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Kurs:Zahlentheorie (Osnabrück 2016-2017)/Vorlesung 20

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Quadratische Zahlbereiche

Ein quadratischer Zahlbereich ist der Ring der ganzen Zahlen in einem Erweiterungskörper von vom Grad 2.

Quadratische Zahlbereiche sind zwar die einfachsten Zahlbereiche, sind aber keineswegs einfach, sondern zeigen bereits die Reichhaltigkeit der algebraischen Zahlentheorie.


Eine ganze Zahl heißt quadratfrei, wenn jeder Primfaktor von ihr nur mit einem einfachen Exponenten vorkommt.

Zu einer quadratfreien Zahl  D0,1  bezeichnet man den zugehörigen quadratischen Zahlbereich, also den Ring der ganzen Zahlen in [D], mit

AD.


Eine quadratische Körpererweiterung der rationalen Zahlen wird durch ein normiertes irreduzibles Polynom beschrieben, das man durch quadratisches Ergänzen auf die Form X2q bringen kann. Durch Multiplikation mit einem Quadrat (siehe Aufgabe 12.1) kann man q durch eine quadratfreie ganze Zahl ersetzen. Die quadratische Körpererweiterung kann man als  [D]  mit einer quadratfreien Zahl  D0,1  ansetzen. Ein großer Unterschied besteht je nachdem, ob D positiv oder negativ ist. Im positiven Fall ist D eine reelle irrationale Zahl, im negativen Fall handelt es sich um eine imaginäre Zahl. Man definiert:


Es sei  D0,1  quadratfrei und sei AD der zugehörige quadratische Zahlbereich. Dann heißt AD reell-quadratisch, wenn D positiv ist, und imaginär-quadratisch, wenn D negativ ist.


Es sei  D0,1  eine quadratfreie Zahl und sei [D] die zugehörige quadratische Körpererweiterung und AD der zugehörige quadratische Zahlbereich. Dann wird der Automorphismus (auf [D], auf [D] und auf AD)

a+bDabD

als Konjugation bezeichnet.

Wir bezeichnen die Konjugation von z mit z¯.

Im imaginär-quadratischen Fall, wenn also  D<0  ist, so ist  D=iD  mit D reell. Die Konjugation schickt dies dann auf  D=iD,  sodass diese Konjugation mit der komplexen Konjugation übereinstimmt. Im reell-quadratischen Fall allerdings hat die Konjugation DD nichts mit der komplexen Konjugation zu tun.


Bei einer endlichen Körpererweiterung  KL  werden Norm und Spur eines Elementes  xL  über die Determinante und die Spur der Multiplikationsabbildung f:LL definiert. Im Fall einer quadratischen Erweiterung

[D]

sind diese beiden Invarianten einfach zu berechnen: Da 1 und D eine -Basis bilden, ist  z=a+bD  und damit ist die Multiplikationsmatrix durch

(abDba)

gegeben. Somit ist

N(z)=a2b2D=(a+bD)(abD)=zz

und

S(z)=2a=(a+bD)+(abD)=z+z.




Lemma  

Es sei  L  eine quadratische Körpererweiterung und  fL

Dann ist f genau dann ganz über , wenn sowohl die Norm als auch die Spur von f zu gehören.

Beweis  

Dies folgt aus Satz 18.6, aus Satz 15.15 und aus der Gestalt des Minimalpolynoms (nämlich gleich f2S(f)f+N(f), falls f) im quadratischen Fall.


Wir kommen zur expliziten Beschreibung eines quadratischen Zahlbereiches.


Satz  

Es sei  D0,1  eine quadratfreie Zahl und AD der zugehörige quadratische Zahlbereich.

Dann gilt

AD=[D], wenn D=2,3mod4

und

AD=[1+D2], wenn D=1mod4.

Beweis  

Es sei  xAD  gegeben,  x=a+bD,   a,b.  Aus Lemma 20.8 folgt

N(x)=a2Db2 und S(x)=2a.

Aus der zweiten Gleichung folgt, dass  a=n2  mit  n  ist. Sei  b=rs  mit r,s teilerfremd,  s1.  Die erste Gleichung wird dann zu  (n2)2D(rs)2=k  bzw.  n24D(rs)2=4k.  Dies bedeutet, da r und s teilerfremd sind, dass 4D von s2 geteilt wird. Da ferner D quadratfrei ist, folgt, dass  s=1  oder  s=2  ist. Im ersten Fall ist n ein Vielfaches von 2 (da n2 ein Vielfaches von 4 ist), sodass  x[D]  ist.

Es sei also  s=2,  was zur Bedingung

n2Dr2=4k

führt. Wir betrachten diese Gleichung modulo 4. Bei n und r gerade ist  x[D].  Die einzigen Quadrate in /(4) sind 0 und 1, sodass für  D=2,3mod4  keine weitere Lösung existiert. Für  D=1mod4  hingegen gibt es auch noch die Lösung  n=1mod2  und  r=1mod2,  also n und r beide ungerade. Diese Lösungen gehören alle zu [1+D2].

