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Kurs:Mathematik für Anwender (Osnabrück 2023-2024)/Teil I/Vorlesung 5

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... dass jeder und jede meint, dass Vorli ihn oder sie ganz besonders mag.




Anordnungseigenschaften der reellen Zahlen

Bekanntlich kann man die reellen Zahlen mit einer Geraden identifizieren. Auf der Zahlengeraden liegt einer von zwei Punkten weiter rechts als der andere, was bedeutet, dass sein Wert größer ist. Wir besprechen nun diese Anordnungseigenschaften der reellen Zahlen.


Ein Körper K heißt angeordneter Körper, wenn es zwischen den Elementen von K eine Beziehung > („größer als“) gibt, die die folgenden Eigenschaften erfüllt ( ab  bedeutet  a>b  oder  a=b ).

  1. Für je zwei Elemente  a,bK  gilt entweder  a>b  oder  a=b  oder  b>a
  2. Aus  ab  und  bc  folgt  ac  (für beliebige a,b,cK).
  3. Aus  ab  folgt  a+cb+c  (für beliebige a,b,cK).
  4. Aus  a0  und  b0  folgt  ab0  (für beliebige a,bK).

Die rationalen Zahlen als auch die reellen Zahlen bilden mit den natürlichen Vergleichsordnungen einen angeordneten Körper. Im Zahlenstrahl bedeutet

ab,

dass a mindestens so weit rechts wie b liegt. Die ersten beiden Eigenschaften drücken aus, dass auf K eine totale (oder lineare) Ordnung vorliegt; die in (2) beschriebene Eigenschaft heißt Transitivität.

Statt  a>b  schreibt man auch  b<a  („kleiner als“) und statt  ab  schreibt man auch  ba.  Ein Element  aK  in einem angeordneten Körper nennt man positiv, wenn  a>0  ist, und negativ, wenn  a<0  ist. Die 0 ist demnach weder positiv noch negativ, und jedes Element ist entweder positiv oder negativ oder gleich 0. Die Elemente a mit a0 nennt man dann einfach nichtnegativ und die Elemente a mit a0 nichtpositiv.



In einem angeordneten Körper gelten die folgenden Eigenschaften.

  1.  10
  2. Es ist  a0  genau dann, wenn  a0  ist.
  3. Es ist  ab  genau dann, wenn  ab0  ist.
  4. Es ist  ab  genau dann, wenn  ab  ist.
  5. Aus  ab  und  cd  folgt  a+cb+d
  6. Aus  ab  und  c0  folgt  acbc
  7. Aus  ab  und  c0  folgt  acbc
  8. Aus  ab0  und  cd0  folgt  acbd
  9. Aus  a0  und  b0  folgt  ab0
  10. Aus  a0  und  b0  folgt  ab0

Beweis

Siehe Aufgabe 5.5.



Lemma  

In einem angeordneten Körper gelten die folgenden Eigenschaften.

  1. Aus  x>0  folgt auch  x1>0
  2. Aus  x<0  folgt auch  x1<0
  3. Für  x>0  ist  x1  genau dann, wenn  x11  ist.
  4. Aus  xy>0  folgt  x1y1
  5. Für positive Elemente x,y ist  xy  äquivalent zu  xy1

Beweis  


Wir besprechen nun eine weitere Anordnungseigenschaft der reellen Zahlen, das sogenannte Archimedes-Axiom. Um dieses formulieren zu können, müssen wir uns zunächst klar machen, dass in jedem Körper K jede natürliche Zahl n eine sinnvolle und eindeutige Interpretation hat. Dies ist nicht selbstverständlich, da ja in der Axiomatik eines Körpers zwar eine 0 und eine 1 vorkommen, aber keine 2,3,.... Wir legen daher einfach über die Addition im Körper die Bedeutung dieser Zahlen fest, also

2=1+1,

 3=2+1=1+1+1,  usw. Dabei kann passieren, dass eine positive natürliche Zahl in einem Körper gleich 0 ist, im Körper mit zwei Elementen ist beispielsweise  0=2=4=6=  und  1=3=5=7=.  Eine negative ganze Zahl n kann man in jedem Körper als das Negative (im Körper) von n interpretieren. Bei einem angeordneten Körper K ist aber die natürliche Abbildung K injektiv. Damit können wir das noch ausstehende Axiom formulieren.


