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Kurs:Mathematik (Osnabrück 2009-2011)/Teil III/Vorlesung 89

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Partitionen der Eins

Wir besprechen nun eine wichtige analytische Hilfstechnik namens Partition der Eins. Wir werden sie im Beweis für die Aussage, dass orientierbare Mannigfaltigkeiten eine positive Volumenform besitzen, und für den Beweis des Satzes von Stokes einsetzen. In dieser Vorlesung werden wir Partitionen der Eins konstruieren, wozu wir zunächst einige topologische Begriffe benötigen.

Das offene Innere ist die Vereinigung aller inneren Punkte, also derjenigen Punkte von T (im Bild E), die mit einer ganzen offenen Umgebung in T enthalten sind.

Es sei X ein topologischer Raum und  TX  eine Teilmenge. Dann heißt

To=U offen,UTU

das offene Innere (oder Innere) von T.


Es sei X ein topologischer Raum und  TX  eine Teilmenge. Dann heißt

T=A abgeschlossen,TAA

der Abschluss (oder topologische Abschluss) von T.

Diese beiden Begriffe stehen durch
T=X(XT)o
miteinander in Beziehung.

Es sei X ein topologischer Raum und

f:X

eine Funktion. Dann heißt der topologische Abschluss

{xXf(x)0}

der Träger von f.


Es sei X ein topologischer Raum. Eine kompakte Ausschöpfung An, n, von X ist eine Folge von kompakten Teilmengen  AnX  mit

AnAn+1o und n=0An=X.



Lemma  

Es sei M eine Mannigfaltigkeit mit einer abzählbaren Basis der Topologie.

Dann besitzt M eine kompakte Ausschöpfung.

Beweis  

Zu jedem Punkt  PM  gibt es eine offene Kartenumgebung  PU

α:UV

sowie Ballumgebungen

U(α(P),ϵ)B(α(P),ϵ)V.

Wegen der Homöomorphie der Kartenabbildung und der Kompaktheit der abgeschlossenen Bälle ist  BP=α1(B(α(P),ϵ))  eine kompakte Teilmenge von M, die die offene Umgebung  UP=α1(U(α(P),ϵ))  von P umfasst. Die UP, PM, bilden eine offene Überdeckung von M, sodass es nach Aufgabe 63.4 eine abzählbare Teilüberdeckung gibt. Diese sei mit Un, n, bezeichnet (wobei die Un in den kompakten Teilmengen Bn liegen). Wir definieren nun rekursiv eine monoton wachsende Abbildung

,knk,

derart, dass

Ak=n=0nkBn,k,

eine kompakte Ausschöpfung von M ist. Als endliche Vereinigungen von kompakten Mengen sind diese Ak kompakt. Wir beginnen mit  n0.  Es sei nk schon konstruiert. Die Menge

AkBnk+1

ist kompakt und wird daher von endlich vielen offenen Mengen n=0nk+1Un überdeckt, wobei wir  nk+1nk+1  wählen. Mit dieser Wahl ist

Akn=0nk+1Unn=0nk+1Bn=Ak+1,

und diese Folge bildet eine Ausschöpfung, da die Un, n, eine offene Überdeckung von M bilden.



Es sei X ein topologischer Raum. Eine Familie von Funktionen

hj:X

mit  jJ  heißt eine Partition der Eins, wenn folgende Eigenschaften gelten.

  1. Es ist  hj(X)[0,1]  für alle  jJ
  2. Jeder Punkt  PX  besitzt eine offene Umgebung  PU  derart, dass die eingeschränkten Funktionen hj|U bis auf endlich viele Ausnahmen die Nullfunktion sind.
  3. Es ist  jJhj=1
Wenn alle hj stetig sind, so spricht man von einer stetigen Partition der Eins.

Die zweite Eigenschaft sichert dabei, dass die Summe in (3) definiert ist, da für jeden Punkt  PX  und fast alle  jJ  die Gleichheit  hj(P)=0  gilt. Bei einer Mannigfaltigkeit nennt man eine solche Partition differenzierbar, wenn alle hj differenzierbare Funktionen sind.


Es sei  X=iIWi  eine offene Überdeckung eines topologischen Raumes X. Eine Partition der Eins

hj:X

mit  jJ  heißt eine der Überdeckung untergeordnete Partition der Eins, wenn es für jedes  jJ  eine offene Menge Wi(j) aus der Überdeckung derart gibt, dass der Träger von hj in Wi(j) liegt.



Lemma  

Es sei M eine Mannigfaltigkeit mit einer abzählbaren Basis der Topologie. Es sei  M=iIWi  eine offene Überdeckung von M.

Dann gibt es einen abzählbaren verträglichen Atlas (Uj,αj,Vj), jJ, mit Ballumgebungen

U(0,δj)B(0,ϵj)Vj

(dabei ist 0Vjn und δj<ϵj) derart, dass es für jedes  jJ  ein Wi(j) mit  UjWi(j)  gibt, dass M von αj1(U(0,δj)), jJ, überdeckt wird und dass jeder Punkt  PM  nur in endlich vielen der Mengen Uj liegt.