Die umgekehrte Inklusion  [D]AD  ist klar, sei also  D=1mod4.  Dann ist aber

(1+D2)21+D2=1+D+2D22D4=D14,

und dabei ist D14 eine ganze Zahl, sodass dies sofort eine Ganzheitsgleichung über ergibt.


In den im vorstehenden Satz beschriebenen Fällen kann man jeweils den Ring der ganzen Zahlen durch eine Variable und eine Gleichung beschreiben. Für  D=2,3mod4  ist

AD[D][X]/(X2D).

Für

D=1mod4

setzt man häufig  ω=1+D2  für den Algebra-Erzeuger. Dieser Erzeuger erfüllt  ω2ωD14=0.  Wir haben also

AD[ω]/(ω2ωD14).

Wir werden häufiger in beiden Fällen diese Ganzheitsbasis 1,ω nennen, mit  ω=D  im ersten Fall und

ω=1+D2

im zweiten Fall.



Lemma  

Es sei  D0,1  eine quadratfreie Zahl und AD der zugehörige quadratische Zahlbereich.

Dann ist die Diskriminante von AD gleich

Δ=4D, wenn D=2,3mod4

und

Δ=D, wenn D=1mod4.

Beweis  

Im Fall  D=2,3mod4  ist nach Satz 20.9  AD=[X]/(X2D)  und daher bilden 1 und X eine Ganzheitsbasis. Die möglichen Produkte zu dieser Basis sind in Matrixschreibweise

(1XXD).

Wendet man darauf komponentenweise die Spur an, so erhält man

(2002D)

und die Determinante davon ist 4D.

Im Fall  D=1mod4  ist hingegen

AD=[ω]/(ω2ωD14)

und eine Ganzheitsbasis ist 1 und ω. Die Matrix der Basisprodukte ist dann

(1ωωω+D14).

Wendet man darauf die Spur an (die Spur von ω ist 1), so erhält man

(2111+D12)

und die Determinante davon ist

2(1+D12)1=2+D11=D.



Primideale in quadratischen Zahlbereichen

Das Verhalten von Primzahlen in einer quadratischen Erweiterung lässt sich aus der oben erzielten Beschreibung mit Gleichungen erhalten.

Generell wird bei  R=[X]/(F)  das Verhalten von p in R durch (/(p))[X]/(F) beschrieben, wobei F bedeutet, dass die ganzzahligen Koeffizienten durch ihre Restklasse modulo p ersetzt werden. Wir nennen den Ring

R/(p)=/(p)[X]/(F)=[X](p,F)

den Faserring über p.

Bei  D=2,3mod4  hat man einfach

R/(p)=/(p)[X]/(X2D),

wobei man D durch Dmodp ersetzen kann. Die prinzipiellen Möglichkeiten werden in Lemma 19.9 beschrieben. Ob über p ein oder zwei Primideale liegen hängt davon ab, ob D ein Quadratrest modulo p ist und ob p ungerade ist, und p ist prim genau dann, wenn D kein Quadratrest modulo p ist.

Bei  D=1mod4  hat man

R/(p)=/(p)[ω]/(ω2ωD14).

Ist p ungerade, so ist 2 eine Einheit in /(p) und man kann quadratisch ergänzen. Dann ist

ω2ωD14=(ω12)214D14=(ω12)2D4.

Der Faserring hat daher die Form /(p)[Y]/(Y2D4) und nach Multiplikation der Gleichung mit der Einheit 4 kann man dies als /(p)[Z]/(Z2D) schreiben, sodass es wieder darum geht, ob D ein Quadratrest modulo p ist.

Ist hingegen  p=2,  so schreibt sich die Gleichung als ω2+ω+c, wobei  c=1  ist, wenn  D=5mod8  ist, und  c=0,  wenn  D=1mod8.  Im ersten Fall ist die Gleichung irreduzibel über /(2) und 2 ist prim in R, im zweiten Fall ist die Gleichung reduzibel und 2 zerfällt in zwei Primideale.


Damit können wir entscheiden, wie viele Primideale in AD über einer Primzahl p liegen. Wir wollen darüber hinaus genau beschreiben, wie das Zerlegungsverhalten einer Primzahl in einer quadratischen Erweiterung aussieht, und beginnen mit der Situation, wo p die Diskriminante teilt.



Lemma  

Es sei  D0,1  eine quadratfreie Zahl und AD der zugehörige quadratische Zahlbereich. Die Primzahl p sei ein Teiler der Diskriminante Δ von AD.

Dann gibt es oberhalb von p genau ein Primideal 𝔭 und es ist  𝔭2=(p)AD

Beweis  

Es sei zunächst  D=2,3mod4,  sodass  Δ=4D  nach Lemma 20.10 ist und als Primteiler p der Diskriminante 2 und die Teiler von D in Frage kommen. Es ist

AD/(p)=([X]/(X2D)/(p))=(/(p))[X]/(X2D).