Es sei K ein angeordneter Körper. Dann heißt K archimedisch angeordnet, wenn das folgende Archimedische Axiom gilt, d.h. wenn es zu jedem  xK  eine natürliche Zahl n mit

nx

gibt.

Die reellen Zahlen (ebenso die rationalen Zahlen) erfüllen das Archimedische Axiom, sie bilden also einen archimedisch angeordneten Körper. Die folgenden Folgerungen aus dem Archimedes-Axiom gelten also für die reellen Zahlen. Wir werden sie direkt nur für die reellen Zahlen selbst formulieren, da man sogar jeden archimedisch angeordneten Körper als Unterkörper der reellen Zahlen erhalten kann. In Aufgabe 6.23 wird ein angeordneter Körper beschrieben, der nicht archimedisch angeordnet ist. Aufgrund von Aufgabe 5.13 enthält ein angeordneter Körper nicht nur die ganzen Zahlen, sondern auch die rationalen Zahlen.



Lemma  

  1. Zu  x,y  mit  x>0  gibt es ein  n  mit  nxy
  2. Zu  x>0  gibt es eine natürliche Zahl n mit  1n<x
  3. Zu zwei reellen Zahlen  x<y  gibt es auch eine rationale Zahl n/k (mit n, k+) mit
    x<nk<y.

Beweis  

(1). Wir betrachten y/x. Aufgrund des Archimedes-Axioms gibt es ein n mit  ny/x.  Da x positiv ist, gilt nach Lemma 5.2  (6) auch  nxy.  Für (2) und (3) siehe Aufgabe 5.21.



Für reelle Zahlen a,b, ab, nennt man

    •  [a,b]={xxa und xb} 

    das abgeschlossene Intervall.

    •  ]a,b[={xx>a und x<b} 

    das offene Intervall.

    •  ]a,b]={xx>a und xb} 

    das linksseitig offene Intervall.

    •  [a,b[={xxa und x<b} 

    das rechtsseitig offene Intervall.

    Für das offene Intervall wird häufig auch (a,b) geschrieben. Die Zahlen a und b heißen die Grenzen des Intervalls (oder Randpunkte des Intervalls), genauer spricht man von unterer und oberer Grenze. Die Bezeichnung linksseitig und rechtsseitig bei den beiden letzten Intervallen (die man auch als halboffen bezeichnet) rühren von der üblichen Repräsentierung der reellen Zahlen als Zahlengerade her, bei der rechts die positiven Zahlen stehen. Manchmal werden auch Schreibweisen wie [a,] verwendet. Dies bedeutet nicht, dass es in ein Element gibt, sondern ist lediglich eine kurze Schreibweise für {xxa}. Ferner verwendet man Schreibweisen wie

    +,,0=+0,0=0

    oder Ähnliches. Für die reellen Zahlen bilden die ganzzahligen Intervalle [n,n+1[, n, eine disjunkte Überdeckung. Deshalb ist die folgende Definition sinnvoll.



    Zu einer reellen Zahl x ist die Gaußklammer x durch

    x=n, falls x[n,n+1[ und n,

    definiert.

    Die Anordnungseigenschaften erlauben es auch, von wachsenden und fallenden Funktionen zu sprechen.


    Es sei  I  ein Intervall und

    f:I

    eine Funktion. Dann heißt f wachsend, wenn

    f(x)f(x) für alle x,xI mit xx gilt,

    streng wachsend, wenn

    f(x)>f(x) für alle x,xI mit x>x gilt,

    fallend, wenn

    f(x)f(x) für alle x,xI mit xx gilt,

    streng fallend, wenn

    f(x)<f(x) für alle x,xI mit x>x gilt.



    Der Betrag

    Für eine reelle Zahl  x  ist der Betrag folgendermaßen definiert.

    |x|={x, falls x0,x, falls x<0.

    Der Betrag ist also nie negativ und hat nur bei  x=0  den Wert 0, sonst ist er immer positiv. Die Gesamtabbildung

    ,x|x|,

    nennt man auch Betragsfunktion. Der Funktionsgraph setzt sich aus zwei Halbgeraden zusammen; eine solche Funktion nennt man auch stückweise linear.



    Die reelle Betragsfunktion

    ,x|x|,

    erfüllt folgende Eigenschaften (dabei seien x,y beliebige reelle Zahlen).

