppenisomorphismus und ι die kanonische Inklusion der Bildgruppe ist.

Beweis  

Dies folgt aus Korollar 5.11, angewandt auf die Bildgruppe  U=bildφH


Diese Aussage wird häufig kurz und prägnant so formuliert:

Bild = Urbild modulo Kern.



Satz  

Es sei G eine Gruppe und  NG  ein Normalteiler mit der Restklassengruppe  Q=G/N.  Es sei  HG  ein weiterer Normalteiler in G, der N umfasst.

Dann ist das Bild H von H in Q ein Normalteiler und es gilt die kanonische Isomorphie

G/HQ/H.

Beweis  

Für die erste Aussage siehe Aufgabe 5.12. Damit ist die Restklassengruppe Q/H wohldefiniert. Wir betrachten die Komposition

pq:GQQ/H.

Wegen

kern(pq)={xG(pq)(x)=e}={xGq(x)kernp}={xGq(x)H}=H

ist  kern(pq)=H.  Daher ergibt Korollar 5.11 die kanonische Isomorphie

G/HQ/H.


Kurz gesagt ist also

G/H=(G/N)/(H/N).



Fußnoten
  1. Dies gilt auch für das Produkt von zwei Zahlen, was bedeutet, dass diese Abbildung ein Ringhomomorphismus ist.
  2. Eine Gruppe G heißt zyklisch, wenn sie von einem Element erzeugt wird.


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