Bei p|D steht hier (/(p))[X]/(X2) und dieser Ring hat das einzige Primideal (X) mit  X2=0.  Diesem Primideal entspricht in AD das Primideal  𝔭=(p,X).  Es ist  𝔭2=(p).  Einerseits gilt für  f𝔭2  im Faserring modulo p die Beziehung  f(X2)=0,  woraus  f(p)  folgt. Andererseits ist  X2=D=up  (in AD) mit  u.  Da D quadratfrei ist, ist u teilerfremd zu p und daher kann man mit  1=ru+sp  schreiben

p=p(ru+sp)=rup+sp2=rX2+sp2𝔭2.

Bei  p=2  gilt in /(2)[X] die Beziehung  (XD)2=X2D2=X2D,  sodass eine analoge Situation vorliegt.

Es sei jetzt  D=1mod4  und sei p ein Primteiler von  Δ=D.  Es ist

AD/(p)=([ω]/(ω2ωD14))/(p)=(/(p))[ω]/(ω2ωD14).

Da D ungerade ist, ist 2 eine Einheit in /(p), sodass man die Gleichung modulo p als

(ω12)214D14=(ω12)2D4=(ω12)2

schreiben kann, sodass wieder eine analoge Situation vorliegt.


Zu einem Ideal 𝔞 bezeichnet 𝔞 das konjugierte Ideal, das aus allen konjugierten Elementen aus 𝔞 besteht.



Satz  

Es sei  D0,1  eine quadratfreie Zahl und AD der zugehörige quadratische Zahlbereich.

Dann gibt es für eine Primzahl p die folgenden drei Möglichkeiten:

  1. p ist prim in AD.
  2. Es gibt ein Primideal 𝔭 in AD derart, dass  (p)=𝔭2  ist.
  3. Es gibt ein Primideal 𝔭 in AD derart, dass  (p)=𝔭𝔭  mit  𝔭𝔭  ist.

Beweis  

Es sei  R=AD.  Wir betrachten den Restklassenring  L=R/(p),  der eine quadratische Erweiterung des Körpers /(p) ist. Damit gibt es nach Lemma 19.9 die drei Möglichkeiten:

  1. L ist ein Körper.
  2. L ist von der Form  L=/(p)[ϵ]/ϵ2
  3. L ist der Produktring  L/(p)×/(p)

Im ersten Fall ist p ein Primelement in R. Im zweiten Fall besitzt L genau einen Restklassenkörper als einzigen nicht-trivialen Restklassenring, nämlich /(p). Nach der in Aufgabe 9.15 bewiesenen Korrespondenz gibt es also genau ein Primideal 𝔭 mit  (p)𝔭  (das dem Ideal (ϵ) im Restklassenring entspricht). Dann ist  𝔭=(p,ϵ)  (wobei hier ϵ ein Repräsentant in R sei) und  𝔭2=(p)

Im dritten Fall besitzt L zwei Restklassenkörper und damit zwei maximale Ideale, deren Durchschnitt, das zugleich deren Produkt ist, das Nullideal ist. Zurückübersetzt nach R heißt das, dass es zwei verschiedene Primideale 𝔭 und 𝔮 gibt mit  (p)𝔭,𝔮  und mit  (p)=𝔭𝔮.  Nach Aufgabe 18.22 ist  𝔭𝔮=𝔭𝔮.  Mit  (p)𝔭  ist auch  (p)𝔭.  Wir zeigen, dass  𝔭=𝔮  ist, d.h., dass die beiden Primideale über p konjugiert vorliegen. Da nach Lemma 20.12 bei pΔ der zweite Fall vorliegt, wissen wir, dass p die Diskriminante nicht teilt.

Bei  D=2,3mod4  ist p ungerade und D ist ein Quadratrest modulo p. Es seien a und a die beiden verschiedenen (!) Quadratwurzeln modulo p. Dann werden die beiden Primideale durch (p,a±D) beschrieben, und diese sind konjugiert.

Bei  D=1mod4  und p ungerade ist nach der Bemerkung 20.11 über die explizite Beschreibung der Faserringe D wieder ein Quadratrest modulo p. Es seien a und a die beiden verschiedenen (!) Quadratwurzeln von D modulo p. Dann ist  ω12=±a2  und daher sind die beiden Primideale gleich  (p,ω±a12)=(p,a±D2),  sodass wieder ein konjugiertes Paar vorliegt.

Bei  D=1mod4  und  p=2  ist nach der Bemerkung 20.11  D=1mod8.  Die Nullstellen des beschreibenden Polynoms sind dann 0 und 1. Daher sind die Primideale darüber gegeben durch (2,ω) und (2,ω1). Es ist  (2,ω)=(2,D+12)  und  (2,ω1)=(2,D+121)=(2,D12),  sodass wieder ein konjugiertes Paar vorliegt.


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