    1. Es ist  |x|0
    2. Es ist  |x|=0  genau dann, wenn  x=0  ist.
    3. Es ist  |x|=|y|  genau dann, wenn  x=y  oder  x=y  ist.
    4. Es ist  |yx|=|xy|
    5. Es ist  |xy|=|x||y|
    6. Für  x0  ist  |x1|=|x|1
    7. Es ist  |x+y||x|+|y|  (Dreiecksungleichung für den Betrag).
    8. Es ist  |x+y||x||y|

    Beweis

    Siehe Aufgabe 5.23.



    Bernoullische Ungleichung
    Die Bernoullische Ungleichung für n=3.


    Die folgende Aussage heißt Bernoulli-Ungleichung.


    Satz  

    Für jede reelle Zahl  x1  und eine natürliche Zahl n

    gilt die Abschätzung

    (1+x)n1+nx.

    Beweis  

    Wir führen Induktion über n. Bei  n=0  steht beidseitig 1, sodass die Aussage gilt. Es sei nun die Aussage für n bereits bewiesen. Dann ist

    (1+x)n+1=(1+x)n(1+x)(1+nx)(1+x)=1+(n+1)x+nx21+(n+1)x,

    da Quadrate (und positive Vielfache davon) in einem angeordneten Körper nichtnegativ sind.




    Die komplexen Zahlen

    Wir führen nun ausgehend von den reellen Zahlen die komplexen Zahlen ein. Zwar haben wir noch nicht alle Eigenschaften der reellen Zahlen kennengelernt, insbesondere haben wir noch nicht die Vollständigkeit diskutiert, die von unterscheidet, doch ist dies für die Konstruktion von unerheblich. Verwenden werden weiter unten, dass jede nichtnegative reelle Zahl eine eindeutige Quadratwurzel besitzt. Damit haben wir alle für die Anfängervorlesungen relevanten Zahlenbereiche zur Verfügung.


    Die Menge 2 mit 0:=(0,0) und 1:=(1,0), mit der komponentenweisen Addition und der durch

    (a,b)(c,d):=(acbd,ad+bc)

    definierten Multiplikation nennt man Körper der komplexen Zahlen. Er wird mit

    bezeichnet.

    Die Addition ist also einfach die vektorielle Addition im 2, während die Multiplikation eine neuartige Verknüpfung ist, die zwar numerisch einfach durchführbar ist, an die man sich aber dennoch gewöhnen muss. Wir werden in Korollar 21.8 (Analysis (Osnabrück 2021-2023)) noch eine geometrische Interpretation für die komplexe Multiplikation kennenlernen.



    Die komplexen Zahlen

    bilden einen Körper.

    Beweis

    Siehe Aufgabe 5.32.


    Wir lösen uns von der Paarschreibweise und schreiben

    a+bi:=(a,b).

    Insbesondere ist  i=(0,1),  diese Zahl heißt imaginäre Einheit. Diese Zahl hat die wichtige Eigenschaft

    i2=1.

    Aus dieser Eigenschaft ergeben sich sämtliche algebraischen Eigenschaften der komplexen Zahlen durch die Körpergesetze. So kann man sich auch die obige Multiplikationsregel merken, es ist ja

    (a+bi)(c+di)=ac+adi+bic+bidi=ac+bdi2+(ad+bc)i=acbd+(ad+bc)i.

    Wir fassen eine reelle Zahl a als die komplexe Zahl  a+0i=(a,0)  auf. In diesem Sinne ist  .  Es ist gleichgültig, ob man zwei reelle Zahlen als reelle Zahlen oder als komplexe Zahlen addiert oder multipliziert.


    Zu einer komplexen Zahl

    z=a+bi

    heißt

    Re(z)=a

    der Realteil von z und

    Im(z)=b

    heißt der Imaginärteil von z.

    Man sollte sich allerdings die Menge der komplexen Zahlen nicht als etwas vorstellen, was weniger real als andere Zahlensysteme ist. Die Konstruktion der komplexen Zahlen aus den reellen Zahlen ist bei Weitem einfacher als die Konstruktion der reellen Zahlen aus den rationalen Zahlen. Allerdings war es historisch ein langer Prozess, bis die komplexen Zahlen als Zahlen anerkannt wurden; das Irreale daran ist, dass sie einen Körper bilden, der nicht angeordnet werden kann, und dass es sich daher scheinbar um keine Größen handelt, mit denen man sinnvollerweise etwas messen kann.