Beweis  

Es sei die offene Überdeckung Wi, iI, gegeben. Ferner sei An, n, eine kompakte Ausschöpfung von M, die es nach Lemma 89.5 gibt. Die offenen Mengen An+1oAn1 bilden ebenfalls eine offene Überdeckung, da es zu jedem Punkt  PM  ein minimales  n  mit  PAn  (es sei A1=) gibt. Für dieses n ist P∉An1 und PAnAn+1o. Indem wir die Durchschnitte Wi(An+1oAn1) betrachten, können wir annehmen, dass alle Mengen der Überdeckung innerhalb von einem An+1oAn1 liegen.
Zu jedem Punkt  PM  gibt es eine offene (verträgliche) Kartenumgebung  PUP,  die in einem der Wi liegt und für die es Ballumgebungen

U(0,δP)B(0,ϵP)VP

gibt mit  PαP1(U(0,δP))  und  δP<ϵP.  Diese αP1(U(0,δP)), PM, bilden dann ebenfalls eine offene Überdeckung von M. Nach Aufgabe 63.4 können wir zu einer abzählbaren Teilüberdeckung davon übergehen. Wir können also annehmen, dass ein System von Karten Uj, j, zusammen mit Ballumgebungen

U(0,δj)B(0,ϵj)Vj

derart gegeben ist, dass auch αj1(U(0,δj)), j, eine offene Überdeckung von M ist, dass jedes Uj in einem Wi(j) liegt und dass die oben beschriebene Beziehung zu der kompakten Ausschöpfung gilt.
  Wir werden eine Teilmenge  J  derart definieren, dass die Familie Uj, jJ, auch noch die Endlichkeitseigenschaft erfüllt. Zu  n  betrachten wir die kompakte Menge An+1Ano. Diese wird von endlich vielen der αj1(U(0,δj)), j, überdeckt, und zwar braucht man dazu nur Indizes j mit der Eigenschaft, dass Uj in An+2oAn1 liegt. Die zugehörige endliche Indexmenge sei mit Jn bezeichnet, und sei  J=nJn.  Dann wird jedes An nur von endlich vielen der Uj, jJ, getroffen.



Satz  

Es sei M eine differenzierbare Mannigfaltigkeit mit einer abzählbaren Basis der Topologie.

Dann gibt es zu jeder offenen Überdeckung eine der Überdeckung untergeordnete stetig differenzierbare Partition der Eins.

Beweis  

Nach Lemma 89.8 können wir davon ausgehen, dass eine offene Überdeckung aus Kartengebieten Uj, jJ, (J abzählbar) mit

αj:UjVj

und mit Ballumgebungen

U(0,δj)B(0,ϵj)Vj

(mit δj<ϵj) vorliegt derart, dass auch die αj1(U(0,δj)) eine Überdeckung von M bilden und dass jeder Punkt  PM  nur in endlich vielen der Uj und insbesondere nur in endlich vielen dieser αj1(U(0,δj)) enthalten ist. Auf Vj betrachten wir die Funktion gj, die durch

gj(v)={e1(δj2v2)2 für v<δj,0 sonst,

definiert ist. Diese Funktion hat genau auf U(0,δj) einen positiven Wert und ihr Träger ist B(0,δj). Eine Betrachtung auf den beiden offenen Teilmengen (die Vj überdecken) U(0,ϵj) und VjB(0,δj) zeigt, dass gj unendlich oft differenzierbar ist. Wir definieren eine Funktion

g~j:M

durch

g~j(x)={g(αj(x)) für xαj1(U(0,δj)),0 sonst.

Diese Funktion ist stetig differenzierbar auf M, da der „Streifen“ B(0,ϵj)U(0,δj) einen glatten Übergang erlaubt. Wir setzen

g~(x):=jJg~j(x),

wobei dies für jeden Punkt eine endliche Summe ist, da der Träger von g~j in

α1(B(0,δj))Uj

liegt. Diese Funktion ist stetig differenzierbar auf M und überall positiv, da die g~j(x) auf den überdeckenden Mengen α1(U(0,δj)) positiv sind. Dann bilden die

hj=g~jg~

die gesuchte Partition der Eins.



Orientierungen auf Mannigfaltigkeiten und Volumenformen

Mit Hilfe von Partitionen der Eins können wir nun die Umkehrung von Lemma 84.5 beweisen.



Satz  

Es sei M eine differenzierbare Mannigfaltigkeit mit einer abzählbaren Basis der Topologie.

Dann existiert genau dann eine stetige nullstellenfreie Volumenform auf M, wenn M orientierbar ist.

Diese Volumenform kann dann auch stetig differenzierbar und positiv gewählt werden.

Beweis  

Die eine Richtung wurde bereits in Lemma 84.5 bewiesen.
Es sei also umgekehrt M orientierbar und ein abzählbarer orientierter Atlas (Ui,Vi,αi), iI, von M gegeben. Dabei ist  Vin  offen und die Koordinaten x1,,xn definieren eine nullstellenfreie stetige (sogar beliebig oft differenzierbare) Volumenform dx1dxn auf Vi. Wir setzen

ωi=αidx1dxn

und erhalten so eine nullstellenfreie Volumenform auf Ui, die wir außerhalb von Ui durch 0 fortsetzen.[1]

Es sei nun hj, jJ, eine der Überdeckung Ui, iI, untergeordnete, stetig differenzierbare Partition der Eins, die es nach Satz 89.9 gibt. Insbesondere gibt es also für jedes j ein i(j) derart, dass der Träger von hj in Ui(j) liegt. Daher sind die hjωi(j) stetige n-Differentialformen auf M. Wir setzen

ω=jJhjωi(j).

Dies ist für jeden Punkt  PM  eine endliche Summe und somit eine wohldefinierte stetige n-Differentialform auf M. Für einen Punkt  PM  und eine die Orientierung repräsentierende Basis v1,,vn von TPM ist

ω(P;v1,,vn)=jJhj(P)ωi(j)(P;v1,,vn).

Dabei gibt es ein j mit  hj(P)>0,  und für dieses j ist auch  ωi(j)(P;v1,,vn)>0,  da ja  PUj  liegt, sodass diese Form überall positiv ist.




Fußnoten
  1. Diese Fortsetzung ist natürlich nicht stetig, das spielt aber für das Folgende keine Rolle.



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Arbeitsblatt zur Vorlesung (PDF)