    Man kann sich die komplexen Zahlen als die Punkte in einer Ebene vorstellen; für die additive Struktur gilt ja einfach  =2.  In diesem Zusammenhang spricht man von der Gaussschen Zahlenebene. Die horizontale Achse nennt man dann die reelle Achse und die vertikale Achse die imaginäre Achse.


    Real- und Imaginärteil von komplexen Zahlen erfüllen folgende Eigenschaften (für z und w aus ).

    1. Es ist  z=Re(z)+Im(z)i
    2. Es ist  Re(z+w)=Re(z)+Re(w)
    3. Es ist  Im(z+w)=Im(z)+Im(w)
    4. Für  r  ist
      Re(rz)=rRe(z) und Im(rz)=rIm(z).
    5. Es ist  z=Re(z)  genau dann, wenn  z  ist, und dies ist genau dann der Fall, wenn  Im(z)=0  ist.

    Beweis

    Siehe Aufgabe 5.34.



    Die Abbildung

    ,z=a+biz:=abi,

    heißt komplexe Konjugation.

    Zu z heißt z die konjugiert-komplexe Zahl von z. Geometrisch betrachtet ist die komplexe Konjugation zu  z  einfach die Achsenspiegelung an der reellen Achse.



    Für die komplexe Konjugation gelten die folgenden Rechenregeln (für beliebige z,w).

    1. Es ist  z+w=z+w
    2. Es ist  z=z
    3. Es ist  zw=zw
    4. Für  z0  ist  1/z=1/z
    5. Es ist  z=z
    6. Es ist  z=z  genau dann, wenn  z  ist.

    Beweis

    Siehe Aufgabe 5.41.



    Für eine komplexe Zahl z gelten die folgenden Beziehungen.

    1. Es ist  z=Re(z)Im(z)i
    2. Es ist  Re(z)=z+z2
    3. Es ist  Im(z)=zz2i

    Beweis

    Siehe Aufgabe 5.35.


    Das Quadrat d2 einer reellen Zahl ist stets nichtnegativ, und die Summe von zwei nichtnegativen reellen Zahlen ist wieder nichtnegativ. Zu einer nichtnegativen reellen Zahl c gibt es eine eindeutige nichtnegative Quadratwurzel c, siehe Aufgabe 8.9  (das werden wir später beweisen.) Daher liefert folgende Definition eine wohldefinierte nichtnegative reelle Zahl.


    Zu einer komplexen Zahl

    z=a+bi

    ist der Betrag durch

    |z|=a2+b2

    definiert.

    Der Betrag einer komplexen Zahl z ist aufgrund des Satzes des Pythagoras der Abstand von z zum Nullpunkt  0=(0,0).  Insgesamt ist der Betrag eine Abbildung

    0,z|z|.

    Die Menge aller komplexen Zahlen mit einem bestimmten Betrag bilden einen Kreis mit dem Nullpunkt als Mittelpunkt und mit dem Betrag als Radius. Insbesondere bilden alle komplexen Zahlen mit dem Betrag 1 den komplexen Einheitskreis.



    Lemma  

    Für den Betrag von komplexen Zahlen gelten folgende Eigenschaften.

    1. Es ist  |z|=z z
    2. Für reelles z stimmen reeller und komplexer Betrag überein.
    3. Es ist  |z|=0  genau dann, wenn  z=0  ist.
    4. Es ist  |z|=|z|
    5. Es ist  |zw|=|z||w|
    6. Für  z0  ist  |1/z|=1/|z|
    7. Es ist  |Re(z)|,|Im(z)||z|
    8. Es ist  |z+w||z|+|w|  (Dreiecksungleichung).

    Beweis  

    Wir zeigen die Dreiecksungleichung, für die anderen Aussagen siehe Aufgabe 5.36. Zunächst gilt nach (7) für jede komplexe Zahl u die Abschätzung  Re(u)|u|.  Daher ist

    Re(zw)|z||w|,

    und somit ist

    |z+w|2=(z+w)(z+w)=zz+zw+wz+ww=|z|2+2Re(zw)+|w|2|z|2+2|z||w|+|w|2=(|z|+|w|)2.

    Durch Wurzelziehen ergibt sich die gewünschte Abschätzung.


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